Ein halbes Jahr in Ecuador

Ich lebe noch! Sehr gut sogar – dazu aber gleich mehr…

In den letzten Monaten habe ich diesen Blog etwas vernachlässigt. Diese Zeit nun an dieser Stelle in kurzer Form zusammenzufassen ist nur schwer möglich. Dennoch möchte ich ein bisschen allgemein über die Zeit, die ich bis jetzt in Ecuador hatte, schreiben. Dass das etwas unstrukturiert wird ist praktisch vorprogrammiert. Ich hoffe es gelingt mir trotzdem ein vernünftiges Bild zu erzeugen.

Playas

Playas ist für mich tatsächlich eine Heimat geworden. Wann immer ich Playas verlasse, sei es für einen Tag oder eine Woche, ist es ein Gefühl von Vertrautheit und Wohlsein, dass mich bei der Rückkehr beim Verlassen des Busses überfällt.

Playas als Ort ist eigentlich nicht besonders schön. Es hat einen schönen Strand, den vor allem Wochenendtouristen aus Guayaquil zu schätzen wissen. Das Klima ist angenehm, die zunehmende Hitze wird die meiste Zeit über von einer leichten Brise gelockert. Die Gegend ist von der UNESCO angeblich für das zweitbeste Klima der Welt ausgezeichnet worden (nach welchen Kriterien das bestimmt wurde konnte mir bis jetzt noch keiner sagen). Ansonsten gibt es aber eigentlich nicht viel, was einen nach Playas locken könnte: Sobald man das Zentrum verlässt prägen unvollendete Häuser oder Stockwerke, abenteuerlicher Verkehr auf den Hauptstraßen und streunende Hunde das Stadtbild, – eine normale ecuadorianische Kleinstadt eben, aber kein touristisches Highlight. Die Besucher der zahlreich vorhandenen Hotels lockt wie gesagt die Aussicht auf Luft und Meer und weniger der Ort. Ein neuer Malecón (Strandpromenade) soll Playas für Touristen attraktiver machen, die Bauarbeiten hierfür beginnen in diesen Tagen. Zurzeit finden sich aber neben dem binnenländischen Tourismus kaum ausländische Reisende in Playas. Nicht zuletzt auch deswegen gefällt mir Playas so gut. Ich bin eingetaucht in eine ecuadorianische Gemeinschaft, nicht in ein Touristenparadies.

Und eben diese Gemeinschaft ist mir so sympathisch. Denn Playas ist mit knapp 40.000 Einwohnern immer noch relativ übersichtlich, und die Menschen kennen einander sehr gut. Auch wenn Playas mittlerweile mehrere Supermärkte und sogar ein kleines Einkaufszentrum, das „Shopping“, hat, werden diese in der Regel nur für selten anfallende Großeinkäufe genutzt. Im Allgemeinen gehen die Playenses (Einwohner von Playas) lieber in die vielen und in den meisten Fällen näherliegenden Tiendas, um Kleinigkeiten für den Alltag oder die nächste Mahlzeit (denn weiter vorraus denkt sowieso keiner) zu besorgen. Ebenso geht man eben auch zu dem Schuster mit seiner 4m² großen Schusterei, der für 2$ die Schuhe neu besohlt, dem Schreiner, der vor seinem Haus Möbel repariert und baut, oder dem Liquadora-Händler (ein Liquadora ist vergleichbar mit einem einfachen Thermomix und darf in keiner ecuadorianischen Küche fehlen), der in seiner Garage neben seinem Motorrad Regale mit allen nötigen Ersatzteilen hat. Von außen sind Handwärker, Bäcker oder andere Händler manchmal gar nicht zu erkennen, aber die Playenses wissen eben, ob sich in einem Haus neben einer Familie auch ein Backofen mit frischem Brot befindet.

Und ich weiß es mittlerweile auch. Der Schreiner, an dessen Outdoorwerkstadt ich jeden Tag vorbeilaufe, der Bäcker, die Verkäuferin in der Tienda meines Vertrauens – alle grüßen mich mit Namen. Zu meiner Schande muss ich zugeben, dass ich häufig nicht mit den entsprechenden Namen zurückgrüßen kann. Einfach auf gut Glück auf einen der gängigsten Namen wie Andrés, Fernando, Julio oder Jose zu setzen hat sich nicht bewährt. Aber als einziger Gringo in meinem Viertel erhalte ich nunmal zumindest so viel Aufmerksamkeit, dass sich die Leute meinen Namen merken.

Gringo sein

Angeblich leitet sich die Bezeichnung Gringo aus den englischen Wörten „Green Go!“ ab, einer Aufforderung, die den grüngekleideten US-Soldaten bei einer (oder mehreren?) unbeliebten Intervention im Ausland hinterhergerufen wurde. Dass natürlich nicht nur die Soldaten der USA grünliche Uniformen sei dahingestellt, ebenso ob dies tatsächlich die Herkunft des Wortes erklärt. Sicher ist jedoch, dass Gringo ursprünglich eine Bezeichnung für US-Amerikaner war.

Ursprung hin oder her, mittlerweile sind für die meisten Euadorianer alle Menschen mit heller Haut Gringos. Das ist jedoch in keinster Weise abschätzig zu verstehen. Zu Anfang stört einen diese Bezeichnung vielleicht ein wenig, weil man das Gefühlhat dadurch ständig als anders oder Außenseiter gesehen zu werden. Letztendlich ist es aber einfach eine Bezeichnung für Ausländer mit hellerer Haut, die viele Europäer oder Amerikaner nun einmal haben, und wird dementspächend einfach verwendet. Denn ebenso geben sich die Ecuadorianer untereinander Spitznamen, die ihrem Aussehen entsprechen. So nennt meine Gastmutter eine ihrer Töchter, die viel Zeit in der Sonne am Strand verbringt, auf Grund der entsprechend dunkleren Hautfarbe beinahe ausnahmslos la Negra, während eine andere meiner Gastschwestern etwas schmale Augen hat, und folglich la China, also Chinesin, genannt wird. Auch Spitznamen wie Flaco (Dünner) oder Gorda (Dicke) habe ich in anderen Familien schon gehört, ohne dass sich jemand dadurch angegriffen gefühlt hat.

Ecuador ist ein Land mit einer sehr heterogenen Bevölkerung: Vielen sieht man ihre indogene Abstammung nach wie vor an, doch durch die Vermischung vor Allem mit spanischen Kolonialisten und ursprünglich als Sklaven ins Land gebrachte Afrikaner gibt es keine typisch ecuadorianische Hautfarbe oder ähnliches. Auffallend ist jedoch, dass, vermutlich durch westlichen Einfluss nicht zuletzt auch aus Hollywood, für Werbung sowie Fernsehsendungen beforzugt hellhäutigere Models bzw. Moderatoren gezeigt werden.

Als Weißer ist und bleibt man in Playas schon etwas besonderes. Die wenigsten können Englisch, obwohl es allen in der Schule unterrichtet wird, aber vor allem den Satz „Hey you, my friend!“ wurde mir nun schon öfter hinterhergerufen. Als Weißer wird man nämlich auch immer sofort mit Englisch in Verbindung gebracht. Somit kommt es auch vor, dass einige das bisschen Enlisch, dass sie in der Schule gelernt haben, an einem ausprobieren wollen, schließlich haben die meisten dazu nur selten die Gelegenheit. Letztendlich wirklich unterhalten kann sich aber kaum jemand auf Englisch.

Ein etwas störendes Vorurteil, mit dem man als Gringo auch behafftet ist, ist das Thema Geld. Weiße Ausländer haben Gelt – dass ist für viele Ecuadorianer klar. So völlig falsch ist das ja gar nicht mal. Jemand der Vollzeit als Arbeiter auf dem Land angestellt ist, verdient in Ecuador in der Regel den für diese Arbeit gesetzlich feftgelegten Mindestlohn von 362$ im Monat. Das zumindest hat mir hier jemand erklärt; vorsichtige, nicht allzu professionelle Internetrecherchen bestätigen jedoch Mindestlöhne und auch Durchschnittseinkommen in diesem Bereich. Gleichzeitig liegen die Lebenshaltungskosten in Ecuador natürlich weit unter dem deutschen Niveau. Das ist es, was ich auch den Ecuadorianern sage, wenn sie mich nach dem unterschiedlichen Einkommen in Deutschland fragen: Ja, in Deutschland verdient man im Allgemeinen für die gleiche Tätigkeit mehr als hier, aber dafür ist auch alles teurer. Nichtsdestotrotz bleibt die logische Schlussfolgerung: Gringos haben Geld, zumindest für die Maßstäbe vieler Ecuadorianer. Und davon wird man auch in meinem Alter nicht ausgenommen. So werden einem bei einer Reise durch Ecuador in Tiendas, Hostels, Taxis und bei anderen Gelegenheiten oft höhere Preise als üblich genannt. Man muss lernen damit umzugehen. In Playas passiert mir das in der Regel nicht mehr, weil viele wissen, dass ich kein Tourist bin, sondern hier als Freiwilliger arbeite. Ansonsten kenne ich aber auch die üblichen Preise und merke somit, wenn jemand versucht diese für mich hochzuschrauben. Und auch, dass ich mittlerweile ein Spanischniveau erreicht habe, dass mich von den meisten Touristen unterscheidet, bringt mir, wie ich glaube, bei den Ecuadorianern in solchen Momenten mehr Respekt ein.

Sicherheit

Auch in Puncto Sicherheit stellt sich die Situation für uns Europäer etwas anders dar als für die Ecuadorianer; denn dass viele uns direkt mit Geld in Verbindung bringen, ist auch bei diesem Thema nicht gerade förderlich. Im Allgemeinen muss ich aber sagen, dass ich mich in Playas sehr sicher fühle. Am Tag mache ich mir überhaupt keine Gedanken, wo ich alleine langlaufe. Auch Nachts auf dem Rückweg von den Discos oder Fiestas war meine Hauptsorge bis jetzt immer, nicht von einem der vielen Hunde angefallen zu werden. Als Junge kann ich mich Nachts durchaus auch alleine Bewegen, ich weiß allerdings auch welche Straßen ich meiden sollte und habe vorzugsweise kein Handy dabei. Bei den anderen Freiwilligen, die ja alle Mädchen sind, achten wir mehr auf Begleitung, wenn sie Nachts nach Hause gehen. Eine von ihnen ist hier vor einigen Monaten überfallen worden, ihr Handy wurde ihr dabei geraubt; sie selbst ist ansonsten unbeschadet aber natürlich mit großem Schrecken davongekommen. Dass so etwas um nur neun Uhr abends auf offener Straße und unter Zeugen passiert hat uns alle schockiert. Natürlich waren wir insbesondere Nachts daraufhin etwas achtsamer unterwegs, mussten uns aber auch eingestehen, dass so etwas immer passieren kann.

Aus der Dorfgemeinschaft ist aber auch zu hören, dass die Zahl der Überfälle zugenommen hat. Auch meine Gastmutter wurde um 6 Uhr morgens nach dem Einkaufen praktisch vor unserem Haus überfallen. Wie anscheinend überall auf der Welt üblich machen die Playenses die zugezogenen Ausländer für die Zunahme der Kriminalität verantwortlich. Ein viel größeres Problem, und auch dafür werden von vielen die Ausländer verantwortlich gemacht, ist die Zunahme an Drogen. An weiterführenden Schulen kommen Kinder bereits mit 14 oder 15 Jahren in den Kontakt mit harten Drogen wie Kokain und Opioiden in Kontakt. Unter Jugendlichen scheint der Konsum dieser für wenig Geld erhaltbaren Drogen in den letzten Jahren enorm zugenommen zu haben. Auch von Vorfällen auf Schulhöfen, bei denen junge Jugendliche zum Schnupfen von Kokain gezwungen werden, habe ich gehört. Diese Entwicklung besorgt viele der Einwohner, und dass die Zahl der Überfälle parallel dazu zu steigen scheint ist mit Sicherheit auch kein Zufall.

Projekt

Umsomehr halten wir unsere Arbeit in der „Ola Sinfónica“, unserem Projekt hier in Playas, für wichtig. Wir freuen uns über jeden Jugendlichen, der den Weg in das Kulturzentrum findet und Lust hat sich in seiner Freizeit mit Musik zu beschäftigen. Natürlich freuen wir uns auch über Schüler anderer Altersgruppen. Auch viele Erwachsene unterrichten wir, zwischenzeitlich so viele, dass wir bei Neuaufnahmen Kinder und Jugendliche bevorzugt haben. Mittlwerweile haben wir von Grundschülern über Jugendliche, vielen Anfang-20-Jährigen, Eltern und Rentnern eine sehr breit gefächerte Schülerschaft.

Und mit der läuft das Projekt sehr gut. Das Niveau ist zwar nach wie vor nicht sehr hoch, aber es steigt und nach unserem großen Weihnachtskonzert im „Shopping“ haben wir sehr viel positive Rückmeldung bekommen. Für besagtes Konzert haben wir aus den besten ca. 20 Schülern viele Gruppen geformt, da wir in der Stunde, die wir für das Konzert hatten, ein möglichst hohes Niveau präsentieren und gleichzeitig möglichst viele Schüler daran teilhaben lassen wollten. Für mich persönlich war ein Saxophontrio, für das ich eine Trioversion der „Himno de la Alegría“ (Freude schöner Götterfunken) maßgeschneidert hatte, mein Hauptprojekt für dieses Konzert. Im nachhinein merke ich jetzt, wie sehr dieses Gruppenerlebnis und auch die langfristige Konzentration auf einem Stück die drei Schüler vorangebracht hat. Ähnliche Erfahrungen haben auch die anderen MoGs gemacht, und somit haben wir uns glaube ich alle in unserer Arbeit bestätigt gefühlt.

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Das Saxophontrio bei der Generalprobe

Ansonsten war die Vorweihnachtszeit recht anstrengend, mit vielen kleineren Auftritten und nicht immer ganz zuverlässiger Organisation,  insbesondere wenn wir vom Municipio, der Stadtverwaltung, zu Auftritten eingeladen wurden.

Weihnachten und Neujahr

Weihnachten war dagegen sehr ruhig und entspannt. Ich war mit meiner Familie in Guayaquil, in der Wohnung einer dort lebenden Gastschwester. Heiligabend haben wir dann, nach einem Gottestdienst um 10 Uhr abends, in der Wohnung der Familie ihres Ehemannes verbracht. Das war sehr nett, aber nicht wirklich etwas so Besonderes, wie es der Heiligabend in Deutschland ist. Nach dem üblichen arroz con pollo (Reis mit Hühnchen) und ein paar Weihnachtsliedern, die ich auf dem Saxophon gespielt habe, gab es einige kleine Geschenke, wobei die Dokumentation der Geschenkübergabe durch zahlreiche Fotos sehr viel wichtiger schien als der Inhalt der Geschenke. Der ursprüngliche Plan, noch andere Teile der Familie in Guayaquil zu besuchen, wurde dann um zwischen zwei und drei Uhr morgens dadurch durchkreuzt, dass wir alle eingeschlafen sind.20171225_010954

Der erste Weihnachtstag ist auch in Ecuador, anders als der zweite Weihnachtstag, den es hier de facto nicht gibt, ein Feiertag. Wir haben einen kleinen Ausflug gemacht, Weihnachtsstimmung ist aber nicht wirklich aufgekommen.

Sehr viel größer gefeiert wurde dann aber an Silvester. Große Teile insbesondere der Familie meiner Gastmutter kamen zu uns nach Playas. Auch allgemein kamen viele Touristen aus Guayaquil, um 2017 in Playas zu verabschieden und das neue Jahr gebührend zu feiern. Aus diesem Grund gab es an der Strandpromenade eine große Show mit viel Musik und einem großen Feuerwerk, zu dem auch wir nach einem großen Festessen ins Zentrum gingen. Anschließend wurde bei uns zuhause viel getanzt, und als ich mich gegen drei mit meiner Gastschwester ins Zentrum begab, fanden wir auch dort alle Menschen tanzend vor. Insbesondere live gespielter Salsa bei der Show am Malecón kam, auch bei mir, sehr gut an.

Und nun…

…möchte ich auch andere Teile Ecuadors kennenlernen. Aus diesem Grund bin ich bereits kurz nach Neujahr an das andere Ende von Ecuador gereist, um dort im Regenwald des Parque Nacional Yasuní zu campen. Ich erspare mir an dieser Stelle von dieser wirklich einmaligen Reise detaillierter zu berichten, sondern leite Interessierte gerne an die sehr schön geschrieben Blogbeiträge zweier meiner drei Reisebegleiter, MoGs aus dem Projekt in Guayaquil, weiter:

Constantin beschreibt hier die etwas schwierige Anreise (und meinen Nachnamen) und hier unsere vier Tage im Dschungel.

Auch Simon beschreibt die etwas chaotische Anreise an dieser Stelle, wenn er den Bericht über unsere Tour im Urwald veröffentlicht werde ich ihn hier natürlich auch noch verlinken.

Ganz kann ich es dann doch nicht lassen meine Lieblingsfotos aus dieser unglaublichen Natur, in der Tukane neben Affen in den Baumkronen sitzen, während bunte Papageien Flüsse überqueren, in denen sich neben Piranhas auch rosafarbene Delfine tummeln, zu teilen:Mein Ursprünglicher Plan war, in meinem letzten Monat in Ecuador zu reisen. Aus verschieden Gründen habe ich ihn nun in so fern geändert, als dass ich nun bereits folgende Woche für einen Monat verreisen, und dafür meine letzten vier Wochen in Ecuador wieder im Projekt in Playas verbringen werde. Ab nächster Woche werde ich also für gut drei Wochen durch die Berge Ecuadors reisen und anschließend zehn Tage auf den Galapagos-Inseln verbringen. Was soll ich sagen… Es gibt schlimmere Aussichten!

4 comments to “Ein halbes Jahr in Ecuador”
  1. Wie cool ist denn dieser Bericht wieder!
    Tobias, du hast einen tollen positiven Schreibstile, der wirklich Lust macht weiter zu lesen, etwas von dir und deiner Welt dort zuberfahren und dann natürlich die Spannung g auf die Fortsetzung weckt.

  2. Lieber Tobias,

    Danke, dass wir über Deine Berichte ein wenig Mäuschen spielen können. Und schön, dass es Dir so gut geht. Genieß die Zeit.

    P.

  3. Sehr schöner Bericht. Ich kenne von Playas leider nur den Strand »Pelado« zu dem wir 1976–79 regelmäßig am Wochenende von Guayaquil aus gefahren sind 😉

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