Noche de Paz

Noche de Paz, Noche de Amor… Betritt man im Dezember die Musikschule, klingen von allen Seiten Weihnachtslieder heran. Die letzten Wochen des Prozesses stehen ganz im Zeichen der Vorbereitung auf das Weihnachtskonzert. Mi burrito sabanero, Campana sobre campana, Feliz navidad… Draußen liegt zwar kein Schnee, doch die Musik sorgt für reichlich Weihnachtsstimmung.

Auch an meinem Geburtstag wird natürlich konzentriert an den Liedern gearbeitet. Ende der Woche sollen wir die Liste abgeben, welcher Schüler in welchem Ensemble spielen wird – mitunter gar nicht so einfach, einzuschätzen, welches Stück der betreffende Schüler bis zum Konzert noch lernen kann. Mit Ashley, einer Geigenschülerin, habe ich erst den 1. Finger gelernt – ob ich da überhaupt ein gutes Arrangement hinbekomme? Und wenn man sich wenigstens darauf verlassen könnte, dass die Schüler auch immer zum Unterricht kommen…
Am Abend können wir dann erst einmal ein wenig durchschnaufen – und feiern ein bisschen im Haus von Jennys Familie. Ich bekomme ein Trikot von Barcelona Guayaquil und eine schöne Geburtstagskarte. Ziemlich sicher die erste viersprachige Geburtstagskarte, die mir bisher geschenkt wurde…

Am Freitag, den 14. Dezember treffen wir uns morgens an der Musikschule, um zum Malecón zu fahren, der Promenade am Guayas. Dort findet eine Messe statt, bei der wir Clave de Sur repräsentieren und vorstellen sollen. „Messe“ ist dann nicht wirklich das Wort, das mir später bei der doch überschaubaren Menschenmenge in den Sinn gekommen wäre, doch wir legen uns natürlich trotzdem ins Zeug und unterhalten die Passanten mit Jazzimprovisation, Viva La Vida, Weihnachtsliedern und mehr. Einmal kommt eine Schulklasse vorbei, die die Instrumente ausprobieren darf und ein kleines Konzert bekommt – sich danach aber mehr begeistern lässt vom Stand neben uns, eine Puppe, die zu Popsongs tanzt. Am Nachmittag räumen wir die Instrumente wieder zusammen und machen uns, trotz des geringen Andrangs während der „Messe“, gut gelaunt auf den Heimweg. Erst haben wir wieder das Problem, dass kein Taxi nach Guasmo fahren will, doch irgendwann finden wir eines und verladen die Instrumente. Ich gehe mit ein paar anderen Freiwilligen noch auf den nahegelegenen Markt – es müssen ja auch noch Geschenke besorgt werden…

Musikalisch geht es auch am Tag darauf weiter: Die Ensembles fürs Konzert werden geprobt. Die Organisation sieht dabei so aus, dass alle Schüler um 10 Uhr kommen sollen und man dann irgendwie schaut, wer mit wem proben kann. Für uns Lehrer ist es wohl eine gute Schulung in Sachen Multi-Tasking, muss man doch gleichzeitig immer wieder überprüfen, ob wieder ein Schüler aufgetaucht ist (ich bin mittlerweile immerhin soweit, dass ich natürlich nicht mehr davon ausgehe, dass auch wirklich alle um 10 Uhr da sind), andere Schüler, mit denen man noch nicht proben kann, irgendwie beschäftigen, und selbst Ensembles beaufsichtigen beziehungsweise in ihnen spielen. Am Ende bin ich froh, überhaupt ein paar Proben zusammenbekommen zu haben, weil etwa die Hälfte meiner Schüler nicht gekommen ist – ich aber trotzdem keine ruhige Minute hatte. Immerhin steht nun „Ave Maria“, und auch „Noche de Paz“ konnten wir ein paar Mal durchspielen. Und es gibt immer wieder schöne Überraschungen; beispielsweise spielt Tomas seinen Part plötzlich fehlerlos und Hernán setzt den 2. Finger richtig – den Rest, so hoffe ich, können wir in der letzten Woche noch korrigieren…

Abends bin ich zum ersten Mal bei einer Familienfeier eingeladen. Jairo, meine Mutter, meine Tante und ich fahren mit dem Auto durch halb Guayaquil zum Haus der Eltern von Karina, José Luis‘ Verlobten. Dort lerne ich Verwandte und Freunde der Familie kennen und erzähle zum Beispiel von meiner Tätigkeit als freiwilliger Musiklehrer in Clave de Sur. Jorge, Karinas Vater, hat offenbar vor Jahren mal bei einer Sing-Talentshow im Fernsehen mitgemacht und dabei fast gewonnen. Seitdem ist es Tradition in seinem Haus, bei den Feiern Karaoke zu singen. Da bin ich natürlich dabei – und habe sofort neue Fans 😀 Ich gebe ein paar englische Popsongs zum Besten, Jorge liefert eine perfekte Imitation von Julio Jaramillo – er hat wirklich eine tolle Stimme. Einige Bierflaschen später – habe ich eigentlich schon erzählt, wie man hier trinkt? Es gibt wenige Becher, die herumgereicht werden. Bekommt man den Becher, leert man ihn zügig und gibt ihn wieder dem Ausschenker – geht es in der Nacht wieder heim Richtung Guasmo. Zwar hat auch Jairo, der das Auto fährt, durchaus einige Becher getrunken – doch damit scheint man es hier nicht so genau zu nehmen…

Während der Reunión am Montag darauf spaziert plötzlich jemand Altbekanntes in die Musikschule – Miriam ist wieder da! Nach Aufenthalten in Playas und Olón ist sie zurück nach Guayaquil gekommen, von wo aus sie am Donnerstag zurückfliegt – wie auch Moritz, der am Dienstag im Guasmo aufschlägt. Zum Abschied gibt es am Mittwochabend eine kleine Feier im Haus von Marcos. Miriam hat die paar Tage noch genutzt, um in der Musikschule ein Wandbild aufzuhübschen – nun haben wir eine schöne Erinnerung, wenn wir täglich daran vorbeigehen.

Die Woche hält noch eine andere Überraschung bereit – Regen! Am Montagnachmittag schüttet es tatsächlich mal aus Kübeln. Regen in Ecuador – ja, sowas gibt es! Vor Freude laufen einige von uns vor die Musikschule und lassen sich vollregnen. Das erste Mal richtig Regen nach zwei Monaten Trockenheit… In der gleichen Woche regnet es noch zweimal, die Regenzeit kündigt sich also an. Bei der Hitze ist das eigentlich eine willkommene Abkühlung, allerdings erzählen manche Freiwillige, dass es in ihre Häuser reinregnet – ich bin zum Glück bisher noch trocken geblieben…

Gleichzeitig geht natürlich das Üben fürs Konzert weiter. Am Mittwoch müssen wir eigentlich keinen Unterricht mehr geben – aber ich lasse trotzdem alle meine Schüler kommen, weil die Lieder noch nicht so gut sitzen. Für Ashley habe ich noch ein einfaches Stück gefunden, das sie zusammen mit ihrer Schwester Danna spielen soll. Trotzdem hätte ich für einige Schüler gerne noch ein paar Unterrichtsstunden mehr vor dem Konzert…

Tags darauf findet kein Unterricht mehr statt, denn am Nachmittag steht die presentación de danza an – in Clave de Sur wird auch Tanz unterrichtet. Dafür fahren wir ins Cultural Ecuatoriano Alemán, das im Zentrum Guayaquils liegt. Der Großteil der Freiwilligen begleitet Miriam und Moritz zum Flughafen, Nesta und ich dagegen verabschieden uns schon früher von ihnen und werden dann im Laderaum des Transportwagens mitgenommen. Die ruckelige Fahrt durch Guayaquil, dessen Straßen und Häuser wir durch den Schlitz zwischen Abdeckung und Fahrzeugwand erspähen können, ist ein Erlebnis der ganz eigenen Art… Im Centro Cultural angekommen, verladen wir die Gerätschaften und bauen alles auf. Gleichzeitig sehen und hören wir uns ein bisschen im Haus um – hier kommt es und schon sehr deutsch vor. Aber vielleicht liegt das auch einfach daran, dass wir seit Monaten mit niemand anderem als untereinander Deutsch gesprochen haben. Die Präsentation beginnt dann aber natürlich wie gehabt nach ecuadorianischer Zeitrechnung eine Stunde später als geplant. Nun gibt es eine Stunde lang Tänze zu bestaunen und Musik zum Mitklatschen – das Publikum ist begeistert.

Für uns Musiklehrer ist der große Moment am nächsten Tag gekommen: Weihnachtskonzert, ebenfalls im Centro Cultural. Zuvor (wir müssen um 6.30 Uhr aufstehen!) begleiten Hannah und ich allerdings noch unsere Schüler Ashley und Danna bei einem Vorspiel in ihrer Grundschule. Diese neue Erfahrung ist vor allem eines: laut. Aber die Schülerinnen und Schüler scheinen sich über die Darbietung zu freuen, und die Mutter von Ashley und Danna ist ganz stolz auf ihre Töchter. Danach fahre ich mit meinem Bruder José Luis noch schnell zur zapatería, um das Loch in meinen Auftrittsschuhen reparieren zu lassen – für das Konzert soll ja alles stimmen.

Ab etwa vier Uhr nachmittags fängt der Stresspegel dann an zu steigen. Zuerst einmal stecken über eine Stunde im Weihnachtsverkehr Guayaquils fest, obwohl wir unseren Schülern eingeschärft haben, pünktlich um fünf Uhr im Centro Cultural zu sein. Das ist erst mal noch kein Problem – es kommt natürlich auch kein Schüler pünktlich. Aufgrund Letzterem wird es jedoch dann kritisch, weil wir eigentlich viel zu wenig Zeit für die Generalprobe haben. Mehrere meiner Schüler kommen erst kurz vor knapp, zwei gar nicht, und mit meiner Klavierschülerin Tiffany kann ich das Stück nicht mehr durchspielen, weil das Klavier durchgehend besetzt ist. Ich sage ihr also, „du kannst es, spiel‘ einfach nicht zu schnell“ und hoffe das Beste. Dann geht es auch schon los.

Über Rodolfo el Reno geht es über Mi Burrito Sabanero und Ave Maria bis zu Noche de Paz. Wir treten mit der grupo de violín auf – sogar mit Tänzerin bei unserem Danza de la hada de azúcar – und singen Petit Papa Noël mit dem Französischkurs. Meine Lieblingsschülerin Tiffany hält sich an die Vorgabe – und spielt langsam, aber dafür fehlerfrei. Maikol am Klavier erschwert es unserer Sängerin Sarah bei Ave Maria, indem er durchgehend falsche zusätzliche Pausen setzt, doch es klingt trotzdem schön und niemand bekommt meine Schweißausbrüche während des Stücks mit. Selbst das Noche de Paz-Ensemble mit drei Geigenschülern von mir klappt gut, obwohl ich über jenes am Wochenende zuvor noch recht ernüchtert gewesen war. Alles in allem ist es ein schönes Konzert, und mit dem Weihnachtsbaum sowie der Dunkelheit draußen – und insbesondere der Kälte durch die wieder viel zu starken Klimaanlagen – fühlt es sich fast wie daheim an.

Mit Aktivitäten ist es damit aber noch nicht getan – am 22. Dezember steigt eine fiesta für die niños in der Musikschule. Wir machen Musik, tanzen, spielen und es gibt ein Geschenk für jedes Kind. Am Nachmittag fahre ich mit Hannah, Sarah und Maïa zu einer presentación – wir wissen nur, dass wir bei einer Feier ein paar Stücke spielen sollen. Dort angekommen, stellen wir fest, dass es sich um eine Art Schönheitswettbewerb der Nachbarschaft handelt: Gesucht wird die „Miss Navidad“ in drei unterschiedlichen Altersgruppen. Und wir sollen nicht nur in den Pausen ein bisschen Musik machen, sondern Sarah und mir werden auch gleich Stift und Papier in die Hand gedrückt – wir gehören jetzt zur Jury. War das nicht schon immer mein Traum, sich mal zu fühlen wie Heidi Klum? Jedenfalls sollen wir jetzt junge Mädchen in den Kategorien Tanz, Gang, Monolog und Kleid bewerten. Lustig ist das irgendwie schon, auch wenn ich vom Konzept eher nicht so begeistert bin… Am Ende küren wir jeweils die Erste, Zweite und Dritte und alle Teilnehmerinnen bekommen ein Geschenk. Wir werden mit den besten Wünschen verabschiedet und von einem der Organisatoren, einem netten älteren Herren, wieder nach Hause gebracht.

Dort findet in Clave de Sur die dritte fiesta des Tages statt: Wir feiern Samuels Abschied und ab 24 Uhr auch Maïas Geburtstag. Am Sonntag nämlich fliegt Samuel zurück nach Deutschland. Alle gemeinsam bringen wir ihn zum Flughafen und es gibt eine tränenreiche Verabschiedung. Ich hatte eine schöne Zeit mit Samuel und bin mir sicher, dass wir uns nicht das letzte Mal gesehen haben…

Und dann ist plötzlich der 24. Dezember da – Heiligabend. Mit meiner Familie, diesmal sind auch meine abuela und Leonardo dabei, fahren wir wieder zu Karinas Eltern. Mit vereinten Kräften schaffen wir es zu dritt, die Großmutter im Rollstuhl die Treppen nach oben zu wuchten. Belohnt werden wir mit dem Weihnachtsessen. Irgendwann packe ich meine Geige aus und spiele ein paar Weihnachtslieder – und stehe dabei neben dem bunt geschmückten Weihnachtsbaum. Auch Karaoke darf an diesem Abend natürlich wieder nicht fehlen, bis kurz vor zwölf: Wir zählen die Sekunden herunter und pünktlich zum 25. Dezember umarmen wir uns alle gegenseitig und wünschen feliz navidad. Dann verteile ich meine Geschenke: Für die ganze Familie habe ich zwei Tassen gekauft, eine von Emelec und eine von Barcelona – bezüglich des Fußballclubs ist meine Familie gespalten. Außerdem habe ich jedem eine Karte gebastelt und einen kurzen, persönliche Text auf Spanisch hineingeschrieben. Nun wird noch ein bisschen weitergefeiert, dann geht es auch schon wieder zurück nach Hause. Ehrlich gesagt hätte ich mir vielleicht ein bisschen mehr erwartet, nachdem ich von vielen Ecuadorianern gehört hatte, dass Weihnachten so groß gefeiert wird – aber es war natürlich trotzdem ein schönes Fest. Und mit meiner ecuadorianischen Familie bin ich immer gern beisammen.

Ein paar Tage später, am 28. Dezember, fahren wir noch einmal ins Krankenhaus, um dort Musik zu machen – ich verpasse beinahe die Abfahrt, weil mein Wecker nicht klingelt und ich fast eine ganze Stunde verschlafe, doch zum Glück weckt mich meine Mutter und auf die ecuadorianische Verspätung ist Verlass. Im Krankenhaus selbst sorgen wir wieder für gute Stimmung, allen voran unsere verrückte Tänzerin Carla. Außerdem bekomme ich eine Salbe gegen meinen Hautausschlag, den ich offenbar von der Hitze bekommen habe. Insgesamt also wieder ein sehr gelungener Ausflug…

Abends findet die cena navideña statt, bei der auch Projektgründerin Magdalena dabei ist – gemeinsam mit ihrem Mann Rodolfo und ihren zwei Kindern ist sie vor ein paar Tagen nach Ecuador gekommen. Außerdem hat Ysis Geburtstag – wir kommen also aus dem Feiern gar nicht mehr heraus. Auch weil wir am nächsten Tag bei der Quinceañera einer Schülerin eingeladen sind – der 15. Geburtstag eines Mädchens wird hier groß zelebriert. Es ist sehr interessant, dieser Tradition beizuwohnen – allerdings bin ich am nächsten Tag erkältet, weil die Klimaanlage mal wieder auf Hochtouren gelaufen ist…

Das Jahr 2018 verabschiede ich dann zuhause, gemeinsam mit der Familie – diesmal kommen Karina und José Luis zu uns in den Guasmo. Im Laufe des Abends gibt es drei Stromausfälle – der erste sogar für über eine Stunde – doch das hält uns nicht vom Feiern ab. Schon am Abend fängt das Geböllere an, immer wieder gibt es kleiner Feuerwerke. Um Mitternacht geht es dann richtig los: Gemäß der Tradition verbrennen wir unseren Muñeco – das sind teilweise mannshohe Figuren aus Pappmaché, die in bunten Farben bemalt sind. Schon Wochen vorher konnte man Hunderte von ihnen am Straßenrand sehen, das ist ein beeindruckender Anblick. Im Inneren der Figuren sind Feuerwerkskörper, sodass sie irgendwann unter einem Höllenlärm explodieren. Explodieren tut eigentlich auch sonst alles andere, hat man das Gefühl – wer Silvester in Deutschland für laut hält, sollte mal in den Guasmo kommen. Jetzt erlebe ich also auch das komplette Gegenteil von Noche de Paz… Als ich am nächsten Morgen um sieben von der fiesta bei Marcos zurückkomme, sitzen fast alle aus meiner Familie immer noch draußen und feiern… Für mich ist jedoch erst einmal Schlafen angesagt. Was auch immer 2019 für mich bereithalten wird – so müde bin ich wahrscheinlich in noch kein anderes Jahr gestartet…

¡Feliz año nuevo a todos!

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