La Paz

Bevor ich damit beginne die Ausmaße dieser Stadt, den Verkehr, den Lärm, die unglaublich vielen Orte und Gerüche zu beschreiben, sollte ich von der Reise erzählen, die wir von Copacabana nach La Paz vor uns hatten. Es war nämlich kein einfaches Stück Weg, weg von der schillernden blauen Perle des Titicacasees, über karges Hochland bis hin zu der wie aus dem Nichts auftauchenden gigantischen Metropole. Das erste Hindernis, das sich uns auf dieser Wegstrecke bot, war der See. Dieser musste mit einer aus Holzblanken dürftig zusammengehaltenen Fähre überquert werden. Ein Teil der Passagiere, diejenigen, die mitbekommen hatten, dass sie aus Sicherheitsgründen aussteigen sollten, nahmen ein kleineres Boot, das im Gegensatz zur Fähre auch viel schneller am anderen Ufer war. Daniel und ich verpassten leider den Ausstieg und kauerten uns auf der Fähre neben dem Bus zusammen. Je weiter hinaus wir auf den See fuhren, desto heftiger schwankte der Bus unter den aufkommenden Wellen, sodass man den Eindruck gewann er würde jeden Augenblick umfallen. Zum Glück betraten wir allerdings schon fünf Minuten später wieder das sichere Ufer und die Fahrt ging weiter. Unser nächstes Problem waren Straßensperren, die einige wütende Protestierende errichtet hatten. Unser Bus musste durch ein Gewirr von Schotterpisten fahren, um Kurs zu halten. Nach einer Weile tauchten immer mehr Wohnhäuser in der kargen Landschaft auf. Wir hatten die Stadtausläufer von La Paz erreicht. Dennoch benötigten wir noch eine ganze Stunde, bis wir uns durch die Straßen von El Alto gezwängt hatten. Rechts und links ragten braune Ziegelhäuser aus dem Boden, Kinder und Jugendliche kamen gerade von der Schule.

Unser Hostel war günstig und auch zentral gelegen. Bei einer ersten Erkundung der Umgebung stießen wir gleich auf den Hexen- und den Kunsthandwerksmarkt. Für den nächsten Morgen hatten wir eine City Tour bei den „Red Caps“, die übrigens überaus informativ war. Wir trafen uns am Gefängnisplatz und bekamen bei der Gelegenheit gleich Einzelheiten über das Leben in der Einrichtung. Vergleichbar mit unseren Gefängnissen ist das natürlich nicht. Die Insassen leben mit ihren Frauen und Kindern gemeinsam im Gefängnis. Sie müssen für ihre Zellen intern an andere Insassen zahlen, da die Häftlinge untereinander eine Kommune und Selbstorganisation bilden. Wer in diesem Gefängnis viel Geld besitzt, der lebt im Luxus, wer nicht, der muss sich mit anderen gemeinsam in eine winzige Zelle quetschen. Das Gefängnis, das ursprünglich auf rund 400 Häftlinge ausgelegt war, beherbergt heute um die 2000. In der Einrichtung Geld zu erwerben ist ebenso möglich, entweder durch legale Geschäfte oder durch Drogenhandel. Dazu ist es den Häftlingen tatsächlich möglich, auf Grund der geringen Sicherheitslage Pakete mit Cocain aus Öffnungen im Dach zu den Käufern auf dem Platz hinunterzuwerfen.

Wir schlenderten über den Markt, auf dem vor allem verschiedene Kartoffelsorten und Mais verkauft wurde. Unsere Führer erklärten uns, dass jeder Käufer auf dem Markt zu einer bestimmten Marktfrau, seiner Casera gehe. Die Casera weiß darum auch immer sofort, was derjenige braucht und hört sich genauso gerne Gerüchte und Familiengeschichten an. Sie ist eine Art „Ersatzmama“, die immer ein offenes Ohr für einen hat. Sobald man ihr aber untreu wird, indem man zu einem anderen Verkaufsstand geht, ist die Casera so verärgert, dass sie dir gar nichts mehr verkaufen wird.

Die klassisch gekleideten bolivianischen Mädchen nennen sich Cholitas. Sie tragen viele übereinandergeschichtete Röcke und bestickte Blusen. Seitdem in den 20er Jahren eine Firma englische Männerhüte bestellt hatte, diese aber in viel zu kleiner Größe geliefert wurden, haben die Cholitas auch dieses Assesoir zu ihrer klassischen Tracht hinzugefügt. In Bolivien sind Frauen mit breiten Hüften, dicken Beinen und langen schwarzen Zöpfen ein Schönheitsideal. Komplementär dazu bevorzugen Frauen Männer mit dicken Bäuchen. Für den Fall, dass es in der Liebe mal nicht ganz so klappt, kann man auf dem Hexenmarkt in La Paz verschiedene Zaubertränke kaufen. Da gibt es zum Beispiel den „Siguéme, Siguéme“ (zu Deutsch: Folge mir, folge mir). Dabei handelt es sich um ein weißes Pulver, das man ohne dass es der andere merkt von hinten auf die gewünschte Person pusten soll. Aber man muss auch aufpassen, denn es soll bereits Personen gegeben haben, die auf Grund von falschen Dosierungen in diesen Zaubertränken gestorben sind.

Je mehr wir hören, desto verrückter erscheint uns die bolivianische Kultur. Auf dem Hexenmarkt werden neben Zaubertränken auch getrocknete Lamafötusse verkauft. Der Brauch besagt, dass, wenn man sich ein Haus baut man ein Geschenk an Paccha Mama, die Mutter Erde geben muss. Als Opfer wird ein Lamafötus dargebracht. Wenn es sich allerdings um größere Gebäude, wie etwa die Wolkenkratzer handelt, die in den reichen Stadtvierteln La Paz aus dem Boden schießen, so muss man ein größeres Opfer, einen menschlichen Körper darbringen. Gerüchten zufolge suchen die Schamanen sich diese menschlichen Opfer unter den Obdachlosen der Stadt. Zwar versichert uns unser Führer geheimnisvoll lächelnd, dass es sich bei dem angeblichen Brauch um ein Gerücht handelt, gleichzeitig bezeugt er aber, man habe beim Abriss großer Gebäude menschliche Knochen im Fundament entdeckt.

La Paz ist in eine Wolke skurriler, aber interessanter Geschichten gehüllt. Da gibt es beispielsweise den zentralen Platz, gleich gegenüber vom Präsidentenpalast, Knotenpunkt zahlreicher politischer Auseinandersetzungen. Da gibt es ein Monument zu ehren eines Vom Volke gelynchten Präsidenten, der sich im Nachhinein als doch nicht allzu schlecht erwiesen hatte. Zahlreiche Einschusslöcher zeugen auf der anderen Seite des Platzes von einer Auseinandersetzung zwischen Militär und Polizei im Jahre 2002. Der damalige Präsident hatte so viel Erdgas ins Ausland verkauft, dass die Menschen in La Paz selbst kein Gas zum Kochen mehr hatten. In Folge zündeten sie zahlreiche Feuer in der ganzen Stadt an, um auf der Straße zu kochen. Schüler und Studenten, die über die Situation empört waren, kamen auf dem Hauptplatz zusammen. Die Polizei verhinderte den unangemeldeten Protest vor dem Präsidentenpalast nicht. Als das Militär sich allerdings bedroht fühlte und mehrere Luftschüsse abfeuerte eskalierte die Situation. Die Polizei hastete auf den Platz und lieferte sich ein Kreuzfeuer mit den Militärs. Der Präsident verschwand in Folge der Proteste, nicht ohne noch in der Bank vorbeizugehen und sich die Gelder der bolivianischen Steuerzahler abzuholen.

Bolivien steht im Guinness Buch der Rekorde, als das Land mit den meisten Staatsstreichs in kürzester Zeit weltweit. Bevor Evo Morales 2006 die Macht übernahm, hatte Bolivien zahlreiche mehr oder weniger korrupte Präsidenten verschlissen. Durch eine Namensänderung von der „Republica Bolivia“ in den „Estado Plurinacional de Bolivia“ sicherte Morales sich eine weitere Amtszeit, obwohl jeder Präsident in Bolivien verfassungsgemäß nur zwei Amtszeiten regieren kann. 2014 versuchte Morales durch ein Referendum die Verfassung zu ändern, um bis 2025 an der Macht zu bleiben. Dieses Referendum verlor er. Es wird allerdings befürchtet, dass er die Macht 2019 trotz alledem nicht kampflos abgeben wird. Obwohl der Lebensstandard und der Mindestlohn (von 70 Dollar auf 200 Dollar) in den letzten Jahren gestiegen sind, merkt man, dass nicht alle rundum zufrieden mit ihrem Präsidenten sind. Auf offener Straße würde das aber keiner äußern! Wir sind schließlich auch kaum verwundert, als wir in einer der Straßen La Paz auf ein kleines Zeltlager stoßen. Hier demonstrieren Menschen für die Freiheit von politischen Gefangenen.

Der Verkehr in La Paz verstopft alle Straßen bis zur Unkenntlichkeit. Als Fußgänger lebt man gefährlich, darf sich aber nicht entmutigen lassen, sondern muss sich im Gegenteil zwischen Bussen und Taxis bis zur anderen Straßenseite hindurch schlängeln. Um den Verkehr zu entlasten beschloss die bolivianische Regierung den Bau eines Seilbahnnetzes, der unter anderem das tiefer gelegene La Paz, mit dem höher gelegenen El Alto verbinden soll. Momentan besteht das Seilbahnnetz aus fünf unterschiedlichen Linien, bis 2019 sollen fünf weitere fertiggestellt werden, sodass das Netz mit rund 30 km Länge und zehn Linien das größte Seilbahnnetz weltweit sein wird.

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