Die Grenzen, die uns trennen

Am 28. April fuhr ich nach Ulm in der freudigen Erwartung, endlich mal wieder einen Abend mit meinen besten Freundinnen verbringen zu können. Mehrere Stunden später saß ich bei Camilla auf dem Sofa und weinte vor Wut und Verzweiflung. Die deutsche Botschaft hatte Daniel das Visum verweigert. – Aber warum? Aus welchem Grund verweigerte die deutsche Botschaft einem Touristen, der alle erforderlichen Unterlagen eingereicht hatte, ein Schengenvisum? Die Antwort ist eigentlich simpel: Weil der ecuadorianische Pass einfach nicht so viel wert ist, wie der deutsche. Weil ein junger Student, aus dem Guasmo, nicht so viel wert ist, wie ein junger Mensch aus Deutschland und weil für die Einreise in unser Land nur eines zählt und zwar, wie viel Geld man auf dem Konto hat.

Natürlich war es der deutschen Botschaft nicht möglich Daniels Ablehnung auf diese Weise auszudrücken und so schrieben sie einfach das böse Wort „fehlende Rückkehrbereitschaft“ auf den Antrag, setzten einen Stempel darunter und hofften das Thema sei damit erledigt. War es für mich aber nicht! Ich war sicher nicht gewillt, mir eine solche Ungerechtigkeit bieten zu lassen, noch dazu, weil Daniel in keinster Weise irgendeine Intention hegte, in Deutschland zu bleiben. Also begannen wir damit eine sogenannte „Remonstration“ gegen die Entscheidung der Botschaft einzulegen. Remonstration bedeutet, der Antragsteller muss einen Brief auf deutsch oder englisch schreiben und darin begründen, weshalb die Entscheidung gegen ein Visum, falsch gefällt worden war. Dieses Schreiben muss der Antragsteller mit Dokumenten belegen, die seine Aussagen stärken.

Also schrieben wir der Botschaft, mit einer Vollmacht von Daniel, und erzählten von seinem Studium, von seiner sozialen Arbeit in Mi Cometa, von seiner Familie und seinen Freunden, von Musiker ohne Grenzen und von all den schönen Dingen, die Daniel an Ecuador so schätzte. Wir beantragten ein Zertifikat bei der Universität und beim Konservatorium, das bestätigte, dass Daniel schon etliche Jahre studierte und dass ein Abbruch seines Studiums in diesem Moment sinnlos wäre. Daniels Mutter schrieb ebenfalls einen Brief und verbürgte sich dafür, dass Daniel niemals seine Familie in Ecuador, im Stich lassen würde und John stellte ihm ein Zertifikat von Clave de Sur aus. Leider muss ich hier auch erwähnen, dass Musiker ohne Grenzen, nicht bereit war, Daniel eine Bestätigung für seine ehrenamtliche Arbeit auszuhändigen, obwohl er sich seit vielen, vielen Jahren in der Musikschule engagiert. Trotzdem blieb unsere Hoffnung. Schließlich hatte Daniel nichts böses getan und es gab eigentlich keinen Grund, ihm das Visum zu verweigern. Meine Mutter schrieb eine Email, an die Botschaft und erklärte den Sachverhalt. Sie sagte, Daniel wolle lediglich 3 Monate bei uns leben, um die deutsche Kultur näher kennenzulernen.

Lange erfuhren wir überhaupt nichts. Die Botschaft kann sich bis zu drei Monaten Zeit nehmen, um ein Remonstrationsverfahren zu überprüfen, was etwas lächerlich erscheint, wenn man bedenkt, dass man das Visum erst drei Monate vor Reiseantritt beantragen kann. Schließlich erhielten wir Anfang Mai eine erneute Ablehnung. Daniel würde nicht nach Deutschland reisen! Meine Enttäuschung war riesengroß. Ich kann und will einfach nicht verstehen, warum man einem jungen Menschen das Recht versagt, andere Länder zu bereisen und neue Erfahrungen zu machen. Im Brief, den die Botschaft uns schickte hieß es: Es gäbe keine Beweise für Daniels große Familie und sein soziales Umfeld, das ihn laut unserer Aussage an Ecuador band. Auch erwähnt wurde die fehlende Bestätigung Musiker ohne Grenzens. Als Bestätigung für die Rückkehrwilligkeit könne zum Beispiel Immobilienbesitz gelten. Aber welcher junge Student aus Ecuador besitzt schon eine Immobilie?

Das Handeln der deutschen Botschaft hat mir gezeigt, wie Menschen, nicht nach ihrem eigenen Wert, sondern nur nach dem Wert des Geldes beurteilt werden. Mir war nicht klar, wie schwierig es für Ausländer sein kann, nach Deutschland, als Tourist einzureisen. In Kolumbien und Peru herrscht keine Visumspflicht für den Schengenraum. Inwiefern unterscheidet sich Daniel von einem jungen Menschen aus Kolumbien? Ich finde keine Antwort auf meine Fragen und die deutsche Botschaft hielt es auch nicht für nötig sie zu beantworten. Ich weiß, ich werde Daniel ein ganzes Jahr lang nicht wiedersehen können, da auch mir im Moment das ecuadorianische Konsulat kein Visum für Ecuador ausstellen kann. Es ist für mich schwer zu begreifen, weshalb die Behörden, zwei junge Menschen, die zusammen sein möchten, lieber durch noch mehr Grenzen trennen. Für mich wären 90 Tage eine kleine Ewigkeit gewesen. Aber die deutsche Botschaft begriff das nicht. Sie begriff überhaupt nichts. Sie wollte nicht verstehen, wer wir sind und wo wir herkommen. Sie wollte nur Grenzen schaffen, wo es eigentlich keine Grenzen geben sollte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.