Über den Wolken

Am 16. August verließen wir gegen neun Uhr Chachapoyas, um per Colectivo nach Leymebamba zu fahren. Leymebamba ist ein kleiner Ort, in einem Tal mitten in den Bergen gelegen. Hier gibt es nicht viel, außer Landwirtschaft und eines einzelnen Museums, das die Menschen von Chachapoyas aus zu größeren Ausflügen in diese Gegend motiviert. Dieses Museum haben die Menschen aus Leymebamba selbst gebaut, nachdem man in der Nähe ihres Dorfes mehrere gut erhaltene Grabstätten und Mumien der Chachapoya Kultur gefunden hatte.

Wir nahmen uns ein Hostel direkt am Hauptplatz, das sich noch im Bau befand, mit drei Stockwerken aber bereits eines der höchsten Gebäude im ganzen Ort war. Das Schöne an diesem Dorf war, dass alles noch ziemlich ursprünglich geblieben war. Auf dem Weg, immer den Berg in Richtung Museum hinauf, stießen wir auf Schweine, Hunde und Pferde. Die Häuser, teilweise ohne Stromversorgung waren aus Holz und Lehm, oft bis zum Dach ohne ein einziges Fenster verputzt und man konnte nur vermuten wie dunkel und stickig es im Inneren sein musste.

Das Museum bestand aus einem prächtigen Garten, der von einem Säulengang gesäumt war. An diesem Ort strahlte alles Ruhe aus. Die Ausstellung bestand aus mehreren Reliquien älterer Zeit der Chachapoya und Inca Kultur. Im Zentrum standen die Mumien, die die Forscher in der Nähe der ‚Laguna de los Condores‘ gefunden hatten. In der ursprünglichen Chachapoya Kultur wartete man, bis der tote Körper verrottet war und schnürte dann die Knochen zu einem kleinen Bündel zusammen, das in Stoff gewickelt wurde. Nach dem Einfluss durch die Inka veränderten die Chachapoya ihre Vorgehensweise dahingehend, dass sie den gesamten Körper in sitzender Haltung verpackten und konservierten. Irgendwie sahen die Überreste der Körper gequält aus, wie sie in einer entsprechend heruntergekühlten Kammer eng nebeneinander saßen, die Hände vor die Gesichter und die aufgerissenen Münder gedrückt.

Am Abend aßen wir Meerschweinchen und kauften unsere Bustickets nach Cajamarca. Die Strecke von Leymebamba nach Cajamarca beträgt in etwa 220 km. Der Bus würde dafür über sechs Stunden brauchen. Im Voraus hatte man uns davor gewarnt, dass die schlechten Straßen sich eng am Abgrund über die Berge schlängelten. Trotzdem waren wir auf diese Fahrt nicht ganz gefasst gewesen. Wir mussten zwei Pässe überqueren. Die Straße war genau so breit, dass ein Fahrzeug darauf Platz fand. Sobald Gegenverkehr in Sicht kam, was man erst in letzter Minute erkannte, musste unser kleiner Bus rückwärts die kurvige Straße herunterfahren, solange bis eine Stelle kam, die breit genug war, damit sich beide Fahrzeuge aneinander vorbeizwängen konnten. Zentimeterarbeit, mit einem Steilhang vor dem Fenster. Irgendwann, als wir uns bereits über den Wolken befanden, machte die Straße eine Kurve und führte wieder abwärts. Der Bus beschleunigte, der Fahrer bremste nur in den Kurven stark ab. Wir rauschten den Berg hinab, durch die sich schlängelnde Straße hin und her geworfen, immer weiter entlang des Abgrunds. Plötzlich hielt der Wagen. Frühstück! Alle stiegen aus. Es gab Forelle mit Reis und Kartoffeln, dazu Kamillentee. Sophie, die im Wagen direkt neben dem Fahrer saß, hatte einige interessante Streitgespräche mitangehört. Unnötig zu sagen, dass der Fahrer selbst sich ebenfalls einmischte und teilweise begann die Hände vom Steuer zu nehmen um damit wild zu gestikulieren. Im Folgenden entwickelte sich eine komische Szene. Die Busgesellschaft hatte herausgefunden, dass wir aus Deutschland kamen und begann Sophie mit Fragen zu bombardieren. Die Spannbreite reichte vom wirtschaftlichen Erfolg über die nationalsozialistische Vergangenheit bis hin zur Teilung Deutschlands. Inzwischen waren wir ins Tal gekommen und das Klima hatte sich vollkommen gewandelt. Plötzlich schossen Mangobäume rechts und links von uns aus dem Boden. Der Bus begann langsamer zu fahren, um sich bei den auf den Plantagen arbeitenden Leuten schreiend zu erkunden, wie teuer die Mangos seien. Wir hielten an. Der Fahrer sammelte von jedem das Fahrtgeld ein, um sich eine ganze Kiste Mango zu kaufen. Nach wenigen Minuten saßen alle kauend im Bus, Plastiktüten voller Mangos auf dem Schoß.

Unser Hostel befand sich nicht direkt in Cajamarca, sondern in Baños del Inca. Wie der Name schon sagt befanden sich dort wirklich die Bäder des Inka Atahualpa. Atahualpa war der letzte wirkliche Inka König, der Cajamarca zu einem wichtigen Verwaltungssitz gemacht hatte. Da sich am Rande der Stadt Thermalquellen befinden, funktionierte sie gleichzeitig auch als Badeort. Wo sich damals der Inka badete ist heute ein Thermalbad. Zu dritt mieteten wir uns eine Art große Badewanne. 40 Minuten heißes Wasser genießen ist ein echter Luxus, nachdem in den meisten Hostels die Dusche eiskalt ist. Am Nachmittag fuhren wir nach Cajamarca. Der ‚Plaza de Armas‘ ist der Ort, an dem Atahualpa nach langer Gefangenschaft und erfolglosen Verhandlungen sein Leben lassen musste. Es wird erzählt, dass der Inka König seinen Arm gehoben hätte um anzuzeigen, bis zu welcher Linie seine Landsleute zwei Kammern mit Silber und Gold füllen würden, wenn die Spanier ihn freigäben. Die Spanier kassierten den Inkaschatz und mordeten den König. Noch heute ist das Haus mit der Linie in Cajamarca zu sehen. Für mich eine traurige Geschichte, die mich immer wieder ärgert und zu wenn-dann Fragen verleitet. Was wenn die Spanier den Inka freigelassen hätten? Was wenn die Inka es geschafft hätten die Spanier zu vertreiben? Sicher wäre das Südamerika von heute nicht wiederzuerkennen. Für ein Sol Eintritt kann man zum Mirador hinaufsteigen und über die ganze Stadt blicken. In Cajamarca gibt es zahlreiche Kirchen aus dem 17. und 18. Jhd., von denen die meisten jedoch unvollendet blieben, weil damals nicht genügend Geld zur Fertigstellung bereitgestellt wurde. Zu unserer Überraschung veranstaltete die Stadt gerade eine Buchmesse. Neben einer kleinen Bühne für Lesungen reihten sich Verkaufsposten aneinander. Dort reihten sich Shakespeare, Ovid, Kafka und Dickens neben japanische Comics und peruanische Sagen. Zumindest in literarischer Hinsicht scheint die Welt grenzenlos.

 

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