Ho, ein Hoch auf Hohoe!

Unsere Musikschüler haben sich im Verlaufe der letzten Wochen alle in die Ferien verabschiedet und deshalb waren wir Freiwillige während dieser Zeit arbeitslos. Arbeitslos aber nicht tatenlos. Also beschlossen wir eine kleine Reise nach Hohoe, hinter Ho, in der Volta Region nahe der Grenze zu Togo zu machen. Geplant war eine Abfahrt am frühen Mittwochnachmittag, aber wie es halt hier in Ghana so ist, sind wir dann um 17.00 Uhr losgekommen. Sofie, Johannes und ich spazierten also mit unseren Rucksäcken zum Makola-Markt und suchten nach einem Trotro, das uns nach Hohoe bringen würde. Weil wir eh schon zu spät dran waren, ergab sich diese Suche natürlich als schwieriger als erwartet und das Trotro war noch leer als wir ankamen. Ein Trotro ist ein unbequemer Minibus, der dann losfährt, wenn jeder seiner Sitze belegt ist und wegen dieser Abfahrtsregel ist es kein freudiger Moment, wenn man ein leeres Trotro vorfindet. Wer in Ghana nach Fahrplänen oder pünktlichkeitssüchtigen Fahrgästen sucht, ist definitiv am falschen Ort. Wir haben uns also ins Trotro gesetzt und gewartet. Ungefähr eine Stunde später war das Trotro tatsächlich voll und unsere Reise konnte beginnen.
Während der Fahrt hatte ich gute vier Stunden Zeit um meinen Gedanken nachzugehen und da habe ich mir überlegt, ob man sich eine Trotrofahrt vorstellen kann, wenn man noch nie hier war und bin zum Schluss gekommen, dass es eine schwere Aufgabe ist. Eine Trotrofahrt vereint nämlich gaaanz viele sehr ghanaische Besonderheiten. Das Wasser für die Fahrt kauft man sich von den vielen Frauen, die auf der Strasse stehen und Pure Water verkaufen, das sie auf dem Kopf tragen. Pure Water ist Tütenwasser… Desweiteren fährt man auf Strassen mit Schlaglöchern in einem Trotro, bei dem möglicherweise das Gaspedal nur noch an einem Kabel befestigt ist oder man zum Hupen zwei Kabelende aneinander halten muss. Hupen ist ebenfalls ein wichtiges Stichwort. Hier in Ghana löst hupen jedes Problem.


Donnerstagmorgens waren wir dann also halbausgeschlafen in Hohoe und Johannes und ich sind zu Kaskadenwasserfällen gegangen, während die arme Sofie krank im Bett lag. Bei der Ankunft im Dorf mussten wir dem Chief der Community einen Besuch abstatten und ihm nach einem Schwatz einige Cedis (Ghanaische Währung) in die Hand drücken, damit wir zu den Wasserfällen durften. Unser Guide erklärte uns auf dem Hinweg ausführlich, weshalb man nur 2 der 7 Kaskaden besuchen könne. Scheinbar seien die anderen zu gefährlich, weil schon jemand hineingefallen sei und dann in ein unglaublich tiefes Loch gezogen wurde. Ob das tatsächlich der Fall war oder ob es vielleicht doch eher Übertreibung ist, wage ich nicht zu urteilen.
Wir wollten am selben Tag noch zu anderen Wasserfällen und sind deshalb mit dem Trotro in ein abgelegenes Dorf gefahren. Bei der Ankunft hat man uns mitgeteilt, dass es schon zu spät sei, um zu den Wasserfällen zu kommen, aber man könne noch auf den Berg steigen. Ein steiler Weg führte durch tropischen Wald hinauf zum Gipfel, wo wir nassgeschwitzt ankamen. Auf dem Berg wurden Johannes und ich von einem Kindheitsanfall erfasst und wir begannen im Zehnerpack mit dem Selbstauslöser Selfies zu schiessen. Johannes versuchte mich aufzufressen, wir schnitten Grimassen und wir haben Lachanfälle gekriegt. Zwischenzeitlich genossen wir natürlich die wunderschöne Aussicht auf das flache und üppig grüne Land aus dem unser Berg, der Mount Afadjato als alleinstehender Berg hinausragt. Wir erfreuten uns also am rosa Sonnenuntergang und machten Selfies. Sonnenuntergang bedeutet aber hier in Ghana ziemlich schnell einmal Dunkelheit und so kam es, dass wir bei Nacht, ohne Taschenlampe im tropischen Wald vom höchsten Berg Ghanas hinunterstiegen. Wir kamen allerdings heil unten an und ich wage gar zu behaupten, die Rückreise nach Hohoe sei gefährlicher gewesen als der Abstieg, denn da fuhren wir zu dritt auf einem Motorrad bei Nacht eine Landstrasse entlang. Aber auch da hat wohl ein Schutzengel über uns gewacht. Man muss noch anmerken, dass wir zwar sehr wohl auf dem höchsten Berg Ghanas waren, aber uns dies erst zwei Tage später klar wurde, als wir auf den höchsten Berg steigen wollten und dann plötzlich merkten, dass wir den Namen dieses Berges irgendwoher schon kennen… 🙂

Auch am nächsten Tag stand ein Wasserfall und ein Berg auf dem Programm. Wir wollten nämlich eine weite Runde zu den Wli Waterfalls wandern. Das sind zwei richtig schöne Wasserfälle. Wir liefen also zu dritt mit unserem Guide los und kaum hatten wir die erste Steigung erreicht, speedete besagter Guide so schnell den Berg hoch, dass wir, trotz aller Alpenerfahrung, Mühe hatten mitzuhalten. Unser Guide trug Flipflops. Ziemlich schwer sich da eine gute Ausrede zurechtzulegen, damit man sich nicht allzu schwächlich vorkommt. Aber zum Ausreden Suchen blieb auch wenig Zeit, denn die Aussicht war fantastisch und man konnte die Wasserfälle schon von Weitem sehen. Nach einem ausserordentlich steilen Abstieg konnten wir dann die imposanten Wasserfälle auf uns wirken lassen und die gewaltige Kraft des Wassers geniessen. Die Felswände neben dem Wasserfall sind mit schwarzen Punkten übersäht, bei denen man sich erstmals nichts grosses denkt. Bei genauerem Hinschauen wird aber ziemlich schnell klar, dass es sich möglicherweise trotzdem lohnt, diesen schwarzen Punkten Aufmerksamkeit zu schenken. Jeder einzelne Punkt ist nämlich eine schlafende Fledermaus….

Letzte Station unserer Reise war der Voltasee. Der Voltasee ist, gemäss Wikipedia, ein 520 km langer Stausee, der 1966 fertiggestellt wurde und eine Fläche von über 8500 km2 bedeckt. Bei der Erbauung wurden 78 000 Menschen umgesiedelt. Zahlen, Zahlen, Zahlen. Es ist selbst dann schwer, sich eine Vorstellung von diesen gewaltigen Dimensionen machen zu können, wenn man sich auf einem Kanu auf dem Voltasee befindet! Auf dem See zu sein, war für mich ein ausserordentliches Erlebnis, denn der See ist umgeben von grünen Hügeln und deshalb sehr malerisch. Der Gedanke daran, dass vor nicht allzu langer Zeit noch gar kein See da war, ist unvorstellbar. Und mir wurde noch selten so sehr vor die Augen geführt, wie stark wir als Menschheit manchmal versuchen, die Natur in die Knie und in unsere Knechtschaft zu zwingen.


Inspiriert von der malerischen Landschaft, der ungeheuren Grösse und vielleicht als Ausflucht vor allzu philosophischen Gedankenspielen bezüglich menschlicher Macht, begannen wir auf dem See unsere Regisseurkarriere. Wir hörten also Filmmusik, paddelten mitten auf dem See, sahen kaum Spuren der Zivilisation und malten uns dabei einen krassen Filmplot aus, bei dem wir drei die Helden waren, auf einem magischen See paddelten und in einer Höhle vor einer alten Hexe, einem flüsternden Mann und einem Taxifahrer flüchten mussten… Ihr seid dann alle zur Filmpremiere in Hollywood eingeladen. 🙂 Nachdem wir ein Filmschluss geschaffen hatten, fand auch unsere Reise ein Ende und wir kamen wohlbehütet in Accra an.

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