Für die Lyrikfreunde: Ein Reisebedicht

Für die Lyrikfreunde unter den Lesern gibt es meinen Beitrag über die Reise mit Vincent auch in Gedichtform:

Reisebedicht (für solcherlei Wortwitze ist sonst ein Freund von mir zuständig, aber den habe ich hier nicht dabei…)

Weiche Sessel, lange Stunden
Kilometer überwunden
Kalte Busse, warmes Zimmer
Hähnchen unterm Lampenschimmer.

Dicht gedrängt ans blaue Meer
Über hügeligen Teer
Suche nach der Unterkunft
Hilfe von der Fischerzunft
Techa Roja heißt das Ziel
(Kostet auch nicht allzu viel)
Große Zimmer, tolle Sicht
Leider fließt das Wasser nicht
Handstand machen, Baden gehen
Bis die kalten Winde wehen
Schlafen? Wir? Nein, jetzt noch nicht
Wir vertonen ein Gedicht
Freestylpe-Rap von A bis Z
Malen, Singen, dann ins Bett.

Acht, neun Uhr am morgen schon
Nach Mompiche, dort Bolón
Wandern an den schwarzer Strand
Fotos an der Felsenwand
Und mit frisch gestärktem Mut
Durch die wilde Wasserflut
Angelangt am trock‘nen Hafen
Erstmal eine Runde schlafen.
Dann fürs Kochen wieder fit
Doch der Ofen spielt nicht mit
Ist egal, es schmeckt auch so
Am Lagerfeuer sowieso
Musik und Rap bis in die Nacht
Es wird gesungen und gelacht.

Der letzte Tag, ein Bad am Morgen
Frühstück ohne Ofen-Sorgen
Tischtennis statt Dschungel-Gang
Vor den Schlangen ist uns bang
Aufräumen, Zusammenpacken
Denn die Zeit sitzt uns im Nacken
Kurz zu „Noname“ und zum Boss
Dort ein herzliches „Adiós“
Unterholz und Stacheldraht
Ersparen uns ein Wellenbad.
Es fährt, wir haben nochmal Glück
Der letzte Bus mit uns zurück.

Schlaflose Stunden, dann das Ziel
Am nächsten Tag: Guayaquil
So anstrengend die Busfahrt war
Nun sind wir glücklich wieder da
Musik, viel Spaß und kleine Preise –
Das war meine erste Reise.

Robin Waldenburg

Vom schwarzen Strand und dem Liebchen aus Lützelflüh

Nachdem sich der Beginn des neuen Prozesses nach hinten verschoben hat, habe ich plötzlich eine Woche mehr Freizeit. Wie heißt es so schön – unverhofft kommt oft. Getreu diesem Motto starte ich völlig ungeplant am Montagmorgen eine kurze Reise mit Vincent, einem anderen Freiwilligen aus der Musikschule. Vincent ist schon seit Januar in Ecuador und war die letzten beiden Monate reisend unterwegs. Einen besseren Mitreisenden könnte ich mir also nicht wünschen…

Wohin wir überhaupt wollen, wissen wir erst einmal noch gar nicht. Vincent hat etwas davon gesagt, dass er in Olón noch einen Zimmerschlüssel zurückgeben muss, außerdem sind die Wasserfälle in Baños und der Strand in Mompiche mögliche Ziele. Von Letzterem hat offenbar Robin sehr geschwärmt – ein anderer Freiwilliger, der vor Kurzem in Guasmo war. So kennt man hier immerhin meinen Namen…

Während der Busfahrt durch Guayaquil mit dem metrovía haben wir viel Zeit, über unser Ziel nachzudenken. Schließlich entscheiden wir uns, der Empfehlung meines Namensvetters Glauben zu schenken und Richtung Mompiche aufzubrechen. Etwa eine Stunde später steigen wir in den Reisebus nach Esmeraldas. Die Sitze sind bequem, die Temperatur ist angenehm – doch nach acht Stunden schmerzt auch der weichste Sitz. Außerdem ist es schon dunkel, und so beschließen wir, die Nacht in Esmeraldas zu verbringen. Wir checken in einem kleinen Hostel ein, das genau auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist: Ein Bett, Klo und Dusche – also alles, was das Herz begehrt. Wir laden dort unser Gepäck ab, dann suchen wir uns ein kleines Restaurant am Straßenrand. Dort esse ich arroz con poyo, Hühnchen mit Reis. Gesättigt kehren wir zurück ins Hostel und stellen den Wecker für den nächsten Tag auf halb sechs Uhr morgens. Vincent spielt noch ein Gutenachtlied auf der Gitarre, dann machen wir das Licht aus. Und den Ventilator auch – denn ab einem gewissen Wert müsste man für den Strom bezahlen. Da schwitzen wir lieber ein bisschen.

Am nächsten Morgen geht es früh mit einem kleineren Reisebus weiter nach Mompiche. Innerlich jubeln wir: Der Bus hat keinen Fernseher. Am Tag zuvor mussten wir unfreiwillig drei oder vier Ballerfilme anschauen, in denen kaum Dialoge, sondern fast nur Schüsse verstand. Stattdessen gibt es nun etwas ecuadorianische Musik, mit der die Zeit beschwingt vergeht. Über eine bergige Straße geht es etwa zweieinhalb Stunden immer wieder hoch und runter, dann sind wir da. Vielleicht fünfzig Meter vor uns: Das Meer.

Nun heißt es: Finde die Unterkunft. Und zwar die richtige. Das ist leichter gesagt als getan – Hostel um Hostel reiht sich aneinander, obwohl das Dorf – denn viel mehr ist Mompiche nicht – gar nicht so touristisch wirkt. Wir gehen den Strand entlang und fragen uns, wo wir einchecken sollen, da winkt uns einer der zahlreichen Fischer: Er meint, am Ufer, von dem wir kommen, sei es teurer – wir sollten geradeaus weitergehen und in dem Haus mit den roten Dächern nach „Copy“ fragen. Wir befolgen den Rat – und bereuen es nicht. El techo rojo wirkt ein bisschen wie eine Hippie-Bude, alles ist sehr provisorisch, es gibt kein fließendes Wasser. Die Aussicht aus dem hoch gelegenen Zimmer ist aber fantastisch. Wir sprechen mit Copy, dem Besitzer, der das Hostel erst kürzlich übernommen hat und momentan dabei ist, es wieder aufzubauen. Er ist Argentinier und ein echtes Original. Wir unterhalten uns kurz mit ihm, dann geht es wieder ins Dorf, um ein verspätetes Frühstück einzunehmen. Für zusammen fünf Dollar bekommen wir ein Menü mit Suppe, Hauptgericht und Saft. Übrigens in einem Restaurant, das seine Gäste mit dem Logo des Barcelona S.C. Guayaquil lockt – dem wohl beliebtesten Fußballverein Ecuadors.

Den Nachmittag verbringen wir mit verschiedensten Aktivitäten. Vincent übt sich im Jonglieren und macht Handstände, während ich alle paar Sekunden von der Slackline falle. Natürlich gehen wir auch baden, wobei ich zunächst kein hundertprozentig wohles Gefühl habe, weil ich nicht plötzlich von einem toten Fisch angespült werden will – am Strand haben wir zuvor viele Krebse, lebende Muscheln und eben Fischleichen gesehen. Aber die Sorge ist unbegründet und die hohen Wellen machen einfach Spaß. Etwas später kommt ein junges Pärchen aus den USA vorbei, das zum Surfen in Mompiche ist. Wir unterhalten uns nett, dann zeigt mir der Mann seine Slackline-Fähigkeiten und jongliert mit Vincent im Duo. Danach will ich an den Strand, um ein bisschen zu joggen – gefriere aber auf der Stelle in meinen Bewegungen: Vor mir schlängelt sich eine schwarz-gelbe Schlange durch den bewachsenen Untergrund. Da habe ich dann doch etwas zu viel Respekt und laufe lieber in die andere Richtung los. (Copy übrigens später auf Nachfrage: Giftige Schlangen? Klar, gibt es hier überall…)

 

Zum Abendessen kochen wir uns Nudeln mit einem Gemüseeintopf auf der Hostel-Küche. Ich kenne so etwas gar nicht, aber Vincent erklärt mir, dass es hier fast bei allen Unterkünften Camping-Küchen gibt, die die Gäste nutzen können. Überall erinnern einen nette Schilder, hinterher bitte auch abzuspülen… Das tun wir natürlich, und hinterher beginnen wir einen kreativen Abend auf unserem Zimmer, bei dem wir freestyle rappen und eines meiner Gedichte vertonen: Das „Liebchen aus Lützelflüh“ gibt es wohl auch bald als Song… 😉

Der nächste Tag beginnt wieder im Barcelona-Restaurant: Und zwar mit einem Gericht, von dem mir Vincent vorgeschwärmt hat. Bolón ist eine Kugel aus grünen Bananen, gefüllt mit zerflossenem Käse. Vincent jammert schon, dass es für ihn bald keine Maduros und Verdes mehr geben wird – in Deutschland werden fast nur Guineos importiert. Gestärkt von der ecuadorianischen Speise ziehen wir los zum playa negra – oder, wie Copy und die anderen Argentinier vom Hostel sagen: „plascha negra“. Und tatsächlich: Am „schwarzen Strand“ ist der Sand tiefschwarz, er fühlt sich auch ganz anders an als gewöhnlicher Sand. Wir wandern ein bisschen am Strand entlang, finden eine kleine Höhle und klettern über ein paar Felsen. Und wir schießen tolle Posen-Fotos…


Als wir wieder in Mompiche ankommen, ist die Flut deutlich angestiegen. Nur mit Mühe schaffen wir es, mehr nass als trocken am Hostel anzukommen. Vincent ist schlauer gewesen, er hat seine Badehose an… ich muss meine Kleidung erstmal zum Trocknen aufhängen. Nach diesem Abenteuer legen wir uns kurz hin – aus dem „kurz“ werden zwei Stunden. Die Meeresluft macht offenbar müde…

Zum Abendessen wollen wir uns empanadas machen, gefüllte Teigtaschen. In Mompiche haben wir dafür Fladen und Gemüse gekauft. Wir entscheiden uns dazu, den Holzofen zu benutzen statt der Pfanne – aber der Ofen spielt nicht ganz mit. Immer wieder lässt der starke Wind die Flammen erlischen, irgendwann schaffe ich es, ein bisschen Glut heraufzubeschwören. Mein T-Shirt ist mittlerweile schon völlig verraucht… Die empanadas aber sind auch halbfertig gut, und am Lagerfeuer schmeckt sowieso alles besser. Bis in die Nacht hinein machen wir mit Cajón und Gitarre Musik; gemeinsam mit zwei Argentiniern, die freiwillig bei dem Hostel arbeiten, stimmen wir einen thematischen passenden Kanon an: Olas que vienen, olas que ván – Wellen die kommen, Wellen, die gehen. Und wir feilen an der Vertonung zum Liebchen aus Lützelflüh…

Es gibt da eine junge Frau
Die ist sehr schön und auch sehr schlau
Ich dachte an sie, heute früh –
Mein Liebchen kommt aus Lützelflüh.

Das Mädchen, viele Meilen fort
Es ist das allerschönste dort.
So reit‘ ich los, hü hotte hü –
Mein Liebchen wohnt in Lützelflüh.

Ich suche dort ihr lieb‘ Gesicht
Doch‘s Mädchen, das find‘ ich nicht.
Vergebens war die Liebesmüh‘ –
Kein Liebchen mehr in Lützelflüh.

Das wird einst noch ein Welthit werden, ich sehe es schon vor mir…

Unseren letzten Tag in Mompiche beginnen wir mit einem Bad in den Wellen, um wach zu werden. Dann bereiten wir uns ein reichhaltiges Frühstück zu – in der Küche von Copy, weil der Herd in der anderen Küche nicht mehr funktioniert. In der Pfanne werden die empanadas diesmal richtig fertig, dazu wollen wir eigentlich patacones machen, aber müssen feststellen, dass unsere beiden vermeintlichen salzigen Verdes süße Guineos sind – darum gibt es stattdessen Haferbrei mit fritiierten Bananen. Mit Copy machen wir dann noch ein bisschen Musik, bevor es ans Abspülen geht.

Als Programmpunkt des Tages wollen wir ein bisschen in den Dschungel wandern. Doch schnell wird uns klar, dass es keinen Weg dorthin gibt – der Dschungel beginnt direkt hinter dem Haus. Meine Schlangenerfahrung vom Vortag lässt mich eher skeptisch auf die verwachsenen Mangrovenbäume blicken – und so beschließen wir, lieber eine Partie Tischtennis zu spielen.

Am Nachmittag ist auch schon Zusammenpacken angesagt. Wir machen noch Fotos mit Copy und Noname – auf Spanisch „el hombre sin nombre“. Er ist unser Zimmernachbar, wir haben ihn am Tag davor kennengelernt. Wie Copy ist er ein echtes Unikat: Nur zwei erkennbare Zähe, wirre Aussprache, verrücktes Aussehen. Von uns lernt er das Wort „blast“; er nennt uns „Robin Hood“ und „Vincent van Gogh“. Sollten wir einmal wieder kommen, so sagt er, ist er entweder immer noch dort – oder „in jail“. Von Copy bekommen wir in Aussicht gestellt, beim nächsten Mal umsonst bei ihm wohnen zu dürfen – offenbar haben wir einen guten Eindruck hinterlassen.

Dann wartet nochmal ein kleines Abenteuer auf uns: Da mittlerweile Flut ist, können wir nicht mehr den normalen Weg am Strand nehmen. Wir schlagen uns durchs Unterholz, kriechen unter Stacheldraht hindurch und werden von Hunden angesprungen – um schließlich endlich zu einer knirschenden Bambusbrücke zu gelangen. Gerade rechtzeitig erreichen wir den letzten Bus nach Esmeraldas. Ein eiliger Abschied von Mompiche.

Die Rückreise lässt sich mit einem Wort beschreiben: Anstrengend. Oder eher mit zwei Worten: Sehr anstrengend. Der Busfahrer scheint seinen Wagen mit einer Achterbahn zu verwechseln, wir werden ständig durchgeschüttelt. Außerdem meint er es ein bisschen zu gut mit der Klimaanlage, im T-Shirt ist es fast zu kühl. Einmal wird die Fahrt kurz für eine Polizeikontrolle unterbrochen, alle müssen raus, werden kontrolliert, dürfen wieder rein. Wir versuchen zu schlafen, sind dabei aber nicht wirklich erfolgreich. Morgens um sieben kommen wir in Guayaquil an. Nach der anstrengenden Fahrt gönnen wir uns den Luxus eines Taxis und kommen um kurz vor acht zuhause an. Dort wird erst einmal geschlafen…

Später am Tag wird noch abgerechnet: Während der Reise haben Vincent und ich uns mit dem Bezahlen abgewechselt – wer gerade etwas da hatte, übernahm die Kosten. So halten sich unsere Ausgaben fast exakt die Waage – lediglich $1,95 schulde ich Vincent summa summarum. Insgesamt haben wir zu zweit 154 Dollar und 20 Cent ausgegeben.

Das also war meine erste Reise in Ecuador. Kurz, aber schön. Wer weiß, wo es das nächste Mal hingeht…

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Ein musikalischer Empfang

So, und plötzlich bin ich da. Vor wenigen Tagen war Guayaquil noch als „Zukunft“ in meinem Gehirn abgespeichert, nun ist alles real. Ich komme gerade von einer Art Mitarbeitertreffen aus der Musikschule, es riecht gut aus der Küche, und leicht schwitzend versuche ich, meine Gedanken zu ordnen. Denn es ist gar nicht so einfach, jetzt aus dem Stand alles in den letzten drei Tagen Erlebte in Worte zu fassen.

Alles beginnt am 18. Oktober um vier Uhr Früh in Taufkirchen, Deutschland. Der Wecker klingelt und reißt mich aus meinem kurzen Schlaf. Dann geht es mit dem Auto Richtung Flughafen, während ich eine Käsesemmel frühstücke und mir den Schlaf aus den Augen reibe. Nach Check-In, Sicherheitskontrolle und allem, was man an Flughäfen eben so macht (vor allem warten), sitze ich rechtzeitig zum Abflug im Flugzeug. Es ist 7:00 Uhr in München, die Sonne geht gerade auf.

Etwa zwei Stunden später – zwei anstrengende Stunden, weil ich die Geige zwischen den Beinen haben muss – landet die Maschine in Amsterdam. Es liegt wohl daran, dass ich so gut wie nie fliege, aber der riesige Komplex des Flughafens von Amsterdam ist für mich erst einmal total unübersichtlich. Dennoch schaffe ich es rechtzeitig zum Boarding und kann – ein Stein fällt mir vom Herzen – den Geigenkasten im Gepäckfach unterbringen. Nach kleineren, überwindbaren Hindernissen (ich sitze zum Beispiel eine Reihe zu weit hinten – ich hätte in der Schule besser aufpassen sollten, als wir die Zahlen von 1 bis 30 durchgenommen haben) geht es dann weiter – Richtung Ecuador. Mehr als dreizehn Stunden Flug erwarten mich, bevor das Flugzeug in Quito zwischenlanden wird.

An dieser Stelle füge ich einen den Lesern und Hörern der Känguru-Chroniken wohlbekannten Zeitsprung ein, weil der Flug war, wie Flüge eben so sind. Ich döse viel, schaue den Hobbit an und sehe aus dem Fenster. Irgendwann geht alles vorbei, selbst dreizehn Stunden im Flugzeug. Die nächste und letzte Etappe von Quito nach Guayaquil ist dagegen ein Kinderspiel, und zwar ein sehr kurzes. Lustig finde ich aber, dass die Economy Class in Quito aussteigen, sich einem Sicherheitscheck unterziehen und erneut boarden muss, während die Passagiere in der Business Class in ihrer Ruhe nicht gestört werden. So habe ich ein paar Schreckminuten zu durchleiden, als beim Boarden die Flughafenmitarbeiterin mit meinem Ticket in der Hand erst mehrere Anrufe tätigt, ehe ich durchgelassen werde. Letztlich geht aber alles glatt und ich lande um kurz vor 17 Uhr Ortszeit in Guayaquil.

Dort werde ich, nachdem die beiden Mitarbeiterinnen der Passkontrolle zunächst mit meinem, schon in Deutschland ausgestellten Visum überfordert zu sein scheinen („it is too long!“), schließlich von Rafael, meinem Gastbruder, abgeholt. Mit dem Taxi ging es quer durch Guayaquil – und ich werde standesgemäß von einem Konzert begrüßt. Allerdings eher kein sinfonisches Konzert, viel eher besteht es aus dem Hupen und Dröhnen verschiedenster Autos. Offenbar ist die Hupe in hier kein Achtungssignal, sondern ein viel und gerne benutztes Musikinstrument. Verbunden mit der Fahrweise des Taxifahrers, die im Vergleich zum restlichen Straßenverkehr sogar fast als defensiv zu bezeichnen ist, ist der Weg in mein neues Haus gleich das erste Erlebnis in Ecuador.

Beim Haus im Stadtteil Guasmo angekommen, werde ich von meiner neuen Familie begrüßt: Mutter Filadelfia, die Brüder José Luis, Leonardo und Rafael, Großmutter Olinda, Tante Eladia und Cousin Jairo. Das sind erstmal viele Gesichter, aber große Familien bin ich ja gewöhnt…

José Luis spricht ziemlich gut Englisch und hilft mir, mich erst einmal zurechtzufinden. Ich kann endlich mein Gepäck abstellen, duschen, und dann geht es auch schon zur Musikschule – in Clave de Sur findet das Abschlusskonzert des letzten Prozesses statt. „Prozess“ heißt hier eine Lerneinheit, die immer über mehrere Monate läuft und mit einem Konzert endet. In der Musikschule lerne ich die anderen Freiwilligen kennen und erhalte nun tatsächlich ein Begrüßungskonzert, das über Autohupen hinausgeht. Nach zwei schönen Stunden wollen die anderen Freiwilligen und lokalen Lehrer noch etwas trinken gehen, doch ich bitte Rafael, mich erst noch nach Hause zu bringen. Es ist zwar erst neun Uhr in Guayaquil – aber meine innere Uhr geht noch nach deutscher Zeit: Fünf Uhr nachts. Ich habe seit 24 Stunden nicht richtig geschlafen und falle deswegen todmüde ins Bett.

Der nächste Tag, viernes, ist ganz dem Ankommen, Ausschlafen und Einleben gewidmet. Rafael geht mit mir Schlappen kaufen; mit ihm und Jairo fahre ich in die Stadt, um Geld abzuheben; ich habe ein kurzes Gespräch mit Marcos, einem Koordinator an der Musikschule. Er spricht zum Glück etwas Englisch. Die Verständigung nämlich ist noch nicht ganz einfach – José Luis ist am Donnerstagabend zu seiner Frau und seinem Kind gefahren, ich muss mich irgendwie mit meinen paar Brocken Spanisch durchschlagen. Mein treuer Begleiter: Ein kleines, deutsch-spanisches und spanisch-deutsches Wörterbuch, das ich immer in Reichweite habe.

Am Nachmittag spiele ich noch Fußball mit Rafael und zwischendrin gibt es sehr gutes Essen (meist kochen Filadelfia und Olinda, und das muy bien), doch die meiste Zeit sitze ich einfach am Tisch, streichle die Katze und mache gar nichts. Oder schaue auf den Fernseher, der hier fast den ganzen Tag über läuft. Den Plan, noch etwas für den Blog zu schreiben, verwerfe ich, und gehe stattdessen früh ins Bett.

Der Samstag ist fast noch entspannter: Ich schlafe lange, dann dusche ich kurz und es gibt patacones zum Frühstück. Am Vormittag besuche ich mit Rafael einen Freund, unterwegs pflücken wir ein paar Mangos. Außerdem lerne ich ein paar weitere Familienmitglieder (Tante und Onkel) und Freunde kennen – im „Wohnzimmer“, wie ich es mal nennen möchte (zugleich Küche, Schlafzimmer und mehr) ist immer etwas los. Nachmittags gehen wir in die Musikschule, bei der Inventur helfen und die Bühne vom Konzert abbauen. Dort findet dann auch die reunión statt, eine Lagebesprechung mit allen Mitarbeitern. Ich verstehe wenig, aber Samuel und Nesta, zwei andere Freiwillige, übersetzen für diejenigen, die noch nicht so lange da sind. Danach machen wir noch ein bisschen Musik (Pachelbel geht einfach immer) und gehen dann nach Hause. Meine Familie wohnt glücklicherweise sehr nah an der Musikschule, es sind nur fünf Minuten Fußweg. Mittlerweile ist es dunkel und nicht mehr ganz so heiß.

Jetzt ist es halb neun Uhr abends, in Deutschland (halb vier) schlafen wahrscheinlich alle tief und fest. Ich werde auch schon müde, muss ich zugeben, den Jetlag habe ich noch nicht ganz überwunden. Aber ich bin sehr optimistisch: Das Spanisch klappt immer besser, ich fühle mich in der Familie gut aufgehoben und habe große Motivation für das Unterrichten. Das startet, glaube ich, erst in einer Woche. Aber auch so bin ich gut beschäftigt…

¡Hasta pronto!

Noch eine kurze Mitteilung: Wer künftig bei jedem neuen Beitrag benachrichtigt werden möchte, schreibt bitte einfach eine kurze Mail an robin.waldenburg@gmx.de. Dann wird sie oder er in einen neuen Mailverteiler aufgenommen und verpasst keine Neuigkeit mehr.

Die Helden von Ruhlsdorf

Warnhinweis: Alle Leser, die keine Lust auf unnötige Informationen haben, fangen bitte erst bei Absatz drei an zu lesen!

Etwa eine Stunde Zugfahrt liegt zwischen Berlin Hauptbahnhof und Biesenthal. Wenn man von dort mit dem Auto ungefähr zwanzig Minuten in nordöstliche Richtung fährt, kommt man in ein Örtchen namens Ruhlsdorf. Genau genommen ist Ruhlsdorf nicht mal ein Ort, sondern vielmehr ein Ortsteil von Marienwerder im Landkreis Barnim, Brandenburg, wo (angeblich) 1695 Menschen wohnen. Zu Ruhlsdorf findet man auf Wikipedia nicht mehr als zwei Sätze: „Ruhlsdorf wurde erstmals 1315 urkundlich erwähnt. Typische Gehöfte mit traufständigen Wohnhäusern und giebelständigen Stallungen sind noch heute erhalten.“

Das klingt nicht gerade nach der sehenswerten Stadt Nummer eins. Und dennoch war es keine Zeitverschwendung, wenn man sich vom Donnerstag, den 11. bis zum Sonntag, den 14. Oktober 2018 genau dort aufhielt: Denn in Ruhlsdorf stieg das Herbst-Vorbereitungsseminar von Musiker ohne Grenzen.

Gemeinsam mit zwanzig anderen Freiwilligen sowie zehn Teamleitern startete ich um ungefähr zwei Uhr nachmittags ins Seminar. In insgesamt vier Tagen wurden wir Freiwillige auf unsere Projekte vorbereitet. Neben spielerischen Einheiten und interessanten Vorträgen gab es viel Raum für Diskussionen, musikalisches Improvisieren und alles, was einem sonst noch so einfiel. Von neun Uhr in der Früh bis spät in die Nacht war jedenfalls nahezu jede Minute gut gefüllt.

Zwei andere Seminarteilnehmer, Jakob und Paul, hatte ich bereits bei der Anfahrt kennengelernt. „Treffpunkt Ostkreuz“ wäre der Titel, würde jemals jemand ein Buch über unser Zusammentreffen schreiben. Gleiche Zeit, gleicher Zug – und dann auch noch ein Instrument dabei? Auf die Gefahr hin, verständnislos angeschaut zu werden, sprach ich den jungen Mann mit der Gitarre an – und traf ins Schwarze. Nur einen Augenblick später stieß ein Saxofonist zu uns – und zu dritt legten wir die letzte Etappe von Berlin Ostkreuz bis Biesenthal zurück.

Kurz vor der Abfahrt am Sonntag bekamen wir alle einen Feedback-Bogen, den wir ausfüllen sollten. Dass ich schon dabei Schwierigkeiten hatte, mich an die einzelnen Einheiten genau zu erinnern, zeigt, wie viel wir während des Seminars gemacht haben. Die 24 Stunden pro Tag schienen auch nicht ganz auszureichen, was man an meinen Logbucheinträgen zum Ins-Bett-gehen nachvollziehen kann: War es am Donnerstag/Freitag immerhin noch zwei Uhr nachts gewesen, gingen wir einen Tag später um halb drei und am Samstag/Sonntag erst um halb vier schlafen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass wir zwischen und hinter die Seminarmodule noch Aktivitäten wie Salsa-Workshop, Musikmachen, Lagerfeuer und vor allem viele Diskussionen schoben. Ein Highlight gab es auf jeden Fall am Freitagabend, als Teamleiter Johannes und ich unter sternklarem Himmel in den eiskalten See sprangen, der ein paar hundert Meter vom Seminarhaus entfernt liegt. Wir erwarten nun, als „Helden von Ruhlsdorf“ in die Dorfgeschichte einzugehen und einen angemessenen Platz im Museum (da gibt es tatsächlich eins!) zu bekommen. Nach dem, was wir in Ruhlsdorf so gesehen haben (einen Fahrradfahrer, einen Teddybär auf einer Sitzbank und zwei gruselige Menschenpuppen), können wir beim Anspruch auf das Heldentum nicht allzu viel Konkurrenz haben.

Eine unserer glorreichen Ideen war es außerdem, eine Karte von Deutschland zu zeichnen (ich muss gestehen, meine zeichnerischen Fähigkeiten reichten gerade dazu aus, danebenzusitzen und schlau daherzureden) und dort jeweils unseren Herkunftsort einzuzeichnen. Denn unsere Gemeinschaft war zusammengestreut aus ganz Deutschland – Steinmauern in Schwaben war genauso vertreten wie Kiel, Bremen, Hamburg und Köln. Heiß diskutiert wurde in dieser vielfältigen Gruppe auch immer wieder die anstehende Bayernwahl – und ich lernte zum ersten Mal einen glühenden Verfechter des Raumfahrtprogramms „Bavaria One“ meines Lieblingsministerpräsidenten Markus Söder kennen. Konrad aus Kiel findet Raumfahrt super, solange sein Bundesland nicht dafür zahlen muss… 😉

Alles in allem fuhr ich mit einem sehr guten Gefühl wieder zurück nach München, das durch den vollen Zug nicht getrübt und durch die Wahlergebnisse sogar noch gestärkt wurde. Nur ein einziges Mal war die Harmonie des Seminars unterbrochen worden – als am Samstagmittag die Kirchenglocken von Ruhlsdorf etwa zwanzig Minuten lang jede Unterhaltung unmöglich machten. Umso mehr genossen wir danach die Ruhe des Tausend-Seelen-Dorfes…

Für mich sind es nun nicht einmal mehr zwei Tage bis zum Abflug – der fehlende Schlaf vom Vorbereitungsseminar ist nachgeholt, der Koffer fast gepackt. Die Ostkreuz-Gang sowie alle anderen erwarte ich nächstes Jahr beim Nachbereitungsseminar, wo noch ein paar Partien „Open Schnick“ ausstehen. Doch jetzt geht es erst einmal nach Ecuador.

Es grüßt euch

einer der Helden von Ruhlsdorf