Lichterketten bei 35 Grad

Als ich vor ein paar Tagen in den Kalender geschaut habe, bekam ich einen Schreck: Offenbar sind die letzten Wochen vorbeigegangen, ohne dass ich es wirklich bemerkt habe. Mein letzter Blogeintrag datiert vom 15. November – ich sollte mich wohl mal wieder an den Computer setzen und meine Erlebnisse in einen Artikel verwandeln. Bei 30 Grad Außentemperatur gar nicht so einfach… Zum Glück schreibe ich mir am Ende des Tages immer auf, was ich so gemacht habe, sonst wäre ich verloren. Also versuche ich es jetzt – mal sehen, was dabei herauskommt 😉

Meine vierte Woche in Ecuador beginnt, welch‘ Überraschung, mit einer Partie Joggen. Wir schaffen diesmal nur vier Runden um den Park, weil die Wolken uns ihre Unterstützung versagen und die Sonne herunterbrennen lassen. Aber was wir morgens an Ausdauer vermissen lassen, holen wir am Abend auf andere Art und Weise nach: Im Haus von Marcos feiern wir den Geburtstag von Moritz. Moritz ist ein spannender Zeitgenosse: Als Gitarrenbauer ist er auf der Walz und reist in Ecuador gemeinsam mit Miriam zu allen MoG-Projekten, um sich nützlich zu machen. Am 12. November besteht dies darin, den Geburtstagskuchen anzuschneiden – der nicht nur gut aussieht, sondern auch sehr gut schmeckt. Weniger gut ist hier übrigens das Bier, das relativ teuer, aber von eher geringer Qualität ist – aber vielleicht hat man auch einfach zu hohe Ansprüche, wenn man aus Bayern kommt.

Der Kuchen wird am nächsten Morgen selbstverständlich durch fünf Runden wieder ausgeglichen. Mein treuer Laufpartner ist Nicolas, der meist im Olympique Marseille-Trikot durch die Morgenstunden joggt. Dass er aus dem Land des Weltmeisters kommt, merkt man wohl daran, dass er immer den Schlussspurt gewinnt… aber letztes Mal war es schon ganz knapp!

In Clave de Sur gibt es nicht nur Musikunterricht, die Ecuadorianer können auch Fremdsprachen lernen. Angeboten werden Englisch, Deutsch und Französisch – weil ich in dieser Stunde frei habe, besuche ich ab jetzt aus Interesse die Französischstunden bei Nicolas. Ich meine, wir haben ja noch nicht genug damit zu tun, Spanisch zu lernen – warum dann nicht gleich noch eine andere Sprache? „Comment ça va“ und „je suis allemand“ kann ich schon sagen, und „j‘ai des tongs grises, un short beige et un t-shirt bleu“. Nicolas lobt mich, ich sei sein bester Schüler – das möchte ich natürlich in aller Bescheidenheit nicht kommentieren, aber zumindest scheint es für mich nicht so schwer zu sein wie für die meisten Ecuadorianer, „voyager“ auszusprechen…

Mit meinen eigenen Schülern bin ich auch zufrieden. Zwar macht nicht jeder so schnell Fortschritte wie meine Lieblingsschülerin Tiffany, aber bei allen bemerke ich von Mal zu Mal Verbesserungen. Auch im Violinensemble kommen wir voran – und der Dansa de la Hada de Azúcar, der „Tanz der Zuckerfee“ wird schon immer leichtfüßiger. Auch wenn Angel gerne das Rennen anfängt… Ich selber spiele übrigens die Cellostimme, die ich mir schnell für die Geige in den Violinschlüssel umgeschrieben habe. Das klingt gar nicht so schlecht. Derzeit haben wir nämlich kein Cello, weil Miriam mit Moritz nach Playas gereist ist. Zum Weihnachtskonzert ist sie aber wieder da und kann ihren Part wahrscheinlich wieder übernehmen.

Neben meinen Französischstunden bekommen wir Freiwilligen jetzt auch Spanischunterricht: Am Donnerstag quält Gary uns mit Zungenbrechern, am Freitag lernen wir von Diego und Allan das Alphabet. Und auch ein paar Beleidigungen… die kann ich mir komischerweise viel besser merken als alles andere, ich weiß auch nicht warum 😉 Vielleicht, weil ich sie so oft höre… der Umgang im Guasmo ist etwas eigen. Aber die Beleidigungen sind nicht böse gemeint… man spricht sich einfach als „mi perro“ oder „maricón“ an. Die schlimmeren Schimpfwörter werde ich hier mal nicht wiedergeben…

 

Die Organisation ist auch anders, als man sie vielleicht von zu Hause gewohnt ist. Als wir uns am Samstag vor der Musikschule treffen, um ins Kino im Stadtzentrum zu gehen, werde ich plötzlich nach oben gerufen, um einer Schülerin Unterricht zu geben. Also spiele ich eben eine Dreiviertelstunde Geige mit Leslie und komme dann mit Samuel und Juleisy nach. Den Anfang des Films verpassen wir dadurch zwar, aber das stellt sich als nicht so tragisch heraus, da ich von den „Fantastischen Tierwesen“ auf Spanisch sowieso nicht allzu viel verstehe. Verblüfft bin ich vom riesigen Kinosaal in der Mall, der von der Größe alles toppt, wo ich bisher im Kino war. Das ist schon ein krasser Gegensatz zu unserem sonstigen Umfeld in Guasmo.

Am 18. November gibt es was zu feiern: Ich bin seit genau einem Monat in Ecuador. Ich habe ein langes und nettes Gespräch mit meiner Gastmutter über meine bisherige Zeit. Seit José Luis vor ein paar Wochen zu einer Reise in die USA aufgebrochen ist, habe ich übrigens eine neue Aufgabe im Haushalt: Ich hebe meine abuela, meine Großmutter, immer vom Bett in den Rollstuhl und umgekehrt. Sie kann kaum etwas alleine machen, und ich helfe natürlich gerne. Einmal begleite ich sie und meine Mutter zur Untersuchung im Krankenhaus und stelle beim Hin- und Rückweg fest, wie rollstuhlunfreundlich die Wege im Guasmo gebaut sind. Auf die Gehwege kommt man wegen der hohen Randsteine nicht, auf der Straße gibt es immer wieder Humps, weil die Autofahrer sonst gar nicht bremsen würden. So muss ich ein paar Liter Schweiß extra aufwenden, um meine Großmutter wieder nach Hause zu bringen. Ach, Stichwort Familie: Ich habe übrigens herausgefunden, dass Jairo doch nicht mein Cousin, sondern mein Bruder ist… das hat eine Zeitlang gebraucht 😀

Zum Wochenbeginn gibt es dann leider erstmal Stress mit Marcos, einem der Koordinatoren, der sich über die nächsten Tage zieht. Um den eigentlichen Konflikt (wir hatten alle vor, am Wochenende zusammen mit einer ecuadorianischen Familie nach Salinas zu deren Haus zu fahren, sollen aber die Musikschule streichen) geht es bald nicht mehr; die Lösungen, die wir für das Problem suchen (zum Beispiel, schon am Freitag zu streichen), werden abgeblockt. Marcos versteht leider auch nicht, dass es oft das Wie wichtiger ist als das Was – die Kommunikation scheint allgemein nicht zu seinen größten Stärken zu gehören. Es endet dann damit, dass wir die Reise absagen müssen – aber dann doch nicht malen können, weil die Farbe nicht geliefert werden kann. Für die Reise nach Salinas ist es zu spät, weil die Familie umplanen musste. Das hinterlässt ein unschönes Gefühl bei vielen von uns.

Am Mittwoch werde ich jedoch auf andere Gedanken gebracht: Gemeinsam mit Paúl, einem meiner Geigenschüler, fahre ich zum Malecón – so heißt die Promenade am Guayas – um dort eine Versammlung des Ministerio Salud Pública musikalisch zu begleiten. Wir spielen ein paar Stücke auf Geige und Klavier und hören Vorträge über verschiedene Initiativen in Guayaquil im Gesundheitswesen. Es ist eine interessante Erfahrung und wir bekommen viel Applaus – ein gelungener Ausflug. Und für Clave de Sur geben wir dabei auch eine gute Visitenkarte ab.

Zwei Tage später sind mal nicht unser musischen, sondern unsere kulinarischen Fähigkeiten gefragt: Wir Freiwilligen sollen ein typisch deutsches Essen für unsere Gastfamilien kochen. Wir entscheiden uns für Kartoffelpuffer, Fleischpflanzerl (für Nicht-Bayern: Frikadellen) und Salat – ich bin in der Gruppe Kartoffelpuffer. Nach dem Einkaufen auf dem Markt und in der Mall sind wir den ganzen Vormittag damit beschäftigt, Kartoffeln zu schälen und zu reiben. Zauberer Petrosilius Zwackelmann (falls hier jemand Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ kennt) hätte seine Freude an uns gehabt. Dann wird die Kartoffelmasse mit viel Öl – in Ecuador wird nichts gebraten, ohne dass es regelrecht im Öl schwimmt – in der Pfanne in Puffer verwandelt. Nesta und ich stehen stundenlang am Herd und wenden Kartoffelpuffer. Die anderen sind derweil auch nicht untätig, sodass um etwa halb acht (offizieller Beginn: halb sieben) im Auditorium der Musikschule alles für die Cena aufgebaut ist. Es beginnt ein schöner Abend mit guten Unterhaltungen und natürlich gutem Essen, das allen zu schmecken scheint. Wir Freiwilligen müssen auf der Bühne jeweils eine Aufgabe erfüllen, die wir aus einem Lostopf ziehen – Hannah und ich zum Beispiel sollen uns auf Guasmenisch unterhalten – unsere Kenntnisse des Slangs mit Worten wie „posi“ für „gut“ und „mi perro“ für „mein Freund“ sorgen für große Heiterkeit im Publikum.

Das Wochenende verbringe ich mit fast der gleichen Reisegruppe wie zwei Wochen zuvor in Playas. Dort besuchen wir Miriam, essen empanadas beim ältesten Empanadas-Restaurant von Playas und baden im Meer. Wir übernachten bei Gabriel – einem Freund von Miriam, dem sie das Cello repariert hat. Er und seine Frau besitzen eine pasteleria – eine Konditorei – und ein großes Anwesen, das teilweise aus Garten und teilweise aus Atelier besteht. Der Sohn ist Künstler, er zeigt uns einige seiner wirklich beeindruckenden Bilder. Gabriel hat viel zu erzählen – und das auf vielen verschiedenen Sprachen. Er spricht Spanisch, Französisch, ein bisschen Italienisch, Deutsch und Englisch. Die Familie kommt eigentlich aus Belgien und ist nach Ecuador ausgewandert. Dort wohnen sie nun direkt am Meer, mit großem Haus und einem gut laufenden Geschäft.
Viel zu schnell müssen wir aber wieder zurück nach Guayaquil – den Wochenendausflug war Playas auf jeden Fall wert.

Auch die nächste Woche ist wieder gut gefüllt, unter anderem feiern wir Hannahs Geburtstag (mit drei Schüsseln voll patacones und einem riesigen Kuchen), proben für einen Ausflug ins Krankenhaus und gehen natürlich wieder fleißig joggen. Am Mittwoch kommt José Luis aus den USA zurück und hat viel zu erzählen. Am Donnerstag liege ich den halben Tag krank im Bett, dann schleppe ich mich doch in die Musikschule und gebe ein paar Stunden Unterricht. Für Französisch reicht meine Gesundheit allerdings diesmal nicht…

Gesundheit ist ein gutes Stichwort, denn am nächsten Tag treffen sich alle Mitarbeiter der Musikschule, um zu einem Krankenhaus am anderen Ende Guayaquils zu fahren. Wir haben zuvor mehrere Songs vorbereitet, die wir vorspielen – Carla macht die Animation und reißt mit ihrem Tanz vor allem die Kinder mit. Zuerst spielen wir im Wartesaal, dann bei den HIV-Patienten, schließlich auf der Intensivstation – dort treten wir als Streichensemble auf. Es ist eine sehr intensive Erfahrung. Eine vorher besprochene Zielsetzung ist, dass wir Freude vermitteln und bei allem Leid gekommen sind, um mit den Patienten Spaß zu haben. Das setzen wir auch in die Tat um, und wirklich können wir vielen Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Wir verlassen das Krankenhaus mit einem guten Gefühl – und werden im Dezember wiederkommen.

 

Eine zweieinhalbstündige Reunión voller Probleme am selben Abend schmälert das gute Gefühl zumindest bei mir wieder. Oft kommt es mir so vor, wir Freiwilligen werden, zumindest von einem der Koordinatoren, komplett anders wahrgenommen, als wir uns selbst wahrnehmen. In gewissem Sinne habe ich das Gefühl, in jeder Situation erst einmal im Generalverdacht zu stehen, etwas Schlechtes für Clave de Sur zu wollen. Das Gespräch mit der Koordination ist selten auf Augenhöhe, was uns ja eigentlich auf dem Vorbereitungsseminar beigebracht wurde. Es scheint, dass die Koordinatoren untereinander nicht kommunizieren und jeder sein eigenes Ding macht, worunter die allgemeine Atmosphäre leidet. Auch traut man sich als Freiwilliger oft nicht, Probleme in der Reunión anzusprechen, weil man nicht das Gefühl hat, das Lösungen gesucht werden, sondern eher, dass einem erklärt wird, die „Schuld“ liege bei uns selbst. Zum ersten Mal in meinen fünf Wochen Ecuador mache ich mir ernsthaft Gedanken über meine weitere Zukunft im Projekt, insbesondere den ersten Prozess 2019. Bisher war der Plan gewesen, im Prozess von Februar bis April noch in der Musikschule zu arbeiten und die letzten zwei Monate reisen zu gehen. So sicher bin ich mir dabei aber nicht mehr…

Eine weitere Reunión am Montag mit José Luis – diesmal nicht in seiner Funktion als mein Bruder, sondern als Präsident von Mi Cometa – verbessert mein Gefühl erheblich. Nicht nur ist alles verständlich und nachvollziehbar, was er sagt – es ist auch seine Art und Weise, wie er etwas sagt. Beispielsweise bedankt er sich gleich bei diesem ersten Treffen mit den Freiwilligen bei uns für unseren Einsatz und unseren Willen, ein Teil des Projekts zu sein. Das erwarte ich zwar nicht unbedingt, Marcos ist aber in fünf Wochen gemeinsamer Arbeit noch nichts Vergleichbares eingefallen. Auch scheint José anders als Marcos davon auszugehen, dass wir hier arbeiten und Teil von Mi Cometa sein wollen – was natürlich auch der Fall ist. Mit ihm findet man Lösungen, anstatt nach Problemen zu suchen.

Am Tag darauf findet ein Workshop zum Thema Kommunikation statt, der von den Vertretern der Organisation Una Opción Mas organisiert wird. UOM ist wie Musiker ohne Grenzen eine Partnerorganisation von Mi Cometa, die Freiwillige aus Frankreich entsendet. Der Workshop an sich ist durchaus interessant – nur fehlt leider, warum auch immer, die Person, die ihn am wichtigsten bräuchte, fast den kompletten Tag…

Den Sonntag zuvor verbringen wir übrigens mit allen Mitarbeitern von cds an der Musikschule – Inventur, Putzen und Streichen stehen an. Wir säubern das ganze Haus von oben bis unten, sortieren alle Instrumente und Noten, und verpassen der Fassade einen neuen Anstrich. Ich habe immer noch weiße und grüne Spritzer auf meinen Schuhen… Jetzt glänzt wieder alles – zumindest mehr oder weniger – und pünktlich zur Weihnachtszeit haben wir nun auch einen Weihnachtsbaum und Lichterketten in der Musikschule. Wenn man abends nach Hause geht, leuchtet und blinkt es sowieso von allen Seiten – das ist schon manchmal ein komischer Anblick und scheint hier so gar nicht hinzupassen. Auch kann es einem passieren, dass man bei 35 Grad schwitzend durch die Straßen geht und plötzlich von Weihnachtsliedern beschallt wird. So oder so ist es eine interessante, neue Atmosphäre – und, ganz ehrlich, ich bin momentan ganz froh, die Vorweihnachtszeit nicht in der deutschen Kälte zu erleben…

Der 24. Dezember wird offenbar, hat mir meine Gastmutter erzählt, richtig groß gefeiert. Ich bin schon sehr gespannt… Lange hin ist es nicht mehr. Darum geht es jetzt auch in den Endspurt fürs Weihnachtskonzert. Nächstes Wochenende werden wir die Ensembles proben, mit denen wir am 21. Dezember auftreten. bis dahin habe ich mit meinen Schülern noch einiges zu tun…

Vierundzwanzig Stunden

In meinen ersten Wochen in Ecuador musste ich, wenig überraschend, feststellen, dass der Tag auch hier nur vierundzwanzig Stunden hat. So müssen die vielen Dinge, die man unbedingt alle erleben will, eben auf diese vierundzwanzig Stunden aufgeteilt werden. „Keine Minute Langeweile“ lautete das Motto. Etwas mehr als drei Wochen bin ich nun in Ecuador – doch es fühlt sich an, als wäre ich seit Monaten hier. Denn was ich schon alles erlebt habe, könnte gleich mehrere Tagebücher füllen.

Nach der ersten Unterrichtswoche und einem Besuch des Stadtzentrums von Guayaquil ging es am Morgen des 3. November spontan zum Busterminal. Zusammen mit Olivia, Jenny, Miriam, Hannah und Maïa, alles Freiwillige in Clave de Sur, wollte ich das Wochenende nutzen, um das schöne Land wieder ein bisschen zu bereisen. Wir fuhren also mit der metrovía, dem öffentlichen Bus, zum Terminal und schauten uns dort nach einem Reiseziel um. Letztlich bekam „Strand“ deutlich mehr Stimmen als „Berge“, und so fuhren wir mit dem Bus etwa zweieinhalb Stunden nach Santa Elena.

Dort verbrachten wir zwei entspannte Tage, in denen wir viel badeten, sangen, joggten und das Ufer erkundeten. Außerdem versuchten wir, möglichst viel Spanisch zu sprechen – auch untereinander. Das war unterhaltsamer und gleichzeitig verbesserten wir uns in der Sprache. Sonst war auch viel Englisch dabei – Maïa nämlich kommt aus Los Angeles, sie ist mit einer anderen Organisation in Guayaquil. Die multilinguale Atmosphäre reicherte ich natürlich noch mit ein paar Wörtern Bayrisch an…

Am nächsten Nachmittag mussten wir auch schon wieder die Heimreise antreten – was nicht ganz einfach war, denn nach dem verlängerten Wochenende wollten nicht nur wir zurück nach Guayaquil. Irgendwie schafften wir es aber in einen Bus und kamen noch vor der Dunkelheit wieder in unserer Stadt an. Nach kleineren Irrungen und Wirrungen – die Busfahrpläne sind in Guayaquil etwas unübersichtlich – schafften wir es schließlich sogar nach Hause. Am Terminal hatte ich vorher noch die Amerikaner wiedergetroffen, denen Vincent und ich bei der letzten Reise begegnet waren – so groß scheint Ecuador wohl dann doch nicht zu sein…

Tags darauf starteten wir wieder in den Musikschulalltag. Ein normaler Wochentag beginnt für mich meistens um etwa acht Uhr früh, wenn ich aufstehe und mich zum Joggen fertigmache. Gemeinsam mit ein paar anderen Freiwilligen – manche sind öfter dabei, manche weniger oft – geht es dann zum Park „Stella Maris“, der mehrmals umrundet wird, bevor ich zurück zu meinem Haus laufe und mich erst einmal unter die Dusche stelle. Einmal wurden Vincent, Nicolas und ich auf dem Rückweg von einem fußballbegeisterten Ecuadorianer angesprochen, der gar nicht mehr damit aufhören wollte, uns deutsche und französische Fußballspieler aufzusagen. Amüsant war dabei besonders seine Aussprache der Namen „Schweinsteiger“ und „Augenthaler“.
Um etwa halb zehn mache ich mir Frühstück – zugegebenermaßen die Mahlzeit am Tag, auf die ich mich am wenigsten freue, kommt das „Brot“ hier doch meiner Meinung nach nicht im Ansatz an das daheim heran. Macht aber nichts, Hauptsache man wird satt – und so geht es dann um zehn Uhr los in die Musikschule.

Dort habe ich gleich meine erste Unterrichtsstunde, wenn mein Schüler kommt – oder sollte ich lieber schreiben, „falls“? Clay jedenfalls nimmt die Anwesenheit offenbar nicht ganz so ernst wie andere Schüler… Es gibt aber auch sonst genug zu tun; Noten durchschauen, Unterricht vorbereiten, sich mit den anderen Lehrern austauschen. Um zwölf ist dann eigentlich Mittagspause, nur montags findet noch eine Reunión der Freiwilligen statt. Dort wird besprochen, was in der Woche ansteht, ob es Wünsche oder Beanstandungen der Eltern der Schüler gibt, und wie es uns in den Familien geht. Danach schlendere ich zurück nach Hause, wo es Mittagessen gibt – hatte ich schon mal erwähnt, dass meine Gastmutter eine tolle Köchin ist?

In der Mittagspause ist es meistens zu heiß, um wirklich etwas Sinnvolles zu tun. Im Optimalfall schaue ich im Internet nach neuen Noten für meine Schüler, die ich dann in der Musikschule ausdrucken kann, antworte auf Nachrichten aus Deutschland oder schreibe an einem Blogartikel. Oft mache ich aber auch einfach Siesta oder gehe mit anderen Freiwilligen in den Park. Um kurz vor drei Uhr nachmittags mache ich mich wieder fertig – man duscht hier zum Beispiel auch gerne mehrmals am Tag – und gehe wieder zur Musikschule. Das darf ich mittlerweile alleine; zu Beginn wurde ich immer noch von einem meiner Gastbrüder begleitet. Irgendwann hat mir José Luis gesagt, wenn es für mich kein Problem sei, könne ich ab jetzt auch alleine gehen – und für mich ist es kein Problem, weil der Weg wirklich nicht weit ist und ich mich sicher fühle. Nachts ist man immer in Gruppen unterwegs, aber tagsüber muss man auch allein keine Angst haben.

Mein Stundenplan hat sich im Laufe der Wochen mittlerweile deutlich geändert – mittlerweile bin ich auch ganz froh, wenn ich mal eine Stunde Pause habe. Gerade der Unterricht mit den Anfängern an der Geige sind mitunter recht anstrengend. Aber es macht Spaß, wenn man sieht, wie die eigenen Schüler Fortschritte machen – besonders von meiner Klavierschülerin Tiffany bin ich ganz begeistert. Dienstagabends findet außerdem ein Geigenensemble statt, dass von Paúl geleitet wird – wir üben gerade am Tanz der Zuckerfee aus Tschaikovskys Nussknacker.

Am Abend, wenn es nicht mehr so heiß ist, wird manchmal Fußball gespielt – eine sehr interessante Variante von Fußball, in der man den Ball wegen der schwachen Beleuchtung kaum sieht und es mehr um Körpereinsatz statt Taktik geht. Trotzdem macht es großen Spaß, ich habe selbst schon mehrere Tore geschossen. Immer ein lustiger Moment: Wenn zum Beispiel eine Mutter mit Kinderwagen den Fußballplatz überqueren will, wird das Spiel sofort unterbrochen und alle heißblütigen Angriffe kommen zum Stillstand. Hat die Mutter den Beton verlassen, werden die Emotionen auf dem Spielfeld wieder eingeschaltet und der Kampf geht weiter. Die Zeit vergisst man während des Spiels völlig, das Bedürfnis zu schlafen hat man erst am Morgen danach…

Immer wieder unterbrechen auch andere Ereignisse den Alltag. Am 7. November zum Beispiel gibt es eine Überraschungsparty für Miriam, in deren Geburtstag wir hineinfeiern. Es wird cerveza getrunken, Salsa getanzt und Kuchen gegessen – frisch gebacken ein paar Stunden zuvor. Einen Tag später wollen Paúl, Hannah, Sarah, Maïa und ich im Teatro Centro de Arte den Geiger Alexander Markov sehen – doch da sind wir nicht die einzigen. Der Besucherandrang ist so groß, dass schon bei unserer Ankunft zwanzig Minuten vor Konzertbeginn die Türen verschlossen sind. Und dabei stehen vor dem Konzerthaus nochmal so viele Menschen, dass man einen ganzen Saal füllen könnte… So geht es eben wieder zurück, und wir hatten immerhin einen Ausflug in die Stadt samt dreiviertelstündiger Taxifahrt mit sechs Passagieren plus Fahrer in einem Auto. So macht man das hier…

Am Freitag in der Früh startet die Integrationsreise für alle Mitarbeiter der Musikschule. Alle Freiwilligen sind dabei, und einige Ecuadorianer wie Marcos, Allan, Diego, Gary, Juleisy, Maherly, und Jorge. Ich stehe zum vereinbarten Treffpunkt um sechs Uhr früh an der Musikschule – es hieß, dass alle pünktlich sein sollten. Nach einer Viertelstunde kommen ein paar andere Freiwillige dazu, der erste Ecuadorianer kreuzt nach etwa dreißig Minuten auf. Los geht es letztlich um kurz nach sieben. Das mit dem Zeitverständnis muss ich wirklich noch lernen…

Die Reise selbst wird ein voller Erfolg. Wir fahren mit Bus und Dschungel-Taxi zu einer Unterkunft in der Nähe von Zhagal. Das Haus steht direkt neben einem kleinen Fluss, rundherum nur Bäume und Kokospflanzen. Wenn wir auf dem Gelände umhergehen, sollen wir immer einen Stock haben, wegen der Schlangen… auch deshalb setzen wir uns erst einmal unter das Zeltdach (es regnet ein wenig) und machen Musik. Mit dabei sind auch Tanja und Daniel, zwei Freiwillige aus Olón, mit denen wir uns am Terminal in Guayaquil getroffen haben.

Insgesamt werden die drei Tage meine unterhaltsamstes, aber gleichzeitig matschigstes Wochenende seit Langem. Der ständige Nieselregen macht die Erde zur Schlamm und den Weg von A nach B zur Schlitterpartie. Außerdem schmücken wir uns während der Reise mit Mückenstichen am ganzen Körper…

Am Samstag verbringen wir den halben Tag an den heißen Quellen, zu denen wir mit einem Pick-Up durch den Dschungel gefahren werden. Die Außentemperatur ist angenehm kühl, weil die Wolken die Sonne verdecken und es immer wieder regnet. Die natürlichen Pools sind deshalb wie eine wunderbare Badewanne zur richtigen Zeit. Später, wieder in unserer Unterkunft, machen wir noch Kakao und grillen Yucca. Und weigern uns natürlich, mit der Dunkelheit ins Bett zu gehen. Wenn die vierundzwanzig Stunden schon im Normalfall nicht reichen, dann in Zhagal erst recht nicht. Es gibt so viele interessante Gespräche zu führen, so viel Musik zu hören – da ist das Bett eher eine langweilige Alternative. Betten gibt es übrigens nicht wirklich genug; ich selber teile mit mir Vincent und Nicolas ein Doppelbett. Damit wir alle draufpassen, legen wir uns quer hin – die Beine baumeln dabei eben in der Luft. Kein Problem – für die paar Stunden Schlaf würde sich eine bequeme Position sowieso nicht lohnen…

Zurück in Guayaquil steht dann noch ein Abschied an: Vincents Zeit in Ecuador ist zu Ende, er fliegt mit Rucksack und Gitarre zurück nach Deutschland. Seine Gastfamilie kommt mit dem Auto und bringt sein Gepäck, wir verabschieden uns alle herzlich und winken bis zum letzten Augenblick. Nun geht es also ohne meinen Reisekumpan weiter… aber spätestens beim Nachbereitungsseminar werden wir das „Liebchen aus Lützelflüh“ wieder anstimmen. Und die Jogger-Ehre werde ich hochhalten, das verspreche ich dir, Vincent! Auch wenn niemand von uns nach dem Joggen im Park so toll Yoga, Spagat und Handstände machen kann.

In der Tat fühlt sich das erste Mal Joggen ohne Vincent am nächsten Morgen gleich ganz anders an. Trotzdem ist das der beste Start in den Tag – und in die neue Woche. Keine Müdigkeit vorschützen, ist die Parole, auch wenn eigentlich ein bisschen Schlaf von Zhagal nachgeholt werden müsste… aber auf den kann man hier wohl am ehesten verzichten. Irgendwie muss man ja alles in den 24 Stunden unterbringen…

Als kleines Schmankerl hier noch die Aufnahme von „Mein Liebchen lebt in Lützlflüh“:

Lernend lehrend

Vor dem Start des letzten Prozesses 2018 gibt es am 27. Oktober schon einmal einen Vorgeschmack auf die Musik: Am späten Abend findet das Jubiläumsfest von „Mi Cometa“ statt. Movimiento Mi Cometa nennt sich die Organisation, die hier im Guasmo verschiedene Projekte leitet und die mit Musiker ohne Grenzen zusammenarbeitet. Ihr gehört auch das Haus, das wir als Musikschule nutzen. Zum 28-jährigen Bestehen gibt es nun eine Feier auf dem Fußballplatz neben der Musikschule.

Wer sich unter einem Fußballplatz eine große Rasenfläche vorstellt, kommt offensichtlich nicht von hier. Im Guasmo gibt es ein paar Betonplätze, auf die man zwei Tore gestellt hat – fertig ist das Fußballfeld. Schon am Nachmittag fangen wir an, Bühnenteile aus der Musikschule zu schleppen und draußen wieder aufzubauen – nach kurzer Zeit sind alle total verschwitzt. Das ist hier eben Ecuador im Oktober und kein deutscher Herbstnachmittag…

Das Fest beginnt offiziell um acht Uhr, aber mit der Zeit nimmt man es hier meist nicht ganz so genau. Beim Warten lernen wir zwei Franzosen kennen, die von der Organisation Una opción más kommen und hier in den nächsten Monaten Französischunterricht geben werden. Um halb neun trudeln die ersten Gäste ein, etwa eine Stunde später gibt es dann den ersten Auftritt: Eine Schülerband mit drei kleinen Sängerinnen entzückt die Zuschauer. Als nächstes kommt Vincent auf die Bühne, der sich mit drei Stücken auf der Gitarre schon einmal von den Menschen hier verabschiedet – in drei Wochen geht es für ihn zurück nach Deutschland. Highlight ist dann die Band der ecuadorianischen Musikschulmitarbeiter, in der mein Cousin Jairo das Schlagzeug spielt. Das heißt, er spielt es nicht nur, er geht völlig darin auf – wie die ganze Band, die das Publikum begeistert. Immer wieder gibt es „Otra, otra!“-Rufe – zu Deutsch: „Zugabe!“

Der Fußballplatz ist gut gefüllt

Vincent beim Aufbauen

Mittlerweile ist es recht kühl geworden – höchste Zeit, sich zu bewegen. Nach ein paar weiteren musikalischen Einlagen wird Salsa getanzt. Auf dem ganzen Platz hält es niemanden mehr auf den Stühlen, alle fühlen den Rhythmus. Auch ich füge mich natürlich ein, auf dem Vorbereitungsseminar wurden wir ja auch auf Salsa ein bisschen vorbereitet… Später gibt es dann langsamere Tänze, bis der Abend ausklingt und wir von der Musikschule die Bühne wieder abbauen dürfen. Alle helfen zusammen und spornen sich gegenseitig an – und irgendwann ist dann auch das schwerste Teil wieder in die Musikschule geräumt. Todmüde komme ich zuhause an und falle sofort ins Bett.

Die neue Woche beginnt sportlich: Mit ein paar Freiwilligen und Allan habe ich mich zum Joggen verabredet. Wir laufen zum Park „Stella Maris“ mitten in Guasmo, der wirklich nett angelegt ist mit Bäumen, einem Spielplatz und Sportgeräten. Dafür haben wir diesmal aber keine Blicke übrig, sondern quälen uns Runde um Runde um den Park herum. Irgendwann geht es wieder zurück, zuhause kurz Duschen und Frühstück, dann ist es auch schon zehn Uhr und der Arbeitstag in der Musikschule fängt an.

Dort, in Clave de Sur, gibt es erst einmal ein kleines Briefing für die Neulinge. Mir wird gezeigt, wo die Instrumente sind, welche Musikräume es gibt, was alles in der Musikschule zu tun ist und was ich sonst noch so wissen muss. Wie ich starten auch Jenny, Sarah, Olivia und Hannah in ihren ersten kompletten Prozess. Miriam kümmert sich um die Geigen und das Cello, Moritz setzt die Gitarren wieder in Stand. Samuel, Vincent und Nesta sind die „alten Hasen“, sie übersetzen auch noch für uns, wo es nötig ist. Immerhin: Nach mittlerweile anderthalb Wochen in Ecuador kann ich endlich mehr sagen als „Sí, gracias“ und muss immer seltener nachfragen, was mein Gesprächspartner meint. Trotzdem ist es natürlich noch schwierig, immer mitzukommen – zum Beispiel bei meiner Gastmutter. „Wenn du Filadelfia verstehst, wirst du jeden verstehen“, sagt José Luis oft lachend zu mir. Tatsächlich spricht sie sehr undeutlich und sehr schnell… aber sogar sie lobt, mein Spanisch sei besser geworden.

 

Mein Stundenplan ist zu Anfang noch ziemlich leer. Koordinator Marcos erklärt mir, dass sich in den nächsten zwei Wochen noch viele Schüler eintragen werden. Und wirklich müssen wir Freiwilligen nun ständig unsere Pläne checken, da sich stündlich etwas ändert. Am ersten Tag warte ich zunächst erfolglos auf einen eigentlich eingetragenen Geigenschüler, übe dann aber stattdessen selber ein bisschen, weil der Schüler nicht kommt. Da werde ich plötzlich von Marcos gerufen: „Du hast gerade keinen Unterricht, oder? Hier, das ist Tiffany, sie spielt Klavier.“ Also gebe ich eben Tiffany Klavierunterricht.

Im Unterricht entsteht eine merkwürdige Situation: Zwar bin ich der profesor, also der Lehrer, aber gleichzeitig bin ich darauf angewiesen, dass meine Schülerin mich mit der Sprache unterstützt. Dieser Ausgleich lohnt sich: Wir machen beide Fortschritte, am Ende der Stunde hat Tiffany gelernt, wie man eine C-Dur-Tonleiter mit beiden Händen spielt, und ich weiß, was „Finger“ auf Spanisch heißt. Ich bin zufrieden und verabschiede mich lobend von meiner Schülerin.

So ungefähr läuft auch der zweite Tag – warten, in der Musikschule helfen, dann taucht auf einmal ein Schüler auf. Unser Arbeitstag ist gegliedert in zwei Abschnitte: Unterrichtet wird von 10 bis 12 Uhr und nach der Mittagspause von 15 bis 20 Uhr. Eine Unterrichtsstunde dauert laut Stundenplan 60 Minuten, aber dabei ist natürlich auch die eigene Einschätzung gefragt: Mit der achtjährigen Schülerin mache ich natürlich kürzeren Unterricht als mit dem achtzehnjährigen Schüler. Wenn ich gerade nicht unterrichte, spiele ich zum Beispiel die neu überarbeiteten Geigen Probe oder sortiere das Notenarchiv der Musikschule. Und hin und wieder komme ich dazu, ein paar Seiten El Principito zu lesen, den „Kleinen Prinzen“ auf Spanisch.

Am Dienstag gebe ich auch das erste mal Geigenunterricht – mit Hernán übe ich das Notenlesen und ein Stück mit leeren Saiten. Auch der erste Finger kommt noch dazu, bevor die Stunde endet. Beim nächsten Mal wird dann der zweite Finger gelernt… Jede Schülerin und jeden Schüler unterrichte ich zweimal in der Woche, das ist natürlich toll für den Übefortschritt. Allerdings kann ich keine Hausaufgaben aufgeben, da die meisten kein eigenes Instrument daheim haben. Paúl, der in meinem Alter ist und den ich am Nachmittag zum ersten Mal unterrichte, ist so motiviert, dass er fast den ganzen Tag an der Musikschule Geige übt. Irgendwo findet man eigentlich immer Platz, auch wenn man mit seinem Schüler des Öfteren umziehen muss, weil zum Beispiel jemand ins Klavierzimmer muss. Deswegen weiche ich manchmal auch auf den Gang aus – aber das stört nicht, denn die Musik funktioniert überall.

Mein Stundenplan füllt sich derweil mehr und mehr. Für den Mittwoch bekomme ich einen neuen Klavierschüler – Clay, der so alt ist wie ich und noch nie ein Instrument gespielt hat. Aber die fehlende Erfahrung macht er mit Motivation und Aufmerksamkeit wett. Ich habe auch generell das schöne Gefühl, dass alle meine Schüler ihr Instrument wirklich spielen wollen und Lust auf den Unterricht haben. Es stört sie auch nicht, dass ich manchmal etwas unbeholfen herumstöpsle, weil ich das spanische Wort für irgendetwas nicht weiß – ich musse eben genauso wie meine Schüler noch lernen. Am Nachmittag unterrichte ich wieder Tiffany, mit der ich zum ersten Mal mit Noten spiele. Am Abschluss des Prozesses, der bis kurz vor Weihnachten läuft, soll es wieder ein Konzert geben – bei dem nur Weihnachtslieder gespielt werden sollen. Ich übe also mit Tiffany „Jingle Bells“ und lasse mir von ihr den spanischen Text vorsingen. Ashley an der Geige ist noch nicht ganz so weit, mit ihr spiele ich leere Saiten und klatsche Rhythmen. Und in den Freistunden arbeite ich im Kopf schon an Ideen für kleine Ensembles…

Zuhause lebe ich mich derweil immer besser ein. Das Spanisch funktioniert wie gesagt schon besser, Jairo muss immer seltener die Übersetzungsfunktion seines Handys bemühen. Außerdem darf ich mittlerweile tagsüber alleine den etwa dreiminütigen Fußweg zwischen Haus und Musikschule gehen, was mich ein bisschen unabhängiger macht. Rechtzeitig zum Mittagessen bin ich immer daheim – denn meine Gastmutter ist eine tolle Köchin. Außerdem helfe ich, wo ich kann, zum Beispiel beim Abwasch. Am Mittwoch bin ich leider etwas erkältet, was wohl an der starken Klimatisierung in der Musikschule liegt. Deswegen kommt es mir gerade recht, dass am Donnerstag wegen eines Feiertags kein Unterricht stattfindet – und ich mich richtig ausschlafen kann.

Zuvor gibt es am Mittwochabend noch einen besonderen Leckerbissen: Mit Paúl, Isis, Miriam, Hannah und Vincent fahre ich ins Zentrum von Guayaquil, um in ein Konzert des städtischen Symphonieorchesters zu gehen. Gespielt wird Mahler, 3. Symphonie, der Eintritt ist frei. Der Konzertsaal schaut toll aus, noch toller sind die Musiker – der Abend wird ein Genuss. Danach steigt in Clave de Sur, kurz cds, noch eine Halloweenparty, aber ich bin dafür dann doch zu kränklich und gehe lieber ins Bett.

Weil am Freitag frei ist, geht es für mich erst nächste Woche mit dem Unterrichten weiter. Ich freue mich schon auf meine Schüler! Und die freien Tage werde ich jetzt nutzen, um wieder ganz gesund zu werden…

Weiterhin gilt: Wer neu in den Verteiler aufgenommen werden möchte, bitte einfach eine kurze Mail an robin.waldenburg@gmx.de. Dann wird man bei jedem neuen Beitrag benachrichtigt.

Für die Lyrikfreunde: Ein Reisebedicht

Für die Lyrikfreunde unter den Lesern gibt es meinen Beitrag über die Reise mit Vincent auch in Gedichtform:

Reisebedicht (für solcherlei Wortwitze ist sonst ein Freund von mir zuständig, aber den habe ich hier nicht dabei…)

Weiche Sessel, lange Stunden
Kilometer überwunden
Kalte Busse, warmes Zimmer
Hähnchen unterm Lampenschimmer.

Dicht gedrängt ans blaue Meer
Über hügeligen Teer
Suche nach der Unterkunft
Hilfe von der Fischerzunft
Techa Roja heißt das Ziel
(Kostet auch nicht allzu viel)
Große Zimmer, tolle Sicht
Leider fließt das Wasser nicht
Handstand machen, Baden gehen
Bis die kalten Winde wehen
Schlafen? Wir? Nein, jetzt noch nicht
Wir vertonen ein Gedicht
Freestylpe-Rap von A bis Z
Malen, Singen, dann ins Bett.

Acht, neun Uhr am morgen schon
Nach Mompiche, dort Bolón
Wandern an den schwarzer Strand
Fotos an der Felsenwand
Und mit frisch gestärktem Mut
Durch die wilde Wasserflut
Angelangt am trock‘nen Hafen
Erstmal eine Runde schlafen.
Dann fürs Kochen wieder fit
Doch der Ofen spielt nicht mit
Ist egal, es schmeckt auch so
Am Lagerfeuer sowieso
Musik und Rap bis in die Nacht
Es wird gesungen und gelacht.

Der letzte Tag, ein Bad am Morgen
Frühstück ohne Ofen-Sorgen
Tischtennis statt Dschungel-Gang
Vor den Schlangen ist uns bang
Aufräumen, Zusammenpacken
Denn die Zeit sitzt uns im Nacken
Kurz zu „Noname“ und zum Boss
Dort ein herzliches „Adiós“
Unterholz und Stacheldraht
Ersparen uns ein Wellenbad.
Es fährt, wir haben nochmal Glück
Der letzte Bus mit uns zurück.

Schlaflose Stunden, dann das Ziel
Am nächsten Tag: Guayaquil
So anstrengend die Busfahrt war
Nun sind wir glücklich wieder da
Musik, viel Spaß und kleine Preise –
Das war meine erste Reise.

Robin Waldenburg