Eine kleine Abschiedsrunde

Lange ist es her, dass ich mit Vincent zusammen meine erste Reise in Ecuador begonnen habe. Am 18. Oktober 2018 landete ich in Guayaquil, und wenige Tage später ging es auch schon los: Ziel war Mompiche an der Nordküste Ecuadors. Nun, sieben Monate später, geht es ein letztes Mal auf Tour. Gemeinsam mit Maïa starte ich am Morgen des 15. Mai mit dem Bus nach Quito – der Ausgangspunkt unserer Abschiedsrunde durch Ecuador. In den kommenden drei Wochen werden wir über 3.000 Kilometer zurücklegen und dabei ein letztes Mal wunderbare Erfahrungen in diesem tollen Land machen.

In der Hauptstadt geht es erst einmal um Maïas Visum. Nach viel zu viel Zeit und Geld haben wir am 16. Mai endlich Gewissheit – sie darf im Land bleiben. Hoffentlich müssen wir nie wieder das Amtsgebäude in Quitumbe betreten… ich habe dort schon zu viel Lebenszeit verschwendet. Dafür nutzen wir die folgenden Tage für einen Besuch im mäßig interessanten Museo del Banco Central und im sehr interessanten Museo del Arte Precolonial mit sehr gut erhaltenen Fundstücken aus der Zeit der Inka und deren Vorgänger. Auch fahren wir zum bekannten Handarbeitsmarkt in Otavalo, wo man von Decken über Ponchos bis Holzspielzeug alles mögliche finden kann. Dort schlendern wir den halben Tag durch die Gassen, schauen uns alles an und feilschen um Preise. Am Abend nehmen wir den überfüllten Bus zurück zum Terminal Quitumbe, wo der nächste Reisebus auf uns wartet.

Die Nacht verbringen wir im Bus, um am nächsten Morgen unser nächstes Ziel zu erreichen: Mompiche. Der geneigte Leser erinnere sich sieben Monate zurück… Wie bei meiner Reise mit Vincent ist das Programm hier Faulenzen und Entspannen. Dieses Mal wagen wir uns auch vom Strand weg und machen einen Spaziergang durchs Dorf – wobei wir merken, dass Mompiche wahrlich schon bessere Zeiten gesehen hat. Ansonsten essen wir ein paar Mal in unserem Lieblingscafé „La Chocolata“, in dem es tatsächlich gutes Brot gibt, schlafen viel und holen Maïas Schal in einem Hostel ab, den wir im Februar dort vergessen haben. Es regnet viel und ist bewölkt, der Meerblick ist trotzdem schön.

Am Morgen des 21. Mai starten wir ein kleines Abenteuer – wir wollen in den Süden, und zwar auf der Küstenroute. Im Internet habe ich eine Beschreibung gelesen; bin aber nicht sicher, ob diese noch aktuell ist. Von einem Taxi lassen wir uns also zur Hauptstraße bringen, wo wir auf den Bus nach Chamanga warten – der auch tatsächlich kommt. Eine Dreiviertelstunde später steigen wir am Zielort aus und werden gleich von drei Busfahrern bedrängt, die uns nach Canoa bringen wollen – da wir sowieso dorthin müssen, steigen wir ein. In Canoa verbringen wir die Nacht in einem Hostel, am nächsten Morgen finden wir einen Bus, der uns über die längste Brücke Ecuadors (die gar nicht einmal soo lang ist) nach Bahía de Caráquez bringt. Wir stellen fest: Es ist gar nicht so schwer, seinen Weg zu finden – wenn man ein bisschen die Karte im Kopf hat und, vor allem, Spanisch spricht. Zum Glück können wir uns beider Eigenschaften rühmen…

In unserem Reiseführer haben wir gelesen, dass Bahía de Caráquez eine der schönsten und saubersten Küstenstädte Ecuadors sei – einige Erdbeben haben dafür gesorgt, dass diese Beschreibung nicht mehr ganz der Wahrheit entspricht. Als wir das Museum der Stadt besuchen wollen, müssen wir feststellen, dass es wegen Erdbebenschäden geschlossen ist – bis Anfang 2020. Manabí, so heißt die Region, ist immer wieder Epizentrum von kleineren und größeren temblores. Also können wir nicht ins Museum, aber die Leute in der Museumsverwaltung empfehlen uns, eine Eco-Farm zu besuchen, die von einer Schweizerin betrieben wird. Dort machen wir einen schönen Rundweg durch dicht bewachsene Natur. Danach steigen wir noch auf den Aussichtspunkt in Form eines Kreuzes, das nicht mehr ganz so stabil aussieht – ich bin froh, als wir wieder unten sind. Und dann heißt es auch schon wieder adiós, denn wir wollen über Jipijapa nach Puerto López.

Allerdings haben wir nicht mit unserer Müdigkeit gerechnet. Wir schlafen im Bus ein – und als wir wieder aufwachen, haben wir Jipijapa längst verpasst. Ich frage einen anderen Reisenden – der mir bestätigt: Wir kurz vor Guayaquil! Wir verbringen also die Nacht nicht in einem Hostel, sondern am Terminal Terrestre, bevor wir um vier Uhr früh in den Bus nach Jipijapa steigen – diesmal aus der anderen Richtung.

Dieses Mal verpassen wir den Ausstieg nicht und erwischen den richtigen Bus nach Puerto López. Dort schlafen wir erst einmal eine Runde, bevor wir am Strand entlang spazieren, etwas essen und unsere Wäsche zur lavandería bringen. In der Hauptstadt Manabís werden wir etwas länger bleiben, denn es gibt viel zu sehen: Zum Beispiel den Strand Los Frailes und die Ausgrabungen in Agua Blanca. Dort werden wir durch die Ruinen der alten Tempel- und Wohnanlagen geführt und baden in einer Mineralquelle. Und bekommen Schlamm für Gesichtsmasken…

Am Freitag steht Schnorcheln auf dem Programm – wir haben am Vortag eine Tour zur Isla de la Plata gebucht. Diese Insel wird oft als „Galápagos des armen Mannes“ bezeichnet, weil sie zwar nicht mit Galápagos zu vergleichen ist, aber auf ihr trotzdem eine beeindruckende Natur zu finden ist. Besonders die verschiedenen Vögel wie den Fregattvogel kann man gut beobachten. Wir fahren mit einem Motorboot etwa eine Stunde zur Insel und erkunden dort das Korallenufer. Leider kann ich keine Fotos machen – wir sind ja unter Wasser – aber jeder, der schon einmal einen Naturfilm über die Unterwasserwelt an Küsten gesehen hat, kann sich ungefähr vorstellen, wie toll unser Erlebnis ist. Am Abend treffen wir dann die anderen Teilnehmer der Tour wieder, um gemeinsam einen zu trinken und in einem Café anlässlich des besagten Festivals ein paar Kurzfilme einer feministischen Organisation anzusehen. Und wir kaufen die Tickets für den Bus, denn…

Am nächsten Morgen geht es um acht Uhr früh los zurück Richtung Quito. Und, wer hätte es gedacht, es wird ein weiterer im Bus verbrachter Tag… elf Stunden Fahrt, dann kommen wir endlich an. Wir besuchen, weil wir die Erfahrung machen wollen, noch einen Club und eine Bar am Plaza Foch, dem „Partyzentrum“ Quitos, dann fallen wir ins Bett. Wir gönnen uns einen langen Schlaf, bevor wir am folgenden Mittag nach Pululahua aufbrechen – das ist der Krater, den wir schon bei unserer letzten Reise gesehen haben, aber nicht viel Zeit hatten. Wir fanden den Ort beim ersten Mal so magisch, dass wir unbedingt noch einmal zurück wollen. Weil wir eine weitere freie Hotelnacht haben, können wir im „Hotel Crater“ einchecken – ein sehr (normalerweise zu) schönes Hotel direkt am Kraterrand. Vom Bett aus sehen wir durch das riesige Fenster – nichts. Der Nebel ist so dicht, dass wir uns für den Ausblick gedulden müssen.

Morgens ist es jedoch normalerweise klar, und so können wir die faszinierende Landschaft betrachten, als wir am nächsten Tag eine Reittour hinab in den Krater machen. Faszinierend ist auch die Störrigkeit meines Pferdes – alle paar Meter bleibt es stehen und will nicht mehr. Doch die Natur im Krater und das schöne Wetter können das gut ausgleichen. Später am Tag besuchen wir noch das Museum, dessen Bau einem Inkatempel nachempfunden ist. Dort sehen wir auch die Ausstellung des hier sehr berühmten Malers Cristóbal Ortega Maila, der in drei Minuten nur mit seinen Fingern und Farbe schönere Bilder fertigt, als ich es in drei Tagen und allem möglichen Equipment je könnte.

Unser nächstes Ziel ist einer der höchsten aktiven Vulkane der Erde: Der Cotopaxi. Wir kommen über airbnb im Haus von Olga nahe Machachi unter – eine sehr liebe Frau, die sich um uns kümmert und sogar ein Klavier besitzt. Von dort aus besuchen wir den Nationalpark, wo wir eine Tour mit einem Taxi buchen müssen, weil man nicht alleine hineindarf und die Distanzen zu groß sind. Also werden wir zunächst zu einem interessanten Museum gebracht, dann zur Laguna Limpiopungo, die wir umrunden und dabei einen guten Blick auf den teils wolkenverhüllten Vulkan haben. Eine echte Besteigung haben wir nicht vor – wir haben weder die Zeit noch Ausrüstung – aber der Anstieg zum ersten refugio ist aufgrund der Witterungsbedingungen herausfordernd genug. Wir müssen aufpassen, dass der extrem starke Wind uns nicht vom Hang pustet. Der Schnee, durch den wir stapfen, lässt sich einen nicht wirklich danach fühlen, in Ecuador zu sein… Im refugio belohnen wir uns dann mit heißer Schokolade und Suppe. An den Wänden hängen Flaggen, auf denen sich erfolgreiche Besteiger der jeweiligen Nationalität verewigt haben. Ich sehe sogar eine von Fortuna Düsseldorf…

Der nächste Vulkan auf unserer Route, wenn auch nicht mehr aktiv, ist nicht weniger beeindruckend: Von Latacunga aus erreichen wir mit dem Bus Quilotoa. Im Krater befindet sich ein wunderschöner, grün-blau schimmernder Vulkansee. Der Legende nach hatte Cotopaxi eine Affäre mit dem Vulkan Iliniza-Süd, die schon mit Iliniza-Nord verheiratet war. Der Vulkan Rumiñahui jedoch fand das heraus und erzählte es Ilinza-Nord. Cotopaxi schämte sich sehr, weshalb er sich noch heute so oft mit Wolken verhüllt. Der Sohn der beiden Ilinizas, Volcan Corazón, war so traurig über die Tat seiner Mutter, dass seine vielen Tränen Laguna Quilotoa formten.

Ob diese Legende nun wahr ist oder eher nicht, Quilotoa ist in jedem Fall ein magischer Ort. Wir stehen lange am Kraterrand und blicken in den wunderschönen Vulkansee hinab. Dann machen wir uns an den Abstieg, hinein in den Krater, und leihen uns, unten angekommen, ein Kajak aus. Vom Wasser aus hat man noch einmal einen ganz besonderen Blickwinkel.

Vulkan Nummer drei, wo unsere letzte geplante Wanderung stattfinden soll, ist der Chimborazo – der höchste Vulkan Ecuadors. Misst man vom Erdmittelpunkt aus, ist er sogar höher als der Mount Everest, da die Erdoberfläche gekrümmt und daher am Äquator etwas dicker ist. Wir werden von einem Bus in den Nationalpark gebracht und nehmen ein Taxi zum ersten refugio. Von dort aus steigen wir zum zweiten refugio und einem kleinen Bergsee. Die dünne Luft und die Höhe – wir sind auf fast 5.000 Metern n.N. – machen das Wandern zur Herausforderung. Zum Vergleich: Die Zugspitze ist 2.962 Meter hoch. Der Vulkan ist von Wolken verhüllt, doch als wir wieder beim ersten refugio sind, sehen wir die schneebedeckten Hänge aufblitzen. Und zurück in unserem Ausgangsort Riobamba sehen wir in der Ferne, vollkommen wolkenfrei, den Vulkan Tungurahua. Die Anden sind schon beeindruckend.

Die letzten Etappe unserer Abschiedsreise ist Ecuadors Süden, in den wir bisher überhaupt noch nicht vorgedrungen sind. Um nach Loja zu gelangen, müssen wir allerdings gut Kilometer machen – wir teilen die Busfahrt auf und fahren über Alausí, wo wir übernachten, und Cuenca, wo wir (gutes) Brot kaufen, zu unserem Zielort – in Loja wohnen wir per airbnb bei Julie und Guastavo. Die Stadt erkunden wir am nächsten Tag, sie gefällt uns sehr gut. Es gibt viele Parks, plazas und eine Kathedrale. Besonders begeistert sind wir vom Parque Jipiro: Dort sind zwischen den üblichen Spielplätzen, Basketballkörben und Fußballtoren Häuser in Stilen verschiedenster Länder der Erde aufgebaut. Da steht der Eiffelturm nicht weit entfernt von einem kleinen Märchenschloss und einem indischen Tempel, während man in der Ferne den Kreml zwischen den Bäumen erkennen kann. Zudem werden Attraktionen wie Pferdereiten angeboten – wir leihen uns für eine halbe Stunde ein Tretboot und schippern durch den kleinen angelegten Fluss. In der Mitte des Sees ist ein kleiner Zoo, sodass man vom Wasser aus Pfaue, Flamingos und andere Vögel beobachten kann. Der Park kommt offenbar auch bei den Einheimischen gut an: Am Sonntagnachmittag ist hier einiges los. Von so etwas sollte es mehr geben, finden wir beide.

Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug nach Vilcabamba im Süden Lojas. Das ist angeblich die Stadt mit den ältesten Menschen Ecuadors oder sogar der Erde, je nach Erzählung, wir treffen allerdings fast nur junge Leute. Seit einigen Jahren gibt es in Vilcabamba eine Art neue Hippie-Bewegung, was man durchaus spürt, wenn man durch die Straßen geht. Sehr gut gefallen mir die vielen Wandmalereien. Eigentlich wollen wir zur französischen Bäckerei, um – natürlich – Brot zu kaufen, doch sie hat nicht offen. Einen Besuch wert war der kleine Ort dennoch.

Früh aufzustehen sind wir von der Reise ja mittlerweile schon gewohnt, und auch in der Nacht auf den 4. Juni bekommen wir nicht viel Schlaf: Um kurz vor fünf fährt der Bus vom Terminal Richtung Piñas im Südwesten Ecuadors. Nach vier Stunden Fahrt steigen wir in Portovelo aus – ein Ort im Halbdschungel, von dem ein kleinerer Bus zu unserem Zielort geht: Zaruma. Als wir in Zaruma ankommen, können wir zuerst nicht verstehen, warum der Reiseführer dieses abgelegene Städtchen so nachdrücklich empfohlen hat – auf den ersten Blick sieht man nicht mehr als die üblichen Häuser, Läden und kleine Fabrikhäuser. Später am Tag aber besuchen wir das Zentrum und können die Empfehlung nun nachvollziehen: Nicht nur hat man von überall einen tollen Ausblick auf die umliegende Berglandschaft, auch befinden sich im Zentrum der Stadt, die von spanischen Einwanderern errichtet wurde, viele alte Häuser im Kolonialstil sowie eine sehr schöne Kirche. Am Tag darauf besichtigen wir zudem die nicht mehr betriebene Goldmine, die der Stadt einst zu Wohlstand verhalf, und das Museum der Stadt. Zudem probieren wir die lokale Spezialität – tigrillo – ein Frühstücksgericht aus verde, das mich vom Geschmack her ein bisschen an Käsespätzle erinnert. Ehe wir‘s uns versehen, ist die Zeit zum Abschied gekommen – der Bus nach Guayaquil wartet nicht.

In den letzten drei Wochen haben wir also noch einmal eine Abschiedstour durch ganz Ecuador gemacht – und ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Verschiedenes man in nur einem einzigen Land alles erleben kann. In Zaruma treten wir unsere vorerst letzte Busreise an – nicht nur mit unseren Rucksäcken im Gepäck, sondern auch vielen Erfahrungen und Erlebnissen, die uns keiner mehr nehmen kann.

Vom Pazifik zum Sonnentor

Was macht man, wenn man in nur einer Woche einen möglichst tiefen Eindruck von Ecuador vermitteln will? Ganz einfach: Viel Bus fahren. Sehr viel Bus fahren. Von Sonntag, 21. April bis Sonntag, 28. April saß ich insgesamt knapp 24 Stunden in einem Bus. Wieso tut man sich das an? Nun, Maïas Mutter und Corinne, eine Freundin der Familie, waren zu Besuch in Ecuador. Corinne hatte nur eine Woche Zeit – und so mussten wir unsere „Entdeckungsreise“ eben auf sieben Tage verteilen.

Am ersten Tag heißt das Ziel Olón. Kleine, beschauliche Stadt an der Küste, Sonne und Strand. Dort lassen wir unsere Ecuador-Neulinge Empanadas und Ceviche probieren, genießen das Meer und wagen am Abend einen Kurzbesuch in Montañita, der Partystadt Ecuadors. Dort ist es an einem Sonntagabend vergleichsweise ruhig und wir vier sind ohnehin nicht die größten Partylöwen – also geht es zurück und der Abend wird lieber am Strand genossen.

Schon am nächsten Tag geht es nach dem Mittagessen, einem typisch ecuadorianischen Menú del día (Suppe, Reis mit irgendwas, Saft) mit dem Bus drei Stunden zurück nach Guayaquil. Dort machen wir aber nur Station und es geht direkt weiter Richtung Cuenca, sechs Stunden Fahrt. Einige von uns können während der Fahrt schlafen, andere eher weniger – jedenfalls sind wir alle sehr müde, als wir um fünf Uhr früh am Terminal ankommen. Aber das zählt nicht als Ausrede, wir haben ja das Ziel, möglichst viel von Ecuador zu sehen – so besichtigen wir die Stadt, die ich mittlerweile recht gut kenne, ich bin ja schon zum dritten Mal hier. Das macht aber nichts, denn es ist immer wieder schön, in diese wunderbare Stadt zu kommen.

Wandern steht auf dem Programm für Mittwoch, im Nationalpark Cajas. Auch hier bin ich zum dritten Mal, und endlich komme ich mal darüber hinaus, nur um den See zu spazieren. Wir machen eine Viertstundentour durch die nebligen Berge und Seen. Zum Glück sind wir gut ausgerüstet gegen die Kälte. Belohnt werden wir am Ende des Wanderwegs mit Lamas, die vor uns über die Straße spazieren. Maïas Mutter hebt die Hand, um einen sich nähernden Bus zu warnen – das zahlt sich gleich doppelt aus, weil der Bus zurück nach Cuenca fährt und uns mitnimmt. So haben wir genug Zeit, unsere Sachen zu packen, bevor wir ein weiteres mal in den Bus steigen – diesmal in Richtung Baños de Agua Santa.

Nachtfahrten sind immer anstrengend, aber die von Cuenca nach Baños hat es besonders in sich: Von den Kurven und Serpentinen werden wir hin und her geworfen, an Schlaf ist kaum zu denken. Wie gut, dass wir ohnehin geplant hatten, in der Früh die heißen Quellen zu besuchen – im Vulkanwasser können wir schwitzen und ausruhen. Danach fahren wir – natürlich mit einem Bus – auf den Berg zum Casa de árbol und zu den berühmten Schaukeln, die wie immer auf den Fotos spektakulärer aussehen als sie sind. Trotzdem ist es schön – die Sonne scheint, wir machen ein Picknick mit „echtem“ Brot, das wir in Cuenca gekauft haben. Ja, es gibt Brot in Ecuador, das nicht süßlich oder nach nichts schmeckt! Man muss nur stundenlang nach einer speziellen Bäckerei suchen… 😉 Am Nachmittag fahren wir noch zum Pailón del diablo, einem der vielen Wasserfälle in der Nähe von Baños. Die Wassermassen sind wirklich beeindruckend. Zurück geht es den Wanderweg im Dunkeln, weil die Sonne hier sehr schnell untergeht. Trotzdem kommen wir heil an, Glühwürmchen und der Mond weisen uns den Weg.

Guayaquil, Olón, Cuenca, Baños – da fehlt natürlich noch die Hauptstadt des Landes. Am Freitag in der Früh steigen wir wieder einmal in den Bus, Ziel diesmal: Quito. Als wir in der Kapitale ankommen, merke ich, dass ich Fieber habe. Während der Taxifahrt zum Hostel kommen Kopfschmerzen dazu, die immer stärker werden – an diesem Tag verlasse ich das Bett nicht mehr. Auch den Samstag verbringe ich mit stechendem Kopfweh, Gliederschmerzen und Fieber in meinem Bett. Immerhin können Maïa, ihre Mutter und Corinne mich alleine lassen und ein bisschen Sightseeing in Quito machen. Am Abend verabschiedet sich Corinne, nachts um drei geht ihr Flug zurück nach Los Angeles. Dafür, dass sie nur eine Woche in Ecuador war, hat sie das Land ziemlich gut kennengelernt – dank der fantastischen Reiseführer Maïa und meiner Bescheidenheit.

Nach einem Ausruhtag besuche ich Anfang der folgenden Woche einen deutschsprachigen Arzt, der mit bestätigt, dass alles ok ist. So besuchen wir am Tag darauf la mitad del mundo – die „Mitte der Welt“. Oder halt, weniger spektakulär ausgedrückt, den Äquator. Nahe Quito hat man um 1980 herum ein Monument errichtet, das gleichzeitig auf Nord- und Südhalbkugel steht, also direkt vom Äquator durchlaufen wird. Neuere Berechnungen haben zwar ergeben, dass sich der eigentliche Äquator etwa 240 Meter nördlich des Monoliths befindet, aber wir können ja mal ein Auge zudrücken 😉 Interessant ist es allemal, auf dem Gelände befindet sich ein Outdoor-Museum über verschiedene traditionelle Lebensweisen in Ecuador, im Inneren des Monuments ist ein Museum über das Land Ecuador allgemein. Und wir finden ein kleines Eismuseum, das uns zeigt, wie helado de paila hergestellt wird – eine spezielle ecuadorianische Machart von Eiscreme. Probieren tun wir natürlich auch…

Danach fahren wir noch – diesmal mit einem Taxi, nicht mit dem Bus – zu einem Krater nördlich von Quito und blicken hinab auf die Felder, Häuser und Wiesen im nicht mehr aktiven Vulkan. Die Atmosphäre ist sehr harmonisch, kaum würde man auf die Idee kommen, dass hier einmal Magmamassen aus der Erde sprudelten. Als letztes geht es noch zu Ruinen der Inka, die vom 13. bis zum 16. Jahrhundert auch im heutigen Ecuador herrschten. Die alten Mauern sind sehr beeindruckend – getoppt wird das nur noch von der Aussicht auf die umliegende Berglandschaft,

Der 1. Mai ist für uns ein Reisetag. Mit dem Flugzeug geht es von Quito aus zunächst nach Lima und von dort nach Cusco. In der alten peruanischen Stadt checken wir ein in einem Sternehotel ein – Maïas Vater hatte nämlich noch einen Gutschein für freie Hotelnächte. Am nächsten Morgen genießen wir das gute Frühstück im Hotel und brechen dann auf zu den Ruinen von Pisac. Dort bekommen wir einen Eindruck von der Baukunst der Inka – auf einem Wanderweg geht es vorbei an Agrarterrassen, Militäranlagen und Tempeln. Und wir merken, dass die Inka ein sehr fittes Volk gewesen sein müssen – auf dieser Höhe (Cusco: 3400m über n. N.) werden die vielen Stufen schnell zur Herausforderung…

Der Wanderweg in Pisac ist jedoch nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns in den kommenden Tagen erwartet: Drei Tage werden wir auf dem „Salkantay Trail“ marschieren, um am vierten Tag am Machu Picchu anzukommen. Los geht es um vier Uhr früh im Hotel, wo wir von einem Auto des Tourbüros abgeholt werden. In unserer Reisegruppe ist außer uns dreien nur noch eine peruanische Familie aus Lima. Mutter, Vater und zwei Töchter – dreizehn und neun Jahre alt – die während des Treks zwar wo es geht auf Pferden reiten dürfen, sonst aber immer ohne zu jammern zu Fuß gehen – ich bin durchaus beeindruckt. Um sieben Uhr kommen wir an unserem Startpunkt an, machen Frühstück und fahren noch etwa eine Stunde weiter. Dann geht es richtig los: Vor unseren Augen der schneebedeckte Salkantay (das ist der Name eines Berges) wandern wir zum ersten Camp. Leicht vergisst man die Höhe und wundert sich, dass man so schnell außer Puste kommt – aber hier sind viele Pausen und viel Wasser mehr als nötig. Die Natur ist wunderschön, die Ausblicke atemberaubend. Nach etwa drei Stunden kommen wir im Camp an und bekommen Mittagessen, am Nachmittag geht es dann einen steilen Pfad hinauf zu einem eindrucksvoll blau schimmernden Bergsee. Das einzige, was etwas stört, sind die vielen Menschen – der Salkantay Trail ist eine der beliebtesten Wandertouren der Welt. Nach ein paar Minuten Verschnaufen und schönen Fotos steht der Abstieg an. Unten gibt es Abendessen und dann wird es auch schon dunkel – Schlafen ist angesagt, denn am nächsten Morgen müssen wir um fünf Uhr früh raus. Wir nächtigen in sogenannten „Skylodges“ – das sind kleine Hütten mit einem Kuppeldach aus Glas. Eine nette Idee eigentlich, in der Theorie könnte man sich fühlen wie unter freiem Himmel – doch die Konstrukteure haben nicht bedacht, dass die Scheiben beschlagen. Draußen ist es nämlich saukalt, zum Glück haben wir warme Schlafsäcke dabei. Naja, wir sind sowieso zu müde, um groß in die Sterne zu schauen, und schlafen schnell ein.

Der zweite Tag wird zum sicherlich härtesten der ganzen Wanderung. Um kurz nach fünf in der Früh geht es los, ein Teil unserer Gruppe bleibt zurück, um die Pferde zu nehmen. Wir drei haben es uns aber vorgenommen, den kompletten Weg zu Fuß zu gehen. Drei Stunden lang geht es fast ununterbrochen nach oben, auf steilen Pfaden und Serpentinen. Man merkt die dünne Luft, die Schritte fallen mir deutlich schwerer als normal. Irgendwann kommen wir am Gipfel an, wo wir eine längere Pause machen, bevor es noch einmal dreieinhalb Stunden Abstieg bis zum Camp sind. Das traumhafte Wetter des Vormittags hält nicht an, es beginnt zu schütten und wir ziehen unsere unglaublich schicken Plastikponchos über. Beim Camp gibt es Mittagessen, und dann geht es auch schon weiter. Noch einmal sind es drei Stunden durch Schlamm und auf rutschigen Steinen, bevor wir erschöpft im Nachtlager ankommen – diesmal bestehend aus kleinen „Andean Huts“ mit strohbedeckten Dächern. Maïa ist krank, sie hat sich die letzten Meter nur noch dahingeschleppt. Wir gehen früh ins Bett – da es keinen Strom gibt, sieht man im Dunkeln sowieso nichts mehr.

Wie faszinierend die Vegetation im Gebiet um Cusco herum ist, sehen wir vor allem am nächsten Tag: Vor unseren Augen verwandelt sich die Flora von der kargen Berglandschaft in Halbdschungel. Wegen der Nähe zum Amazonas reichen die scheinbar undurchdringlichen Wälder hier selbst bis in die Dreitausender. Nach fünf Stunden erreichen wir das Mittagscamp, von wo es etwa eine Stunde lang mit dem Bus weitergeht zum Dorf Estación Hidroelectrica. Dort werden wir abgesetzt und folgen den Bahngleisen Richtung Aguas Calientes. Unterwegs besuchen wir einen botanischen Garten und bewundern die Natur. Die Nacht verbringen wir in einem Hostel – es wird keine lange Nacht…

Denn um halb vier müssen wir schon wieder aufstehen. Machu Picchu öffnet seine Tore um sechs Uhr früh, und der Wanderweg über die vielen hundert Stufen dauert etwa zwei Stunden. Nur mit dem Licht unseres Handys – und derer vieler anderer Besucher – machen wir uns an den Aufstieg. Stufe für Stufe, immer wieder einmal eine Verschnaufpause. Wirklich original sind diese Treppen nicht – die Inka sind über den „Inca Trail“, einen Gebirgspass, nach Machu Picchu gekommen. Während wir den einen Fuß vor den andern setzen, geht langsam die Sonne auf. Oben treffen wir die Familie aus Lima und unseren Guide, die den Bus genommen haben und länger schlafen konnten. Dann geht es durch das Eingangstor auf das Gelände. Ich lasse einmal Bilder sprechen:

Wir bekommen eine kurze Erklärungstour von unserem Guide Eddie, dann verabschieden wir uns von ihm und wandern auf eigene Faust zur Puerta del sol – dem Sonnentor. Von dort haben wir einen fantastischen Ausblick auf die Landschaft rundherum – und können sehen, warum die Inka diesen Ort für ihre Stadt gewählt haben: Wegen natürlicher Hindernisse wie einem breiten Fluss und der steilen Felswände ist sie von unten kaum erreichbar. Auch ist es verblüffend, dass man vom Fuß des Berges überhaupt nichts von den Inkabauten sieht, obwohl sich diese über ein wirklich großes Gebiet erstrecken.

Dann geht es zur Inkabrücke und in die eigentliche Stadt. Die säuberlich aufgeschichteten Mauern der Tempel sind besonders beeindruckend. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie die Inka hier gelebt haben… ein faszinierendes Volk. Die Bewässerungsanlage der Terrassen funktionieren noch heute. Zwischen den Ruinen haben es sich ein paar Alpakas gemütlich gemacht, die unbeeindruckt von den vielen Touristen um die alten Mauern herumstehen und grasen. Der Besuch von Machu Picchu ist ohne Zweifel das Highlight unserer Reise…

Nach sechs Stunden müssen wir uns von den Ruinen verabschieden und den Abstieg antreten. Ein bisschen erleichtert bin ich schon, denn auf dem ganzen Gelände gibt es keine Toiletten, und es ist natürlich verboten, im Bereich der archäologischen Funde zu urinieren. Das ist ein Versuch, die Besuchszeit der Touristen zu verkürzen – die Ruinenstadt leidet unter den Besuchermassen. Wir verlassen Machu Picchu mit vollen Kameraspeichern und guten Gefühlen – es war immer Maïas Traum, hierher zu kommen. Und auch ich bereue es auf keinen Fall…

Zwei Tage später geht es mit dem Flugzeug zurück nach Quito, wo wir nicht viel mehr machen als zwischen Ämtern hin- und herzurennen, um Maïas Visum zu verlängern. Mit dem Ergebnis: Wir haben einen Termin für in zwei Wochen. Ich liebe die Bürokratie… In wenigen Tagen werde ich mich mit Maïa ein letztes Mal aufmachen – denn der Süden von Ecuador schreit förmlich danach, noch besucht werden zu wollen…

Das Logbuch des Robinson Waldenburg

Ganz allein auf einer einsamen Insel in der Karibik, gestrandet und ohne Ausrüstung, Wasser und Nahrungsmitteln… Ich gebe zu, ganz so dramatisch wie die Geschichte von Robinson Crusoe war mein Besuch auf den Galápagos-Inseln nicht. Auch bin ich keine 28 Jahre dort geblieben, sondern lediglich zwölf Tage. Diese zwölf Tage waren aber angefüllt mit Erlebnissen und Entdeckungen – von denen ich hier ganz im Stil eines Logbuchs berichten werde. Zugegebenermaßen ist das ausnahmsweise kein ausgetüfteltes literarisches Stilmittel, sonder eher der Tatsache geschuldet, dass ich nur für einen kurzen Boxenstop im Guasmo bin – morgen geht es gleich wieder los auf Reisen, meine Restzeit in Ecuador will ja genutzt werden. Seit zwei Wochen bin ich nicht mehr Musiklehrer in Clave de Sur, meine Tätigkeit als voluntario dort ist zu Ende. Wirklich unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht… In den sechs Monaten hier habe ich sehr viel erlebt, schöne und weniger schöne Erfahrungen gemacht, tolle Leute kennengelernt, motivierte Schüler gehabt. Das Unterrichten war oft anstrengend, hat aber immer Spaß gemacht. Bei Abschlusskonzert war ich sehr stolz auf meine Schülerinnen und Schüler…

25. März – 4. April Letzte Vorbereitungen fürs Konzert, Ensembleproben, Dekoration. Fast jeden Abend sitzen wir in cds und schneiden, kleben und malen. Motto des Konzerts ist: Rock. Dafür wollen wir das Auditorium der Musikschule angemessen gestalten. Die Ensembleproben sind wie immer etwas chaotisch, immerhin sehe ich Fortschritte und die meisten Schüler kommen. Vorfreude aufs Konzert? Eher Anspannung.

5. April Generalprobe. Zuerst probt fast zwei Stunden lang die Band, dann sind die Schüler dran. Nicht alles gelingt, aber wir haben Vertrauen in das alte Credo „schlechte Generalprobe gleich gute Premiere“. Danach wird das Auditorium ausgestaltet und ich klettere auf eine wandhohe Leiter, um Fahnen aufzuhängen. Unterdessen werden die Papierketten, Pappgitarren und Sterne aufgehängt.

6. April Es ist soweit: Das Abschlusskonzert beginnt. Das Auditorium ist komplett voll und die insgesamt wohl an die 100 Tanz- und Musikschüler liefern eine tolle Darbietung. Zu Beginn spiele ich mit Hannah auf der Geige die ecuadorianische Nationalhymne. Viele meiner Schüler sind sehr aufgeregt, aber alle bringen ihr einstudiertes Stück gut über die Bühne. Nach dem Ende mit dem vielsagenden Lied „Hace calor“ („es ist heiß“) ist Zeit für Fotos. Ich verabschiede mich von meinen Schülern und wünsche mir, dass sie mit ihrem Instrument weitermachen werden. Auf der Afterparty meint Koordinator Marcos, im Kreis der Musikschullehrer alte persönliche Probleme mit mir wieder aufwärmen zu müssen und gibt mir damit an meinem letzten Arbeitstag nochmal ein richtig schlechtes Gefühl. Naja, was will man machen. Zumindest habe ich jetzt nichts mehr mit ihm zu tun.

7. April Aufräumen in der Musikschule und gemeinsames Chaulafan-Essen im Restaurant (Chaulafan ist Reis mit einem Mix aus allem, was die Küche gerade so da hat – Hähnchen, Schwein, Gemüse, Garnelen etc.). Packen für Galapagos.

8. April Um kurz nach eins landen wir in San Cristóbal und betreten zum ersten Mal Galápagos. Vom Flughafen aus geht es zum Hostel – schon beim ersten Spaziergang begegnen wir Seelöwen, die sich am Hafen räkeln. Erste Fotos in Puerto Baquerizo, das uns sehr gut gefällt.

9. April In der Früh geht es zum Centro de Interpretación, wo wir in einem interessanten Museum die Geschichte der Inseln erfahren – Galápagos war nicht immer das Naturparadies, das wir heute kennen. Am Strand erholen wir uns ein bisschen und schnorcheln, dann fahren wir mit einem Taxi zu La Lobería, einer Felsenküste mit unzähligen Meerechsen. Dort genießen wir den Sonnenuntergang und die Aussicht aufs Meer, bevor es zu regnen beginnt.

10. April Eine Wanderung zur Bucht Las Tijeretas ist der erste Programmpunkt des Tages. Wir sehen Fregattvögel, Eidechsen, Seelöwen, Krebse und sogar für eine Sekunde eine Wasserschildkröte auftauchen. Später fahren wir zu einer Schildkröten-Aufzuchtstation und können einige Exemplare der Galápagos-Riesenschildkröte aus nächster Nähe betrachten. Zum Abendessen gibt es zur Abwechslung mal Pizza, da uns das ständig gleiche ecuadorianische Menü (arroz con menestra) zum Hals heraushängt. Wir schauen auf die Speisekarte und merken: Wenn man will, kann man auf den Inseln sehr viel Geld ausgeben…

11. April Viel Geld ausgeben – das tun wir dann am nächsten Tag für eine Bootstour zum Felsen León Dormido („schlafender Löwe“), oder auf englisch „Kicker Rock“, wo wir schnorcheln wollen. Die Tour hält, was sie verspricht: Wir sehen einen Galápagos-Hai, Seesterne, unzählige bunte Fische, Korallen und sogar einen Rochen, der wie ein Vogel am Himmel durch das Wasser schwebt.

12. April Selbst Tage ohne große Aktivitäten sind schön auf Galápagos. Am Freitag fahren wir mit einem Motorboot nach Santa Cruz, eine andere Insel. Ich bin ein bisschen krank, und wir beschäftigen uns vor allem mit der Planung der nächsten Tage. Natur links und rechts von uns.

13. April Darwin Research Center in der Früh, wo wir Marta und Jack treffen. Marta arbeitet als Wissenschaftlerin am Institut, sie ist mit einer Cousine von Maïas Vater zur Schule gegangen. Dann besichtigen wir das Hochland von Santa Cruz, ein Taxi bringt uns zu drei verschiedenen Attraktionen. So nah wie noch nie kommen wir den Riesenschildkröten im El Chapo Tortoise Reserve. Beeindruckt wandern wir durch einen Tunnel, den die Lava nach einem Vulkanausbruch zurückgelassen hat. Und wir schauen hinab in riesige Krater, die durch Durchrüche bei der Entstehung der Insel durch Lavamassen gebildet wurden. Am Abend sitzen wir eine Weile am Hafen und sehen mehrere Rochen und einen kleinen Hai im Wasser vorbeischwimmen. Wahnsinn, wie man hier von wilden Tieren umzingelt ist.

14. April Auf dem Programm steht eigentlich Schnorcheln in den Felsenpools von Las Grietas, doch wir verbringen den Vormittag damit, ein im Taxi verlorenes Handy wiederzubekommen – erfolglos. Trost gibt es beim gemeinsamen Grillen am Abend mit Marta, Jack und zwei Bekannten – eine ist Tour-Guide in Galápagos. Der Abend vergeht schnell mit interessanten Gesprächen.

15. April Überfahrt zur Isla Isabela, der größten Insel im Archipel. Wir checken im Hotel ein und besichtigen den Ort, Puerto Villamil. Wanderweg durch Teiche und Wald – Echsen, Flamingos und Spottdrosseln begegnen uns alle paar Meter. Allerdings auch: wilde Hühner, deren domestizierte Vorfahren in die Wälder geflüchtet sind. Wunderschöne Natur.

16. April Wandertour zum Vulkan Sierra Negra bzw. dessen „Parasit“ (kleinerer Vulkan auf einem größeren) Volcan Chico. Der letzte Ausbruch war 2018, die Vulkane auf Isla Isabela sind noch aktiv. Toller Ausblick in den Krater und auf die Lavawüste.

17. April Bootstour zur Isla Tortuga, wo wir erneut schnorcheln. Wir sehen allerlei Wassertiere – und spüren sie: Maïa kommt in Berührung mit einer Qualle. Der Schmerz werde noch ein oder zwei Tage bleiben, meint unser guia. Trotzdem leihen wir uns später am Tag Fahrräder und radeln zur muro de las lágrimas – eine Mauer im Nirgendwo, die Gefangene zur Zeit von Galápagos als Strafkolonie erbauen mussten. Von einem Aussichtspunkt haben wir einen tollen Ausblick über einen Teil der Insel. Wir verschätzen uns ein wenig mit der Zeit und kommen beinahe ins Bedrängnis wegen der Dunkelheit, aber das Mondlicht lässt uns das Abenteuer gut überstehen. Die Sonne geht hier schon um kurz nach sechs Uhr Ortszeit unter.

18. April In der Früh Schnorcheln in Las Tintoreras – wir kommen einer Wasserschildkröte ganz nah. Auch sehen wir Pinguine und Blaufußtölpel – eine Vogelart mit blauen Füßen, von deren Existenz ich vor nicht einmal wusste. Am Nachmittag Rückfahrt nach Santa Cruz und erneuter Besuch bei Marta. Diesmal ist auch ihre Schwester, deren Sohn und deren Ehemann beim Abendessen dabei. Es ist wirklich sehr nett und die Pasta sehr lecker.

19. April Um sechs Uhr früh sind wir am Hafen, eine halbe Stunde später geht es mit dem Boot los Richtung San Cristóbal. Ein kleines Mädchen muss sich übergeben und ich sitze unglücklicherweise neben ihr… das Erbrochene ist rosa – hab ich vorher noch nie gesehen. Nach drei Stunden Fahrt kann ich dann endlich meine Hose wechseln… In Puerto Baquerizo frühstücken wir, dann müssen wir zum Flughafen. Die zwölf Tage sind vergangen wie nichts – mit etwas Wehmut verlassen wir den Boden von Galápagos. Mit der festen Absicht, irgendwann einmal wiederzukommen. Ein Verlangen, dass Robinson Crusoe wohl eher nicht gehabt haben dürfte…

Dahoam is dahoam

Ich warte am Busterminal in Guyaquil auf ein Taxi, nachdem ich mal wieder von einer Reise zurückgekehrt bin. Ein hilfsbereiter Herr spricht mich an und will wissen, was mein Ziel ist – als ich „Guasmo Sur“ sage, stellen sich ihm buchstäblich die Haare auf. „Guasmo Sur? En Serio? Es peligroso!“ Fast will er mich nicht gehen lassen. „Es peligroso!“, ruft er mir noch einmal hinterher.

Solche und ähnliche Erfahrungen machen wir Freiwillige häufig, wenn wir erzählen, wo wir in Ecuador wohnen. Selbst in Playas oder Cuenca will man es uns kaum glauben, dass wir tatsächlich aus dem Guasmo kommen. Der Guasmo gilt als eines der gefährlichsten Viertel in Guayaquil, was auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Sein Ruf wird geprägt von Überfällen, Drogen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Manchmal haben wir Probleme, ein Taxi zu finden, das uns nach Hause bringt – manche Fahrer wollen gar nicht, andere nur zu Wucherpreisen in den Guasmo.

Dieser Ruf kommt nicht von ungefähr. Letztens gab es auch hier im Gebiet um die Musikschule wieder vermehrt Überfälle, wobei die Täter offenbar selten aus der direkten Umgebung stammen. Als Jenny mit letzte Woche am Dienstagabend erzählte, um die Ecke sei gerade jemand umgebracht worden, hielt ich das erst für einen Scherz – doch tatsächlich war in der Straße nebenan ein Mann erschossen worden. Vom Dach der Musikschule beobachteten wir die Menschenmenge, die sich um den toten Körper scharte. Sicherheitshalber blieben wir ein bisschen länger im abgesperrten Gebäude, ehe wir den gemeinsamen Heimweg zu den jeweiligen Häusern antraten. Tags darauf kam der Mord in den Nachrichten – mit Aufnahmen aus dem Guasmo und einer Computersimulation, wie die Tat wohl abgelaufen war. An der Stelle, an der der Mord passierte, gehe ich jeden Tag vorbei.

Dennoch habe ich mich in meiner Zeit hier noch nie wirklich unsicher gefühlt. Zwar durfte ich in den ersten Wochen noch nicht alleine raus, vor allem nicht bei Dunkelheit, aber mittlerweile kenne ich die Leute hier – und sie kennen mich. Wenn ich von meinem Haus zur Musikschule gehe, werde ich alle paar Meter von Anwohnern begrüßt. Generell ist es einfach wichtig, sich an gewisse Regeln zu halten, um Gefahr zu vermeiden oder wenigstens auf ein Minimum zu beschränken. Wertvolle Gegenstände sollte man nicht unbedingt durch die Gegend tragen, nachts ist man besser in Gruppen unterwegs. Seit dem Mord letzte Woche bin ich etwas aufmerksamer geworden, wenn sich ein Auto von hinten nähert. Mit der Zeit kennt man auch die Straßen und Wege, die man lieber nicht so oft benutzt. Normalerweise ist der Teil des Guasmo, in dem ich wohne, aber relativ sicher – vor zwanzig Jahren muss das noch ganz anders ausgesehen haben, erzählt mir mein Freund Allan. Es habe Bandenkämpfe gegeben, quasi täglich Schießereien. Zum Aufschwung hat offenbar auch Mi Cometa, also die Organisation, für die ich arbeite, beigetragen – mit vielen verschiedenen Projekten, wie zum Beispiel der Musikschule. Dass Drogen immer noch nicht vollständig aus dem Guasmo verschwunden sind, merkt man natürlich – man sieht auch oft Obdachlose oder reglose Männer, die betrunken am Straßenrand liegen. Heute kann man sich aber frei bewegen, ohne fürchten zu müssen, dass einem hinter jeder Ecke jemand auflauert.

Ein für mich viel sichtbareres Problem als die Kriminalität ist der Müll. Wohin man auch schaut, überall liegen Abfall, Verpackungen, Plastiktüten und alles Mögliche auf der Straße. Gestern habe ich gesehen, wie ein kleiner Junge einen Saft getrunken hat, die Flasche absetzte und in den offenen Abwasserkanal am Straßenrand warf. Zwar gibt es durchaus eine Müllentsorgung, die auch gut funktioniert, doch in der Bevölkerung hier scheint einfach kein Bewusstsein für diese Thematik vorhanden zu sein. Da schmeißt der Taxifahrer nach dem Konsum eines Wackelpuddings die Plastikverpackung einfach aus dem Fenster. Da bekommt man in jedem Laden für jeden – pardon – Scheiß eine Plastiktüte. Da gibt man Knochenreste und ähnliches einfach den Straßenhunden – und wenn kein Hund kommt, bleibt der Abfall eben liegen. Das schaut nicht nur unschön aus, sondern sorgt auch für ein olfaktorisch – nun ja, interessantes – Erlebnis bei einem Spaziergang durch den Guasmo. Hygienisch ist diese Art, mit dem Müll umzugehen, auch nicht besonders – genauso wie Abwasser oft einfach auf die Straße entleert wird.

Der Umgang mit dem Müll ist kein exklusives Problem des Guasmo – in großen Teilen Ecuadors sieht man sich ständig von Plastikabfall umgeben. In Mompiche haben Vincent und ich mit einem gefundenen Behälter Plastik am Strand aufgesammelt – was allerdings nur möglich war, da das Sammeln dort wenigstens noch sinnvoll schien. An der Küste scheint es generell besser zu sein – in Manabí habe ich sogar ein Plakat gesehen, das die Leute aufforderte, ihren Lebensraum nicht zu verschmutzen. In den Großstädten dagegen kümmern sich die Menschen wenig darum – die Verkäufer in den Läden sind immer ganz verwirrt, wenn wir insistieren: „Sin funda, gracias, no necesitamos un funda!“ – also keine Plastiktüte wollen. Grundsätzlich wird alles doppelt und dreifach verpackt – das soll wohl hygienischer sein, sorgt aber nur für noch mehr Müll. Immerhin gibt es immer mal wieder positive Überraschungen, beispielsweise Mülltrennung in einem Park in Quito. Als ich die drei Abfalleimer sehe, bin ich ganz begeistert. Und hoffe, dass der Müll nicht hinterher wieder vermischt wird…

Am Freitag vor einer Woche waren wir übrigens bei der kleinsten Demonstration, die ich bisher gesehen habe – vor dem Regierungsgebäude in Guayaquil hatten sich ein paar Menschen versammelt, um gegen den Umgang mit dem Klimawandel und die Ressourcenverschwendung zu protestieren. Selbst nach Ecuador hat es „fridays for future“ geschafft. Viel mehr als neunzig, hundert Leute waren nicht zusammengekommen, doch davon ließen wir uns nicht entmutigen und marschierten tapfer mit – im Kreis, denn für mehr waren wir zu wenig Teilnehmer. „No plastico! No plastico!“, wurde unter anderem immer wieder skandiert.

Spaziert man durch den Guasmo, fällt einem nicht nur der viele Plastikmüll auf – auch die Lautstärke ist eine ständige Begleitung. In vielen Straßen wird man aus allen Richtungen von Musik beschallt: Die Leute stellen ihre Boxen vor ihr Haus und drehen maximal auf. Und gefühlt ist es immer die gleiche Musik. Gewisse Songs kann man nach ein paar Wochen einfach nicht mehr hören… Olivias Nachbarn machen grundsätzlich jede Nacht fiesta, an Schlaf ist da oft nicht zu denken. Ab vier Uhr früh fangen außerdem die Hähne an zu krähen, die allerdings offenbar ein sehr schlechtes Zeitgefühl besitzen und sich an keine Regelmäßigkeit halten. Davon wache ich übrigens nicht auf, dagegen bin ich längst abgehärtet. Eher noch sind es die Obst-, Gas- oder irgendwas-Verkäufer mit ihren Tretwägen, die morgens mit ihrem Geschrei meinen Schlaf beenden. Manchmal ist man da schon ganz froh, am Wochenende wegzufahren und ein bisschen Ruhe zu bekommen. Aber gleichzeitig gehört die Geräuschkulisse auch einfach zum unverwechselbaren Charakter des Guasmo.

Die Häuser des Guasmo sind sehr verschieden. Nicht nur gibt es alle möglichen Farben zu sehen, auch unterscheiden sich die Bauten sehr an Größe und Qualität. Eher wenige Häuser besitzen mehr als ein Stockwerk, dafür ragen diese dann aber deutlich heraus. Manche Grundstücke haben eine Mauer, andere einen kleinen Garten, manche Eingänge kann man nur über eine Leiter erreichen, wieder andere über eine Planke, die den Abwasserkanal überbrückt. Manche Häuser schauen im Vergleich richtig gemütlich und wohnlich aus, viele sind jedoch nur graue Klötze mit Fenstern. Das Haus meiner Familie würde ich so in die „Mittelklasse“ einstufen – wir haben nur ein Stockwerk und weder Garten noch Garage, aber die Fassade ist gestrichen und das Wellblechdach ist intakt.

Wenn man eines der Häuser betritt, fällt einem meist sofort ein großer Flachbildfernseher auf. Egal wie alt der Boden oder wie ranzig die Wände, einen Fernseher besitzt fast jede Familie. Oft ist der Bildschirm das wichtigste Objekt im ganzen Zimmer. Doch damit nicht genug; viele Familien haben Netflix, einen Computer, Spielkonsolen und die neuesten Handys, Internet sowieso. Für mich ist das immer noch schwer zu verstehen – die technische Ausstattung ist besser als in manchen Häusern in Deutschland, dafür fehlt es auf der anderen Seite an grundlegenden Dingen – zum Beispiel Privatsphäre, da die Wände nicht bis zur Decke gehen. Mir scheint es oft, als hätten die Menschen hier andere Prioritäten als in meinem bisheriges Umfeld. Einerseits kann ich das schon verstehen – gerade in einem weniger entwickelten Land möchte man vielleicht die gleichen Sachen haben wie die Menschen in beispielsweise Deutschland und den USA, außerdem ist der Fernseher oft die einzige Beschäftigungsquelle. Andererseits befremdet es mich, dass man den Kindern lieber singende Puppen und Elektrozeug für teures Geld kauft als Bauklötze und Puzzles. Oder dass Geld für Internetserien da ist, es aber für den nächsten Einkauf auf dem Markt oder Krankenhausbesuch knapp wird. Ich bin vorsichtig mit Urteilen, weil ich natürlich nur auf meine eigenen Eindrücke und die der anderen Freiwilligen zurückgreifen kann, aber manchmal kommt es mir so vor, man wolle hier um jeden Preis westlich sein und vergesse dabei ein wenig, was eigentlich wirklich wichtig ist. In meinem Haushalt gibt es beispielsweise meines Wissens nach kein einziges Buch. Droht Langeweile, wird einfach der Fernseher eingeschaltet. Und ein Bekannter nimmt für alle zehn Meter sein Motorrad, statt zu Fuß zu gehen.

Trotz dieser teils seltsamen Relationen sind die meisten Menschen, die ich kenne, auf jeden Fall vernünftige Leute. Ich kenne keinen Freiwilligen, bei dem im Haus das Essen knapp wird – grundsätzlich können die meisten Leute schon mit Geld umgehen. Obwohl viele Eltern sehr jung sind, verstehen sie es, für ihre Kinder zu sorgen. Und bei Großprojekten hilft man eben zusammen: Im Januar haben wir Freiwilligen mit ein paar Ecuadorianern zusammen das Haus von Allans Familie gestrichen – die grün-weiße Fassade lässt das ganze Haus viel schöner aussehen als das alte, wässrige Grau.

In meinem Haus lebe ich eigentlich nicht viel anders als in Deutschland. Wasser trinkt man natürlich nicht aus dem Wasserhahn, sondern aus großen, blauen Behältern, die man in jedem Laden kaufen kann. In jedem Zimmer steht zudem ein Ventilator, da die Hitze sonst einfach nicht auszuhalten. Für die Wäsche haben wir eine Waschmaschine, die allerdings nicht immer funktioniert – ich gebe meine Kleidung deswegen oft José mit, der sie bei sich zuhause waschen kann. Die Fenster sind vergittert, die Tür auch; das ist Usus hier. Was mich manchmal ein bisschen stört, ist der starke Geruch nach Hund – wir haben drei Hunde, die nie das Haus verlassen. Im Guasmo gibt es zwei Arten von Hunden: Straßenhunde, denen man alle paar Meter begegnet, und Haushunde, die tatsächlich ihr ganzes Leben drinnen verbringen. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber diese Art von Hunden wird nicht nach draußen gelassen und soll wohl mehr als Wachhund fungieren. Unsere drei Exemplare sind etwa im Waschraum eingesperrt oder laufen frei durch die Wohnung – wo sie natürlich auch ihr Geschäft verrichten. Spaziert man durch den Guasmo, sollte man übrigens nicht allzu sehr erschrecken, wenn man plötzlich von oben angekläfft wird – einige Leute halten ihre Hunde auch auf dem Dach. Da haben schon einige Freiwillige einen leichten Schock bekommen…

Ein wenig fragwürdig finde ich die gesellschaftliche Einstellung der Leute hier – nicht die unserer Freunde, aber die der älteren Generationen. Deren Konservatismus sieht so aus, dass es offenbar in Ordnung ist, betrunken Frauen zu belästigen, als Mann den ganzen Tag oberkörperfrei zu sein, oder dass kleine Kinder Sex- und Vergewaltigungsszenen im Fernsehen anschauen. Was dagegen überhaupt nicht geht, ist, dass zwei junge Leute, die ein Paar sind, sich im selben Haus aufhalten – oder gar im selben Zimmer. Im Fernsehen werden ständig leicht bekleidete Damen oder gewalttätige Szenen gezeigt, im realen Leben ist jede Umarmung und jeder Kuss ein schlechtes Vorbild für die kleinen Kinder. Interessanterweise gibt es hier anders als in Deutschland, das eine sehr offene Gesellschaft hat, große Probleme mit zu jungen Müttern. Viele Frauen bekommen mit 17 ihr erstes Kind… Da sollte man vielleicht mal drüber nachdenken.

Als Frau sollte man sich übrigens bestmöglich ein metaphorisches dickes Fell zulegen, bevor man zu Besuch kommt – Hupen und Hinterherpfeifen sind hier an der Tagesordnung. Generell ist bei vielen Männern ein mehr oder weniger ausgeprägter Chauvinismus zu beobachten. Ein Extrembeispiel: In Ecuador kommt es öfters zu Gewalttaten, bei denen ein Mann seine Ex-Frau attackiert, weil sie nach der Scheidung mit einem anderen Mann zusammen ist. Solch abstruse Denkweisen sind also noch verbreitet, auch wenn meiner Einschätzung nach gerade ein Wandel vonstatten geht – auch weil es viele Organisationen gibt, die Projekte für Frauenrechte vorantreiben und Frauen selber für ihre Rechte eintreten. In Clave de Sur zum Beispiel haben wir ein absolut gutes Miteinander und alle haben Respekt voreinander. Egal ob Mann oder Frau.

Schon bei der Rückkehr von einer meiner ersten Reise hatte ich das Gefühl, heimzukommen. Und dieses Gefühl ist gewachsen: Trotz aller Probleme, die es hier unbestritten gibt, ist der Guasmo zu so etwas wie meinem Zuhause geworden. Einen großen Anteil daran hat meine Gastfamilie, die mich von Anfang an wie einen zusätzlichen Sohn behandelt hat. Da ist meine Mutter Filadelfia, die den Haushalt schmeißt; meine Tante Eladia, eine sehr süßte alte Dame; meine Großmutter Olinda, die ich jeden Morgen ihren Rollstuhl hebe. Da sind meine Brüder Leonardo, José Luis und Jairo – von Letzterem habe ich vor Kurzem eine Nachricht bekommen (er spricht ein paar Worte Deutsch):

Wenn ich Erheiterung brauche, spiele ich einfach dieses Audio ab 😉

Guayaquil ist bestimmt nicht die schönste Stadt Ecuadors, aber sie ist zu meiner zweiten Heimatstadt geworden. Die Fahrten zum Zentrum; die Hilfsbereitschaft der Menschen in der metrovía, wenn man wieder den Überblick verloren hat; das Busterminal im Norden der Stadt; und eben Guasmo Sur – wo mich der Herr vom Terminal nicht hinlassen wollte. Ich bin der Robin, und hier bin ich daheim.