Pseudowissenschaftliche Abhandlung über die Musik in Ecuador

Die Leserzahlen sinken. Und damit auch meine Motivation, zu schreiben. Ein tristes Bild. Etwas Neues muss her. Etwas nie Dagewesenes. Und schon wieder liegt ein Wochenende hinter mir, das es nicht wert wäre, sich hier einer ausführlichen Beschreibung und Analyse zu unterziehen. Da kam die rettende Idee: Einen pseudowissenschaftliche Abhandlung über die Musik, die man hier in Ecuador hört, soll frischen Wind in den Blog bringen.

Schon immer war es mir ein Anliegen, die Musik, auf die man hier im Guasmo täglich stößt, (zur Grundaustattung jedes Hauses gehört ein ordentlicher Verstärker) genauer kennenzulernen. Fragen wie „Was war das jetzt für ein Genre?“ oder „Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Salsa und Samba?“ trieben mich um und interessieren hoffentlich auch den harten Kern meiner geschrumpften Lesergemeinde.

Hiermit präsentiere ich also stolz die pseudowissenschaftliche Abhandlung über die Musik in Ecuador. Erarbeitet mit meinem guten Freund John sowie Anthony, die sich in einigen Fragen amüsanter Weise uneinig waren, sodass es teilweise zu wissenschaftlichen Disputen kam.

Pseudowissenschaftliche Abhandlung über die Musik in Ecuador

Autor: Constantin Siebert
Co-Autoren: John Cin & Anthony Alvia

Música nacional (Nationale Musik)

Die nationale Musik bietet für die Ecuadorianer einen hohen Grad der Identifizierung. Die Musik, die mit ihren poetischen Texten (oft auch Gedichte, sogenannte amorfines) eine tragische Note transportiert, besteht meist aus einer Singstimme, die schlicht von Gitarren und ggf. Perkussion begleitet wird. In den 60er Jahren war die große Stunde dieser Musik, wobei sie auch heute noch in allen Generationen verehrt wird und nicht an Bekanntheit einbüßt. (Wie mein Blog)

Diese Musik bekommt man oft bei Trinkrunden zu hören und bedeutet gerade für die ältere Generation Herzschmerz pur. Auch meine Gastmutter Filadelfia gerät jedes Mal in Hochstimmung, wenn es um deises Genre geht. Viele Lieder erinnern an kubanische Musik aus dieser Zeit (z.B. Buena Vista Social Club) Das Paradebeispiel hierfür ist Julio Jaramillio, auch Jota Jota genannt. In den 70er Jahren hat sich der Guayaquileño zu einer Art Volksheld der lateinamerikanischen Musik gemausert. Als „Ruiseñor de América“ (Nachtigall von Südamerika) wird er in gleichnamigem Film porträtiert.

Als weitere wichtige Vertreter sind dei Hermanos Mino Naranjo und Carmencita Lara zu nennen. Die nationale Musik hat verschiedene Rythmen, eine Auswahl der wichtigsten soll im Folgenden mit Hörbeispielen versehen, kurz vorgestellt werden:

Pasillo

Bei dieser walzerartigen Musik wird der/die Sänger*in ausschließlich von meist mehreren Gitarren begleitet. Der Rhytmus war und ist vor allem in Guayaquil ikonisch, nicht zuletzt durch Julio Jaramillo zu dessen Ehren im Künstlerviertel Las Peñas eine Staue errichtet wurde und dessen Grab man auf dem Zentralfriedhof besichtigen kann.

Das folgende Lied vom Maestro del Pasillo, der zahlreiche Frauen und Kinder hatte, was ihm aber niemand übel nimmt, heißt Fatalidad (Schicksal). Das Video stammt aus dem erwähnten Film.

Bolero

Der Bolero ähnelt dem Pasillo stark, ist jedoch rhythmischer geprägt und verwendet auch Schlaginstrumente. Das Lied „Nuestra Juramento“ (Unser Schwur), ebenfalls von Jota Jota, gilt auch als inoffizielle Nationalhymne Ecuadors. Jeder kennt’s.

Vals

Dieser Stil wird primär vom 3/4-Takt geprägt und hat seine Wurzeln im europäischen Walzer des 18. Jahrhunderts. Das folgende Lied “Olvídala Amigo” (Vergiss sie, Freund) wird von der Peruanischen Sängerin Carmencita Lara interpretiert.

Albazos/San Juanito

Diese beiden Stile trifft man vor allem in der ecuadorianischen Sierra, z.B. in Otavalo an. Diese Musik wird eher rein instrumental praktiziert, die fehlende Singstimme wird dafür von indigenen Instrumenten ersetzt. So z.B. Quenas (Andenflöte), Rondadores (Panflöte), Tamboras (Trommel).

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Wichtig ist hierbei auch der traditionelle Tanz, bei dem der typische Poncho getragen wird. Der Titel des Hörbeispiels lautet „Yuyashpa“ und ist eine tradierte Melodie.

Pasacalle

Der Pasacalle wurde durch reisende Musiker geprägt; daher auch der Name, der sich von pasar a la calle (Auf der Straße vorüberziehen) ableitet. Seine charakteristischen Merkmale sind ein ostinater Bass, der sich fortan in Variationen wiederholt. Sie hören: Las leyes del amor (Die Gesetze der Liebe)

Cumbia

Die rhythmische Cumbia entstand aus den Rhythmen der afrikanischen Sklaven, die besonders in Kolumbien diesen Stil prägten. Musikalisch charakteristisch ist vor allem das Percussion-Pattern, das den Taktschwerpunkt auf der ersten und dritten Zählzeit legt und die zweite und vierte in Achtel unterteilt. Außerdem der Bass, der permanent Wechselquarten spielt. Der ecuadorianische Band Los diamantes de valencia interpretiert ihren Evergreen „Hasta las seis de la mañana“ (Bis um sechs in der Frühe).

Merengue

Der aus der Domenikanischen Republik stammende Merengue ist eine Art schnelle Cumbia. Das Bassmuster nennt sich Ponche. Merengue, sowie Cumbia werden vornehmlich in den ländlichen Regionen Ecuadors gehört. Als Hörbeispiel wird hier „Suavemente“ (Weich bzw. langsam) von Elvis Crespo aufgeführt – viel Vergnügen!

Salsa

Salsa, die lateinamerikanische Stilrichtung schlechthin. Im Salsa tanzen unterrichtet uns derzeit unser Koordinator Marcos – es ist unglaublich: Marcos ist eine Tonne von einem Mann, tanzt aber wie ein junger Gott. Salsa ist im Groben eine Kreuzung aus nordamerikanischem Jazz und südamerikanischen Rhythmen. Während die Rhythmusinstrumente Conga, Timbales, Bongo und Güiro aus dem Süden Amerikas kommen, stammt die jazzige Art, die Blasinstrumente zu spielen aus dem Norden. Hierbei spielt besonders die Posaune eine tragende Rolle, in kolumbianischen Bands sind teilweise ausschließlich Posaunen besetzt, was den Bläsersatz betrifft.

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Hier könnte man natürlich einen Haufen Lieder vorstellen, die auch im Guasmo rauf und runter laufen. Ich habe mich für „La rebelión“ von Joe Arroyo entschieden, ein Lied, das von der Auflehnung eines afrikanischen Sklaven im Kolumbien des 17. Jahrhunderts handelt.

Salsachoke/Salsa urbana

Diese Stilrichtung ist die kommerzialisierte Form der Salsa und baut elektronische Samples sowie gerapte Passagen ein. Es fehlen weitgehend die Bläser und der dazugehörige Tanz orientiert sich am Hip-Hop. Das Hörbeispiel kommt von der Gruppe Cali Flow Latino aus der kolumbianischen Salsahauptstadt Cali und nennt sich „Ras Tas Tas“

Mambo

Auch der Mambo gehört zu den Vorläufern der Salsa und entwickelte sich im Kuba der 30er Jahre. Besonders der Tanz, der im Video gut zur Geltung kommt, ist charakteristisch. Der Star Juan Luis Guerra aus der Dominikanischen Republik gibt „Lola’s Mambo“ zum besten.

Salsa romántica

Die Salsa romántica ist eine Unterart der Salsa, die sich durch langsame Melodien und romantischen Text charakterisiert. Beliebte Themen sind hierbei (verlorene) Liebe, Betrug oder Entwurzelung. Salsa romántica wird sehr eng getanzt. Adalberto Santiago singt „La noche más linda del mundo“ (Die schönste Nacht der Welt).

Boogaloo

Der Boogaloo entstand in den 60er-Jahren als Fusion von Rock and Roll, Son und Bolero. Die alten Latin Big Bands wurden dazu erheblich bis zu sechs Musikern reduziert. La 33 interpretiert die Boogaloo-Nummer „Que rico Boogaloo“ (Wie „lecker“ Boogaloo)

Samba

Samba wird im Guasmo und ganz Ecuador kaum gehört, der brasilianische Musikstil verlässt kaum seine Landesgrenzen, allerdings war mir eine Aufführung wichtig, da ich selbst nie so ganz den Unterschied kannte. Samba unterscheidet sich von den anderen lateinamerikanischen Musikstilen primär durch die Verwendung anderer Schlaginstrumente, so z.B. Caixa, Pandero oder Agogó.

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Außerdem werden oft auch Chor-Parts eingebaut. Charakteristisch ist auch hier der Tanz und die Kostüme, die vor allem auf dem Karneval von Rio de Janeiro zur Schau getragen werden.

Zum Mitsingen „Más que nada“ von Sergio Mendez und den Brazil 66.

Bachata

Bachata wird typischerweise mit zwei akustischen Gitarren gespielt, dazu Bongos und ein Bass; Schlagzeug wird meist aufgespart. Signifikant ist auch das Bass-Schema, bestehend aus punktierter Viertel – Achtel – Viertel – Viertel. Die Gitarren halten sich eher zurück, was Akkorde angeht, dafür kommen girlandenhafte Melodien zur Geltung. Die Band Aventura (Abenteuer) spielt „Obsessión“ (Sucht).

Reggaeton

Der letzte Stil – wir haben’s gleich geschafft, Kinder! – ist zugleich der bekannteste und beliebteste in Ecuador. Es vergeht kein Tag, an dem mich kein Reggaeton-Titel beim Üben oder Unterrichten stört. Der Reggaeton ist eine Mischung aus Reggae, der sich vor allem im Klavier wiederfindet, Hip-Hop und Merengue.

Charakterisierende Elemtente sind der harte Dembow-Rhythmus, im Prinzip bestehend aus punktierter Viertel – Achtel – Viertel – Viertel, der gerne auch unter jedweden Hit gelegt wird und dann als neuer Song verkauft wird. Die Texte sind sehr direkt und unverblümt. Die Künstler singen über alltägliche Kriminalität und Gewalt auf der Straße oder in ihrem Barrio (Viertel), wobei dieses Leben meist als völlig normal, sogar Wunschzustand beschrieben wird. Oft aber dreht es sich schlicht um Sex. So wird schnell klar, dass wenn die Sängerin Glory in „Gasolina“ von Daddy Yankee Dame más gasolina“ singt, nicht nur „Gib mir mehr Benzin“ gemeint ist…

Inhaltlich können die meisten Texte mit dem Etikett „FRAUENFEINDLICH“ abgestempelt werden, generell wird die Frauenrolle als Sexsymbol herabgestuft. Dementsprechend fallen auch die Musikvideos aus.

 

 

quod erat demonstrandum

Guayaquil, den 1. März 2018

Autor: Cons

Cons ist ein neunzehnjähriger Weltenbummler mit musikalischen Neigungen. Diese beiden Aspekte sieht er bei dem Verein Musiker ohne Grenzen (MoG) vereint und deshalb macht er jetzt für ein halbes Jahr einen musikalischen Freiwilligendienst in Ecuador, genauer Guayaquil. Er gibt dort in einem ärmlichen Viertel, Guasmo Sur, in der Musikschule Clave de Sur Unterricht für Klavier, Horn bzw. Trompete (da muss er sich an die Nachfrage anpassen) und Gesang.

3 Kommentare

  1. Schrumpft echt deine Leserschaft? Das ist ja nicht zu fassen!!!! Ich bin jedenfalls allertreuester Fan und ermutige dich sehr weiterzumachen!!!! Den neuesten Artikel fand ich total interessant. Wahrscheinlich ist es einfach das Abnutzungsproblem, das Publikum giert immer nach Neuem, was, der Cons ist immer noch in Ecuador, so nach dem Motto…
    Lgmams

    • Tja, manchmal muss man die Dinge eben nur aussprechen. Habe am Tag der Veröffentlichung den Tagesrekord mit 90 Views geknackt. Durchgestartet!

  2. Lieber Cons, ich habe erst jetzt wieder einen Computer zur Verfügjung. Ich werde Dir mehr schreiben, sobald ich die Zeit dazu finde u. mit dem neuen Computer besser zurecht kommen werde.
    Liebe Grüße Dein Opa

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