Vom Pazifik zum Sonnentor

Was macht man, wenn man in nur einer Woche einen möglichst tiefen Eindruck von Ecuador vermitteln will? Ganz einfach: Viel Bus fahren. Sehr viel Bus fahren. Von Sonntag, 21. April bis Sonntag, 28. April saß ich insgesamt knapp 24 Stunden in einem Bus. Wieso tut man sich das an? Nun, Maïas Mutter und Corinne, eine Freundin der Familie, waren zu Besuch in Ecuador. Corinne hatte nur eine Woche Zeit – und so mussten wir unsere „Entdeckungsreise“ eben auf sieben Tage verteilen.

Am ersten Tag heißt das Ziel Olón. Kleine, beschauliche Stadt an der Küste, Sonne und Strand. Dort lassen wir unsere Ecuador-Neulinge Empanadas und Ceviche probieren, genießen das Meer und wagen am Abend einen Kurzbesuch in Montañita, der Partystadt Ecuadors. Dort ist es an einem Sonntagabend vergleichsweise ruhig und wir vier sind ohnehin nicht die größten Partylöwen – also geht es zurück und der Abend wird lieber am Strand genossen.

Schon am nächsten Tag geht es nach dem Mittagessen, einem typisch ecuadorianischen Menú del día (Suppe, Reis mit irgendwas, Saft) mit dem Bus drei Stunden zurück nach Guayaquil. Dort machen wir aber nur Station und es geht direkt weiter Richtung Cuenca, sechs Stunden Fahrt. Einige von uns können während der Fahrt schlafen, andere eher weniger – jedenfalls sind wir alle sehr müde, als wir um fünf Uhr früh am Terminal ankommen. Aber das zählt nicht als Ausrede, wir haben ja das Ziel, möglichst viel von Ecuador zu sehen – so besichtigen wir die Stadt, die ich mittlerweile recht gut kenne, ich bin ja schon zum dritten Mal hier. Das macht aber nichts, denn es ist immer wieder schön, in diese wunderbare Stadt zu kommen.

Wandern steht auf dem Programm für Mittwoch, im Nationalpark Cajas. Auch hier bin ich zum dritten Mal, und endlich komme ich mal darüber hinaus, nur um den See zu spazieren. Wir machen eine Viertstundentour durch die nebligen Berge und Seen. Zum Glück sind wir gut ausgerüstet gegen die Kälte. Belohnt werden wir am Ende des Wanderwegs mit Lamas, die vor uns über die Straße spazieren. Maïas Mutter hebt die Hand, um einen sich nähernden Bus zu warnen – das zahlt sich gleich doppelt aus, weil der Bus zurück nach Cuenca fährt und uns mitnimmt. So haben wir genug Zeit, unsere Sachen zu packen, bevor wir ein weiteres mal in den Bus steigen – diesmal in Richtung Baños de Agua Santa.

Nachtfahrten sind immer anstrengend, aber die von Cuenca nach Baños hat es besonders in sich: Von den Kurven und Serpentinen werden wir hin und her geworfen, an Schlaf ist kaum zu denken. Wie gut, dass wir ohnehin geplant hatten, in der Früh die heißen Quellen zu besuchen – im Vulkanwasser können wir schwitzen und ausruhen. Danach fahren wir – natürlich mit einem Bus – auf den Berg zum Casa de árbol und zu den berühmten Schaukeln, die wie immer auf den Fotos spektakulärer aussehen als sie sind. Trotzdem ist es schön – die Sonne scheint, wir machen ein Picknick mit „echtem“ Brot, das wir in Cuenca gekauft haben. Ja, es gibt Brot in Ecuador, das nicht süßlich oder nach nichts schmeckt! Man muss nur stundenlang nach einer speziellen Bäckerei suchen… 😉 Am Nachmittag fahren wir noch zum Pailón del diablo, einem der vielen Wasserfälle in der Nähe von Baños. Die Wassermassen sind wirklich beeindruckend. Zurück geht es den Wanderweg im Dunkeln, weil die Sonne hier sehr schnell untergeht. Trotzdem kommen wir heil an, Glühwürmchen und der Mond weisen uns den Weg.

Guayaquil, Olón, Cuenca, Baños – da fehlt natürlich noch die Hauptstadt des Landes. Am Freitag in der Früh steigen wir wieder einmal in den Bus, Ziel diesmal: Quito. Als wir in der Kapitale ankommen, merke ich, dass ich Fieber habe. Während der Taxifahrt zum Hostel kommen Kopfschmerzen dazu, die immer stärker werden – an diesem Tag verlasse ich das Bett nicht mehr. Auch den Samstag verbringe ich mit stechendem Kopfweh, Gliederschmerzen und Fieber in meinem Bett. Immerhin können Maïa, ihre Mutter und Corinne mich alleine lassen und ein bisschen Sightseeing in Quito machen. Am Abend verabschiedet sich Corinne, nachts um drei geht ihr Flug zurück nach Los Angeles. Dafür, dass sie nur eine Woche in Ecuador war, hat sie das Land ziemlich gut kennengelernt – dank der fantastischen Reiseführer Maïa und meiner Bescheidenheit.

Nach einem Ausruhtag besuche ich Anfang der folgenden Woche einen deutschsprachigen Arzt, der mit bestätigt, dass alles ok ist. So besuchen wir am Tag darauf la mitad del mundo – die „Mitte der Welt“. Oder halt, weniger spektakulär ausgedrückt, den Äquator. Nahe Quito hat man um 1980 herum ein Monument errichtet, das gleichzeitig auf Nord- und Südhalbkugel steht, also direkt vom Äquator durchlaufen wird. Neuere Berechnungen haben zwar ergeben, dass sich der eigentliche Äquator etwa 240 Meter nördlich des Monoliths befindet, aber wir können ja mal ein Auge zudrücken 😉 Interessant ist es allemal, auf dem Gelände befindet sich ein Outdoor-Museum über verschiedene traditionelle Lebensweisen in Ecuador, im Inneren des Monuments ist ein Museum über das Land Ecuador allgemein. Und wir finden ein kleines Eismuseum, das uns zeigt, wie helado de paila hergestellt wird – eine spezielle ecuadorianische Machart von Eiscreme. Probieren tun wir natürlich auch…

Danach fahren wir noch – diesmal mit einem Taxi, nicht mit dem Bus – zu einem Krater nördlich von Quito und blicken hinab auf die Felder, Häuser und Wiesen im nicht mehr aktiven Vulkan. Die Atmosphäre ist sehr harmonisch, kaum würde man auf die Idee kommen, dass hier einmal Magmamassen aus der Erde sprudelten. Als letztes geht es noch zu Ruinen der Inka, die vom 13. bis zum 16. Jahrhundert auch im heutigen Ecuador herrschten. Die alten Mauern sind sehr beeindruckend – getoppt wird das nur noch von der Aussicht auf die umliegende Berglandschaft,

Der 1. Mai ist für uns ein Reisetag. Mit dem Flugzeug geht es von Quito aus zunächst nach Lima und von dort nach Cusco. In der alten peruanischen Stadt checken wir ein in einem Sternehotel ein – Maïas Vater hatte nämlich noch einen Gutschein für freie Hotelnächte. Am nächsten Morgen genießen wir das gute Frühstück im Hotel und brechen dann auf zu den Ruinen von Pisac. Dort bekommen wir einen Eindruck von der Baukunst der Inka – auf einem Wanderweg geht es vorbei an Agrarterrassen, Militäranlagen und Tempeln. Und wir merken, dass die Inka ein sehr fittes Volk gewesen sein müssen – auf dieser Höhe (Cusco: 3400m über n. N.) werden die vielen Stufen schnell zur Herausforderung…

Der Wanderweg in Pisac ist jedoch nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns in den kommenden Tagen erwartet: Drei Tage werden wir auf dem „Salkantay Trail“ marschieren, um am vierten Tag am Machu Picchu anzukommen. Los geht es um vier Uhr früh im Hotel, wo wir von einem Auto des Tourbüros abgeholt werden. In unserer Reisegruppe ist außer uns dreien nur noch eine peruanische Familie aus Lima. Mutter, Vater und zwei Töchter – dreizehn und neun Jahre alt – die während des Treks zwar wo es geht auf Pferden reiten dürfen, sonst aber immer ohne zu jammern zu Fuß gehen – ich bin durchaus beeindruckt. Um sieben Uhr kommen wir an unserem Startpunkt an, machen Frühstück und fahren noch etwa eine Stunde weiter. Dann geht es richtig los: Vor unseren Augen der schneebedeckte Salkantay (das ist der Name eines Berges) wandern wir zum ersten Camp. Leicht vergisst man die Höhe und wundert sich, dass man so schnell außer Puste kommt – aber hier sind viele Pausen und viel Wasser mehr als nötig. Die Natur ist wunderschön, die Ausblicke atemberaubend. Nach etwa drei Stunden kommen wir im Camp an und bekommen Mittagessen, am Nachmittag geht es dann einen steilen Pfad hinauf zu einem eindrucksvoll blau schimmernden Bergsee. Das einzige, was etwas stört, sind die vielen Menschen – der Salkantay Trail ist eine der beliebtesten Wandertouren der Welt. Nach ein paar Minuten Verschnaufen und schönen Fotos steht der Abstieg an. Unten gibt es Abendessen und dann wird es auch schon dunkel – Schlafen ist angesagt, denn am nächsten Morgen müssen wir um fünf Uhr früh raus. Wir nächtigen in sogenannten „Skylodges“ – das sind kleine Hütten mit einem Kuppeldach aus Glas. Eine nette Idee eigentlich, in der Theorie könnte man sich fühlen wie unter freiem Himmel – doch die Konstrukteure haben nicht bedacht, dass die Scheiben beschlagen. Draußen ist es nämlich saukalt, zum Glück haben wir warme Schlafsäcke dabei. Naja, wir sind sowieso zu müde, um groß in die Sterne zu schauen, und schlafen schnell ein.

Der zweite Tag wird zum sicherlich härtesten der ganzen Wanderung. Um kurz nach fünf in der Früh geht es los, ein Teil unserer Gruppe bleibt zurück, um die Pferde zu nehmen. Wir drei haben es uns aber vorgenommen, den kompletten Weg zu Fuß zu gehen. Drei Stunden lang geht es fast ununterbrochen nach oben, auf steilen Pfaden und Serpentinen. Man merkt die dünne Luft, die Schritte fallen mir deutlich schwerer als normal. Irgendwann kommen wir am Gipfel an, wo wir eine längere Pause machen, bevor es noch einmal dreieinhalb Stunden Abstieg bis zum Camp sind. Das traumhafte Wetter des Vormittags hält nicht an, es beginnt zu schütten und wir ziehen unsere unglaublich schicken Plastikponchos über. Beim Camp gibt es Mittagessen, und dann geht es auch schon weiter. Noch einmal sind es drei Stunden durch Schlamm und auf rutschigen Steinen, bevor wir erschöpft im Nachtlager ankommen – diesmal bestehend aus kleinen „Andean Huts“ mit strohbedeckten Dächern. Maïa ist krank, sie hat sich die letzten Meter nur noch dahingeschleppt. Wir gehen früh ins Bett – da es keinen Strom gibt, sieht man im Dunkeln sowieso nichts mehr.

Wie faszinierend die Vegetation im Gebiet um Cusco herum ist, sehen wir vor allem am nächsten Tag: Vor unseren Augen verwandelt sich die Flora von der kargen Berglandschaft in Halbdschungel. Wegen der Nähe zum Amazonas reichen die scheinbar undurchdringlichen Wälder hier selbst bis in die Dreitausender. Nach fünf Stunden erreichen wir das Mittagscamp, von wo es etwa eine Stunde lang mit dem Bus weitergeht zum Dorf Estación Hidroelectrica. Dort werden wir abgesetzt und folgen den Bahngleisen Richtung Aguas Calientes. Unterwegs besuchen wir einen botanischen Garten und bewundern die Natur. Die Nacht verbringen wir in einem Hostel – es wird keine lange Nacht…

Denn um halb vier müssen wir schon wieder aufstehen. Machu Picchu öffnet seine Tore um sechs Uhr früh, und der Wanderweg über die vielen hundert Stufen dauert etwa zwei Stunden. Nur mit dem Licht unseres Handys – und derer vieler anderer Besucher – machen wir uns an den Aufstieg. Stufe für Stufe, immer wieder einmal eine Verschnaufpause. Wirklich original sind diese Treppen nicht – die Inka sind über den „Inca Trail“, einen Gebirgspass, nach Machu Picchu gekommen. Während wir den einen Fuß vor den andern setzen, geht langsam die Sonne auf. Oben treffen wir die Familie aus Lima und unseren Guide, die den Bus genommen haben und länger schlafen konnten. Dann geht es durch das Eingangstor auf das Gelände. Ich lasse einmal Bilder sprechen:

Wir bekommen eine kurze Erklärungstour von unserem Guide Eddie, dann verabschieden wir uns von ihm und wandern auf eigene Faust zur Puerta del sol – dem Sonnentor. Von dort haben wir einen fantastischen Ausblick auf die Landschaft rundherum – und können sehen, warum die Inka diesen Ort für ihre Stadt gewählt haben: Wegen natürlicher Hindernisse wie einem breiten Fluss und der steilen Felswände ist sie von unten kaum erreichbar. Auch ist es verblüffend, dass man vom Fuß des Berges überhaupt nichts von den Inkabauten sieht, obwohl sich diese über ein wirklich großes Gebiet erstrecken.

Dann geht es zur Inkabrücke und in die eigentliche Stadt. Die säuberlich aufgeschichteten Mauern der Tempel sind besonders beeindruckend. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie die Inka hier gelebt haben… ein faszinierendes Volk. Die Bewässerungsanlage der Terrassen funktionieren noch heute. Zwischen den Ruinen haben es sich ein paar Alpakas gemütlich gemacht, die unbeeindruckt von den vielen Touristen um die alten Mauern herumstehen und grasen. Der Besuch von Machu Picchu ist ohne Zweifel das Highlight unserer Reise…

Nach sechs Stunden müssen wir uns von den Ruinen verabschieden und den Abstieg antreten. Ein bisschen erleichtert bin ich schon, denn auf dem ganzen Gelände gibt es keine Toiletten, und es ist natürlich verboten, im Bereich der archäologischen Funde zu urinieren. Das ist ein Versuch, die Besuchszeit der Touristen zu verkürzen – die Ruinenstadt leidet unter den Besuchermassen. Wir verlassen Machu Picchu mit vollen Kameraspeichern und guten Gefühlen – es war immer Maïas Traum, hierher zu kommen. Und auch ich bereue es auf keinen Fall…

Zwei Tage später geht es mit dem Flugzeug zurück nach Quito, wo wir nicht viel mehr machen als zwischen Ämtern hin- und herzurennen, um Maïas Visum zu verlängern. Mit dem Ergebnis: Wir haben einen Termin für in zwei Wochen. Ich liebe die Bürokratie… In wenigen Tagen werde ich mich mit Maïa ein letztes Mal aufmachen – denn der Süden von Ecuador schreit förmlich danach, noch besucht werden zu wollen…

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