Lichterketten bei 35 Grad

Als ich vor ein paar Tagen in den Kalender geschaut habe, bekam ich einen Schreck: Offenbar sind die letzten Wochen vorbeigegangen, ohne dass ich es wirklich bemerkt habe. Mein letzter Blogeintrag datiert vom 15. November – ich sollte mich wohl mal wieder an den Computer setzen und meine Erlebnisse in einen Artikel verwandeln. Bei 30 Grad Außentemperatur gar nicht so einfach… Zum Glück schreibe ich mir am Ende des Tages immer auf, was ich so gemacht habe, sonst wäre ich verloren. Also versuche ich es jetzt – mal sehen, was dabei herauskommt 😉

Meine vierte Woche in Ecuador beginnt, welch‘ Überraschung, mit einer Partie Joggen. Wir schaffen diesmal nur vier Runden um den Park, weil die Wolken uns ihre Unterstützung versagen und die Sonne herunterbrennen lassen. Aber was wir morgens an Ausdauer vermissen lassen, holen wir am Abend auf andere Art und Weise nach: Im Haus von Marcos feiern wir den Geburtstag von Moritz. Moritz ist ein spannender Zeitgenosse: Als Gitarrenbauer ist er auf der Walz und reist in Ecuador gemeinsam mit Miriam zu allen MoG-Projekten, um sich nützlich zu machen. Am 12. November besteht dies darin, den Geburtstagskuchen anzuschneiden – der nicht nur gut aussieht, sondern auch sehr gut schmeckt. Weniger gut ist hier übrigens das Bier, das relativ teuer, aber von eher geringer Qualität ist – aber vielleicht hat man auch einfach zu hohe Ansprüche, wenn man aus Bayern kommt.

Der Kuchen wird am nächsten Morgen selbstverständlich durch fünf Runden wieder ausgeglichen. Mein treuer Laufpartner ist Nicolas, der meist im Olympique Marseille-Trikot durch die Morgenstunden joggt. Dass er aus dem Land des Weltmeisters kommt, merkt man wohl daran, dass er immer den Schlussspurt gewinnt… aber letztes Mal war es schon ganz knapp!

In Clave de Sur gibt es nicht nur Musikunterricht, die Ecuadorianer können auch Fremdsprachen lernen. Angeboten werden Englisch, Deutsch und Französisch – weil ich in dieser Stunde frei habe, besuche ich ab jetzt aus Interesse die Französischstunden bei Nicolas. Ich meine, wir haben ja noch nicht genug damit zu tun, Spanisch zu lernen – warum dann nicht gleich noch eine andere Sprache? „Comment ça va“ und „je suis allemand“ kann ich schon sagen, und „j‘ai des tongs grises, un short beige et un t-shirt bleu“. Nicolas lobt mich, ich sei sein bester Schüler – das möchte ich natürlich in aller Bescheidenheit nicht kommentieren, aber zumindest scheint es für mich nicht so schwer zu sein wie für die meisten Ecuadorianer, „voyager“ auszusprechen…

Mit meinen eigenen Schülern bin ich auch zufrieden. Zwar macht nicht jeder so schnell Fortschritte wie meine Lieblingsschülerin Tiffany, aber bei allen bemerke ich von Mal zu Mal Verbesserungen. Auch im Violinensemble kommen wir voran – und der Dansa de la Hada de Azúcar, der „Tanz der Zuckerfee“ wird schon immer leichtfüßiger. Auch wenn Angel gerne das Rennen anfängt… Ich selber spiele übrigens die Cellostimme, die ich mir schnell für die Geige in den Violinschlüssel umgeschrieben habe. Das klingt gar nicht so schlecht. Derzeit haben wir nämlich kein Cello, weil Miriam mit Moritz nach Playas gereist ist. Zum Weihnachtskonzert ist sie aber wieder da und kann ihren Part wahrscheinlich wieder übernehmen.

Neben meinen Französischstunden bekommen wir Freiwilligen jetzt auch Spanischunterricht: Am Donnerstag quält Gary uns mit Zungenbrechern, am Freitag lernen wir von Diego und Allan das Alphabet. Und auch ein paar Beleidigungen… die kann ich mir komischerweise viel besser merken als alles andere, ich weiß auch nicht warum 😉 Vielleicht, weil ich sie so oft höre… der Umgang im Guasmo ist etwas eigen. Aber die Beleidigungen sind nicht böse gemeint… man spricht sich einfach als „mi perro“ oder „maricón“ an. Die schlimmeren Schimpfwörter werde ich hier mal nicht wiedergeben…

 

Die Organisation ist auch anders, als man sie vielleicht von zu Hause gewohnt ist. Als wir uns am Samstag vor der Musikschule treffen, um ins Kino im Stadtzentrum zu gehen, werde ich plötzlich nach oben gerufen, um einer Schülerin Unterricht zu geben. Also spiele ich eben eine Dreiviertelstunde Geige mit Leslie und komme dann mit Samuel und Juleisy nach. Den Anfang des Films verpassen wir dadurch zwar, aber das stellt sich als nicht so tragisch heraus, da ich von den „Fantastischen Tierwesen“ auf Spanisch sowieso nicht allzu viel verstehe. Verblüfft bin ich vom riesigen Kinosaal in der Mall, der von der Größe alles toppt, wo ich bisher im Kino war. Das ist schon ein krasser Gegensatz zu unserem sonstigen Umfeld in Guasmo.

Am 18. November gibt es was zu feiern: Ich bin seit genau einem Monat in Ecuador. Ich habe ein langes und nettes Gespräch mit meiner Gastmutter über meine bisherige Zeit. Seit José Luis vor ein paar Wochen zu einer Reise in die USA aufgebrochen ist, habe ich übrigens eine neue Aufgabe im Haushalt: Ich hebe meine abuela, meine Großmutter, immer vom Bett in den Rollstuhl und umgekehrt. Sie kann kaum etwas alleine machen, und ich helfe natürlich gerne. Einmal begleite ich sie und meine Mutter zur Untersuchung im Krankenhaus und stelle beim Hin- und Rückweg fest, wie rollstuhlunfreundlich die Wege im Guasmo gebaut sind. Auf die Gehwege kommt man wegen der hohen Randsteine nicht, auf der Straße gibt es immer wieder Humps, weil die Autofahrer sonst gar nicht bremsen würden. So muss ich ein paar Liter Schweiß extra aufwenden, um meine Großmutter wieder nach Hause zu bringen. Ach, Stichwort Familie: Ich habe übrigens herausgefunden, dass Jairo doch nicht mein Cousin, sondern mein Bruder ist… das hat eine Zeitlang gebraucht 😀

Zum Wochenbeginn gibt es dann leider erstmal Stress mit Marcos, einem der Koordinatoren, der sich über die nächsten Tage zieht. Um den eigentlichen Konflikt (wir hatten alle vor, am Wochenende zusammen mit einer ecuadorianischen Familie nach Salinas zu deren Haus zu fahren, sollen aber die Musikschule streichen) geht es bald nicht mehr; die Lösungen, die wir für das Problem suchen (zum Beispiel, schon am Freitag zu streichen), werden abgeblockt. Marcos versteht leider auch nicht, dass es oft das Wie wichtiger ist als das Was – die Kommunikation scheint allgemein nicht zu seinen größten Stärken zu gehören. Es endet dann damit, dass wir die Reise absagen müssen – aber dann doch nicht malen können, weil die Farbe nicht geliefert werden kann. Für die Reise nach Salinas ist es zu spät, weil die Familie umplanen musste. Das hinterlässt ein unschönes Gefühl bei vielen von uns.

Am Mittwoch werde ich jedoch auf andere Gedanken gebracht: Gemeinsam mit Paúl, einem meiner Geigenschüler, fahre ich zum Malecón – so heißt die Promenade am Guayas – um dort eine Versammlung des Ministerio Salud Pública musikalisch zu begleiten. Wir spielen ein paar Stücke auf Geige und Klavier und hören Vorträge über verschiedene Initiativen in Guayaquil im Gesundheitswesen. Es ist eine interessante Erfahrung und wir bekommen viel Applaus – ein gelungener Ausflug. Und für Clave de Sur geben wir dabei auch eine gute Visitenkarte ab.

Zwei Tage später sind mal nicht unser musischen, sondern unsere kulinarischen Fähigkeiten gefragt: Wir Freiwilligen sollen ein typisch deutsches Essen für unsere Gastfamilien kochen. Wir entscheiden uns für Kartoffelpuffer, Fleischpflanzerl (für Nicht-Bayern: Frikadellen) und Salat – ich bin in der Gruppe Kartoffelpuffer. Nach dem Einkaufen auf dem Markt und in der Mall sind wir den ganzen Vormittag damit beschäftigt, Kartoffeln zu schälen und zu reiben. Zauberer Petrosilius Zwackelmann (falls hier jemand Otfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ kennt) hätte seine Freude an uns gehabt. Dann wird die Kartoffelmasse mit viel Öl – in Ecuador wird nichts gebraten, ohne dass es regelrecht im Öl schwimmt – in der Pfanne in Puffer verwandelt. Nesta und ich stehen stundenlang am Herd und wenden Kartoffelpuffer. Die anderen sind derweil auch nicht untätig, sodass um etwa halb acht (offizieller Beginn: halb sieben) im Auditorium der Musikschule alles für die Cena aufgebaut ist. Es beginnt ein schöner Abend mit guten Unterhaltungen und natürlich gutem Essen, das allen zu schmecken scheint. Wir Freiwilligen müssen auf der Bühne jeweils eine Aufgabe erfüllen, die wir aus einem Lostopf ziehen – Hannah und ich zum Beispiel sollen uns auf Guasmenisch unterhalten – unsere Kenntnisse des Slangs mit Worten wie „posi“ für „gut“ und „mi perro“ für „mein Freund“ sorgen für große Heiterkeit im Publikum.

Das Wochenende verbringe ich mit fast der gleichen Reisegruppe wie zwei Wochen zuvor in Playas. Dort besuchen wir Miriam, essen empanadas beim ältesten Empanadas-Restaurant von Playas und baden im Meer. Wir übernachten bei Gabriel – einem Freund von Miriam, dem sie das Cello repariert hat. Er und seine Frau besitzen eine pasteleria – eine Konditorei – und ein großes Anwesen, das teilweise aus Garten und teilweise aus Atelier besteht. Der Sohn ist Künstler, er zeigt uns einige seiner wirklich beeindruckenden Bilder. Gabriel hat viel zu erzählen – und das auf vielen verschiedenen Sprachen. Er spricht Spanisch, Französisch, ein bisschen Italienisch, Deutsch und Englisch. Die Familie kommt eigentlich aus Belgien und ist nach Ecuador ausgewandert. Dort wohnen sie nun direkt am Meer, mit großem Haus und einem gut laufenden Geschäft.
Viel zu schnell müssen wir aber wieder zurück nach Guayaquil – den Wochenendausflug war Playas auf jeden Fall wert.

Auch die nächste Woche ist wieder gut gefüllt, unter anderem feiern wir Hannahs Geburtstag (mit drei Schüsseln voll patacones und einem riesigen Kuchen), proben für einen Ausflug ins Krankenhaus und gehen natürlich wieder fleißig joggen. Am Mittwoch kommt José Luis aus den USA zurück und hat viel zu erzählen. Am Donnerstag liege ich den halben Tag krank im Bett, dann schleppe ich mich doch in die Musikschule und gebe ein paar Stunden Unterricht. Für Französisch reicht meine Gesundheit allerdings diesmal nicht…

Gesundheit ist ein gutes Stichwort, denn am nächsten Tag treffen sich alle Mitarbeiter der Musikschule, um zu einem Krankenhaus am anderen Ende Guayaquils zu fahren. Wir haben zuvor mehrere Songs vorbereitet, die wir vorspielen – Carla macht die Animation und reißt mit ihrem Tanz vor allem die Kinder mit. Zuerst spielen wir im Wartesaal, dann bei den HIV-Patienten, schließlich auf der Intensivstation – dort treten wir als Streichensemble auf. Es ist eine sehr intensive Erfahrung. Eine vorher besprochene Zielsetzung ist, dass wir Freude vermitteln und bei allem Leid gekommen sind, um mit den Patienten Spaß zu haben. Das setzen wir auch in die Tat um, und wirklich können wir vielen Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Wir verlassen das Krankenhaus mit einem guten Gefühl – und werden im Dezember wiederkommen.

 

Eine zweieinhalbstündige Reunión voller Probleme am selben Abend schmälert das gute Gefühl zumindest bei mir wieder. Oft kommt es mir so vor, wir Freiwilligen werden, zumindest von einem der Koordinatoren, komplett anders wahrgenommen, als wir uns selbst wahrnehmen. In gewissem Sinne habe ich das Gefühl, in jeder Situation erst einmal im Generalverdacht zu stehen, etwas Schlechtes für Clave de Sur zu wollen. Das Gespräch mit der Koordination ist selten auf Augenhöhe, was uns ja eigentlich auf dem Vorbereitungsseminar beigebracht wurde. Es scheint, dass die Koordinatoren untereinander nicht kommunizieren und jeder sein eigenes Ding macht, worunter die allgemeine Atmosphäre leidet. Auch traut man sich als Freiwilliger oft nicht, Probleme in der Reunión anzusprechen, weil man nicht das Gefühl hat, das Lösungen gesucht werden, sondern eher, dass einem erklärt wird, die „Schuld“ liege bei uns selbst. Zum ersten Mal in meinen fünf Wochen Ecuador mache ich mir ernsthaft Gedanken über meine weitere Zukunft im Projekt, insbesondere den ersten Prozess 2019. Bisher war der Plan gewesen, im Prozess von Februar bis April noch in der Musikschule zu arbeiten und die letzten zwei Monate reisen zu gehen. So sicher bin ich mir dabei aber nicht mehr…

Eine weitere Reunión am Montag mit José Luis – diesmal nicht in seiner Funktion als mein Bruder, sondern als Präsident von Mi Cometa – verbessert mein Gefühl erheblich. Nicht nur ist alles verständlich und nachvollziehbar, was er sagt – es ist auch seine Art und Weise, wie er etwas sagt. Beispielsweise bedankt er sich gleich bei diesem ersten Treffen mit den Freiwilligen bei uns für unseren Einsatz und unseren Willen, ein Teil des Projekts zu sein. Das erwarte ich zwar nicht unbedingt, Marcos ist aber in fünf Wochen gemeinsamer Arbeit noch nichts Vergleichbares eingefallen. Auch scheint José anders als Marcos davon auszugehen, dass wir hier arbeiten und Teil von Mi Cometa sein wollen – was natürlich auch der Fall ist. Mit ihm findet man Lösungen, anstatt nach Problemen zu suchen.

Am Tag darauf findet ein Workshop zum Thema Kommunikation statt, der von den Vertretern der Organisation Una Opción Mas organisiert wird. UOM ist wie Musiker ohne Grenzen eine Partnerorganisation von Mi Cometa, die Freiwillige aus Frankreich entsendet. Der Workshop an sich ist durchaus interessant – nur fehlt leider, warum auch immer, die Person, die ihn am wichtigsten bräuchte, fast den kompletten Tag…

Den Sonntag zuvor verbringen wir übrigens mit allen Mitarbeitern von cds an der Musikschule – Inventur, Putzen und Streichen stehen an. Wir säubern das ganze Haus von oben bis unten, sortieren alle Instrumente und Noten, und verpassen der Fassade einen neuen Anstrich. Ich habe immer noch weiße und grüne Spritzer auf meinen Schuhen… Jetzt glänzt wieder alles – zumindest mehr oder weniger – und pünktlich zur Weihnachtszeit haben wir nun auch einen Weihnachtsbaum und Lichterketten in der Musikschule. Wenn man abends nach Hause geht, leuchtet und blinkt es sowieso von allen Seiten – das ist schon manchmal ein komischer Anblick und scheint hier so gar nicht hinzupassen. Auch kann es einem passieren, dass man bei 35 Grad schwitzend durch die Straßen geht und plötzlich von Weihnachtsliedern beschallt wird. So oder so ist es eine interessante, neue Atmosphäre – und, ganz ehrlich, ich bin momentan ganz froh, die Vorweihnachtszeit nicht in der deutschen Kälte zu erleben…

Der 24. Dezember wird offenbar, hat mir meine Gastmutter erzählt, richtig groß gefeiert. Ich bin schon sehr gespannt… Lange hin ist es nicht mehr. Darum geht es jetzt auch in den Endspurt fürs Weihnachtskonzert. Nächstes Wochenende werden wir die Ensembles proben, mit denen wir am 21. Dezember auftreten. bis dahin habe ich mit meinen Schülern noch einiges zu tun…

2 Kommentare

  1. Lieber Robin,
    gerade habe ich erfahren von Deiner Oma Irmentraud, meiner Cousine, was Du gerade machst und habe Deine Blogs gelesen. Ich bin begeistert und möchte unbedingt in Deinen Verteiler aufgenommen werden, damit mir nichts entgeht.
    Rolf und ich wünschen Dir ein schönes, ganz besonderes Weihnachtsfest in der Ferne und grüßen Dich herzlich.
    Wir werden die Feiertage auf der Seiseralm in Südtirol verbringen. Da wird es kälter sein als bei Euch.

  2. iHola!,
    immer wieder hocherfreut, wenn ein neuer Bericht von Dir im Blog erscheint.Sehr anschaulich beschrieben, wie Du Deine Einsatzzeit als Freiwilliger mit den verschiedensten Aktivitäten ausfüllst. Wenn diesmal auch von einem weniger erbaulichen Geschehen berichtet wird, so zeigt es doch, dass nicht alles immer eitler Sonnenschein sein muss (wenn auch die Sonne an Deinem Aufenthaltsort zur Genüge scheint). Aber ich finde es gut und ehrlich, auch so etwas zu berichten, gerade im Hinblick auf diejenigen, die wie Du in gleicher Weise vorhaben, sich zu engagieren. Ansonsten sind Deine lesenswerten Berichte sicherlich Mutmacher und Entscheidungshilfe für weitere freiwillige Mitarbeiter in diesem Projekt.
    iHasta la proxima!
    Rex

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