Mein Gebbe

Die Kulisse wechselt. Der nächtliche Guasmo, erleuchtet von einigen orangenen Laternen in unregelmäßigen Abständen, wird von milchigem Licht erhellt. Wir haben die Nacht durchgemacht. Schon ist wieder Tag! Es fühlt sich irgendwie falsch an, so war das nicht gedacht. Wieso erscheint die Straße so, als würde ich gleich unterrichten gehen, obwohl ich gerade meinen 19. Geburtstag feiere? Unverschämtheit.

Das Thema, wie ich hier meinen Geburtstag feiere, hat mich ehrlich gesagt eine ganze Weile beschäftigt. Auch Badman hat in Punta Carnero des öfteren thematisiert, wie denn mein „Gebbe“, wie er sich mit seiner leichten schwäbischen Färbung ausdrückte, ausfallen sollte. Als ich ihn einmal auf seinen leichten Akzent aufmerksam machte, zeigte er sich glücklich überrascht.

Wo? Was machen? Mit den Olóyanern? Mit den Playanern? Hinzu kam nämlich noch, dass mein Geburtstag auf einen Montag fiel, sodass ich für den Fall, dass ich die anderen deutschen Freiwilligen aus den anderen Projekten von Musiker ohne Grenzen auch einladen sollte, ein potentielles Reise-Wochenende opfern müsste. Ein weiteres Streitpunkt war die Finanzierung, wobei sich die Ausgaben vermutlich mit denen von einer potentiellen Reise deckten. Was von vornherein feststand, dass der Geburtstag gefeiert werden sollte.

Neben der ganzen Unterrichterei, Spanischlernerei, Reiseplanerei, Organisiererei bezüglich der Aufnahmeprüfung für mein angestrebtes Schulmusikstudium und der Dokumentiererei für Musiker ohne Grenzen rief ich dann schließlich doch Lennart aus Olón und Tobias aus Playas an, um sie zu meinem Geburtstag am vergangenen Samstag einzuladen.

Und: Es war die richtige Entscheidung!

Hans aus Olón hatte sogar herausbekommen, dass am Sonntag noch das letzte Heimspiel von Barcelona Sportig Club im Guayaquiler Stadion zu sehen sei. Also war auch das Reise- /Erlebnisbedürfnis gestillt.

Am Samstag war der Tag dann recht eng getaktet, da wir mit unserer Band, die sich inzwischen (hoffentlich nur vorübergehend) The Last Band nennt, für das nahende Weihnachtskonzert (coming soon!) proben, einen Apfelkuchen backen, Sangría kaufen und einige Instrumente in die Billiard-Keipe bringen, um dort am Abend ein micrófono abierto (wrtl.: Offenes Mikrofon; Open Stage) einzurichten. Auf diese Superidee brachten mich Bapsi und John. Mit einigem Deligieren waren die Aufgaben irgendwann erledigt und die Bandprobe hat nach der ungewollten Pause letzte Woche mal wieder richtig Spaß gemacht. Hinzu kam dieses Mal die neue alte Freiwillige Marleen, die schon vor etwa fünf Jahren hier gearbeitet hat und jetzt ihr Auslandssemester vom Jazzposaune-Studium in Berlin circa einen Monat hier im Guasmo verlebt. Außerdem stießen die Ecuadorianer Allan an den Congas, der als Nachwuchs-Koordinator gehandelt wird, und James an der Gitarre, der immer sobald er einen Raum betritt mit dem James-Bond-Zitat „Oh, James!“ zu hören kriegt, dazu.

Hier das erste Musikvideo unserer Band:

Am Abend kamen wir zeitlich etwas in die Bredouille, sodass ich als Gastgeber eine knappe halbe Stunde zu spät kam. „Du bist in Ecuador“, dachte ich mir, und tatsächlich war auch noch keine Sau da. Dafür war aber der andere Billiardtisch schon an eine andere Gruppe vermietet worden, weil wir so spät waren. Schließlich trudelten vereinzelt die Gäste ein, viele Clave-de-Sur-Mitglieder und eben die Playanerinnen Lisa, Sara und Madita – Tobias hatte doch keine Zeit – und die Olóyaner Lennart und Hans. Letzterer war ordentlich angepisst, dass sein Fußballspiel auf Samstag verschoben worden ist und man ihm nicht Bescheid gesagt hatte. Er meinte nur: „Also ich bin da richtig gerastet!“

Sobald ich das Gefühl hatte, dass ein Maximum der Gäste anwesend war, eröffnete ich das micrófono abierto. Die Präsentationen waren rar aber dafür sehr gut. Einige Pop-Evergreens wurden von Bapsi gecovert, ich gab Don’t let me down zum Besten und Moncho von Rapflektion gab eine Freestyle-Rap-Einlage. Dann wurde der Apfelkuchen (Omas gedeckter), der durch salzige Butter etwas herzhaft geraten war, angeschnitten, was gar nicht so leicht war, weil er ganz schön hart war. Außerdem wurde der Sangría, der hier mit Apfelstückchen serviert wird, gereicht und außerdem gab es Wackelpudding mit Wodka.

Später ging es mit versammelter Mannschaft zur After-Party zu Simon, wo sowieso schon eine fiesta im Gange war, da seine Gastschwester ihren Geburtstag feierte. Hier tanzten wir uns die Beine wund, außerdem wurde wieder eine Torte gereicht, ich ahnte Böses, blieb aber bis auf einen Streifen Sahne an der Wange, den mir meine Schülerin und Simons Gastnichte (bei denen ist das ist ein Bisschen kompliziert) verpasst hatte, auch verschont.

John hatte uns erzählt, dass es äußerst guasmeño (Typisch für den Guasmo, „guasmenisch“) wäre, bzw. von äußerster Guasmeñedad  zeugen soll (Okay, jetzt erfinde ich. Dieses Wort habe ich so noch nicht gehört), nach einer ausgiebigen fiesta noch zum Hafen zu fahren und dort Fisch zu essen, um den chuchaqui (Kater) zu verhindern.

In einer riesigen Halle, in der noch um drei, vier Uhr morgens voller Betrieb war, setzten wir uns zwischen die auf Thunfische mit dem Durchmesser einer Elle einhackenden Fischer und aßen Ceviche (Fisch mit Zwiebeln in Limettensoße) und Camarones (Krebse). Mir schmeckte es sehr gut, allerding führe ich meinen derzeitigen Durchfall auf diese Speise zurück.

Als wir im Guasmo ankamen, ging die Sonne auf. Hans und Lennart dachten pragmatisch und überlegten laut, dass sich die drei Stunden Schlaf bis zur Abfahrt eigentlich nicht mehr lohnten – als Alternative zum Fußball stand eine Erstkommunion von Lennarts Gastschwester auf dem Programm. Also entschieden sie, gleich den Bus nach Olón zu nehmen. Obwohl ich natürlich traurig war, dass uns die beiden schon früher verließen, war ich auch darüber ganz happy, dass ich nicht auf die Isomatte ausweichen musste, um Hans zu beherbergen…


Am Sonntag fehlte mir dann doch auch das Fußballspiel, so eine größere Aktion außerhalb des good old Guasmo wäre schon mal was gewesen. Stattdessen schlief ich gebührend aus, machte mich dann auf zur zweiten Bandprobe, jetzt neu mit Hotel California von den Eagles:

Und Seven Nation Army von White Stripes mit im Boot.

Der Abend verlief unspektakulär.

Autor: Cons

Cons ist ein neunzehnjähriger Weltenbummler mit musikalischen Neigungen. Diese beiden Aspekte sieht er bei dem Verein Musiker ohne Grenzen (MoG) vereint und deshalb macht er jetzt für ein halbes Jahr einen musikalischen Freiwilligendienst in Ecuador, genauer Guayaquil. Er gibt dort in einem ärmlichen Viertel, Guasmo Sur, in der Musikschule Clave de Sur Unterricht für Klavier, Horn bzw. Trompete (da muss er sich an die Nachfrage anpassen) und Gesang.

2 Kommentare

  1. Lieber Cons,
    noch alles Gute – nachträglich – zum Geburtstag mit vielen guten Wünschen für Dich!!!!!
    Tatjana
    PS: Wenn du wieder hier bist, back ich dir ne Torte ;-)!!!

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