Odyssee durch Ecuador

Als wir gegen Weihnachten hin paraguayanischen Besuch in der Musikschule empfingen, kam dieser nicht umhin uns zu einem Workshop und dazugehörigem Konzert nach Lago Agrio einzuladen.
Lago Agrio liegt ganz im Norden Ecuadors, nahe der kolumbianischen Grenze. Von dort aus brach Pepe (der Ansprechpartner des paraguayanischen Projekts) mit seiner ca. sechs jährigen Tochter Lupe und seinem drei jährigen Sohn Sebastian nach Paraguay auf, um sich dem Projekt „Semillas Músicales“ anzuschließen. Nun also war die Familie zurück zu ihrem Ursprung gekommen und hatte uns eingeladen, ihren eigentlichen Heimatort zu besichtigen.
An einem Donnerstagabend brachen wir gegen neun Uhr im Guasmo auf. Wir wussten alle, dass es eine lange Reise werden würde, aber auf das, was auf uns zukam, waren wir nicht vorbereitet! Um elf Uhr nahmen wir den Bus nach Ambato, von wo aus wir einen Anschlussbus nach Lago Agrio nehmen wollten. Leider gibt es aber von Ambato keinen Bus nach Lago Agrio. Um fünf Uhr morgens saßen wir also alle, bis auf die Knochen frierend (Ambato gehört zu Sierra und dort kann es vor allem in der Nacht sehr kalt werden) am Busterminal in Ambato fest. Eineinhalb lange Stunden später verließen wir die Stadt in Richtung Tena. Dort kamen wir gegen zwei Uhr nachmittags an. Ich war ja schon einmal in Tena gewesen und es fühlte sich seltsam an, an eben demselben Ort zu stehen an dem ich vor noch nicht ganz zwei Monaten, meine Regenwaldreise begann.
Alle hatten Hunger! Aber es war keine Zeit zum Essen, weil der Anschlussbus schon zur Abfahrt bereit stand. Also alle Instrumente; die Congas, die Bongos, das Cello und die Trompete verladen und weiter gings nach…- Coca.
Diese kleine Stadt, die schon ziemlich im Herzen des Regenwalds liegt erreichten wir gegen fünf Uhr abends. Ich war selten so viel Bus am Stück gefahren, hatte die meiste Zeit geschlafen und wenn nicht aus dem Fenster auf die immer gleich bleibende, wundervoll grüne Landschaft gestarrt. Jetzt waren wir dem Ziel schon ziemlich nahe. Nur noch zwei weitere Stunden Fahrt! Um 7 Uhr abends erreichten wir nach fast 22 Stunden Im Bus Lago Agrio. Nun muss man zugegebener Maßen sagen, dass man die selbe Reise in kürzerer Zeit hinter sich hätte bringen können, indem man von Guayaquil nach Quito und von Quito nach Lago Agrio gefahren wäre. Für diese Route hätte man nur zwei Busse und ca. 16 Stunden benötigt. Aber warum schnell, wenn es auch langsam geht? – Immerhin, wir waren angekommen!
Und wir wurden mit offenen Armen empfangen. Zahlreiche Leute küssten uns und hießen uns mit vollen Tellern willkommen. Nach dem Essen wurde eine Messe abgehalten und dazu natürlich Musik gespielt. Ich schaute interessiert dabei zu, wie Bittsprüche in Richtung Himmel geschickt wurden und sich zum Schluss alle umarmten, um den „Frieden“ weiterzugeben.
Danach noch mehr Essen, zumindest für diejenigen die wollten. Das wir das ganze Essen und die Unterkunft kostenlos bekamen, rechnete ich Pepe hoch an, da im letzten Moment die Sponsoren vom Kulturministerium abgesagt hatten und eigentlich kein Geld für die kostenfreie Reise zu Verfügung stand. Aber die Musiker hatten ein Konzert gespielt und schon mal einige Spenden gesammelt.
Mit dem Auto wurden wir zu unserer Unterkunft gebracht. Dort angekommen waren ausnahmsweise wirklich alle ziemlich müde und wir schliefen schnell, vor allem mit dem Hintergedanken, dass wir am nächsten Morgen um 6 Uhr 30 aufstehen mussten.

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Blick am Morgen – Den Regenwald direkt vor der Haustüre

Der Morgen kam dann auch viel zu schnell. Wir quälten uns aus dem Bett, in den Bus und schließlich zu dem Ort, an dem der Musikworkshop stattfinden sollte. Das war ein einziger großer Raum, mit einer Art erhöhten Bühne am Ende und Bestuhlung gegenüber. An den Wänden hingen schon einige Plakate mit den Logos von „Semillas musicales“ und „Clave de Sur“. Mein Blick fiel auch auf ein Plakat das „la familia de las cuerdas“ zeigte, also die Familie der Saiteninstrumente. Fortreiste sich ein Kontrabass, an ein Cello, an eine Bratsche und schließlich an eine Geige. Ich verwendete die Abbildung später, um denen, die etwas über die Geige lernen wollten, einen kurzen Überblick zu verschaffen. Schließlich hatten viele von diesen Leuten noch nie in ihrem Leben ein Cello oder eine Bratsche gesehen. Pepe begrüßte alle und dann wurde eine Liste aufgehängt, in die man sich für die jeweiligen Instrumente eintragen konnte. Zuerst kam niemand, der genaueres über die Geige wissen wollte und so verbrachte ich einige Zeit, in der ich mich mit Lupe (sie spielt Cello und hatte ebensowenig zu tun) unterhielt. Lupe ist ein wunderbarer Mensch. Sie lacht die ganze Zeit und redet ohne Punkt und Komma.

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Was ist eine Geige und wie funktioniert sie?!

Am Mittag gingen wir in einem nahen Restaurant essen. Reis und Hühnchen. Dann ging es auch schon weiter mit der Musik. Am Abend sollten alle beim Workshop anwesenden Leute, zusammen zwei Lieder zum Konzert beisteuern. Das ist gar nicht so einfach und die Proben ergaben ein großes Chaos. Ich saß wieder neben Lupe und keine von uns verstand so wirklich, was wir spielen sollten. Schließlich klappte alles mehr oder weniger. Wir gingen in den Park und bauten alle Instrumente auf der Bühne auf. Ich war ziemlich müde und hatte Bauchschmerzen, wusste zudem, dass ich sowieso nicht mit den anderen Vorspielen würde und hatte daher nicht

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Nach 20stündiger Reise in Lago Acrio

wirklich große Lust auf das Konzert. Dann wurde es aber doch ganz schön. Ana und ich filmten während die anderen Salsa und Cumbia spielten und zum Schluss kamen alle auf die Bühne und führten die zwei einstudierten Lieder auf. Lupe und ich mussten uns keine Sorgen machen, da wir kein Mikrophon hatten und man ein einzelnes Cello plus eine Geige in dem Meer aus Gesang, Gitarren, Klavier und Trompete sowieso schwerlich hörte. Wir endeten mit dem Lied „mi lindo Ecuador“ (mein süßes Ecuador) und alle klatschten Beifall. Dann wurden Fotos geschossen und die neugewonnenen Freunde in die Arme geschlossen, bevor wir zum Terminal hasteten. Um 12 Uhr nachts fuhr unser Bus. Davor schnell noch etwas zu essen besorgt und während wir aßen erzählte uns Pepe, wie Lago Agrio vor noch nicht allzu langer Zeit aussah. Die Straßen nicht asphaltiert, manchmal bis zu einer Woche weder Strom noch Wasser… Hinzu kam die ständige Gefahr v

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Abschied

on Seiten der Grenze Kolumbiens. An einem Tag, so sagt Pepe wurden hier zwölf Menschen grundlos erschossen.
Mit dem Bus fuhren wir in Richtung Quito, als uns plötzlich das Militär anhielt. Alle mussten aussteigen, ihren Ausweis zeigen. Um fünf Uhr morgens kamen wir frierend in Quito an, um 3 Uhr nachmittags erreichten wir das Terminal in Guayaquil. Ich war müde und hatte Kopfweh. Es war eine sehr lange und anstrengende Reise gewesen. Trotzdem, war es schön mitanzusehen, wie sehr die Musik Menschen verbinden kann, ob aus Paraguay, Ecuador oder Deutschland … Egal wie fremd man einander ist und welche Sprache man spricht. Musik versteht jeder.

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Lupe und ich nach dem Konzert

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