Chachapoyas und die Wolkenkrieger

Am Freitagabend nahmen wir den Bus um halb neun abends, der am Folgetag um sechs Uhr morgens in Chachapoyas ankommen sollte. Die Fahrt war holprig, die Straßen schlecht. Als wir um sechs Uhr morgens ins Hostel kamen konnten wir das Zimmer noch nicht beziehen, verstauten deshalb lediglich unser Gepäck und machten uns nach dem Frühstück am Zentralplatz auf den Weg nach Huancas. Huancas ist ein kleines Dorf, von Chachapoyas etwa zwanzig Minuten mit dem Colectivo. Das Interessante an dem Ort ist, dass man von dort aus auf einen Aussichtspunkt laufen kann, der einen wunderbaren Blick auf die gegenüberliegenden Berge und die Schlucht gibt. Leider war es an diesem Tag sehr wolkig. Zurück gingen wir zu Fuß, etwa eineinhalb Stunden an der von riesigen Aloe Vera Pflanzen gesäumten Schotterpiste entlang.

Nachts wird es hier ziemlich kalt, sodass man froh ist über die Alpakadecken, die einem im Hostel bereitgestellt werden. Am nächsten Morgen fuhren wir nach Kuelap, wieder mit dem Colectivo, etwa eine Stunde von Chachapoyas. Kuelap ist eine Wohn- und Festungsanlage der alten präinka Kultur der Chachapoya. Vermutlich handelte es sich bei der Anlage eher um eine heilige Stätte als um eine Verteidigungsanlage. Sie besteht aus den Überresten von über 400 Rundhäusern. Zur Blütezeit der Chachapoya Kultur lebten etwa 3000 Menschen dort, von denen man bis heute nicht weiß, wie sie die Wasserversorgung für alle bereitstellen konnten. Chacha Poya bedeutet Wolkenkrieger. Der Name erschließt sich einem, wenn man mit der Seilbahn auf das auf 3000 Meter Höhe gelegene Hochplateau fährt. Die Seilbahn ist ganz neu und wurde erst im März 2017 von Perus Präsident Pedro Pablo Kuczynski Godard (tatsächlich verwandt mit dem Filmemacher Jean-Luc Godard) eingeweiht. Sie gilt als Zündstoff zur Anheizung des Tourismus in der gesamten Region. Bevor die Bahn konstruiert wurde, musste man drei Stunden wandern, um nach Kuelap zu gelangen. Wir hingegen fuhren nur eine Stunde zur Seilbahn, dann noch 20 Minuten mit dem zur Bahn gehörigen Bus und dann noch etwa eine Viertelstunde bis zum Hochplateau. Die Seilbahn kostete 20 Sol pro Person, der Eintritt nach Kuelap ebenfalls, beziehungsweise mit Studentenausweis nur 10 Sol pro Person. Die Ruine, die früher einmal von geschäftigem Leben erfüllt gewesen sein muss, strahlte etwas Mystisches aus. Umgeben von Nebelwäldern und hohen Bergketten ragten die dicken Mauern vor uns, an ihrer höchsten Stelle über 20 Meter hoch auf. Das Volumen dieser Mauern entspricht ungefähr dreimal dem der Keops-Pyramiden in Ägypten, was vielleicht eine Vorstellung davon gibt wie groß die gesamte Anlage ist. Allerdings ist bisher nur zwanzig Prozent der sieben Hektar großen Fläche archäologisch erschlossen. Im Jahr 1843 wurde das Gelände von einem Richter aus Chachapoyas, der dort wanderte wiederentdeckt. Kuelap ist 600-900 Jahre älter als Machu Picchu. Als die Inka auf die Festung stießen waren sie beeindruckt und respektierten die Chachapoya, fürchteten sie sogar. Später verbündeten sich die Chachapoya auch mit den Spaniern im Kampf gegen die Inka.

Zurück in Chachapoyas befanden wir uns plötzlich mitten in den Abendvorbereitungen für das Fest der Virgen Asunta. Dieses Fest, das die Stadtheilige von Chachapoyas ehrt, findet vom 1.-16. August statt. Die Legende besagt, dass eine Statue der Virgen Asunta im 19. Jahrhundert in die Stadt gebracht wurde, genau an dem Tag, an dem gerade ein Fest stattfand. Der Priester legte dem Besitzer der Statue nahe, er solle sie an die örtliche Kirche geben, aber nachdem der Besitzer in einem Traum den Befehl der Virgen erhielt ihr eine eigene Kapelle zu bauen, begannen die Bauarbeiten. Während der gesamten Bauarbeiten läuteten wie aus dem Nichts über der Stadt die Glocken.

Bräuche des Festes der Virgen Asunta sind unter anderem: die Statue der Virgen von einer zur anderen Kirche durch die ganze Stadt zu tragen, sowie Wettbewerbe in den Bereichen Essen und Tanz. An jenem Abend, an dem wir von Kuelap zurückkehrten hatten die Einwohner auf dem zentralen Platz große Bambusgerüste mit sich drehenden Rädern aufgebaut. Um neun Uhr abends wurde das erste Gerüst angezündet. Die Räder begannen sich zu drehen, integrierte Feuerwerkskörper fingen Flammen und sprühten Funken auf die Zuschauer. Es regnete bunte Sterne vom Himmel! Die halbe Stadt war auf der Straße und ununterbrochen spielten mehrere Blaskapellen.

Am nächsten Tag fuhren wir etwa eine Stunde mit dem Colectivo nach Cocahuayco und von dort weiter mit dem Tresymoto nach Cochachimba. Von Chochachimba läuft man etwa zweieinhalb Stunden zum Wasserfall Gocta. Der Weg zum Becken des Wasserfalls ist gut zugänglich, obwohl es teilweise durch Nebelwald steil den Berg auf oder ab geht. Gocta gilt als dritthöchster Wasserfall der Welt, obwohl es darüber Unstimmigkeiten gibt, da er strenggenommen aus zwei Teilen besteht. Insgesamt messen beide Teile rund 771 Meter. Cochachimba ist ein sehr kleines Dorf, das ausschließlich durch den Wasserfall bekannt geworden ist. Allerdings wurde die Touristenattraktion erst in den 2000er Jahren durch einen deutschen Forscher erkannt. Die Einheimischen selbst nahmen die Präsenz des Wasserfalls als viel zu natürlich hin, als dass sie großen Wirbel darum gemacht hätten.

Wir verbrachten noch einen Tag in Chachapoyas, bevor es am nächsten Morgen weiter nach Leymebamba gehen würde. An diesem Tag beschlossen wir uns die Sarkophage von Karajilla anzusehen, ebenfalls ein Relikt der Chachapoya Kultur. Um nach Karajilla zu kommen muss man erstmal eine Stunde nach Luya fahren und von dort ein Taxi nach Cruzpata nehmen. Von Cruzpata aus ist es noch etwa eine halbe Stunde Fußweg zu den Sarkophagen. Vor allem auf der letzten Strecke nach Cruzpata fuhren wir auf Schotterpisten, gefährlich nah am Abgrund, sodass einem immer das Herz eine Sekunde lang stehenblieb, wenn Gegenverkehr auf der Straße auftauchte. Aber bei den Autobesitzern handelt es sich zum Glück um geübte Fahrer. Neben einem wunderschönen Ausblick beobachteten wir kleine Dörfer mitsamt ihren Bewohnern. Die Menschen in diesen Höhenlagen, fern ab der großen Städte sind sehr arm. Sie besitzen kleine Felder, die sie mit Hilfe von Ochsen pflügen. Die Verkehrswege sind sehr schlecht, die Häuser mit Lehm verputzt. Man kann sich gut vorstellen, dass ganze Gemeinden in der Regenzeit länger von der Außenwelt abgeschnitten sind.

In den Sarkophagen von Karajilla wurden nur die führenden Persönlichkeiten der Chachapoya beerdigt. Sie sind aus Stein, etwa zwei Meter hoch und teilweise bemalt. Wichtig war, dass man die Behältnisse mit den Überresten an einem unzugänglichen Ort aufstellte, der nach Osten zur aufgehenden Sonne oder auf ein Dorf blickte. Dazu brachten die Chachapoya die Sarkophage in einer Nische an einer steilen Felswand auf Wegen an, die sie später vernichteten. Von dort oben, so glaubte man, würden die Ahnen über die nachkommenden Generationen wachen.

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