Unterwelt

Der Legende nach waren einst, vor der Zeit der Spanier alle Berge in Potosí vereint. Da gab es Vater-Berg, Mutter-Berg und ihre Kinder. Als Vater-Berg die Spanier kommen sah, rief er seiner Frau zu, sie solle schnell weglaufen und er selbst floh. Doch Mutter-Berg weigerte sich und blieb mit ihren Kindern. Da musste Vater-Berg von Weitem ansehen, wie die Spanier seine Frau vergewaltigten und zerstörten. So verzweifelt und böse war er darüber, dass er bittere Tränen weinte und alle seine Tränen sammelten sich im Inneren des Berges. Darum kann man heutzutage keinen Bergbau auf der anderen Seite des Tals von Potosí betreiben. Nur der Cerro Rico lockt weiterhin mit seinen Schätzen.

Von La Paz aus fährt man etwa acht Stunden nach Potosí, die 175.000 Einwohner Stadt, in etwa 4000 Meter Höhe. Als wir gegen halb sieben morgens aus dem Bus, in ein Taxi steigen, können wir im grauen Dämmerlicht den Cerro Rico emporragen sehen, seine Spitze ist schneebedeckt und sticht in den von rötlichen Schleiern durchzogenen Himmel. Schon die Inka hatten in den Minen von Potosí Silber abgebaut. Die Spanier errichteten ein Arbeitsregime, durch das die Indigenen teilweise tagelang gezwungen waren im Berg zu arbeiten. „Der Berg, der Menschen frisst“, so wurde der Cerro Rico eine Zeit lang genannt. Schätzungen zufolge verloren etwa 8 Millionen Indigene während der spanischen Herrschaft ihr Leben in den Minen.

Das Silber aus den Minen wurde zu Münzen verarbeitet und nach Spanien geschickt. Im Museo de Moneras, kann man alte Münzen, Bildergalerien, Maschinen und Silberschätze bestaunen. Nachdem die Münzen erst per Hand geschlagen wurden, dadurch aber sehr unförmig und leicht fälschbar waren, brachten die Spanier Maschinen nach Potosí. Das Silber wurde professionell von 15mm auf 1mm Dicke gepresst, dann mit der Schere rund ausgeschnitten und schließlich das spanische Wappen mit dem Hammer angebracht. Seit 1950 werden allerdings keine Münzen mehr in Potosí produziert. Die Kosten sind zu hoch. Die heutigen Bolivianos importiert die Regierung aus Chile und Kanada.

Die Innenstadt von Potosí gehört zum Unesco Weltkulturerbe. Hier sieht man noch den ehemaligen Prunk, den die Silberablagerungen in der Mine der Stadt einst bescherten. Im 17. Jhd. war Potosí eine der größten Städte weltweit. Sie übertraf mit 150.000 Einwohnern sogar Paris (45.000) und London (75.000). Die Stadt hatte sich schnell einen Namen gemacht. Silber aus Potosí war qualitativ hochwertig und in Spanien sehr geschätzt. Sogar das heutige Dollarzeichen fußt auf den Initialen des Potosí Silbers.
Der Glanz der Stadt ist heute nahezu ganz erloschen und trotzdem wird in den Minen noch fleißig geschürft. Etwa 10.000 Arbeiter arbeiten noch im und am Berg, Männer, Frauen und Kinder. Für 80 Bolivianos verschafften auch wir uns Zugang. Die Tour wurde vom Hostel aus angeboten. Unser Führer war eine Frau, was mich verwunderte, da Frauen Untertage eigentlich Unglück bringen sollen und deshalb nicht geduldet sind. Anfangs hatte ich auch ein wenig Bedenken, wegen der Platz- und Atemverhältnisse in der Mine. Aber sie stellten sich als unbegründet heraus.

Bevor wir losgingen mussten wir uns alle im Hostel umziehen. Jeder bekam Gummistiefel, Hose, Jacke, Gürtel, Helm und Stirnlampe. Meine Stiefel waren mir leider um etwa drei Größen zu groß, was das Laufen in der Mine deutlich erschwerte. Ein Colectivo fuhr uns bis zu unserem ersten Halt, wo wir für 40 Bolivianos Geschenke für die Minenarbeiter kauften. Ein Geschenk bestand aus einer 2 Liter Flasche Softgetränk, einer Tüte Cocablätter und einem 96-prozentigen Alkohol. Untertage können die Mineros auf Grund von Giftstoffen und Staub nichts essen. Stattdessen kauen sie Cocablätter. Den Alkohol nutzen sie entweder zum Trinken, zum Reinigen oder wenn sie feststellen wollen, ob sich Gas in der Nähe befindet. Dazu schütten sie den Alkohol auf den Boden und zünden ihn an. Wenn er nicht brennt, ist zu wenig Sauerstoff in der Umgebung. Ein Minenarbeiter kann innerhalb von 2 Minuten an den unterirdischen Gasen sterben.
Mit unserem Colectivo ging es weiter, den Cerro Rico hinauf, so weit, bis man über die ganze Stadt blicken konnte. Wir befanden uns jetzt auf über 4000 Meter Höhe. Schon außerhalb der Mine fiel das Atmen schwer. Bevor wir uns in den dunklen Gang stürzen, der sich vor uns auftat, zeigte uns ein Minenarbeiter kleine Päckchen schon gemahlenes und vom anderen Gestein getrenntes Silber. Je nach Qualität des Silbers verdient der Minenarbeiter mehr oder weniger.
Kaum waren wir im Eingang der Mine verschwunden, umgab uns eine warme, staubige Luft. Durch den Mundschutz fiel das Atmen noch schwerer und nach nur wenigen Schritten musste ich meine vollkommen beschlagene Brille absetzen. Überall war der Gang von Rohren durchzogen, durch die Sauerstoff in die Mine gepumpt wurde. Später erklärte uns unsere Führerin, dass dieser Sauerstoff nicht etwa dazu dient, dass die Mineros in der Tiefe besser atmen können, sondern dazu den Berg im Inneren porös zu machen, um ihn anschließend besser sprengen zu können. 1 Stunde Sauerstoffzufuhr kostet 100 Bolivianos. Eine ganz schön stattliche Summe, die die Mineros selbst finanzieren müssen.
Bald wurde der Gang niedrig und man musste immer wieder in die Knie gehen. Im Inneren des Berges erstreckt sich ein riesen Labyrinth aus Gängen, Löchern und Schächten. Hätten wir unsere Führerin nicht gehabt, wir wären nach kürzester Zeit verloren gewesen. Nach wenigen Minuten, die uns aber alle heftig ins Atmen versetzt hatten, kamen wir beim „Gott“ der Mine an. Dabei handelte es sich um eine Art Teufelsstatue, die „El Tío“ genannt wird und für das gute Gelingen Untertage verantwortlich sind. „Über der Erde sind wir alle Katholiken.“, sagte unsere Führerin, „aber hier unten gibt es keine Religion.“ Stattdessen muss man dem „Tío“ etwas Coca, ein wenig Alkohol und eine Zigarette opfern. Auch Pacha Mama bekommt ihren Anteil ab, damit der Berg nicht zusammenfällt. Vor allem muss man aber mit einer positiven Einstellung in die Mine gehen. Solange der „Tío“ Zigaretten raucht ist alles gut.

Seit die Regierung die Mine aus Sicherheitsgründen schließen lassen wollte, arbeiten dort alle privat. Die Gewerkschaften haben sich dem Wunsch der Regierung entgegengestellt, die Mine blieb geöffnet, die Arbeiter organisierten sich selbst. Es gibt keine geregelten Arbeitszeiten. Manche arbeiten nachts oder am frühen Morgen. Andere erscheinen erst am Nachmittag zum Arbeiten. Es gibt auch keine Krankenversicherung, keine Renten, keine Versicherung gegen Arbeitsunfälle….
Um in der Mine Gestein abbauen zu dürfen, muss man sich für 5000 Dollar ein Schürfplatz kaufen. An diesem Ort arbeitet dann meist eine ganze Familie, zusammen mit Freunden und Bekannten. Es ist allgemein bekannt, dass die Mine die Lebenszeit verkürzt. Das Durchschnittsalter der Männer in Potosí liegt irgendwo zwischen vierzig und fünfzig. Staublunge und Atemnot heißt das große Übel. Trotzdem wagen sich viele in die unsicheren Minen. Der Wochenlohn entspricht 800-1000 Bolivianos und damit dem Monatseinkommen eines anderswo arbeitenden Bolivianers in Potosí. Dazu kommt, dass es in Potosí kaum Wirtschaftszweige gibt. Der Tourismus hilft zwar, ist aber auf Grund von politischen Auseinandersetzungen in den letzten Jahren um bis zu 50% gesunken. Der Cerro Rico bietet oft die einzige nennenswerte Einnahmequelle.

Es ist kaum vorstellbar, wie hart die Menschen in den Minen für ihr Geld arbeiten. Wir trafen mehrere Bergarbeiter, die bis zu fünf Tonnen schwere Karren durch die Mine schoben. Teilweise sind es von den unteren Gängen der Mine bis ans Tageslicht fünf Kilometer Fußweg. Überall in den Minen finden sich Schächte und plötzlich in die Tiefe fallende Löcher, sodass man extrem aufpassen muss, wohin man tritt. Zwar waren die Gänge, die wir betraten noch recht geräumig, rechts und links erkannten wir aber Abzweigungen, die man nur verwenden konnte, wenn man sie auf den Knien oder auf dem Bauch entlangrutschte. Die Gänge sind schlecht oder gar nicht abgesichert.
Wir hielten uns etwa zwei Stunden in der Mine auf. Kein Mensch auf der Welt sollte jeden Tag acht bis zehn Stunden dort arbeiten müssen. Als ich aus der Mine komme verspüre ich eine Mischung aus Trauer und Ekel darüber, wie unsere kapitalistische Welt Menschen in derartige Verhältnisse treibt. Eine Welt, in der sich Menschen zu Tode arbeiten müssen, weil sie keine anderen Möglichkeiten haben!

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