Die Urwald-Trilogie – Prolog

Die Umwelt verändert sich: Die hohen Berge werden zu sanften Hügeln und die karge Vegetation wird von exotischeren Pflanzen und langen Bäumen, die man noch nie gesehen hat, abgelöst. Allmählich setzt ein leichter Sprühregen ein. Mit einem Affenzahn rasen wir im Bus durch diese Zauberlandschaften auf dem Weg in den Dschungel.

 

Unser Ziel war Nuevo Rocafuerte, eine Siedlung am äußersten Rand Ecuadors, fast Peru, mitten in dichtem Urwald. Die location hatte Simon auf Empfehlung eines anderen voluntarios (Freiwilligen) auserkoren. Zunächst sollte es nach Coca gehen, um von dort aus nach sechs Stunden Bootsfahrt unseren Guide in besagtem Nuevo Rocafuerte zu treffen. Mit von der Partie sollten neben Simon auch Badman und Tobias mit dem ulkigen Nachnamen Dieselhorst aus dem Partnerprojekt in Playas sein.

Nachmittags trafen wir uns am Busterminal, unserem Tor zur Welt, um festzustellen, dass der Andrang am Tag nach dem Neujahrsmorgen immer noch so groß war, dass der Direktbus nach Coca auch am Folgetag schon ausgebucht war. Damit hatten wir nicht gerechnet. Notgedrungen beschlossen wir, die Tour um einen Tag aufzuschieben, die Hinfahrt aufzusplitten und ergatterten noch vier Tickets nach Baños für 0:30.

Betrübter Laune und gesenkten Hauptes machten wir uns auf den Rückweg in den Guasmo. So lernte Tobias noch meine Gastfamilie kennen, die gerade in große Aufregung versetzt war, da eine Ratte in die Wohnung eingedrungen war und es diese zu jagen galt. Später trafen wir uns noch bei Badman zum Billiard spielen.

Die Fahrt nach Baños verlief reibungslos, viel Schlaf bekamen wir nicht gerade, um sieben Uhr taumelten wir benommen aus dem Bus. Die ersten Eindrücke, die meine betäubten Sinne aufnehmen konnten, waren Staunen über die schönen Berge, welche die Stadt umschließen. Später erfreuten wir uns an dem äußerst freundlichen Stadtbild. Die Sierra (Gebrige) hatte uns wieder!

Anschließend lösten wir die Tickets für die Weiterfahrt nach Tena (Direkttickets nach Coca gab es natürlich keine) gegen Mittagszeit; die direkte Weiterfahrt hätte sich nicht rentiert, da das Boot von Coca nur täglich fuhr. Und das um 7:30 Uhr.

Danach frühstückten wir ausgiebig und warteten auf Badmans Kommentar: „Jetzt fühl ich mich wieder wie’n Mensch!“ und er enttäuschte uns nicht. Die nette Kellnerin gab uns Tipps, um die große Attraktivität in Baños, nämlich die umliegenden Berge mit den Wasserfällen, zu besichtigen.

Mit dem Bus verließen wir Baños hinein in ein malerisches Tal, die Sonne schien und ließ das beinahe tropisch anmutende Grün der Berge leuchten. Mit einer Seilbahn überquerten wir den Fluss im Tal und ließen Jubelschreie durchs Tal echoen. Heil drüben angekommen – ein bisschen schummrig war mir angesichts der großen Höhe schon zumute – begaben wir uns auf einen sendero (Wanderweg), vorbei an primitiven aber urigsten Hüttchen, dessen Besitzerin, die gerade einen großen Wasserbottich über einem offenen Feuer erhitzte, jedoch erzählte, dass sie die Berge satthätten, bald in die Stadt ziehen wollten und die Hütte verkaufen würden. Hätte ich Geld, hätte ich diese Ruhe Oase inmitten der Natur gekauft…

Ein Bauer kam uns mit einem Sack Reis auf dem Rücken entgegen und wenig später standen wir an einem gigantischen Wasserfall mit Blick ins Tal. Einige Wanderminuten später kam der nächste. Diesmal schossen die gewaltigen Wassermassen wie im Bilderbuch eine Anhöhe hinunter. Ein malerischer Anblick.

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Um die Uferseite zu wechseln, wo die Busse fuhren, mussten wir uns über eine wenig Vertrauen erweckende Hängebrücke, auf die mit weißer Farbe „No correr, no saltar!“ (Nicht rennen, nicht springen!) gemalt war, wagen. Oben an der Straße konnte Tobias der Versuchung einer Touristenattraktion nicht widerstehen: Auf einer gigantischen Schaukel genoss er das Talpanorama auf ein Neues und wir staunten nicht schlecht – Tobi weiß zu überraschen.

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Auf dem Rückweg bemerkten wir erst, wie dieses Tal vermarktet wurde. Eine Riesenschaukel reihte sich an die nächste Canopy-Seilbahn. Diesem Kommerz waren wir uns auf der Hinfahrt wohl noch nicht bewusstgeworden, da wir so früh dran gewesen waren und noch alles geschlossen hatte.

Anschließend nahmen wir in Baños den Bus nach Tena. Die Fahrt dorthin verlief erst sehr rasant, dann sehr zäh, da sich die beiden Chauffeure eine nicht enden wollende Essenspause an einem Essensstand gönnten, dessen Besitzerin sie offensichtlich kannten, da sie sich gehörig festschwätzten, und dann wieder sehr rasant. In Tena wurden uns direkt Tickets mit „Al Coca, al Coca!“ (Nach Coca, nach Coca!) angepriesen. Wir schlugen zu und waren nach einer ebenso rasanten Fahrt gegen Abend in selbiger Urwald-Kleinstadt (Nach Angaben des Taxifahrers 12.000 Einwohner).

Dort suchten wir ein Hostal in unmittelbarer Nähe zum Bootsanleger, fanden eins, nicht besonders schmuck, aber funktional, und suchten uns was zu Essen. Ich fühlte mich wie das Fifth Kid, so stelle ich mir zumindest den Traveller-Spirit vor, den ich mir nach allem, was ich auf dem Four-Kids-in-Southeastasia-Blog gelesen habe, zusammengereimt habe: Ankommen, Hostal suchen, Essbares suchen.

Am nächsten Morgen mussten wir früh raus, das Schiff fuhr um 7:30 Uhr ab. So versammelten sich schon ab sechs Uhr eine Gruppe aus ca. 60 Leuten, bestehend aus hauptsächlich orientales (Bewohner des Urwalds) und einer Handvoll europäischer Touristen, auf der Such nach sich selbst. Bekanntschaft machten wir mit einem von ihnen, einem Holländer, auf der Flucht vor dem steigenden Meeresspiegel, der bald sein Land überschwemmen wird.

Das Feeling war natürlich toll – 60 Leute auf zwei gegenüberliegenden Bänken zusammengepfercht schippern auf einem länglichen Schiff durch den Regenwald. Das Dach über unseren Köpfen wurde beizeiten tatsächlich als Schutz vor dem aufkommenden Regen benötigt und wenn es mal nicht regnete, tat es sein Bestes gegen die Sonne. Allerdings wurde einem die Sache nach acht Stunden Fahrt, lediglich durch ein immerhin sehr reichhaltiges und schmackhaftes Essen, irgendwann zu doll. Der Hintern schmerzte. Ich unterhielt mich mit dem seichten Geschichtsroman „Der Tanz des Vergessens“ – mich beschlich zwischen den Zeilen das Gefühl einen Frauen-Roman zu lesen –  die weibliche Autorin Heidi Rehn schreibt über die weibliche Hauptfigur Lou eine Frauengeschichte. Diesen hatte ich mir in der Musikschule aus der LibroTK (libroteca = Bücherei) geborgt. Die Bootsfahrt all in all: Harter Tobiak!

 

Endlich in Nuevo Rocafuerte angekommen, wurden wir sobald von unserem guía Fernando abgeholt, der einen ruhigen und grundguten Eindruck machte und uns sogleich zum Hostal brachte. Hier bereiteten wir uns mental auf die am nächsten Tag beginnende viertägige Tour vor, erkundeten das Dorf, was schnell gemacht war, da dieses aus zwei Parallelstraßen besteht, schwangen uns am Tarzan-Seil in den Río Napo, der übrigens Ganges-Charakter hat und ließen uns von mêtre de la cuisine Dieselhorst mit Milchreis bekochen. So lässt sich’s leben!

Am Abend setzten wir uns noch am Flussufer zusammen und beobachteten bei aufgehendem Mond, was so alles im Fluss vorbeitrieb. So sahen wir einige Krokodile, einen Tannenbaum und einen Kontrabasskoffer. Nicht gelogen!

Autor: Cons

Cons ist ein neunzehnjähriger Weltenbummler mit musikalischen Neigungen. Diese beiden Aspekte sieht er bei dem Verein Musiker ohne Grenzen (MoG) vereint und deshalb macht er jetzt für ein halbes Jahr einen musikalischen Freiwilligendienst in Ecuador, genauer Guayaquil. Er gibt dort in einem ärmlichen Viertel, Guasmo Sur, in der Musikschule Clave de Sur Unterricht für Klavier, Horn bzw. Trompete (da muss er sich an die Nachfrage anpassen) und Gesang.

6 Kommentare

  1. Mal wieder hammrig! Hab jetzt schon von vielen gehört, dass sie regelmäßig mit Genuss Deinen Blog lesen! Bin schon auf Teil2 u 3 gespannt!
    Lgmams

  2. Ich habs:
    Bei der Weihnachtsfeier der Familie Buenofiesta wurde aus Sicherheitsgründen und – um die Großmutter nicht zu erschrecken, das Hauskrokodil in den schon seit Jahren unbenutzt auf dem Dachboden liegenden Kontrabaßkoffer gesperrt. Armes Ding.
    Nach Ende der Feirerlichkeiten – also nach Neujahr (Nuevoannio)- wurde aufgeräumt. Der Tannenbaum in den Fluss, der Instrumentenkoffer hinterher. Er störte ja schon lange.Es ist bekannt: Krokos haben einen Heimatinstinkt. Es war ihm zu fremd in Koffer und Fluss. Verständlicherweise. Es wollte wieder heim.
    Der Koffer ließ scih öffnen, der Abschied fiel nicht schwer. Das Krokodil – es schwamm im Rio Napiel!
    Man erzählt sich, dass das Krokodil seit einigen Jahren eine Kontrabaßstelle im Guayaquil Symphony Orchestra bekleidet.
    Ich hingegen glaube das nicht.
    Papa

    • Gut gelogen, Herr Lügenbaron! Aber einen Fehler hast du gemacht: Es gibt tatsächlich ein Orquestra Symphonica Guayaquil…

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