Die Urwald-Trilogie – Hauptteil und Epilog

Fernando dreht den Motor runter und hechtet in großer Erregung, wie immer, wenn er ein Tier entdeckt hat, nach vorn, mit „Nutria, nutria!“ die Sichtung selbigen Tiers ankündigend. Wir stehen, aus unseren Tagträumen gerissen, auch bald neben ihm und zücken Kameras und Ferngläser. Eine gespannte Stille kehrt ein. Plötzlich große Aufregung: Tobias hat eine fette, haarige Spinne auf Badmans Rücken entdeckt und macht ordentlich Lärm. Keine Chance für die Nutrias, Fernando erbost. Später sieht er es jedoch mit Humor: „No voy a olvidarlos! ¡Por la cosa con la araña! “ (Ich werde euch nicht vergessen! Wegen der Sache mit der Spinne!)

DÍA UNO (Tag eins)

Fernando und seine Frau Leysa holten uns mit dem Boot von unserem Hostal ab. Das ziemlich lange, mit zwei Motoren ausgestattete Boot sollte für die nächsten paar Tage unser treuer Begleiter werden. Zunächst steuerten wir auf den Río Yasuní zu, einem Nebenfluss des Río Napo, auf dem wir am Vortag angereist waren.

Fernando zeigte uns bereits einige Baum- und Vogelarten, die man am Ufer im dichten Urwald erkennen konnte. Schnell wurde klar, dass Fernando ein echter Experte ist, seine Arbeit liebt und dafür brennt. Seit vielen Jahren führt er Touristen durch die selva (Urwald), Anzeichen von Müdigkeit sind jedoch nicht zu erkennen. Auch sein Wissen über die mannigfaltigen Arten im Regenwald scheint riesig – selbst die lateinischen Namen der Tiere kann er herunterrattern. Dieses Wissen hat ihm sein Vater, der Schamane in einem Quechua-Stamm war, gelernt. Legendär waren die Anpirschaktionen beim Wandern, wo Fernando aus dem Urwald-Trott in einen gestreckten Galopp wechselte, um ja den Vogel oder Affen oder nicht zu verpassen.

 

Den ersten Halt machten wir an einer Hütte des Umweltministeriums, wo wir registriert wurden. Von dort aus machten wir uns schon auf den ersten Rundweg, auf dem wir sogar einen zwei rötliche Affenarten zu Gesicht bekamen. Die Umgebung war märchenhaft: Dicke, mächtige und hohe Bäume, Lianen, Palmen, alles, was das Herz begehrt. Ein Baum hatte solch mächtige Wurzeln, dass ich diese erst für einen Felsen hielt.

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Später wurden wir von Leysa mit Spaghetti mit Thunfischsoße erwartet. Die beiden waren ein perfektes Team. Leysa kochte ausgezeichnet und orientierte sich auch etwas an der westlichen Küche, d.h. nicht immer Reis als Beilage, es wurde mit Messer und Gabel, nicht mit Löffel gegessen, man merkte, dass die beiden viel mit europäischen Touristen zu tun hatten. Dies zeigte sich auch darin, wie sie mit uns umgingen, wenn es Verständnisprobleme gab. Während man im Guasmo dafür eher auf Unverständnis oder gar Ärger stößt, wussten die beiden, die Situation mit Umschreibungen zu lösen.

Anschließend steuerten wir auf unseren Zeltplatz zu, wo wir gemeinsam das Lager aufbauten. Auf dem Weg dorthin sahen wir noch eine neue Affenart mit schwarzem dicken Fell.

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Später machten wir uns wieder auf, um rosa Delfine zu suchen. Diese zeigten sich nicht, dafür aber eine Horde von etwa zwanzig Kapuzineraffen. Diese Tiere fand ich einfach nur geil: Flink sprangen sie von Ast zu Ast, teilweise auch über unwahrscheinlich weite Distanzen, ihren Schwanz als fünftes Bein benutzend. So hatten wir vier Affenarten an einem einzigen Tag gesehen – que suerte! (Was ein Glück!)

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Nach einem Abendessen, bestehend aus einem Kartoffel-Rotebeete-Salat und Hühnchen navigierten uns unsere Guides durch die Dunkelheit – faszinierend wie sie das, nur mit Taschenlampe ausgestattet, hingekriegt haben! – zum gegenüber gelegenen Ufer, wo wir Insekten beobachteten. Wir sahen untertassengroße Spinnen, Gottesanbeterinnen, überdimensionierte Grashüpfer, teilweise echt ekelhaftes Zeug. Dem einen oder anderen wurde anders zumute… Auf einmal schreckte Fernando zurück, der Schreck durchfuhr meine Glieder – wenn der gewiefte Fernando Angst kriegt, was muss das sein?! Kurz darauf folgte lautes Lachen, er hatte uns verarscht…

Noch ein wenig jammen mit folgender Besetzung: Trumpet (Simi), Melodika (McDiesel), Bodypercussion (Robdabob) und Bluesharp (Consings), einige Minuten mit seichter Literatur verschwenden und schon sanken wir auf harten Isomatten in den Schlaf.

DÍA DOS (Tag zwei)

Am zweiten Tag machten wir uns in aller Frühe noch vor dem Frühstück auf, um Papageien zu beobachten. Vor der Abfahrt tauchte Fernando plötzlich mit einem fetten Fisch, den er soeben aus dem Wasser gezogen hatte, auf. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz aufnahmefähig, wie das folgende Bild belegt:

 

Die Papageien vertrieben das letzte Bisschen Müdigkeit in mir. Wir konnten sie bei ihrem Frühstück an einem Baum beobachten. Die Vögel beeindruckten durch ihr farbenprächtiges Gefieder, aufgrund wessen sie von Ureinwohnern gejagt werden, wie Fernando zu berichten wusste.

 

Nach dem leckeren Pancake-Frühstück knatterten wir auf dem Boot zu einem Wanderweg, auf dem uns Fernando Heilpflanzen zeigte. Wir schnupperten allerhand Blätter, ritzten Bäume an, die daraufhin eine weiße Wunderflüssigkeit verloren und probierten das Innere einer Liane, das Fernando mit seiner immer griffbereiten Machete ausschabte. Das angeblich gesunde Lianenholz war so bitter, dass wir auf der ganzen Wanderung den galligen Geschmack nicht loswurden. Darüberhinaus sahen wir auch einen Tukan, Fernandos Lieblingstier.

 

In der Zwischenzeit hatte Leysa den Fisch unglaublich lecker zubereitet. Mit Reis und frischer Avocado war das Ganze ein Traum – kulinarisches Highlight, wenn  ihr mich fragt! Danach sollte es Pirañas fischen gehen. Mit einfachen Ruten hatte ich nach meinem Angelpech mit Familie Campoverde als einziger vom Team Guayas das Glück, einen großen essbaren Piraña aus dem Wasser zu ziehen. Dieser wurde fürs Abendessen zubereitet.

 

In der Dunkelheit suchten wir Kaimane, die man an ihren im Taschenlampenlicht reflektierenden Augen gut erkennen konnte. Wir näherten uns einem Augenpaar an, Fernando suchte an der Bordwand das Ufer ab, wir wurden zunehmend unsicher ob der Größe des Kaimans und plötzlich war Fernando beinahe ins Wasser gefallen, hätte ihn Leysa nicht festgehalten. Hatte ihn der Kaiman von Bord gezogen? Nein, als er wieder auf den Beinen war, hatte er einen ellebogenlangen Babykaiman in der Hand.

DÍA TRES (Tag drei)

Am Morgen des dritten Tages erschuf Gott – ähh, zeigte uns Fernando einen sich stark verengenden Fluss, an dem besonders viele Vogelarten zu beobachten waren.

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Später, nach dem Frühstück aus Ei, Brot und Marmelade, begaben wir uns auf eine Wanderung in ein feuchtes Gebiet, das oft auch überschwemmt ist. Dort gab es ein Schlammloch, wo sich  laut Fernando verschiedenste Tiere suhlten. Leider konnten wir kein einziges entdecken, dafür hatten wir die Möglichkeit, einen Baum zu beklettern und Caña de la selva (Rohr des Regenwalds), das Pendant zum Zuckerrohr zu lutschen.

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Nach dem Mittagessen suchten wir erneut rosa Delfine, diesmal mit mehr Erfolg. Leider zeigten sich immer nur die Schwanzflossen, sodass keine guten Fotos entstanden sind, die rosa Färbung konnte man trotzdem erkennen. Um das Bild perfekt zu machen: Wir sahen sogar einen Vogel, der eine Art Horn auf dem Kopf hat und sich gritador unicorno (etwa: Einhornschreier) nennt – Einhornschreier und rosa Delfine, was will man mehr?

Der Sonnenuntergang zeigte sich von seiner Schokoladenseite und wir konnten gar nicht mehr aufhören, Fotos zu schießen.

 

Das Abendprogramm gestaltete sich mit Fische fangen auf Quechua-Manier, so wie Fernando auch unseren ersten Fisch gefangen hatte. Mit einem langen Stab, der vorne drei mit Widerhaken besetzte Spitzen hatte, erstachen wir die im seichten Wasser schlafenden Fische brutal. Welch böses Erwachen!

DÍA CUATRO (Tag vier)

Das Morgenprogramm des letzten Tages verschlief ich, da eine weitere Wanderung auf der Tagesordnung stand, auf der die Jungs schlussendlich neben einer Liane, die sich übersetzt Affenleiter nennt, auch nicht viel sahen. Mir war der Spaß am Wandern im Urwald etwas vergangen, da wir mit Rücksicht auf die Tiere immer sehr langsam liefen und Fernando oft aufmerksamen Blickes stehen blieb, um dann nach einigen Augenblicken weiterzulaufen, ohne das geringste zu sehen. Außerdem war es wieder so verdammt früh!

Dafür beteiligte ich mich beim Frühstück um so beherzter, heute hatte Leysa Brot in der Pfanne mit Butter getoastet – lecker! Daraufhin setzten wir uns in Bewegung, um rote Papageien zu suchen. Der beste Ort, um diese zu finden, lag im Sperrgebiet, das wegen der Ureinwohner, von denen zu befürchten ist, dass sie uns Normalos mit einem ihrer Blasrohre erschießen und womöglich braten würden, nicht zugängig ist. Das Tolle daran ist, dass die Ureinwohner nicht wissen, wo die Grenze zu diesem Gebiet verläuft…

Auf der Fahrt dorthin, die etwas länger als sonst war, zeigte Fernando, was in seinen zwei Motoren steckte. Leider war die Suche nach den Papageien erfolglos. Hier kam Fernandos Leidenschaft für die Tiere wieder zum Ausdruck. Wutentbrannt schleuderte er die Machete auf den Waldboden, nachdem er festgestellt hatte, dass nur blaue Papageuen zu sehen waren. Etwas beruhigteren Gemüts zeigte er uns eine Liane, die vertikal gestellt so feucht war, dass sie Wasser verlor, das wir trinken konnten.

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Zurück im Lager verspeisten wir die selbst gefangenen Fische und schickten uns an, alles aufs Boot zu laden, schossen das letzte Gruppenfoto und begaben uns auf die Rückreise nach Nuevo Rocafuerte.

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Die Urwald-Trilogie – Epilog – Eine Entschuldigung

An sich war der Plan gewesen, nach der Urwaldtour noch die nördlichere Küste Ecuadors, nach Esmeraldas zu bereisen, allerdings rentierte sich das Ganze durch unser Bus-Pech nicht mehr und somit lohnt es sich auch nicht, aus dem Epilog einen eigenen Eintrag zu machen. Die Heilige Dreieinigkeit dieser Trilogie war mir aber doch zu schade (Wer liest schon gerne eine Dilogie?), deswegen dieser Nachtrag.

Postepilog

Da meine Reiselust noch immer nicht gestillt ist, schwärme ich Badman, mit dem ich vermutlich ab nächsten Prozess vornehmlich reisen werde, weil uns Simon bald verlässt – Tristezza! (Traurigkeit) – des Öfteren von meinen Plänen, darunter beispielsweise Esmeraldas (coming soon!) für Februar, vor. Vor diesem Hintergrund hat sich unser Insider „Im Februar wird aber so richtig gereist! Jetzt, ja gut, hier bisschen Cotopaxi, da n Bisschen selva (Urwald), aber im Februar, da wird richtig losgelegt!“

Autor: Cons

Cons ist ein neunzehnjähriger Weltenbummler mit musikalischen Neigungen. Diese beiden Aspekte sieht er bei dem Verein Musiker ohne Grenzen (MoG) vereint und deshalb macht er jetzt für ein halbes Jahr einen musikalischen Freiwilligendienst in Ecuador, genauer Guayaquil. Er gibt dort in einem ärmlichen Viertel, Guasmo Sur, in der Musikschule Clave de Sur Unterricht für Klavier, Horn bzw. Trompete (da muss er sich an die Nachfrage anpassen) und Gesang.

3 Kommentare

  1. Lieber Cons,wir freuen uns über Deine Abenteuer und lesen sehr interessiert Deine Berichte.Arbeitest Du im Laufe der Woche und nutzt Du nur das Wochenende für Ausflüge? Klasse,was Du alles erlebst.Bleib gut behütet
    Tante Marlene. Und Onkel Günter

    • Genau, in der Musikschulzeit schufte ich unter der Woche und reise (wenn auch nicht immer) wochenends.
      Im Moment sind allerdings Ferien in der Musikschule, deswegen kann ich mir solch lange Reisen wie die in den Urwald leisten.

  2. Pingback: Los ases de la salsa | Ecuador – mi amor!

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