Trenchtown und Sprachlosigkeit

Bob Marley everywhere!
Auch hier gibt es Schuhe auf der ein oder anderen Leitung
Das Fundraising Fußballspiel bei meiner Ankunft
Blick von der Dachterrasse ins Ghetto
Mein Bett in unserem Wohn-/Schlafzimmer
Der Trench
Hier wächst ein Baum durchs ganze Haus, hier durch die Küche

Nach unserer kleinen Inseltour ging es dann also endlich auf die Reise an den Ort, wo ich die nächsten 3 Monate leben werde. Von den Dunn’s River Falls fuhren wir zunächst ins Reggae Hostel zurück, holten unsere dort gelassenen Sachen ab und fuhren mit einem Bus der Locals nach Kingston, also kein Touribus. „Local’s Bus“ – was stellt man sich da vor? Flixbus? Stadtbus? Ooooh, das läuft hier anders ab! Es handelte sich um einen Kleinbus, der bis zum Überlaufen mit Menschen vollgestopft wurde, so +/- 5 Menschen in jeder Dreier-Sitzreihe. Kein Gang zum durchlaufen mehr, diese werden mit weiteren klappbaren Sitzen zugestopft. Das reicht natürlich nicht für den kleinen Verkehrskulturschock: Es läuft natürlich auch super laut Musik! Und mit laut mein ich ungelogen Diskolautstärke! Selbst meine Ohropax hatten nur eine mildernde Wirkung auf das Ganze. Es handelte sich hauptsächlich um Gospel und natürlich auch Reggae. Neben mir saß eine ziemlich schlecht gelaunte Mutter mit ihrem Sohn auf dem Schoß, die ihr Kind nur lieblos rumschubste und anschrie, aber beim Klang der Songs lauthals inbrünstig mitgröhlte. Spannende Mischung.

Natürlich löcherte ich die anderen Freiwilligen (welche da sind: Yannis, Cheyenne, Max und Isabella) vor meiner Ankunft mit so manchen Fragen zu unserem Leben in Trenchtown. Sie betonten jedoch das, was meine Mentorin (Hallo Marie :D) bereits sagte: mach dir selbst ein Bild davon. Jeder erlebt den ersten Trenchtown-Eindruck anders. Nach circa 2 Stunden Fahrt stiegen wir also aus dem Bus. Bus und Taxi sind hier übrigens Hauptverkehrsmittel und wahnsinnig günstig: von Ocho Rios nach Kingston-Trenchtown haben wir jeweils 500J$, also unter 3,50€ gezahlt. Wenn wir mit dem Taxi von Trenchtown nach Downtown (anderer Kingston-Stadtteil nebenan) fahren, zahlen wir pro Person 100 J$, also keine 70ct!

Kulturschock vom Feinsten!

Trenchtown, oder Kingston 12. In meinem Reiseführer wird es als Slumviertel bezeichnet.

Wir steigen aus und direkt sehe ich den Trench – es ziehen sich mehrere, die Straßen teilende Flussgräben durch den Bezirk. Die Stimmung ist ganz anders als in den Orten, wo wir bisher waren, auch so fern vom Tourismus. Es ist hier unglaublich weitläufig. Wir liefen erst mal 10 Minuten die Collie Smith Drive entlang – vorbei an weiteren kaputten Gebäuden, insbesondere diese kleinen Häuser mit Wellblechdach. Bunt bemalte Wände mit Psalmen oder Bob Marley Sprüchen beschrieben, Leute, die uns komisch anschauen, vergitterte Shops, wilde Ziegen und Hunde, Müll, Fußballfelder, es riecht komisch, es ist immer noch ziemlich bewölkt (obwohl es gerade nicht, wie die vorigen Tage, geregnet hatte :D), und und und …

Es war viel los in der Straße, ein Fußballturnier für die Jugend war gerade voll im Gange, als wir in unserem Haus gegenüber ankamen. Wir legten unser Zeug in unseren Zimmern ab. Es schlafen jeweils 3 von uns in je einem Zimmer, wobei das Zimmer, in welchem ich gelandet bin, auch so eine Art Wohnzimmer ist, sodass eigentlich immer noch andere Bewohner des Hauses im Raum sind. WOW – waren das viele Eindrücke, die es zu verarbeiten gab! Gleich nachdem wir unsere Sachen abgelegt hatten, gingen wir zu besagtem Fußballturnier rüber. Während die anderen Freiwilligen sich freuten, nach ihrem Urlaub wieder „zuhause“ zu sein und von allem möglichen Leuten begrüßt wurden, fühlte ich mich überflutet von Ereignissen. Erst mal unser Haus: obwohl ich von den anderen bereits wusste, dass es zum Beispiel keine Waschmaschine gibt, dass fließendes Wasser auch mal ein Stündchen nicht vorhanden sein kann und warmes Wasser sowieso nicht da ist, dass wir viele auf engem Raum sind, dass es einfach andere Hygieneumstände als die in Deutschland sind, usw… war es wie ein Schlag ins Gesicht! So unglaublich anders, so fremd war mir dieses Gebäude, die vielen fremden Gesichter und diese Lautstärke! Jamaika ist laut, Trenchtown vielleicht am lautesten. Alles, was ich auf unserer kleinen Jamaikatour bisher gesehen hatte, war wiederrum so völlig anders als das Leben, welches ich hier zu Gesicht bekam. Nicht nur das Haus war ein enorm heftiger Eindruck. Auch wenn unser Gastbruder Suarez schon ein stark Patois angehauchtes Englisch spricht und ich somit schon ein bisschen Patois zu hören bekam, ist es trotzdem abgefahren auf einmal mit vielen, vielen Leuten zusammen zu wohnen, die alle so sprechen! Ich würde euch so gerne so genau wie möglich das hierige Lebensgefühl beschreiben, oder zumindest den ersten Eindruck davon, den ich jetzt in knapp einer Woche erhalten habe, aber ich schaff es einfach nicht. Für mich fühlt es sich wie eine andere Welt an, auch wenn das jetzt schrecklich kitschig übertrieben klingt. Liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich bisher noch keinen Fuß außerhalb Europas gesetzt habe. Das Weiteste was ich bisher zurückgelegt hatte, waren 5h Flug auf die Kanaren. Jetzt bin ich hier, ganze 8000km von Deutschland entfernt und schlagartig überrascht einen das Gefühl, das sogar die Zeit anders schlagen würde. Ich bin so wahnsinnig gespannt, wie sich dieses Gefühlschaos jetzt Tag für Tag entwirren und verändern wird.

Wenn ich ganz ehrlich bin, so war einer meiner ersten Gedanken nach all diesen Sinneseindrücken und Gedankenverwirrungen: „Wie um alles in der Welt willst du es hier 3 Monate aushalten?“ Ich war so schockiert von mir selbst, dass diese Frage überhaupt in mir aufkam. Das war doch genau das, was ich wollte, ein heftiger Kulturschock! Und als ich diesen endlich erzielt hatte, war mir die ganze Geschichte anscheinend doch zu heftig. Sehnsüchtig dachte ich an meine hinter mir gelassene Welt, so sauber, leise, alles bekannt und so klar und eindeutig. Die erste Nacht war natürlich schlafmäßig dementsprechend auch nicht besonders gut. Es fühlte sich alles einfach falsch an. Zum Glück weiß ich von den anderen Freiwilligen, dass jeder von den neuen Umständen so dermaßen erschlagen war.

Es blieb aber nicht lange so. Bereits an meinem dritten Tag – nach einer Runde Strand, einer lustigen, abenteuerlichen Taxifahrt und einer großen Portion gute Laune durch endlich besseres Wetter – spürte ich, wie Trenchtown, wie das Leben im Ghetto mich anfing zu packen, zu faszinieren, zu beeindrucken und einfach nur wahnsinnig viel Freude zu machen. Offene, lustige Menschen, die unterschiedliche Träume verfolgen oder doch nur träumen und mit denen man richtig leicht und unkompliziert ins Gespräch kommt. Andere Lebensansichten. Ein tolles Haus mit einer riesigen Dachterasse, die frühe Morgende und lange Abende einfach traumhaft machen. Musik überall, zum Aufwachen und Einschlafen, zum Abhängen und mitsingen. Auch wenn man hier der offensichtliche Ausländer, eben der „Whitie“ ist, wird dies bei weitem nicht zu einem Problem.

Soweit mein erster Trenchtowneindruck! Ich freu mich wahnsinnig auf eine spannende Zeit!

Hier wird nicht „enjoyed“, denn dann wäre ja ein „end“ in der Sache. Hier wird „fulljoyed!“

Eine Antwort auf „Trenchtown und Sprachlosigkeit“

  1. Liebe Claudia,
    wow! Wahnsinn, was Du schon alles erlebt hast! Es macht riesigen Spaß, Deinen Blog zu lesen – Du schreibst echt super!
    Ich wünsch Dir weiterhin ein gutes Eingewöhnen, unglaublich viele, positive Erfahrungen und natürlich Sonne! ?
    Dicken Drücker aus dem kalten Deutschland

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