Zu Besuch in Guayami

Eines Abends laufen Badman und ich durch die dunklen Straßen des Guasmo, mal wieder auf der Suche nach einer tienda (Laden), um für neues Bier zu sorgen. An der tienda kommen wir mit einem Guasmeño ins Gespräch, dem wir erzählen, dass wir vorhätten, das kommende Wochenende bei meinen Verwandten in der ciudadela (gated community) Laguna Club zu verbringen. Daraufhin lachte er: „Ah, se van a Guayami!“ (Ah, ihr geht nach Guayami [Mix aus Guayaquil und Miami])

Am Freitag hatten wir noch ein Lehrerkonzert zu bestreiten, um Werbung für den jetzigen Prozess, der Anfang dieser Woche begonnen hat und in den Schulferien liegt, zu machen. Dieser Prozess wird primär zum Geld verdienen genutzt, die Kursgebühren wurden angehoben, für den zweiten Prozess im Jahr sollen die Gebühren dann wieder auf den ursprünglichen Betrag gesenkt werden. Da dies natürlich die Zahlen der Einschreibungen nicht gerade in die Höhe trieb, versuchten wir, dies mit diesem Konzert wettzumachen. 

Das Konzert gefiel mir ehrlich gesagt mäßig, die Beiträge waren in Ordnung, doch die Stimmung vom Weihnachtskonzert kam nicht auf. Letzten Endes stand ich wegen eines Abspracheproblems auch gar nicht auf der Bühne, eigentlich hatte ich mit meinem Trio Papipollo (ecuadorianisches Gericht, Pommes [papas] mit frittiertem Hühnchen [pollo], seeehr fettig), bestehend aus Badman an den drums, dem neuen Freiwilligen Vincent an der Gitarre und ich am Klavier einen eigenen Song zum Besten geben wollen. Auf den kausalen Zusammenhang zwischen den beiden letzten Sätzen sei selbstverliebt hingewiesen.

Die Lehrerschaft in den neuen Musikschul-T-Shirts

Am Samstagmorgen holten Werner jr. und Carmita uns, Badman und mich, ab und luden uns direkt zum Frühstück in einem ansehnlichen Café in der Nähe von Laguna Club ein. Dort aßen wir bolónes (Knödel aus Kochbanane und Käse) und tigrillo (Püree aus Kochbanane, Ei und ggf. Fleisch) und schlürften gute Fruchtsäfte und Milchshakes.

Im edlen Hause Campoverde angekommen, ruhten wir uns zuerst einmal gehörig aus. Wir warteten auf Werner sr., der frühzeitig von einem Fischer-Wettkampf zurückkehrte, da seinem Team der Motor kaputt gegangen war. Immer wieder beklagte er, wie gut sie abgeschnitten hatten und sogar auf Platz zwei rangierten, bevor der Motor den Geist aufgegeben hatte.

Daraufhin erledigten wir Einkäufe für die geplante Grillage am Sonntag. Dazu fuhren wir in einen der riesigen und unterkühlten Supermärkte, die fast amerikanisch anmuten. Dort meinte Badman auf einmal, die Gunst der Stunde nutzend: „Ey Cons, du weißt schon, dass das gerade die Gelegenheit ist, um sich hier die leckersten Sachen zu gönnen?!“ Doch viel hatten wir den Einkäufen des Ehepaars gar nicht hinzuzufügen, die Leckereien für Frühstück und Grillen stellten den Guasmo-Fraß schon weit in den Schatten. Kulinarisch ist ein Besuch bei den Campoverdes immer ein guter Tipp.

A propos kulinarisch: Mit den Einkäufen im Kofferraum brausten wir anschließend zum Yachtclub Guayaquil, an dem wir auch die Angeltour gestartet hatten. Wir futtern uns mit Familie Campoverde also durch einen Yachtclub nach dem anderen. Mit frischen Fischgerichten und Brownies zum Nachtisch bis oben vollgestopft, rollten wir ins Kino und sahen uns gemeinsam mit Carmita – Werner sr. musste sich von seinem Wettkampf ausruhen – „Llamame por tu nombre“ (Nenn mich bei deinem Namen), einen italienischen Film über ein schwules Paar mit tollen Landschaftsaufnahmen, 80er Flair und Witz. Echt gut gemacht. Echt empfehlenswert.

Am nächsten Morgen wurden wir mit einem herrlichen Frühstück geweckt. Früchte, Eier und sogar guter Emmentaler, den die Campoverdes von ihrer Canada-Reise mitgebracht hatten, war schön angerichtet. „Denn das Auge isst mit!“, wie Oma Zsazsa zu sagen pflegte. Vieles im Hause Campoverde erinnerte mich im Übrigen an sie.

Anschließend gingen wir wählen. Der neue Präsident Lenín Moreno hatte sieben „Fragen bekannt gegeben, über welche die Bevölkerung bei einer Volksbefragung entscheiden soll. [Die] Bevölkerung soll über verschärftes Vorgehen gegen Korruption und Kindesmissbrauch, mehr Umweltschutz und die Abschaffung der Wiederwahl von Amtsträgern abstimmen.“ (Quelle: amerika21.de). Der ehemalige Präsident Correa hatte eine Nein-Kampagne gestartet, wegen der er vor einigen Tagen auch attackiert worden ist. Der Sozialist hat inzwischen mit mehr oder weniger seriösen Korruptionsvorwürfen zu kämpfen, weswegen Familie Campoverde auch geschlossen für Ja stimmte.

Zum Wählen fuhren wir in eine nahe gelegene staatliche Schule, wo ein großer Menschenauflauf versammelt war. Kaltgetränke wurden verkauft und lautstark angepriesen. In einem schäbigen Klassenraum wurden die Wahlzettel in die Urnen geworfen. Sobald man gewählt hatte, bekam man einen Zettel auf dem die Wahl bestätigt wurde. Dieses Dokument muss man z.B. bei einem Hauskauf vorweisen. So wird garantiert, dass die Wahlpflicht eingehalten wird. Draußen wurden neben den Kaltgetränken auch ein Laminierservice für die Dokumente angeboten. Außerdem anders als bei deutschen Wahlen ist, dass jeder Bürger irgendwann Wahlhelfer spielen muss, wie mir Junior berichtete.

Nach der Wahl begann die Grillage. Werners Metallbiest aka Grill wurde aus der Versenkung geholt, die Grillschürze mit ledernen Taschen umgebunden, die Bose-Box aktiviert und los ging’s. Den ganzen Nachmittag verquatschten wir, Freddy und seine Frau Carola, die wir im Ferienhaus in Punta Carnero kennengelernt hatten, waren auch am Start und später kam auch Benji mit Frau Vanessa vorbei, die übers Wochenende verreist waren.

V.l.n.r.: Werner sr., meine Person, Junior, Carmita, Benji, Badman und Vanessa

Anschließend wurden wir netterweise nach Hause gefahren, auf dem Weg machten wir Auto-Sightseeing, Werner zeigte uns noch die beiden Stadien von Barcelona und EMELEC, laut ihm die beiden wichtigsten Stadien Ecuadors.


Randnotiz: Inzwischen ist die Regenzeit da. Seit ich von den Galápagos-Inseln zurück bin, also seit Ende Januar ist die Luft sehr viel feuchter und es regnet häufiger. Seit einigen Tagen regnet es sogar täglich. Das erinnert ja fast schon an Deutschland…

P.S.: Lenín Moreno hat übrigens großen Zuspruch geerntet und in allen sieben Fragen eine Mehrheit für Ja erzielen können.

Autor: Cons

Cons ist ein neunzehnjähriger Weltenbummler mit musikalischen Neigungen. Diese beiden Aspekte sieht er bei dem Verein Musiker ohne Grenzen (MoG) vereint und deshalb macht er jetzt für ein halbes Jahr einen musikalischen Freiwilligendienst in Ecuador, genauer Guayaquil. Er gibt dort in einem ärmlichen Viertel, Guasmo Sur, in der Musikschule Clave de Sur Unterricht für Klavier, Horn bzw. Trompete (da muss er sich an die Nachfrage anpassen) und Gesang.

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