Karneval auf ecuadoriansich

Aus meinem Haus kommend, beobachte ich zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Das Mädchen flieht vor dem Jungen, der sie verfolgt und sie schließlich zu fassen kriegt. Sie mit einer Hand am Kragen packend, hat er die andere frei um ihr mit großem Schwung ein Ei auf den Kopf zu klatschen. Die gelbe Suppe trieft der armen Kleinen in die langen schwarzen Haare. Das ist Karneval im Guasmo, lieber Leser!

Alles begann mit der quinceañera, ein 15. Geburtstag, der hier in Ecuador als Metamorphose von niña (Mädchen) zur señorita (Fräulein) sehr groß gefeiert wird, vergleichbar mit einer Hochzeit. Die Glückliche war Chiki, Simons Gastschwester, der sehr beklagt hatte, dass sein Visum nicht gereicht hat, um diese Show noch mitzuerleben. Allerdings wäre ich glaube ich an seiner Stelle auch in den letzten Tagen nicht gerne dort gewesen, der Vorbereitungsstress muss immens und loco (verrückt) gewesen sein.

Das ganze Haus war dekoriert, alles glänzte in Rosa, Höhepunkt der Dekoration waren mit rosa und schwarzem Krep-Papier bekleidete Barbie-Puppen. Bis zwölf Uhr mussten wir uns selbst beschäftigen bzw. mit Whiskey, der mit zu viel Wasser und Eis gereicht wurde, begnügen. Bapsi stellte ganz richtig die Frage, wer denn auf die Idee komme, Whiskey mit Wasser zu mischen.

V.l.n.r.: Bapsi, Vincent, Badman, meine Person, Chiki, Lena, Hannes

Zur Geisterstunde erschien dann, herausgeputzt und in ein rosa Kleid gesteckt, die quinceañera. Die Schlappen wurden durch goldene Sandaletten ersetzt und feierliche und zahlreiche Reden wurden gehalten, darunter auch eine sehr zweifelhafte von ihrer Mutter, die unter anderem zu Ausdruck brachte, dass ihre Tochter dieses Fest ja gar nicht wollte und daher simple und sencillo (einfach gestrickt) sei. Chiki tat mir leid und ich fragte mich, ob das sein musste.

Anschließend gab es noch diverse Darstellungen, bei denen Chiki sich von ihrer besten Seite zeigen musste. Sie spielte Klavier, begleitete ihre Mutter und tanzte, was die beeindruckendste Darbietung darstellte, das hat sie wirklich drauf – Latina halt… Auch wir schlossen uns der Selbstdarstellungsorgie an und präsentierten „Money, Money, Money“ von ABBA mit Vincent an der Linkshänder-Gitarre, Badman auf der Holzkiste und ich an den Stimmbändern. Anschließend noch einige Zugaben aus dem Stehgreif, hier trumpfte Vincent mit seinen erstaunlichen Fähigkeiten auf.

Außerdem bekamen wir es mit einem befremdlichen Brauch zu tun: Chiki holte Spitze-Bänder unter ihrem Kleid hervor, daraufhin wurden alle anwesenden Damen nacheinander nach vorn geholt und Chiki hatte die Ehre, ihnen eines dieser Bänder an eben dieser Stelle unter dem Kleid am Bein gefährlich weit hochzuziehen. Das ganze wurde solange vom Gejohle der Männer „Hasta el fuego!“ (Bis zum Feuer!) untermalt, bis Chiki auch die Männer aufrief.

 

Die anschließende Party war in Ordnung. Nach Sylvester war man natürlich auch verwöhnt, was Partys anging. Es wurde schon viel getanzt, aber es hatte immer noch einen bitteren Beigeschmack von langweiliger Familienfeierlichkeit. Um mal den real talk rauszulassen.


Am Folgetag ging Karneval endlich richtig los. Ich hatte mich gerade erst richtig ausgeschlafen, da stand Badman schon mit vier Bier in den Armen vor meiner Haustür. „Ruhig Blut, Diggi!“, wimmelt ich ihn ab, was er mir nachhaltig übel nahm, glaube ich. Schließlich ging ich etwas später zur Grillparty auf dem Dach der Musikschule. Ein Swimmingpool war aufgebaut und die Wasserschlacht, unterstützt von Schaumsprühdosen, war in vollem Gange, wie es hier so der Brauch ist.

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Der Nachmittag verging im Flug, immer wieder wurde irgendwer von der ganzen Bagage ins Schwimmbecken geworfen. Ein großer Spaß! Als es zu kalt wurde, (ja, du hast dich nicht verlesen, die Regenzeit ist frisch = ca. 25°) verzogen wir uns kurzerhand ins Büro der Musikschule und hatten dort bis in die frühen Morgenstunden unseren Spaß.


Der nächste Tag verging recht ähnlich, viel, viel Wasser und diesmal neu: Farben! Kleine Tütchen mit Farbpulver wurden mit Wasser in den Händen vermischt und dann nach Gusto dem Freund, Nachbarn oder auch Fremden ins Gesicht geschmiert.

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Nach einem ausgiebigen Bad in einem Pool überkam uns der Pizzahunger. Also taperten wir zum Pizzaladen, wo Badman und ich zwei Pizzen für die Runde bestellten. Ich ging davon aus, dass Badman Geld dabei hätte, doch als es zum Bezahlen ging, stellte sich heraus, dass er überhaupt kein und ich zu wenig Geld dabei hatte. Der Pizzaverkäufer ließ sich auch nicht mit der Versprechung, wir würden das Geld an einem anderen Tag zurückgeben, zufriedenstellen. Was tun?

Hektisch telefonierten wir alle möglichen bekannten Autobesitzer an und schließlich erreichten wir einen Vater, der aussah wie eine abgewrackte Version seines anwesenden Sohnes, der uns aber den Fahrdienst zurück nach Hause, um Geld zu holen, und zurück anbot. Als er in einem klapprigen Jeep, der auseinanderzufallen drohte, anklapperte, erklärten wir ihm die Situation, daraufhin streckte er uns das Geld einfach vor. So ist der Guasmo: Man hilft sich, wo man kann. Viel haben die Leute hier nicht, aber solidarisch und gastfreundlich sind sie. Und so wirkt das ganze Elend nicht so schlimm und man kann hier gut leben.


Da der letzte Feiertag drohte, genauso zu werden, wie die vorherigen, beschloss ich noch am Vorabend, in der Nähe von Playas die Vogelinsel Las Fragatas zu besuchen. Dazu musste ich zunächst nach Playas, von dort aus in einen kleineren Bus umsteigen, der mich nach Puerto El Morro brachte. Die Busfahrt vergoldete ich mir mit „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann, ein Buch über die beiden Genies Gauß und Humboldt, das unter anderem in Südamerika spielt – witzig, klug und interessant. Süperbeste Empfehlung vom Autor himself.

In dem verschlafenen Fischerdorf, das nur wenig aber immerhin etwas von den Karnevalspaß mitbekam, angekommen, buchte ich eine Tour zur Insel. Viel war nicht los, dementsprechend war ich mit meinem Guide Andres alleine auf dem Boot. Saßen quasi im selben Boot.

Zunächst hatten wir das Glück, einige Delfine zu sichten, die verspielt vor unserem Boot herumtollten und immer wieder auftauchten, um Luft zu holen. Als wir uns sattgesehen hatten und ich zur Genüge Fotos geschossen hatte, von denen aber keines einer Publikation würdig wäre, wechselten wir den Kurs Richtung Las Fragatas.

Plötzlich jedoch:

Gestrandet. Ihr Feuertüten! An diesem Wochenendarchipel konntet ihr wohl nicht vorbeisteuern.

Hörspiel „Emil und die drei Zwillinge“ von 1974

Laut Andres gäbe es nur einen sehr schmalen Kanal, der allerdings nirgends markiert sei, sodass es ein wahres Kunststück sei, zur Insel zu kommen ohne steckenzubleiben. Mit einem Rohr stocherte er uns jedoch frei und man sah schon die Vögel über der Insel kreisen.

Die Mücken waren ein Desaster; ein netter Herr half uns zum Glück mit etwas Mückenspray aus, ich frage mich, wie er dort überlebt. Scheinbar von der Krabbenzucht. Die schiere Anzahl der Vögel war überwältigend. Hunderte von Fregattvögeln und Schneesichler flatterten, stelzten und turnten durch die Lüfte.

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Zurück im Hafen stellte ich fest, dass noch etwas Zeit blieb. Also machte ich mich zu einem Felsen auf, der auf halber Strecke zwischen Puerto El Morro und Playas liegt und einen fantastischen Blick über die Küste bot, von dem mir Tobias auch damals bei meinem Besuch in Playas vor Sylvester erzählt hatte. Auf dem Weg dorthin genoss ich sehr die Ruhe und den Freiden, der über der Küstenlandschaft zu liegen schien. Ein Bauer lag in seiner Hängematte auf dem Feld und nickte mir zu und ich hatte „Versuch’s mal mit Gemütlichkeit“ im Ohr. Das singen wir nämlich zur Zeit in Vorbereitung auf das Musiktheaterstück „El libro de la selva“ (Dschungelbuch) im Chor.

Bis ganz nach oben war es eine ganz schöne Kletterpartie, die ich aber gerne auf mich nahm. Oben auf dem Gipfel des Hügels erwartete mich ein frischer Wind, sowie einige Geier auf dem Gipfelkreuz und ich genoss die Aussicht und das Leben.

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Verschwitzt fuhr ich an den Stadtstrand von Playas, wo ich mich etwas erfrischen konnte, wobei auch nicht zu sehr, da das Wasser brühwarm war. Außerdem musste ich acht geben, von der nächsten Welle nicht auf andere Badegäste gespült zu werden. Dank Karneval war es nämlich proppenvoll und auch hier sprühte man sich ein und schmierte sich voll, ich schaffte es irgendwie mit heiler Haut davonzukommen. Fragt mich nicht wie!

Autor: Cons

Cons ist ein neunzehnjähriger Weltenbummler mit musikalischen Neigungen. Diese beiden Aspekte sieht er bei dem Verein Musiker ohne Grenzen (MoG) vereint und deshalb macht er jetzt für ein halbes Jahr einen musikalischen Freiwilligendienst in Ecuador, genauer Guayaquil. Er gibt dort in einem ärmlichen Viertel, Guasmo Sur, in der Musikschule Clave de Sur Unterricht für Klavier, Horn bzw. Trompete (da muss er sich an die Nachfrage anpassen) und Gesang.

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