Dahoam is dahoam

Ich warte am Busterminal in Guyaquil auf ein Taxi, nachdem ich mal wieder von einer Reise zurückgekehrt bin. Ein hilfsbereiter Herr spricht mich an und will wissen, was mein Ziel ist – als ich „Guasmo Sur“ sage, stellen sich ihm buchstäblich die Haare auf. „Guasmo Sur? En Serio? Es peligroso!“ Fast will er mich nicht gehen lassen. „Es peligroso!“, ruft er mir noch einmal hinterher.

Solche und ähnliche Erfahrungen machen wir Freiwillige häufig, wenn wir erzählen, wo wir in Ecuador wohnen. Selbst in Playas oder Cuenca will man es uns kaum glauben, dass wir tatsächlich aus dem Guasmo kommen. Der Guasmo gilt als eines der gefährlichsten Viertel in Guayaquil, was auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Sein Ruf wird geprägt von Überfällen, Drogen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Manchmal haben wir Probleme, ein Taxi zu finden, das uns nach Hause bringt – manche Fahrer wollen gar nicht, andere nur zu Wucherpreisen in den Guasmo.

Dieser Ruf kommt nicht von ungefähr. Letztens gab es auch hier im Gebiet um die Musikschule wieder vermehrt Überfälle, wobei die Täter offenbar selten aus der direkten Umgebung stammen. Als Jenny mit letzte Woche am Dienstagabend erzählte, um die Ecke sei gerade jemand umgebracht worden, hielt ich das erst für einen Scherz – doch tatsächlich war in der Straße nebenan ein Mann erschossen worden. Vom Dach der Musikschule beobachteten wir die Menschenmenge, die sich um den toten Körper scharte. Sicherheitshalber blieben wir ein bisschen länger im abgesperrten Gebäude, ehe wir den gemeinsamen Heimweg zu den jeweiligen Häusern antraten. Tags darauf kam der Mord in den Nachrichten – mit Aufnahmen aus dem Guasmo und einer Computersimulation, wie die Tat wohl abgelaufen war. An der Stelle, an der der Mord passierte, gehe ich jeden Tag vorbei.

Dennoch habe ich mich in meiner Zeit hier noch nie wirklich unsicher gefühlt. Zwar durfte ich in den ersten Wochen noch nicht alleine raus, vor allem nicht bei Dunkelheit, aber mittlerweile kenne ich die Leute hier – und sie kennen mich. Wenn ich von meinem Haus zur Musikschule gehe, werde ich alle paar Meter von Anwohnern begrüßt. Generell ist es einfach wichtig, sich an gewisse Regeln zu halten, um Gefahr zu vermeiden oder wenigstens auf ein Minimum zu beschränken. Wertvolle Gegenstände sollte man nicht unbedingt durch die Gegend tragen, nachts ist man besser in Gruppen unterwegs. Seit dem Mord letzte Woche bin ich etwas aufmerksamer geworden, wenn sich ein Auto von hinten nähert. Mit der Zeit kennt man auch die Straßen und Wege, die man lieber nicht so oft benutzt. Normalerweise ist der Teil des Guasmo, in dem ich wohne, aber relativ sicher – vor zwanzig Jahren muss das noch ganz anders ausgesehen haben, erzählt mir mein Freund Allan. Es habe Bandenkämpfe gegeben, quasi täglich Schießereien. Zum Aufschwung hat offenbar auch Mi Cometa, also die Organisation, für die ich arbeite, beigetragen – mit vielen verschiedenen Projekten, wie zum Beispiel der Musikschule. Dass Drogen immer noch nicht vollständig aus dem Guasmo verschwunden sind, merkt man natürlich – man sieht auch oft Obdachlose oder reglose Männer, die betrunken am Straßenrand liegen. Heute kann man sich aber frei bewegen, ohne fürchten zu müssen, dass einem hinter jeder Ecke jemand auflauert.

Ein für mich viel sichtbareres Problem als die Kriminalität ist der Müll. Wohin man auch schaut, überall liegen Abfall, Verpackungen, Plastiktüten und alles Mögliche auf der Straße. Gestern habe ich gesehen, wie ein kleiner Junge einen Saft getrunken hat, die Flasche absetzte und in den offenen Abwasserkanal am Straßenrand warf. Zwar gibt es durchaus eine Müllentsorgung, die auch gut funktioniert, doch in der Bevölkerung hier scheint einfach kein Bewusstsein für diese Thematik vorhanden zu sein. Da schmeißt der Taxifahrer nach dem Konsum eines Wackelpuddings die Plastikverpackung einfach aus dem Fenster. Da bekommt man in jedem Laden für jeden – pardon – Scheiß eine Plastiktüte. Da gibt man Knochenreste und ähnliches einfach den Straßenhunden – und wenn kein Hund kommt, bleibt der Abfall eben liegen. Das schaut nicht nur unschön aus, sondern sorgt auch für ein olfaktorisch – nun ja, interessantes – Erlebnis bei einem Spaziergang durch den Guasmo. Hygienisch ist diese Art, mit dem Müll umzugehen, auch nicht besonders – genauso wie Abwasser oft einfach auf die Straße entleert wird.

Der Umgang mit dem Müll ist kein exklusives Problem des Guasmo – in großen Teilen Ecuadors sieht man sich ständig von Plastikabfall umgeben. In Mompiche haben Vincent und ich mit einem gefundenen Behälter Plastik am Strand aufgesammelt – was allerdings nur möglich war, da das Sammeln dort wenigstens noch sinnvoll schien. An der Küste scheint es generell besser zu sein – in Manabí habe ich sogar ein Plakat gesehen, das die Leute aufforderte, ihren Lebensraum nicht zu verschmutzen. In den Großstädten dagegen kümmern sich die Menschen wenig darum – die Verkäufer in den Läden sind immer ganz verwirrt, wenn wir insistieren: „Sin funda, gracias, no necesitamos un funda!“ – also keine Plastiktüte wollen. Grundsätzlich wird alles doppelt und dreifach verpackt – das soll wohl hygienischer sein, sorgt aber nur für noch mehr Müll. Immerhin gibt es immer mal wieder positive Überraschungen, beispielsweise Mülltrennung in einem Park in Quito. Als ich die drei Abfalleimer sehe, bin ich ganz begeistert. Und hoffe, dass der Müll nicht hinterher wieder vermischt wird…

Am Freitag vor einer Woche waren wir übrigens bei der kleinsten Demonstration, die ich bisher gesehen habe – vor dem Regierungsgebäude in Guayaquil hatten sich ein paar Menschen versammelt, um gegen den Umgang mit dem Klimawandel und die Ressourcenverschwendung zu protestieren. Selbst nach Ecuador hat es „fridays for future“ geschafft. Viel mehr als neunzig, hundert Leute waren nicht zusammengekommen, doch davon ließen wir uns nicht entmutigen und marschierten tapfer mit – im Kreis, denn für mehr waren wir zu wenig Teilnehmer. „No plastico! No plastico!“, wurde unter anderem immer wieder skandiert.

Spaziert man durch den Guasmo, fällt einem nicht nur der viele Plastikmüll auf – auch die Lautstärke ist eine ständige Begleitung. In vielen Straßen wird man aus allen Richtungen von Musik beschallt: Die Leute stellen ihre Boxen vor ihr Haus und drehen maximal auf. Und gefühlt ist es immer die gleiche Musik. Gewisse Songs kann man nach ein paar Wochen einfach nicht mehr hören… Olivias Nachbarn machen grundsätzlich jede Nacht fiesta, an Schlaf ist da oft nicht zu denken. Ab vier Uhr früh fangen außerdem die Hähne an zu krähen, die allerdings offenbar ein sehr schlechtes Zeitgefühl besitzen und sich an keine Regelmäßigkeit halten. Davon wache ich übrigens nicht auf, dagegen bin ich längst abgehärtet. Eher noch sind es die Obst-, Gas- oder irgendwas-Verkäufer mit ihren Tretwägen, die morgens mit ihrem Geschrei meinen Schlaf beenden. Manchmal ist man da schon ganz froh, am Wochenende wegzufahren und ein bisschen Ruhe zu bekommen. Aber gleichzeitig gehört die Geräuschkulisse auch einfach zum unverwechselbaren Charakter des Guasmo.

Die Häuser des Guasmo sind sehr verschieden. Nicht nur gibt es alle möglichen Farben zu sehen, auch unterscheiden sich die Bauten sehr an Größe und Qualität. Eher wenige Häuser besitzen mehr als ein Stockwerk, dafür ragen diese dann aber deutlich heraus. Manche Grundstücke haben eine Mauer, andere einen kleinen Garten, manche Eingänge kann man nur über eine Leiter erreichen, wieder andere über eine Planke, die den Abwasserkanal überbrückt. Manche Häuser schauen im Vergleich richtig gemütlich und wohnlich aus, viele sind jedoch nur graue Klötze mit Fenstern. Das Haus meiner Familie würde ich so in die „Mittelklasse“ einstufen – wir haben nur ein Stockwerk und weder Garten noch Garage, aber die Fassade ist gestrichen und das Wellblechdach ist intakt.

Wenn man eines der Häuser betritt, fällt einem meist sofort ein großer Flachbildfernseher auf. Egal wie alt der Boden oder wie ranzig die Wände, einen Fernseher besitzt fast jede Familie. Oft ist der Bildschirm das wichtigste Objekt im ganzen Zimmer. Doch damit nicht genug; viele Familien haben Netflix, einen Computer, Spielkonsolen und die neuesten Handys, Internet sowieso. Für mich ist das immer noch schwer zu verstehen – die technische Ausstattung ist besser als in manchen Häusern in Deutschland, dafür fehlt es auf der anderen Seite an grundlegenden Dingen – zum Beispiel Privatsphäre, da die Wände nicht bis zur Decke gehen. Mir scheint es oft, als hätten die Menschen hier andere Prioritäten als in meinem bisheriges Umfeld. Einerseits kann ich das schon verstehen – gerade in einem weniger entwickelten Land möchte man vielleicht die gleichen Sachen haben wie die Menschen in beispielsweise Deutschland und den USA, außerdem ist der Fernseher oft die einzige Beschäftigungsquelle. Andererseits befremdet es mich, dass man den Kindern lieber singende Puppen und Elektrozeug für teures Geld kauft als Bauklötze und Puzzles. Oder dass Geld für Internetserien da ist, es aber für den nächsten Einkauf auf dem Markt oder Krankenhausbesuch knapp wird. Ich bin vorsichtig mit Urteilen, weil ich natürlich nur auf meine eigenen Eindrücke und die der anderen Freiwilligen zurückgreifen kann, aber manchmal kommt es mir so vor, man wolle hier um jeden Preis westlich sein und vergesse dabei ein wenig, was eigentlich wirklich wichtig ist. In meinem Haushalt gibt es beispielsweise meines Wissens nach kein einziges Buch. Droht Langeweile, wird einfach der Fernseher eingeschaltet. Und ein Bekannter nimmt für alle zehn Meter sein Motorrad, statt zu Fuß zu gehen.

Trotz dieser teils seltsamen Relationen sind die meisten Menschen, die ich kenne, auf jeden Fall vernünftige Leute. Ich kenne keinen Freiwilligen, bei dem im Haus das Essen knapp wird – grundsätzlich können die meisten Leute schon mit Geld umgehen. Obwohl viele Eltern sehr jung sind, verstehen sie es, für ihre Kinder zu sorgen. Und bei Großprojekten hilft man eben zusammen: Im Januar haben wir Freiwilligen mit ein paar Ecuadorianern zusammen das Haus von Allans Familie gestrichen – die grün-weiße Fassade lässt das ganze Haus viel schöner aussehen als das alte, wässrige Grau.

In meinem Haus lebe ich eigentlich nicht viel anders als in Deutschland. Wasser trinkt man natürlich nicht aus dem Wasserhahn, sondern aus großen, blauen Behältern, die man in jedem Laden kaufen kann. In jedem Zimmer steht zudem ein Ventilator, da die Hitze sonst einfach nicht auszuhalten. Für die Wäsche haben wir eine Waschmaschine, die allerdings nicht immer funktioniert – ich gebe meine Kleidung deswegen oft José mit, der sie bei sich zuhause waschen kann. Die Fenster sind vergittert, die Tür auch; das ist Usus hier. Was mich manchmal ein bisschen stört, ist der starke Geruch nach Hund – wir haben drei Hunde, die nie das Haus verlassen. Im Guasmo gibt es zwei Arten von Hunden: Straßenhunde, denen man alle paar Meter begegnet, und Haushunde, die tatsächlich ihr ganzes Leben drinnen verbringen. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber diese Art von Hunden wird nicht nach draußen gelassen und soll wohl mehr als Wachhund fungieren. Unsere drei Exemplare sind etwa im Waschraum eingesperrt oder laufen frei durch die Wohnung – wo sie natürlich auch ihr Geschäft verrichten. Spaziert man durch den Guasmo, sollte man übrigens nicht allzu sehr erschrecken, wenn man plötzlich von oben angekläfft wird – einige Leute halten ihre Hunde auch auf dem Dach. Da haben schon einige Freiwillige einen leichten Schock bekommen…

Ein wenig fragwürdig finde ich die gesellschaftliche Einstellung der Leute hier – nicht die unserer Freunde, aber die der älteren Generationen. Deren Konservatismus sieht so aus, dass es offenbar in Ordnung ist, betrunken Frauen zu belästigen, als Mann den ganzen Tag oberkörperfrei zu sein, oder dass kleine Kinder Sex- und Vergewaltigungsszenen im Fernsehen anschauen. Was dagegen überhaupt nicht geht, ist, dass zwei junge Leute, die ein Paar sind, sich im selben Haus aufhalten – oder gar im selben Zimmer. Im Fernsehen werden ständig leicht bekleidete Damen oder gewalttätige Szenen gezeigt, im realen Leben ist jede Umarmung und jeder Kuss ein schlechtes Vorbild für die kleinen Kinder. Interessanterweise gibt es hier anders als in Deutschland, das eine sehr offene Gesellschaft hat, große Probleme mit zu jungen Müttern. Viele Frauen bekommen mit 17 ihr erstes Kind… Da sollte man vielleicht mal drüber nachdenken.

Als Frau sollte man sich übrigens bestmöglich ein metaphorisches dickes Fell zulegen, bevor man zu Besuch kommt – Hupen und Hinterherpfeifen sind hier an der Tagesordnung. Generell ist bei vielen Männern ein mehr oder weniger ausgeprägter Chauvinismus zu beobachten. Ein Extrembeispiel: In Ecuador kommt es öfters zu Gewalttaten, bei denen ein Mann seine Ex-Frau attackiert, weil sie nach der Scheidung mit einem anderen Mann zusammen ist. Solch abstruse Denkweisen sind also noch verbreitet, auch wenn meiner Einschätzung nach gerade ein Wandel vonstatten geht – auch weil es viele Organisationen gibt, die Projekte für Frauenrechte vorantreiben und Frauen selber für ihre Rechte eintreten. In Clave de Sur zum Beispiel haben wir ein absolut gutes Miteinander und alle haben Respekt voreinander. Egal ob Mann oder Frau.

Schon bei der Rückkehr von einer meiner ersten Reise hatte ich das Gefühl, heimzukommen. Und dieses Gefühl ist gewachsen: Trotz aller Probleme, die es hier unbestritten gibt, ist der Guasmo zu so etwas wie meinem Zuhause geworden. Einen großen Anteil daran hat meine Gastfamilie, die mich von Anfang an wie einen zusätzlichen Sohn behandelt hat. Da ist meine Mutter Filadelfia, die den Haushalt schmeißt; meine Tante Eladia, eine sehr süßte alte Dame; meine Großmutter Olinda, die ich jeden Morgen ihren Rollstuhl hebe. Da sind meine Brüder Leonardo, José Luis und Jairo – von Letzterem habe ich vor Kurzem eine Nachricht bekommen (er spricht ein paar Worte Deutsch):

Wenn ich Erheiterung brauche, spiele ich einfach dieses Audio ab 😉

Guayaquil ist bestimmt nicht die schönste Stadt Ecuadors, aber sie ist zu meiner zweiten Heimatstadt geworden. Die Fahrten zum Zentrum; die Hilfsbereitschaft der Menschen in der metrovía, wenn man wieder den Überblick verloren hat; das Busterminal im Norden der Stadt; und eben Guasmo Sur – wo mich der Herr vom Terminal nicht hinlassen wollte. Ich bin der Robin, und hier bin ich daheim.

Buen viaje

¡Buen viaje! – Gute Reise! Noch nie habe ich diesen Satz so oft gehört wie in den letzten Wochen. In meinen Ferien zwischen den beiden Prozessen bin ich mehr als einmal losgezogen, um Ecuador zu erkunden… doch fangen wir von vorne an.

Das Jahr 2019 beginnt für mich sehr entspannt. Dank der Ferien habe ich nicht wirklich etwas zu tun und Zeit zum in den Park Gehen, Instrumente Üben und natürlich zum Joggen. Einmal backe ich einen Bananenkuchen für meine Familie, und am Wochenende besuche ich mit anderen Mitarbeitern der Musikschule und Magdalenas Familie das Schwimmbad im Guasmo.

Für meinen Gastbruder José Luis ist der Jahresbeginn ungleich spannender: Am 3. Januar beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Und ich darf dabei sein! Am Vormittag fährt die ganze Familie, herausgeputzt und schön gekleidet, ins Zentrum, wo wir mehrere Stunden warten müssen. Dann endlich werden wir alle in einen Raum geleitet, in dem die Zeremonie stattfindet: José Luis Echeverría darf sich nun Ehemann von Karina López Hernández nennen.
Danach fahren wir in ein Restaurant, wo mit reichlich Sangría und Gegrilltem gefeiert wird. Das Essen ist gut, die Stimmung ausgelassen – wir verbringen einen sehr schönen Tag. Irgendwie hätte ich erwartet, dass die Hochzeit an sich ein bisschen anders sein würde, als ich es aus Deutschland kenne – trotzdem ist es natürlich immer ein Erlebnis, bei so einem Ereignis dabeizusein.

Ein paar Tage später endet dann meine Entspannungsphase – Hannahs Freunde Caro und Konrad kommen in Ecuador an. Konrad kenne ich schon vom Vorbereitungsseminar, er ist ein neuer Freiwilliger für Playas. Mit den dreien und Sarah breche ich am 7. Januar zu einer Stadtbesichtigung auf. So langsam sollte man ja auch mal die Stadt kennenlernen, in der man wohnt…

Wir fahren also zum Malecón und spazieren ein bisschen an der Promenade entlang. Dann geht es zum Wahrzeichen der Stadt: Das Viertel Las Peñas, dessen Häuser alle bunt gestrichen sind. Wir besteigen den mitten in der Stadt liegenden Hügel, vorbei an Rot, Gelb, Grün, Blau, Orange… Oben angekommen, haben wir einen tollen Blick über die Stadt. Von dort kann man sehen, wie riesig Guayaquil eigentlich ist…

Am Tag darauf geht es zum ersten Mal richtig los. „Buen viaje“ wünscht mir meine Familie, bevor ich mich mit Jenny, Sarah, Hannah, Caro und Konrad treffe, um nach Cuenca aufzubrechen. Von Cuenca habe ich alle, die schon dort waren, nur schwärmen hören, deswegen müssen wir dort auch mal hin. Allein schon die Busfahrt gibt den Vorschusslorbeeren recht, denn es geht auf Gebirgspässen immer höher – der Blick aus dem Fenster ist viel besser als der Film, der natürlich auf den Bildschirmen im Bus läuft. Etwa vier Stunden dauert die Fahrt, dann sind wir da.

Da – ja, aber die Frage ist erstmal: Wo genau? Etwas hilflos irren wir umher und finden schließlich das Busterminal Richtung Zentrum. Dort gabelt uns eine sehr nette ältere Dame auf, die uns erklärt, wo wir hinmüssen, und mit in den Bus nimmt. Und nicht nur das: Im Zentrum angekommen, führt sie uns eine halbe Stunde lang kreuz und quer durch die Straßen, um ein Hostel für uns zu finden. Wir wehren ab, wollen nicht ihre Zeit verschwenden – doch offenbar traut sie uns nicht zu, selber weiterzusuchen… 😉 Irgendwann finden wir ein Hostel, das selbst wir für bezahlbar halten, und verabschieden uns von der Dame. Sie hält Jenny übrigens zuerst für eine Spanierin, als sie sich mit ihr unterhält – also Kompliment, Jenny!

Was einem zuerst auffällt, wenn man von Guayaquil nach Cuenca kommt: Es ist kalt. Richtig kalt. Drei oder vier Lagen sollte man schon anhaben, wenn nachmittags die Sonne verschwindet. Als zweites fällt einem auf, dass die Schwärmereien wahr sind: Cuenca ist tatsächlich richtig schön. Den Abend und den folgenden Tag verbringen wir in der Altstadt, auf dem Markt, am Fluss, im Park, in der Kathedrale, spazierend… Wir starten einfach am Parque Calderón, der nah an unserem Hostel liegt, und gehen in irgendeine Richtung los. Man findet immer etwas Sehenswertes. Und wenn dann noch die Sonnenstrahlen durchkommen, so wie an unserem zweiten Tag, kann man gar nicht anders, als Cuenca zu mögen…

Wir zwingen uns, am nächsten Tag früh aufzustehen, weil wir mit dem Bus in den Nationalpark Cajas fahren wollen. Ich habe bereits eine kalte Dusche hinter mir (Warmwasser gibt es zufälligerweise nur bei den Damen), als wir das Ticket lösen und die zweistündige Fahrt beginnt. Der Bus schlängelt sich immer weiter die Berge hinauf, die Aussicht wird immer besser. Ein bisschen erinnert mich die Landschaft ans schöne Bayern… Als wir aussteigen, schlägt uns eine frostige Kälte entgegen. Ich bin froh, am Vortag einen abrigo, eine warme Jacke, in Cuenca gekauft zu haben, denn der Fleece und die Regenjacke wären wirklich zu wenig.

Um uns aufzuwärmen – und nebenbei die Gegend zu erkunden – beginnen wir, um den See zu wandern. Für eine der Mehrstundentouren sei unsere Ausrüstung zu schlecht, erklärt uns die Dame im Nationalparkbüro, wo wir uns als Besucher registrieren müssen. Wir nehmen trotzdem einmal eine Abzweigung, um die Runde um den See etwas zu verlängern. Die Wanderung ist richtig schön. Ich lasse einfach mal ein paar Fotos sprechen…

Am Schluss unseres Weges sehen wir sogar – nun ja, Tiere. Ob es Lamas oder Alpakas sind, kann keiner von uns sagen, aber anschauen tun wir sie trotzdem gerne. Ein bisschen neidisch bin ich schon auf dieses warme Fell…

Als wir zurück in Cuenca sind, verabschieden sich Hannah, Caro und Konrad Richtung Isla de la Plata. Sarah, Jenny und ich bleiben noch ein bisschen in der Stadt, weil wir in der Nacht nach Baños weiter wollen. Eigentlich verbringen wir einen entspannten Abend im Hostel – dann bekommt Sarah plötzlich eine Nachricht: Marlon, ein ecuadorianischer Graphic Designer, der auch schon Nesta ein Tatto gestochen hat, ist gerade in Cuenca. Wir ändern also spontan unsere Pläne, fragen uns zu dessen Hostel durch – und los geht‘s. Sarah bekommt ein Tattoo über den Fußknöchel und Jenny und ich eine Live-Darbietung eines Tatto-Stechens. Was man hier nicht alles erlebt ^^

In Baños kommen wir im Morgengrauen des nächsten Tages an und fragen uns erst einmal, wo das Zentrum ist. Dann stellen wir fest, dass wir mittendrin sind – die Stadt ist so klein, dass man in einer halben Stunde vom einen zum anderen Ende spazieren kann. Wir finden also ein Hostel und holen erst einmal den Schlaf nach, der uns im Bus nicht wirklich vergönnt war.

Trotz der geringen Größe hat Baños einiges zu bieten. Wir besuchen den Markt, schauen uns einige Souvenirgeschäfte an, spazieren zum Park und zur Kirche. Mir gefällt die ruhige Atmosphäre und die von Bergen umzingelte Lage. Von fast überall in der Stadt aus sieht man den Cascada de la Virgén, einen der vielen Wasserfälle in der Gegend. Am Samstag in der Früh stehen Jenny und ich um halb sechs Uhr auf und gehen zu den heißen Thermen am Fuße des Wasserfalls. Dort kann man mit tollem Ausblick schwitzen und sich ausruhen. Später am Abend, als wir nochmals den Wasserfall besichtigen, diesmal mit Sarah, sehen wir, warum der Reiseführer empfiehlt, früh in die Thermen zu gehen: In den Becken sieht man mehr Körper als Wasser, das Schwimmbad ist überfüllt. Am Morgen war das doch deutlich angenehmer…

Später am Tag unternehmen wir eine „Adventure“-Busfahrt zu verschiedenen Wasserfällen. Weil es nicht allzu teuer war, kann ich mich darüber amüsieren, wie touristisch die Fahrt aufgezogen ist – wir werden quasi von Geldausgebemöglichkeit zu Geldausgebemöglichkeit kutschiert. Unser Gruppenleiter kann es gar nicht verstehen, dass wir kein Canopy und keine Gondelfahrt für sechs Dollar möchten und lieber nur zuschauen. Nebenbei sehen wir auch tolle Landschaften und Wasserfälle, besonders beeindruckend der Pailon del diablo, die „Teufelsschlucht“. Sehr beeindruckend neben den Wassermassen sind auch die Menschenmassen, die sich den engen Weg zum Aussichtspunkt hinunterschieben. Das ist eben die Kehrseite des beschaulichen Baños: Die Stadt ist sehr auf Tourismus ausgelegt, und das merkt man auch.

Noch früher als am Samstag stehen wir am Sonntag auf, um den Bus um kurz nach fünf auf einen Berg zu fahren – dort steht ein Casa de árbol, ein Baumhaus, und man hat einen tollen Blick auf den Vulkan Tungurahua. Dieser Vulkan ist übrigens in den letzten Jahrhunderten immer wieder mal ausgebrochen, und Teile von Baños gelten immer noch als Risikogebiet, aber die Stadt ist meist verschont geblieben, weil der Vulkan auf der anderen Seite tiefer ist und deshalb andere Gebiete betroffen sind – zumindest habe ich das so verstanden. Allerdings sind in der Kirche mehrere Gemälde von den bisher schlimmsten Ausbrüchen des Tungurahua, die offenbar in der Stadt mehrmals für Chaos sorgten. Blickend auf den Vulkan können wir mit großen Schaukeln über den Abgrund schaukeln – was spektakulärer aussieht, als es ist, und schnell extrem anstrengend wird, weil die Schaukeln so nah am Boden sind, dass man immer seine Beine anziehen muss. Aber ein paar gute Fotos sind auf jeden Fall drin… 

Um Mittag herum begleite ich Jenny und Sarah zurück zum Terminal; für die beiden geht es weiter nach Quito. Mein Bus zurück nach Guayaquil geht am Abend, weshalb ich noch etwas Zeit habe, durch Baños zu spazieren. Unter anderem bekomme ich von einer Frau einen Schokoriegel geschenkt, die sich mit mir unterhalten will, (was wir auch tun), bestellte im Restaurant unwissend die große Portion Chaulafan und besuche die Thermen etwas außerhalb der Stadt. Dann heißt es auch für mich „adiós“, und ich setze mich in den Bus zurück nach Hause.

Ein paar Tage später heißt es schon wieder „buen viaje!“ – doch vorher hören wir (Hannah, Caro und Konrad sind auch wieder im Guasmo) noch ein Konzert des Jugendsinfonieorchesters von Guayaquil (mein Schüler Paúl spielt mit) und holen Maïa, die die letzten drei Wochen in USA und Pakistan verbracht hat, von Flughafen ab. Jetzt steht das nächste große Abenteuer an: Gemeinsam mit den Freiwilligen aus Playas und Olón geht es in den Dschungel – la selva ruft.

Das erste „Abenteuer“ wird es, die Anfahrt zu überstehen. Zwölf Stunden Bus, mit dem Taxi zum Fluss, zehn weitere Stunden mit dem Boot. Das ist genauso anstrengend, wie es sich anhört. Mit dem Bus fahren wir nach Coca, von wo es weitergeht nach Nuevo Rocafuerte. Dort beziehen wir ein Hostel und schlafen erst einmal. Den Schlaf haben wir bitter nötig, denn am nächsten Tag geht es um sechs Uhr früh richtig los – wir tauschen unsere Schuhe gegen Gummistiefel ein und steigen in das Boot von Fernando, unserem Führer, mit dem wir die nächsten drei Tage verbringen werden. Mit in der Gruppen sind noch zwei Frauen aus Frankreich beziehungsweise Belgien, die sich uns kurzfristig angeschlossen haben. Das ist uns nicht unrecht – denn so wird es für jeden etwas billiger.

Mit dem Boot fahren wir in den Nationalpark Yasuní – so heißt der größte Nationalpark Ecuadors. Anhand einer Karte erklärt uns Fernando, wo wir uns in den nächsten Tagen bewegen werden – und wo eher nicht, weil uns dort Eingeborene mit Speeren durchbohren würden. Wir machen uns also auf zur ersten Wanderung und staunen über die vielen Eindrücke des Urwalds. Nach einer Weile beginnt es zu regnen – das Gefühl, trocken zu sein, werden wir innerhalb der nächsten Tage fast vergessen. Später fahren wir zu unserem Camp, das aus einem überdachten Tisch mit einer Art Küche und drei Zelten besteht, in denen wir schlafen werden. Dort essen wir zu Mittag, dann geht es aufs Erkundungstour mit dem Boot durch die Lagune. Wir sehen viele verschiedene Vogelarten, Affen – und für einen Sekundenbruchteil auch einen rosafarbenen Delfin aus dem Wasser aufblitzen. Wir glauben Fernando nur zu gern, wenn er uns erzählt, dass es im Amazonasgebiet eine Artenvielfalt gibt wie sonst fast nirgendwo…

Am nächsten Tag brechen wir um fünf Uhr früh zu einem anderen Geheimplatz auf, wo wir Papageien beobachten wollen. Da es aber regnet wie aus Kübeln, kommen die Papageien nicht – für uns ergibt sich dadurch immerhin später am Tag die Möglichkeit einer Matschwanderung. Jeder einen langen Stock in der Hand, folgen wir Fernando durch den Sumpf und balancieren dabei auf Baumstümpfen und Ästen, um nicht im Matsch einzusinken. An einigen Stellen stecken wir den Stock in den Sumpf – und werden nur noch vorsichtiger, als wir sehen, wie tief er einsinkt. Zum Glück kommen wir alle wohlbehalten wieder an und gehen zur nächsten Aktivität des Tages über: Piranhafischen. Das hört sich spektakulärer an, als es ist – vor allem, weil die kleinen Biester so schlau sind, sich den Köder von der Angel zu holen, ohne selber draufzugehen. Wir versenken gefühlt einen riesigen Berg Köder im Wasser, ziehen aber kaum etwas hinaus. Hannah ist die einzige, der das Kunststück gelingt – ihre Panik beim Herausziehen des Fisches ist sehr unterhaltsam und entschädigt uns anderen für unsere ergebnislose Geduld 😉

 

Dass der Dschungel nicht ungefährlich ist, wird deutlich, als uns Fernando zum wiederholten Male ermahnt, die Zelte gut zu schließen und am nächsten Morgen die Schuhe zu überprüfen – er erzählt ein paar Horrorgeschichten von Touristenbegegnungen mit Taranteln und ähnlichen. Wie zur Unterstreichung macht er eine Nachtwanderung mit uns, bei der er uns zeigt, welche Tiere und Pflanzen uns töten oder andere unangenehme Dinge tun könnten. Wie zufällig sehen wir sogar die giftigste Schlange des Dschungels, nur ein paar Meter von den Zelten entfernt… Nicht alle können in dieser Nacht gut schlafen.

Am dritten Tag geht es wieder früh raus, Papageien beobachten. Diesmal haben wir Glück und sehen viele Farbtupfer im Baum. Danach fahren wir in ein Indigenen-Dorf, das so ein bisschen wie ein „living museum“ funktioniert – wir helfen bei der traditionellen Herstellung von Pan de Yucca, einem Fladen aus Yucca, und können hinterher unsere Arbeit probieren. Jetzt weiß ich, wie ich mich ernähren kann, wenn ich mal im Dschungel verlorengehe! 😉

Über die Rückfahrt möchte ich nicht viele Worte verlieren, nur so viel: Sie ist noch anstrengender als die Hinfahrt, warum auch immer. In Guayaquil habe ich ein paar Tage Verschnaufpause, lerne unter anderem die neue französische Freiwillige Cyrielle kennen, bevor ich am Freitag auch schon wieder mit „buen viaje“ verabschiedet werde – gemeinsam mit Maïa breche ich auf Richtung Küste. Diese knapp zweiwöchige Reise ist schnell erzählt: Wir verbringen ein paar Tage in Olón, wo wir Nesta und die dortigen Freiwilligen treffen sowie an einem Abend ins sagenumwobene Montañita (das ist die Partystadt Ecuadors) gehen, und fahren dann über Chone und Esmeraldas nach Mompiche. Unglücklicherweise wird erst Maïa krank, dann stecke ich mich an – einen Großteil der Reise verbringen wir also mit Schal und Decke im Bett. In Mompiche wollen wir übrigens erst ins Techo Rojo – doch dort angekommen müssen wir feststellen, dass das Meer einen Teil des ehemaligen Hostels zerstört hat. Trotz Einsturzgefahr betreten wir die Zimmer, in denen ich vor drei Monaten noch mit Vincent geschlafen habe. Copy treffe ich zufälligerweise später in Mompiche – und kann mich deutlich besser mit ihm auf Spanisch unterhalten als beim letzten Mal.

Am 5. Februar geht es wieder zurück nach Guayaquil, wo wir Maïas Gepäck abholen, da sie im nächsten Monat für eine Organisation namens Kasa de Colores in Quito arbeiten wird. Am 8. Februar kommen wir in der ecuadorianischen Hauptstadt an und werden von angenehmer Kühle empfangen. In Quito scheint vormittags meistens die Sonne, am Nachmittag fängt es dann zu regnen an und nachts ist es richtig kalt. Wir machen uns gleich auf in die Altstadt und staunen über die schönen Plazas und Iglesias. Auch die Neustadt von Quito hat einiges zu bieten, aber weil wir nicht so die Partygänger sind, verbringen wir dort nur einen Abend. Am Sonntag besuchen wir das Museo de la ciudad und die Basílica Voto Nacional. Die Stadt gefällt uns insgesamt viel besser als Guayaquil – man hat zum Beispiel von überall einen tollen Ausblick entweder auf das Tal oder die Berge. Auch fühlt sich die Stadt nicht so zusammengedrängt an, die Atmosphäre ist irgendwie freier. Ein bisschen beneide ich Maïa schon, dass sie hier arbeiten darf…

Am letzten Tag fahren wir noch mit dem Teleférico, einer Gondel, auf den Berg Pichincha im Westen der Stadt. In 20 Minuten geht es auf etwa 4000 Meter über n. N. – von oben kann man auf die ganze Stadt hinunterblicken. Allerdings ist es auch, pardon, saukalt, weswegen wir die Aussicht nicht zu lange genießen. Am Abend bringe ich Maïa noch zu Kasa de Colores in den Stadtteil Guápulo, wo sie am Vortag schon eine Einführung bekommen hat und wir bei der Gartenarbeit geholfen haben. Dann heißt es für mich wieder Abschiednehmen, denn in Guayaquil erwartet mich der nächste Prozess – bald ist wieder Arbeit angesagt. Früh am Morgen des 13. Februars komme ich an, und damit endet meine vorerst letzte Reise. Nun ja, zumindest letzte Reise im Februar – denn mit der Erkundung von Ecuador bin ich noch lange nicht fertig.

Der neue Prozess beginnt am Montag, schon jetzt bereiten wir die Musikschule dafür vor. Dort werde ich dann bis April wieder als Musiklehrer arbeiten – und danach wird es wieder heißen: „Buen viaje!“

Noche de Paz

Noche de Paz, Noche de Amor… Betritt man im Dezember die Musikschule, klingen von allen Seiten Weihnachtslieder heran. Die letzten Wochen des Prozesses stehen ganz im Zeichen der Vorbereitung auf das Weihnachtskonzert. Mi burrito sabanero, Campana sobre campana, Feliz navidad… Draußen liegt zwar kein Schnee, doch die Musik sorgt für reichlich Weihnachtsstimmung.

Auch an meinem Geburtstag wird natürlich konzentriert an den Liedern gearbeitet. Ende der Woche sollen wir die Liste abgeben, welcher Schüler in welchem Ensemble spielen wird – mitunter gar nicht so einfach, einzuschätzen, welches Stück der betreffende Schüler bis zum Konzert noch lernen kann. Mit Ashley, einer Geigenschülerin, habe ich erst den 1. Finger gelernt – ob ich da überhaupt ein gutes Arrangement hinbekomme? Und wenn man sich wenigstens darauf verlassen könnte, dass die Schüler auch immer zum Unterricht kommen…
Am Abend können wir dann erst einmal ein wenig durchschnaufen – und feiern ein bisschen im Haus von Jennys Familie. Ich bekomme ein Trikot von Barcelona Guayaquil und eine schöne Geburtstagskarte. Ziemlich sicher die erste viersprachige Geburtstagskarte, die mir bisher geschenkt wurde…

Am Freitag, den 14. Dezember treffen wir uns morgens an der Musikschule, um zum Malecón zu fahren, der Promenade am Guayas. Dort findet eine Messe statt, bei der wir Clave de Sur repräsentieren und vorstellen sollen. „Messe“ ist dann nicht wirklich das Wort, das mir später bei der doch überschaubaren Menschenmenge in den Sinn gekommen wäre, doch wir legen uns natürlich trotzdem ins Zeug und unterhalten die Passanten mit Jazzimprovisation, Viva La Vida, Weihnachtsliedern und mehr. Einmal kommt eine Schulklasse vorbei, die die Instrumente ausprobieren darf und ein kleines Konzert bekommt – sich danach aber mehr begeistern lässt vom Stand neben uns, eine Puppe, die zu Popsongs tanzt. Am Nachmittag räumen wir die Instrumente wieder zusammen und machen uns, trotz des geringen Andrangs während der „Messe“, gut gelaunt auf den Heimweg. Erst haben wir wieder das Problem, dass kein Taxi nach Guasmo fahren will, doch irgendwann finden wir eines und verladen die Instrumente. Ich gehe mit ein paar anderen Freiwilligen noch auf den nahegelegenen Markt – es müssen ja auch noch Geschenke besorgt werden…

Musikalisch geht es auch am Tag darauf weiter: Die Ensembles fürs Konzert werden geprobt. Die Organisation sieht dabei so aus, dass alle Schüler um 10 Uhr kommen sollen und man dann irgendwie schaut, wer mit wem proben kann. Für uns Lehrer ist es wohl eine gute Schulung in Sachen Multi-Tasking, muss man doch gleichzeitig immer wieder überprüfen, ob wieder ein Schüler aufgetaucht ist (ich bin mittlerweile immerhin soweit, dass ich natürlich nicht mehr davon ausgehe, dass auch wirklich alle um 10 Uhr da sind), andere Schüler, mit denen man noch nicht proben kann, irgendwie beschäftigen, und selbst Ensembles beaufsichtigen beziehungsweise in ihnen spielen. Am Ende bin ich froh, überhaupt ein paar Proben zusammenbekommen zu haben, weil etwa die Hälfte meiner Schüler nicht gekommen ist – ich aber trotzdem keine ruhige Minute hatte. Immerhin steht nun „Ave Maria“, und auch „Noche de Paz“ konnten wir ein paar Mal durchspielen. Und es gibt immer wieder schöne Überraschungen; beispielsweise spielt Tomas seinen Part plötzlich fehlerlos und Hernán setzt den 2. Finger richtig – den Rest, so hoffe ich, können wir in der letzten Woche noch korrigieren…

Abends bin ich zum ersten Mal bei einer Familienfeier eingeladen. Jairo, meine Mutter, meine Tante und ich fahren mit dem Auto durch halb Guayaquil zum Haus der Eltern von Karina, José Luis‘ Verlobten. Dort lerne ich Verwandte und Freunde der Familie kennen und erzähle zum Beispiel von meiner Tätigkeit als freiwilliger Musiklehrer in Clave de Sur. Jorge, Karinas Vater, hat offenbar vor Jahren mal bei einer Sing-Talentshow im Fernsehen mitgemacht und dabei fast gewonnen. Seitdem ist es Tradition in seinem Haus, bei den Feiern Karaoke zu singen. Da bin ich natürlich dabei – und habe sofort neue Fans 😀 Ich gebe ein paar englische Popsongs zum Besten, Jorge liefert eine perfekte Imitation von Julio Jaramillo – er hat wirklich eine tolle Stimme. Einige Bierflaschen später – habe ich eigentlich schon erzählt, wie man hier trinkt? Es gibt wenige Becher, die herumgereicht werden. Bekommt man den Becher, leert man ihn zügig und gibt ihn wieder dem Ausschenker – geht es in der Nacht wieder heim Richtung Guasmo. Zwar hat auch Jairo, der das Auto fährt, durchaus einige Becher getrunken – doch damit scheint man es hier nicht so genau zu nehmen…

Während der Reunión am Montag darauf spaziert plötzlich jemand Altbekanntes in die Musikschule – Miriam ist wieder da! Nach Aufenthalten in Playas und Olón ist sie zurück nach Guayaquil gekommen, von wo aus sie am Donnerstag zurückfliegt – wie auch Moritz, der am Dienstag im Guasmo aufschlägt. Zum Abschied gibt es am Mittwochabend eine kleine Feier im Haus von Marcos. Miriam hat die paar Tage noch genutzt, um in der Musikschule ein Wandbild aufzuhübschen – nun haben wir eine schöne Erinnerung, wenn wir täglich daran vorbeigehen.

Die Woche hält noch eine andere Überraschung bereit – Regen! Am Montagnachmittag schüttet es tatsächlich mal aus Kübeln. Regen in Ecuador – ja, sowas gibt es! Vor Freude laufen einige von uns vor die Musikschule und lassen sich vollregnen. Das erste Mal richtig Regen nach zwei Monaten Trockenheit… In der gleichen Woche regnet es noch zweimal, die Regenzeit kündigt sich also an. Bei der Hitze ist das eigentlich eine willkommene Abkühlung, allerdings erzählen manche Freiwillige, dass es in ihre Häuser reinregnet – ich bin zum Glück bisher noch trocken geblieben…

Gleichzeitig geht natürlich das Üben fürs Konzert weiter. Am Mittwoch müssen wir eigentlich keinen Unterricht mehr geben – aber ich lasse trotzdem alle meine Schüler kommen, weil die Lieder noch nicht so gut sitzen. Für Ashley habe ich noch ein einfaches Stück gefunden, das sie zusammen mit ihrer Schwester Danna spielen soll. Trotzdem hätte ich für einige Schüler gerne noch ein paar Unterrichtsstunden mehr vor dem Konzert…

Tags darauf findet kein Unterricht mehr statt, denn am Nachmittag steht die presentación de danza an – in Clave de Sur wird auch Tanz unterrichtet. Dafür fahren wir ins Centro Cultural Ecuatoriano Alemán, das im Zentrum Guayaquils liegt. Der Großteil der Freiwilligen begleitet Miriam und Moritz zum Flughafen, Nesta und ich dagegen verabschieden uns schon früher von ihnen und werden dann im Laderaum des Transportwagens mitgenommen. Die ruckelige Fahrt durch Guayaquil, dessen Straßen und Häuser wir durch den Schlitz zwischen Abdeckung und Fahrzeugwand erspähen können, ist ein Erlebnis der ganz eigenen Art… Im Centro Cultural angekommen, verladen wir die Gerätschaften und bauen alles auf. Gleichzeitig sehen und hören wir uns ein bisschen im Haus um – hier kommt es und schon sehr deutsch vor. Aber vielleicht liegt das auch einfach daran, dass wir seit Monaten mit niemand anderem als untereinander Deutsch gesprochen haben. Die Präsentation beginnt dann aber natürlich wie gehabt nach ecuadorianischer Zeitrechnung eine Stunde später als geplant. Nun gibt es eine Stunde lang Tänze zu bestaunen und Musik zum Mitklatschen – das Publikum ist begeistert.

Für uns Musiklehrer ist der große Moment am nächsten Tag gekommen: Weihnachtskonzert, ebenfalls im Centro Cultural. Zuvor (wir müssen um 6.30 Uhr aufstehen!) begleiten Hannah und ich allerdings noch unsere Schüler Ashley und Danna bei einem Vorspiel in ihrer Grundschule. Diese neue Erfahrung ist vor allem eines: laut. Aber die Schülerinnen und Schüler scheinen sich über die Darbietung zu freuen, und die Mutter von Ashley und Danna ist ganz stolz auf ihre Töchter. Danach fahre ich mit meinem Bruder José Luis noch schnell zur zapatería, um das Loch in meinen Auftrittsschuhen reparieren zu lassen – für das Konzert soll ja alles stimmen.

Ab etwa vier Uhr nachmittags fängt der Stresspegel dann an zu steigen. Zuerst einmal stecken über eine Stunde im Weihnachtsverkehr Guayaquils fest, obwohl wir unseren Schülern eingeschärft haben, pünktlich um fünf Uhr im Centro Cultural zu sein. Das ist erst mal noch kein Problem – es kommt natürlich auch kein Schüler pünktlich. Aufgrund Letzterem wird es jedoch dann kritisch, weil wir eigentlich viel zu wenig Zeit für die Generalprobe haben. Mehrere meiner Schüler kommen erst kurz vor knapp, zwei gar nicht, und mit meiner Klavierschülerin Tiffany kann ich das Stück nicht mehr durchspielen, weil das Klavier durchgehend besetzt ist. Ich sage ihr also, „du kannst es, spiel‘ einfach nicht zu schnell“ und hoffe das Beste. Dann geht es auch schon los.

Über Rodolfo el Reno geht es über Mi Burrito Sabanero und Ave Maria bis zu Noche de Paz. Wir treten mit der grupo de violín auf – sogar mit Tänzerin bei unserem Danza de la hada de azúcar – und singen Petit Papa Noël mit dem Französischkurs. Meine Lieblingsschülerin Tiffany hält sich an die Vorgabe – und spielt langsam, aber dafür fehlerfrei. Maikol am Klavier erschwert es unserer Sängerin Sarah bei Ave Maria, indem er durchgehend falsche zusätzliche Pausen setzt, doch es klingt trotzdem schön und niemand bekommt meine Schweißausbrüche während des Stücks mit. Selbst das Noche de Paz-Ensemble mit drei Geigenschülern von mir klappt gut, obwohl ich über jenes am Wochenende zuvor noch recht ernüchtert gewesen war. Alles in allem ist es ein schönes Konzert, und mit dem Weihnachtsbaum sowie der Dunkelheit draußen – und insbesondere der Kälte durch die wieder viel zu starken Klimaanlagen – fühlt es sich fast wie daheim an.

Mit Aktivitäten ist es damit aber noch nicht getan – am 22. Dezember steigt eine fiesta für die niños in der Musikschule. Wir machen Musik, tanzen, spielen und es gibt ein Geschenk für jedes Kind. Am Nachmittag fahre ich mit Hannah, Sarah und Maïa zu einer presentación – wir wissen nur, dass wir bei einer Feier ein paar Stücke spielen sollen. Dort angekommen, stellen wir fest, dass es sich um eine Art Schönheitswettbewerb der Nachbarschaft handelt: Gesucht wird die „Miss Navidad“ in drei unterschiedlichen Altersgruppen. Und wir sollen nicht nur in den Pausen ein bisschen Musik machen, sondern Sarah und mir werden auch gleich Stift und Papier in die Hand gedrückt – wir gehören jetzt zur Jury. War das nicht schon immer mein Traum, sich mal zu fühlen wie Heidi Klum? Jedenfalls sollen wir jetzt junge Mädchen in den Kategorien Tanz, Gang, Monolog und Kleid bewerten. Lustig ist das irgendwie schon, auch wenn ich vom Konzept eher nicht so begeistert bin… Am Ende küren wir jeweils die Erste, Zweite und Dritte und alle Teilnehmerinnen bekommen ein Geschenk. Wir werden mit den besten Wünschen verabschiedet und von einem der Organisatoren, einem netten älteren Herren, wieder nach Hause gebracht.

Dort findet in Clave de Sur die dritte fiesta des Tages statt: Wir feiern Samuels Abschied und ab 24 Uhr auch Maïas Geburtstag. Am Sonntag nämlich fliegt Samuel zurück nach Deutschland. Alle gemeinsam bringen wir ihn zum Flughafen und es gibt eine tränenreiche Verabschiedung. Ich hatte eine schöne Zeit mit Samuel und bin mir sicher, dass wir uns nicht das letzte Mal gesehen haben…

Und dann ist plötzlich der 24. Dezember da – Heiligabend. Mit meiner Familie, diesmal sind auch meine abuela und Leonardo dabei, fahren wir wieder zu Karinas Eltern. Mit vereinten Kräften schaffen wir es zu dritt, die Großmutter im Rollstuhl die Treppen nach oben zu wuchten. Belohnt werden wir mit dem Weihnachtsessen. Irgendwann packe ich meine Geige aus und spiele ein paar Weihnachtslieder – und stehe dabei neben dem bunt geschmückten Weihnachtsbaum. Auch Karaoke darf an diesem Abend natürlich wieder nicht fehlen, bis kurz vor zwölf: Wir zählen die Sekunden herunter und pünktlich zum 25. Dezember umarmen wir uns alle gegenseitig und wünschen feliz navidad. Dann verteile ich meine Geschenke: Für die ganze Familie habe ich zwei Tassen gekauft, eine von Emelec und eine von Barcelona – bezüglich des Fußballclubs ist meine Familie gespalten. Außerdem habe ich jedem eine Karte gebastelt und einen kurzen, persönliche Text auf Spanisch hineingeschrieben. Nun wird noch ein bisschen weitergefeiert, dann geht es auch schon wieder zurück nach Hause. Ehrlich gesagt hätte ich mir vielleicht ein bisschen mehr erwartet, nachdem ich von vielen Ecuadorianern gehört hatte, dass Weihnachten so groß gefeiert wird – aber es war natürlich trotzdem ein schönes Fest. Und mit meiner ecuadorianischen Familie bin ich immer gern beisammen.

Ein paar Tage später, am 28. Dezember, fahren wir noch einmal ins Krankenhaus, um dort Musik zu machen – ich verpasse beinahe die Abfahrt, weil mein Wecker nicht klingelt und ich fast eine ganze Stunde verschlafe, doch zum Glück weckt mich meine Mutter und auf die ecuadorianische Verspätung ist Verlass. Im Krankenhaus selbst sorgen wir wieder für gute Stimmung, allen voran unsere verrückte Tänzerin Carla. Außerdem bekomme ich eine Salbe gegen meinen Hautausschlag, den ich offenbar von der Hitze bekommen habe. Insgesamt also wieder ein sehr gelungener Ausflug…

Abends findet die cena navideña statt, bei der auch Projektgründerin Magdalena dabei ist – gemeinsam mit ihrem Mann Rodolfo und ihren zwei Kindern ist sie vor ein paar Tagen nach Ecuador gekommen. Außerdem hat Ysis Geburtstag – wir kommen also aus dem Feiern gar nicht mehr heraus. Auch weil wir am nächsten Tag bei der Quinceañera einer Schülerin eingeladen sind – der 15. Geburtstag eines Mädchens wird hier groß zelebriert. Es ist sehr interessant, dieser Tradition beizuwohnen – allerdings bin ich am nächsten Tag erkältet, weil die Klimaanlage mal wieder auf Hochtouren gelaufen ist…

Das Jahr 2018 verabschiede ich dann zuhause, gemeinsam mit der Familie – diesmal kommen Karina und José Luis zu uns in den Guasmo. Im Laufe des Abends gibt es drei Stromausfälle – der erste sogar für über eine Stunde – doch das hält uns nicht vom Feiern ab. Schon am Abend fängt das Geböllere an, immer wieder gibt es kleiner Feuerwerke. Um Mitternacht geht es dann richtig los: Gemäß der Tradition verbrennen wir unseren Muñeco – das sind teilweise mannshohe Figuren aus Pappmaché, die in bunten Farben bemalt sind. Schon Wochen vorher konnte man Hunderte von ihnen am Straßenrand sehen, das ist ein beeindruckender Anblick. Im Inneren der Figuren sind Feuerwerkskörper, sodass sie irgendwann unter einem Höllenlärm explodieren. Explodieren tut eigentlich auch sonst alles andere, hat man das Gefühl – wer Silvester in Deutschland für laut hält, sollte mal in den Guasmo kommen. Jetzt erlebe ich also auch das komplette Gegenteil von Noche de Paz… Als ich am nächsten Morgen um sieben von der fiesta bei Marcos zurückkomme, sitzen fast alle aus meiner Familie immer noch draußen und feiern… Für mich ist jedoch erst einmal Schlafen angesagt. Was auch immer 2019 für mich bereithalten wird – so müde bin ich wahrscheinlich in noch kein anderes Jahr gestartet…

¡Feliz año nuevo a todos!

Lichterketten bei 35 Grad

Als ich vor ein paar Tagen in den Kalender geschaut habe, bekam ich einen Schreck: Offenbar sind die letzten Wochen vorbeigegangen, ohne dass ich es wirklich bemerkt habe. Mein letzter Blogeintrag datiert vom 15. November – ich sollte mich wohl mal wieder an den Computer setzen und meine Erlebnisse in einen Artikel verwandeln. Bei 30 Grad Außentemperatur gar nicht so einfach… Zum Glück schreibe ich mir am Ende des Tages immer auf, was ich so gemacht habe, sonst wäre ich verloren. Also versuche ich es jetzt – mal sehen, was dabei herauskommt 😉

Meine vierte Woche in Ecuador beginnt, welch‘ Überraschung, mit einer Partie Joggen. Wir schaffen diesmal nur vier Runden um den Park, weil die Wolken uns ihre Unterstützung versagen und die Sonne herunterbrennen lassen. Aber was wir morgens an Ausdauer vermissen lassen, holen wir am Abend auf andere Art und Weise nach: Im Haus von Marcos feiern wir den Geburtstag von Moritz. Moritz ist ein spannender Zeitgenosse: Als Gitarrenbauer ist er auf der Walz und reist in Ecuador gemeinsam mit Miriam zu allen MoG-Projekten, um sich nützlich zu machen. Am 12. November besteht dies darin, den Geburtstagskuchen anzuschneiden – der nicht nur gut aussieht, sondern auch sehr gut schmeckt. Weniger gut ist hier übrigens das Bier, das relativ teuer, aber von eher geringer Qualität ist – aber vielleicht hat man auch einfach zu hohe Ansprüche, wenn man aus Bayern kommt.

Der Kuchen wird am nächsten Morgen selbstverständlich durch fünf Runden wieder ausgeglichen. Mein treuer Laufpartner ist Nicolas, der meist im Olympique Marseille-Trikot durch die Morgenstunden joggt. Dass er aus dem Land des Weltmeisters kommt, merkt man wohl daran, dass er immer den Schlussspurt gewinnt… aber letztes Mal war es schon ganz knapp!

In Clave de Sur gibt es nicht nur Musikunterricht, die Ecuadorianer können auch Fremdsprachen lernen. Angeboten werden Englisch, Deutsch und Französisch – weil ich in dieser Stunde frei habe, besuche ich ab jetzt aus Interesse die Französischstunden bei Nicolas. Ich meine, wir haben ja noch nicht genug damit zu tun, Spanisch zu lernen – warum dann nicht gleich noch eine andere Sprache? „Comment ça va“ und „je suis allemand“ kann ich schon sagen, und „j‘ai des tongs grises, un short beige et un t-shirt bleu“. Nicolas lobt mich, ich sei sein bester Schüler – das möchte ich natürlich in aller Bescheidenheit nicht kommentieren, aber zumindest scheint es für mich nicht so schwer zu sein wie für die meisten Ecuadorianer, „voyager“ auszusprechen…

Mit meinen eigenen Schülern bin ich auch zufrieden. Zwar macht nicht jeder so schnell Fortschritte wie meine Lieblingsschülerin Tiffany, aber bei allen bemerke ich von Mal zu Mal Verbesserungen. Auch im Violinensemble kommen wir voran – und der Dansa de la Hada de Azúcar, der „Tanz der Zuckerfee“ wird schon immer leichtfüßiger. Auch wenn Angel gerne das Rennen anfängt… Ich selber spiele übrigens die Cellostimme, die ich mir schnell für die Geige in den Violinschlüssel umgeschrieben habe. Das klingt gar nicht so schlecht. Derzeit haben wir nämlich kein Cello, weil Miriam mit Moritz nach Playas gereist ist. Zum Weihnachtskonzert ist sie aber wieder da und kann ihren Part wahrscheinlich wieder übernehmen.

Neben meinen Französischstunden bekommen wir Freiwilligen jetzt auch Spanischunterricht: Am Donnerstag quält Gary uns mit Zungenbrechern, am Freitag lernen wir von Diego und Allan das Alphabet. Und auch ein paar Beleidigungen… die kann ich mir komischerweise viel besser merken als alles andere, ich weiß auch nicht warum 😉 Vielleicht, weil ich sie so oft höre… der Umgang im Guasmo ist etwas eigen. Aber die Beleidigungen sind nicht böse gemeint… man spricht sich einfach als „mi perro“ oder „maricón“ an. Die schlimmeren Schimpfwörter werde ich hier mal nicht wiedergeben…

 

Die Organisation ist auch anders, als man sie vielleicht von zu Hause gewohnt ist. Als wir uns am Samstag vor der Musikschule treffen, um ins Kino im Stadtzentrum zu gehen, werde ich plötzlich nach oben gerufen, um einer Schülerin Unterricht zu geben. Also spiele ich eben eine Dreiviertelstunde Geige mit Leslie und komme dann mit Samuel und Juleisy nach. Den Anfang des Films verpassen wir dadurch zwar, aber das stellt sich als nicht so tragisch heraus, da ich von den „Fantastischen Tierwesen“ auf Spanisch sowieso nicht allzu viel verstehe. Verblüfft bin ich vom riesigen Kinosaal in der Mall, der von der Größe alles toppt, wo ich bisher im Kino war. Das ist schon ein krasser Gegensatz zu unserem sonstigen Umfeld in Guasmo.

Am 18. November gibt es was zu feiern: Ich bin seit genau einem Monat in Ecuador. Ich habe ein langes und nettes Gespräch mit meiner Gastmutter über meine bisherige Zeit. Seit José Luis vor ein paar Wochen zu einer Reise in die USA aufgebrochen ist, habe ich übrigens eine neue Aufgabe im Haushalt: Ich hebe meine abuela, meine Großmutter, immer vom Bett in den Rollstuhl und umgekehrt. Sie kann kaum etwas alleine machen, und ich helfe natürlich gerne. Einmal begleite ich sie und meine Mutter zur Untersuchung im Krankenhaus und stelle beim Hin- und Rückweg fest, wie rollstuhlunfreundlich die Wege im Guasmo gebaut sind. Auf die Gehwege kommt man wegen der hohen Randsteine nicht, auf der Straße gibt es immer wieder Humps, weil die Autofahrer sonst gar nicht bremsen würden. So muss ich ein paar Liter Schweiß extra aufwenden, um meine Großmutter wieder nach Hause zu bringen. Ach, Stichwort Familie: Ich habe übrigens herausgefunden, dass Jairo doch nicht mein Cousin, sondern mein Bruder ist… das hat eine Zeitlang gebraucht 😀

Zum Wochenbeginn gibt es dann leider erstmal Stress mit Marcos, einem der Koordinatoren, der sich über die nächsten Tage zieht. Um den eigentlichen Konflikt (wir hatten alle vor, am Wochenende zusammen mit einer ecuadorianischen Familie nach Salinas zu deren Haus zu fahren, sollen aber die Musikschule streichen) geht es bald nicht mehr; die Lösungen, die wir für das Problem suchen (zum Beispiel, schon am Freitag zu streichen), werden abgeblockt. Marcos versteht leider auch nicht, dass es oft das Wie wichtiger ist als das Was – die Kommunikation scheint allgemein nicht zu seinen größten Stärken zu gehören. Es endet dann damit, dass wir die Reise absagen müssen – aber dann doch nicht malen können, weil die Farbe nicht geliefert werden kann. Für die Reise nach Salinas ist es zu spät, weil die Familie umplanen musste. Das hinterlässt ein unschönes Gefühl bei vielen von uns.

Am Mittwoch werde ich jedoch auf andere Gedanken gebracht: Gemeinsam mit Paúl, einem meiner Geigenschüler, fahre ich zum Malecón – so heißt die Promenade am Guayas – um dort eine Versammlung des Ministerio Salud Pública musikalisch zu begleiten. Wir spielen ein paar Stücke auf Geige und Klavier und hören Vorträge über verschiedene Initiativen in Guayaquil im Gesundheitswesen. Es ist eine interessante Erfahrung und wir bekommen viel Applaus – ein gelungener Ausflug. Und für Clave de Sur geben wir dabei auch eine gute Visitenkarte ab.

Zwei Tage später sind mal nicht unser musischen, sondern unsere kulinarischen Fähigkeiten gefragt: Wir Freiwilligen sollen ein typisch deutsches Essen für unsere Gastfamilien kochen. Wir entscheiden uns für Kartoffelpuffer, Fleischpflanzerl (für Nicht-Bayern: Frikadellen) und Salat – ich bin in der Gruppe Kartoffelpuffer. Nach dem Einkaufen auf dem Markt und in der Mall sind wir den ganzen Vormittag damit beschäftigt, Kartoffeln zu schälen und zu reiben. Zauberer Petrosilius Zwackelmann (falls hier jemand Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ kennt) hätte seine Freude an uns gehabt. Dann wird die Kartoffelmasse mit viel Öl – in Ecuador wird nichts gebraten, ohne dass es regelrecht im Öl schwimmt – in der Pfanne in Puffer verwandelt. Nesta und ich stehen stundenlang am Herd und wenden Kartoffelpuffer. Die anderen sind derweil auch nicht untätig, sodass um etwa halb acht (offizieller Beginn: halb sieben) im Auditorium der Musikschule alles für die Cena aufgebaut ist. Es beginnt ein schöner Abend mit guten Unterhaltungen und natürlich gutem Essen, das allen zu schmecken scheint. Wir Freiwilligen müssen auf der Bühne jeweils eine Aufgabe erfüllen, die wir aus einem Lostopf ziehen – Hannah und ich zum Beispiel sollen uns auf Guasmenisch unterhalten – unsere Kenntnisse des Slangs mit Worten wie „posi“ für „gut“ und „mi perro“ für „mein Freund“ sorgen für große Heiterkeit im Publikum.

Das Wochenende verbringe ich mit fast der gleichen Reisegruppe wie zwei Wochen zuvor in Playas. Dort besuchen wir Miriam, essen empanadas beim ältesten Empanadas-Restaurant von Playas und baden im Meer. Wir übernachten bei Gabriel – einem Freund von Miriam, dem sie das Cello repariert hat. Er und seine Frau besitzen eine pasteleria – eine Konditorei – und ein großes Anwesen, das teilweise aus Garten und teilweise aus Atelier besteht. Der Sohn ist Künstler, er zeigt uns einige seiner wirklich beeindruckenden Bilder. Gabriel hat viel zu erzählen – und das auf vielen verschiedenen Sprachen. Er spricht Spanisch, Französisch, ein bisschen Italienisch, Deutsch und Englisch. Die Familie kommt eigentlich aus Belgien und ist nach Ecuador ausgewandert. Dort wohnen sie nun direkt am Meer, mit großem Haus und einem gut laufenden Geschäft.
Viel zu schnell müssen wir aber wieder zurück nach Guayaquil – den Wochenendausflug war Playas auf jeden Fall wert.

Auch die nächste Woche ist wieder gut gefüllt, unter anderem feiern wir Hannahs Geburtstag (mit drei Schüsseln voll patacones und einem riesigen Kuchen), proben für einen Ausflug ins Krankenhaus und gehen natürlich wieder fleißig joggen. Am Mittwoch kommt José Luis aus den USA zurück und hat viel zu erzählen. Am Donnerstag liege ich den halben Tag krank im Bett, dann schleppe ich mich doch in die Musikschule und gebe ein paar Stunden Unterricht. Für Französisch reicht meine Gesundheit allerdings diesmal nicht…

Gesundheit ist ein gutes Stichwort, denn am nächsten Tag treffen sich alle Mitarbeiter der Musikschule, um zu einem Krankenhaus am anderen Ende Guayaquils zu fahren. Wir haben zuvor mehrere Songs vorbereitet, die wir vorspielen – Carla macht die Animation und reißt mit ihrem Tanz vor allem die Kinder mit. Zuerst spielen wir im Wartesaal, dann bei den HIV-Patienten, schließlich auf der Intensivstation – dort treten wir als Streichensemble auf. Es ist eine sehr intensive Erfahrung. Eine vorher besprochene Zielsetzung ist, dass wir Freude vermitteln und bei allem Leid gekommen sind, um mit den Patienten Spaß zu haben. Das setzen wir auch in die Tat um, und wirklich können wir vielen Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Wir verlassen das Krankenhaus mit einem guten Gefühl – und werden im Dezember wiederkommen.

 

Eine zweieinhalbstündige Reunión voller Probleme am selben Abend schmälert das gute Gefühl zumindest bei mir wieder. Oft kommt es mir so vor, wir Freiwilligen werden, zumindest von einem der Koordinatoren, komplett anders wahrgenommen, als wir uns selbst wahrnehmen. In gewissem Sinne habe ich das Gefühl, in jeder Situation erst einmal im Generalverdacht zu stehen, etwas Schlechtes für Clave de Sur zu wollen. Das Gespräch mit der Koordination ist selten auf Augenhöhe, was uns ja eigentlich auf dem Vorbereitungsseminar beigebracht wurde. Es scheint, dass die Koordinatoren untereinander nicht kommunizieren und jeder sein eigenes Ding macht, worunter die allgemeine Atmosphäre leidet. Auch traut man sich als Freiwilliger oft nicht, Probleme in der Reunión anzusprechen, weil man nicht das Gefühl hat, das Lösungen gesucht werden, sondern eher, dass einem erklärt wird, die „Schuld“ liege bei uns selbst. Zum ersten Mal in meinen fünf Wochen Ecuador mache ich mir ernsthaft Gedanken über meine weitere Zukunft im Projekt, insbesondere den ersten Prozess 2019. Bisher war der Plan gewesen, im Prozess von Februar bis April noch in der Musikschule zu arbeiten und die letzten zwei Monate reisen zu gehen. So sicher bin ich mir dabei aber nicht mehr…

Eine weitere Reunión am Montag mit José Luis – diesmal nicht in seiner Funktion als mein Bruder, sondern als Präsident von Mi Cometa – verbessert mein Gefühl erheblich. Nicht nur ist alles verständlich und nachvollziehbar, was er sagt – es ist auch seine Art und Weise, wie er etwas sagt. Beispielsweise bedankt er sich gleich bei diesem ersten Treffen mit den Freiwilligen bei uns für unseren Einsatz und unseren Willen, ein Teil des Projekts zu sein. Das erwarte ich zwar nicht unbedingt, Marcos ist aber in fünf Wochen gemeinsamer Arbeit noch nichts Vergleichbares eingefallen. Auch scheint José anders als Marcos davon auszugehen, dass wir hier arbeiten und Teil von Mi Cometa sein wollen – was natürlich auch der Fall ist. Mit ihm findet man Lösungen, anstatt nach Problemen zu suchen.

Am Tag darauf findet ein Workshop zum Thema Kommunikation statt, der von den Vertretern der Organisation Una Opción Mas organisiert wird. UOM ist wie Musiker ohne Grenzen eine Partnerorganisation von Mi Cometa, die Freiwillige aus Frankreich entsendet. Der Workshop an sich ist durchaus interessant – nur fehlt leider, warum auch immer, die Person, die ihn am wichtigsten bräuchte, fast den kompletten Tag…

Den Sonntag zuvor verbringen wir übrigens mit allen Mitarbeitern von cds an der Musikschule – Inventur, Putzen und Streichen stehen an. Wir säubern das ganze Haus von oben bis unten, sortieren alle Instrumente und Noten, und verpassen der Fassade einen neuen Anstrich. Ich habe immer noch weiße und grüne Spritzer auf meinen Schuhen… Jetzt glänzt wieder alles – zumindest mehr oder weniger – und pünktlich zur Weihnachtszeit haben wir nun auch einen Weihnachtsbaum und Lichterketten in der Musikschule. Wenn man abends nach Hause geht, leuchtet und blinkt es sowieso von allen Seiten – das ist schon manchmal ein komischer Anblick und scheint hier so gar nicht hinzupassen. Auch kann es einem passieren, dass man bei 35 Grad schwitzend durch die Straßen geht und plötzlich von Weihnachtsliedern beschallt wird. So oder so ist es eine interessante, neue Atmosphäre – und, ganz ehrlich, ich bin momentan ganz froh, die Vorweihnachtszeit nicht in der deutschen Kälte zu erleben…

Der 24. Dezember wird offenbar, hat mir meine Gastmutter erzählt, richtig groß gefeiert. Ich bin schon sehr gespannt… Lange hin ist es nicht mehr. Darum geht es jetzt auch in den Endspurt fürs Weihnachtskonzert. Nächstes Wochenende werden wir die Ensembles proben, mit denen wir am 21. Dezember auftreten. bis dahin habe ich mit meinen Schülern noch einiges zu tun…