Ein fast veganes Wochenende

Am Ende des Einkauf-Marathons in Loja, wo wir uns für unseren Wochenendtrip mit Lebensmitteln eindeckten, stellten wir fest, dass wir hauptsächlich vegan eingekauft hatten. 30 Brötchen, Berge an Obst und Gemüse sollten für die nächsten zwei Tage unsere Verpflegung sein. Um Wurst und Käse als Belag kamen wir dann aber doch nicht herum. Ein fast veganes Wochenende also.

Die Anfahrt zu unserem dieswöchigen Reiseziel im Süden der Bananenrepublik (Podocarpus-Nationalpark) gestaltete sich mal wieder umständlich: Freitagabends, wir wollten über die Nacht fahren, hieß es mal wieder: Keine Tickets nach Loja. Déjà-vu-Erlebnisse machten sich hinsichtlich unserer chaotischen Reise in den Urwald bemerkbar. Also mussten wir flexibel und spontan wir wir sind, umdisponieren. Wir kauften also erst ein Ticket nach Cuenca, wo wir dann mitten in der Nacht ankamen, Tickets lösten und wieder anderthalb Stunden Wartezeit hatten. Also machte ich es mir mit meinem Schlafsack in der Wartehalle, die ich schon von dem schönen Cuenca-Ausflug mit Simon (Grüße gehen raus) kannte.

Nach dem durch den Schlafmangel anstrengenden Einkauf in Loja auf einem immerhin sehr guten Markt, der neben leckeren Früchte auch supernette Verkäuferinnen zu bieten hatte, nahmen wir wieder einen Bus, um von Zamora aus den Nationalpark zu betreten. Nachdem Badman den camioneta-Fahrer (Pick-Up) gefragt hatte, ob wir unsere schweren Rucksäcke auf die Ladefläche schmeißen konnte, fügte er noch hinzu: „Personas también?“ (Auch Personen?).

Anschließend brausten wir in den Nationalpark, der eine Übergangszone zwischen sierra (Gebirge) und selva (Urwald) darstellt. Nachdem uns unser Chauffeur abgeladen hatte, wanderten wir ein Stück durch die verwunschene Landschaft, geprägt von Bächen, steilen Felshängen und tropfender Vegetation.

Die Jungs. V.l.n.r.: Badman, Hannes, Lasse

Schließlich kamen wir an einer Schutzstelle des Umweltministeriums an, wo ein tiefenentspannter (oder etwa gelangweilter?) Wärter unsere Daten aufnahm und uns erklärte, dass man keine Mehrtagestour unternehmen könne, wie es eigentlich unser Plan gewesen war, da alle Pfade in maximal zwei Stunden bewältigt seien. Badman und Hannes konnten sich glücklich schätzen, dass dies der Fall war, da sie keine Schlafsäcke dabei hatten und so gemütlich eine Hütte mieten konnten, in der es Betten und auf Nachfrage auch Deckchen gab. Da Lasse und ich volle Campingausrüstung dabei hatten, ließen wir es uns trotzig nicht nehmen, zu zelten. So entstand folgendes Basislager (Man beachte den salsero im Hintergrund, der die Essencia del Guaguancó fühlt):

Wir entschieden, am ersten Tag ein eher ruhiges Programm zu machen, um dann am zweiten aus den Vollen zu schöpfen und den längsten Pfad zu nehmen. So wanderten, wobei man aufgrund der Kürze der Strecke eher spazierten sagen müsste, wir zu einem netten Wasserfall, in dem wir auch badeten.

Später machten wir uns zu einem Aussichtspunkt auf, bei dem wir auch mit einem kleinen Spaziergängchen rechneten. Das Spaziergängchen entpuppte sich allerdings als anstrengende Wanderung, immer weiter ging es steil bergauf, bis wir verschwitzt den mirador erreicht hatten. Die Aussicht war tatsächlich beeindruckend. Und erinnerte mich – bis auf die Vegetation mal wieder an die deutschen Voralpen. Chiemgau oder so…

Im Dunkeln ging es dann bergab, was zu einer ordentlich dreckigen Rutschpartie führte. Die Stimmung war dennoch gut, wir quatschten über die deutsche Musikszene und waren verblüfft, dass Hannes schon mit MC Bomber in Berlin gechillt hat. Unten am Basiscamp stellten wir fest, dass die 30 Brötchen, die wir gekauft hatten, ein ziemlicher Reinfall waren. Besonders schlimm waren dunkle, als Vollkornbrötchen getarnte Süßbomben, die auch als Kuchen durchgegangen wären. Lediglich die Avocados und die Tomaten retteten uns vor dem Zuckerschock.

Den restlichen Abend verbummelten wir mit Mau-Mau Extrem spielen – irgendwas Extremes muss für uns ja immer her, normales Mau-Mau ginge ja gaaar nicht. Beste Extra-Extrem-Regel: Immer wenn jemand eine Karte ziehen muss, muss derjenige ein Schimpfwort bzw. Fluch auf Spanisch raushauen. Anschließend ging es recht zeitig zu Bett, im Basislager war tote Hose und wir von der Busnacht recht müde.


Am nächsten Morgen wachten wir nach guten zwölf Stunden Schlaf auf und machten uns zu allererst auf, um im Wasserfall zu duschen. Das war herrlich und trieb uns die letzte Müdigkeit aus den Knochen. Nach einem mittelmäßigen Frühstück ging es auf den Pfad, der mit acht Stunden angekündigt war, der Parkwächter hatte uns allerdings informiert, dass man nur ein gutes Drittel der Strecke bis zu einer Brücke laufen konnte, da der Rest von Bäumen und Pflanzen überwuchert war. Wir wollten ihn natürlich ganz laufen…

Der Weg bis zur Brücke war sehr angenehm, nett angelegt, wir sahen hübsche Vögel und wanderten fröhlich einen Flusslauf hinab. An der wenig vertrauenerweckenden Brücke war endlich der Blick auf den reißenden Strom frei, der einen guten Wildwasserparcours abgegeben hätte.

Anschließend wurde der Weg wie vorhergesagt, beschwerlicher. Die Pflanzen versperrten uns den Weg und es wurde feuchter. Früher oder später ist jeder von uns mal in eine Pfütze getreten und irgendwann hatten wir die Nase voll und drehten um.

Das letzte Ziel war der andere, größere Wasserfall El Poderoso (Der Mächtige). Er wurde seinem Namen gerecht. Wir badeten wieder, liefen ein wenig den Flusslauf hinab, wo sogar die Sonne hin schien und genossen die Natur.

Als wir auf die camioneta, die uns nach Zamora bringen sollte, warteten, fing es an zu regnen und Lasse stellte mit seinem Kommentar „Jetzt wo wir gehen, fängt’s an zu regnen.“ einen Antrag auf Verewigung in diesem Blog, der ihm hiermit bewilligt sei. In Zamora aßen wir noch gut und billig (ja, es ist möglich!) zu Abend und machten uns anschließend auf den Weg zum Terminal.

Fast dort angekommen rief uns ein Taxifahrer „Loja?“ zu. Badman gab den Witzigen und fragte, wieviel er verlange, um daraufhin laut lachend weiterzulaufen. Womit wir nicht gerechnet hatten: Der Taxifahrer ging mit dem Preis auf zwölf Dollar runter und kam dem regulären Buspreis schon verlockend nahe. Wir harrten einen Augenblick unschlüssig aus, um die Schnapsidee dann doch zu verwerfen. Im Gehen rief uns der Fahrer „Diez!“ (10) zu, Badmans Reaktion: „Vamos!“

Taxifahrer in Ecuador sind auch so eine Spezies für sich. Immer sehr gut aufgelegt für ein Pläuschchen und meistens prächtige Kerle. Dieser war ein Paradebeispiel, fuhr diese Strecke in einem Affenzahn, sodass man Grund zur Annahme hatte, er wolle den Streckenrekord Zamora-Loja brechen und hätte uns um ein Haar sogar noch ein Fahrbier besorgt.

Dadurch, dass wir so gerast waren, hatten wir nun aber noch mehr Aufenthalt in Loja, wo wir meiner Gastmutter noch pan serrano (Brot aus der Sierra) kauften und einen planlosen Spaziergang durch die unmittelbare Umgebung des Terminals unternahmen, der uns auf eine nette Anhöhe und zu einer tienda (Laden) brachte, die uns mit Bier zu einem angeregten Gespräch über Serien und die alten Zeiten verhalf.

Bis unser Nachtbus fuhr, legte ich mich nochmal im Terminal aufs Ohr. Die Rückfahrt war in Ordnung, etwas zerknautscht und müde kamen wir in Guayaquil an, um frischen Mutes und von der Natur inspiriert die neue Woche zu rocken.

Autor: Cons

Cons ist ein neunzehnjähriger Weltenbummler mit musikalischen Neigungen. Diese beiden Aspekte sieht er bei dem Verein Musiker ohne Grenzen (MoG) vereint und deshalb macht er jetzt für ein halbes Jahr einen musikalischen Freiwilligendienst in Ecuador, genauer Guayaquil. Er gibt dort in einem ärmlichen Viertel, Guasmo Sur, in der Musikschule Clave de Sur Unterricht für Klavier, Horn bzw. Trompete (da muss er sich an die Nachfrage anpassen) und Gesang.

9 Kommentare

  1. Auch Opa vermisst dich sehr! Könnte es sein, dass Benjamin sen. (Inges Vater – mein Onkel) während des Krieges, als sie Guayaquil verlassen mussten, mit seiner Familie in Cuenca gelebt hat? Opa

  2. Jaja, jetzt wo die Heimreise immer näher kommt (46 Tage, um genau zu sein – also doch nicht soo wenig…), kommt sogar ab und an Heimweh auf!

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