Lernend lehrend

Vor dem Start des letzten Prozesses 2018 gibt es am 27. Oktober schon einmal einen Vorgeschmack auf die Musik: Am späten Abend findet das Jubiläumsfest von „Mi Cometa“ statt. Movimiento Mi Cometa nennt sich die Organisation, die hier im Guasmo verschiedene Projekte leitet und die mit Musiker ohne Grenzen zusammenarbeitet. Ihr gehört auch das Haus, das wir als Musikschule nutzen. Zum 28-jährigen Bestehen gibt es nun eine Feier auf dem Fußballplatz neben der Musikschule.

Wer sich unter einem Fußballplatz eine große Rasenfläche vorstellt, kommt offensichtlich nicht von hier. Im Guasmo gibt es ein paar Betonplätze, auf die man zwei Tore gestellt hat – fertig ist das Fußballfeld. Schon am Nachmittag fangen wir an, Bühnenteile aus der Musikschule zu schleppen und draußen wieder aufzubauen – nach kurzer Zeit sind alle total verschwitzt. Das ist hier eben Ecuador im Oktober und kein deutscher Herbstnachmittag…

Das Fest beginnt offiziell um acht Uhr, aber mit der Zeit nimmt man es hier meist nicht ganz so genau. Beim Warten lernen wir zwei Franzosen kennen, die von der Organisation Una opción más kommen und hier in den nächsten Monaten Französischunterricht geben werden. Um halb neun trudeln die ersten Gäste ein, etwa eine Stunde später gibt es dann den ersten Auftritt: Eine Schülerband mit drei kleinen Sängerinnen entzückt die Zuschauer. Als nächstes kommt Vincent auf die Bühne, der sich mit drei Stücken auf der Gitarre schon einmal von den Menschen hier verabschiedet – in drei Wochen geht es für ihn zurück nach Deutschland. Highlight ist dann die Band der ecuadorianischen Musikschulmitarbeiter, in der mein Cousin Jairo das Schlagzeug spielt. Das heißt, er spielt es nicht nur, er geht völlig darin auf – wie die ganze Band, die das Publikum begeistert. Immer wieder gibt es „Otra, otra!“-Rufe – zu Deutsch: „Zugabe!“

Der Fußballplatz ist gut gefüllt

Vincent beim Aufbauen

Mittlerweile ist es recht kühl geworden – höchste Zeit, sich zu bewegen. Nach ein paar weiteren musikalischen Einlagen wird Salsa getanzt. Auf dem ganzen Platz hält es niemanden mehr auf den Stühlen, alle fühlen den Rhythmus. Auch ich füge mich natürlich ein, auf dem Vorbereitungsseminar wurden wir ja auch auf Salsa ein bisschen vorbereitet… Später gibt es dann langsamere Tänze, bis der Abend ausklingt und wir von der Musikschule die Bühne wieder abbauen dürfen. Alle helfen zusammen und spornen sich gegenseitig an – und irgendwann ist dann auch das schwerste Teil wieder in die Musikschule geräumt. Todmüde komme ich zuhause an und falle sofort ins Bett.

Die neue Woche beginnt sportlich: Mit ein paar Freiwilligen und Allan habe ich mich zum Joggen verabredet. Wir laufen zum Park „Stella Maris“ mitten in Guasmo, der wirklich nett angelegt ist mit Bäumen, einem Spielplatz und Sportgeräten. Dafür haben wir diesmal aber keine Blicke übrig, sondern quälen uns Runde um Runde um den Park herum. Irgendwann geht es wieder zurück, zuhause kurz Duschen und Frühstück, dann ist es auch schon zehn Uhr und der Arbeitstag in der Musikschule fängt an.

Dort, in Clave de Sur, gibt es erst einmal ein kleines Briefing für die Neulinge. Mir wird gezeigt, wo die Instrumente sind, welche Musikräume es gibt, was alles in der Musikschule zu tun ist und was ich sonst noch so wissen muss. Wie ich starten auch Jenny, Sarah, Olivia und Hannah in ihren ersten kompletten Prozess. Miriam kümmert sich um die Geigen und das Cello, Moritz setzt die Gitarren wieder in Stand. Samuel, Vincent und Nesta sind die „alten Hasen“, sie übersetzen auch noch für uns, wo es nötig ist. Immerhin: Nach mittlerweile anderthalb Wochen in Ecuador kann ich endlich mehr sagen als „Sí, gracias“ und muss immer seltener nachfragen, was mein Gesprächspartner meint. Trotzdem ist es natürlich noch schwierig, immer mitzukommen – zum Beispiel bei meiner Gastmutter. „Wenn du Filadelfia verstehst, wirst du jeden verstehen“, sagt José Luis oft lachend zu mir. Tatsächlich spricht sie sehr undeutlich und sehr schnell… aber sogar sie lobt, mein Spanisch sei besser geworden.

 

Mein Stundenplan ist zu Anfang noch ziemlich leer. Koordinator Marcos erklärt mir, dass sich in den nächsten zwei Wochen noch viele Schüler eintragen werden. Und wirklich müssen wir Freiwilligen nun ständig unsere Pläne checken, da sich stündlich etwas ändert. Am ersten Tag warte ich zunächst erfolglos auf einen eigentlich eingetragenen Geigenschüler, übe dann aber stattdessen selber ein bisschen, weil der Schüler nicht kommt. Da werde ich plötzlich von Marcos gerufen: „Du hast gerade keinen Unterricht, oder? Hier, das ist Tiffany, sie spielt Klavier.“ Also gebe ich eben Tiffany Klavierunterricht.

Im Unterricht entsteht eine merkwürdige Situation: Zwar bin ich der profesor, also der Lehrer, aber gleichzeitig bin ich darauf angewiesen, dass meine Schülerin mich mit der Sprache unterstützt. Dieser Ausgleich lohnt sich: Wir machen beide Fortschritte, am Ende der Stunde hat Tiffany gelernt, wie man eine C-Dur-Tonleiter mit beiden Händen spielt, und ich weiß, was „Finger“ auf Spanisch heißt. Ich bin zufrieden und verabschiede mich lobend von meiner Schülerin.

So ungefähr läuft auch der zweite Tag – warten, in der Musikschule helfen, dann taucht auf einmal ein Schüler auf. Unser Arbeitstag ist gegliedert in zwei Abschnitte: Unterrichtet wird von 10 bis 12 Uhr und nach der Mittagspause von 15 bis 20 Uhr. Eine Unterrichtsstunde dauert laut Stundenplan 60 Minuten, aber dabei ist natürlich auch die eigene Einschätzung gefragt: Mit der achtjährigen Schülerin mache ich natürlich kürzeren Unterricht als mit dem achtzehnjährigen Schüler. Wenn ich gerade nicht unterrichte, spiele ich zum Beispiel die neu überarbeiteten Geigen Probe oder sortiere das Notenarchiv der Musikschule. Und hin und wieder komme ich dazu, ein paar Seiten El Principito zu lesen, den „Kleinen Prinzen“ auf Spanisch.

Am Dienstag gebe ich auch das erste mal Geigenunterricht – mit Hernán übe ich das Notenlesen und ein Stück mit leeren Saiten. Auch der erste Finger kommt noch dazu, bevor die Stunde endet. Beim nächsten Mal wird dann der zweite Finger gelernt… Jede Schülerin und jeden Schüler unterrichte ich zweimal in der Woche, das ist natürlich toll für den Übefortschritt. Allerdings kann ich keine Hausaufgaben aufgeben, da die meisten kein eigenes Instrument daheim haben. Paúl, der in meinem Alter ist und den ich am Nachmittag zum ersten Mal unterrichte, ist so motiviert, dass er fast den ganzen Tag an der Musikschule Geige übt. Irgendwo findet man eigentlich immer Platz, auch wenn man mit seinem Schüler des Öfteren umziehen muss, weil zum Beispiel jemand ins Klavierzimmer muss. Deswegen weiche ich manchmal auch auf den Gang aus – aber das stört nicht, denn die Musik funktioniert überall.

Mein Stundenplan füllt sich derweil mehr und mehr. Für den Mittwoch bekomme ich einen neuen Klavierschüler – Clay, der so alt ist wie ich und noch nie ein Instrument gespielt hat. Aber die fehlende Erfahrung macht er mit Motivation und Aufmerksamkeit wett. Ich habe auch generell das schöne Gefühl, dass alle meine Schüler ihr Instrument wirklich spielen wollen und Lust auf den Unterricht haben. Es stört sie auch nicht, dass ich manchmal etwas unbeholfen herumstöpsle, weil ich das spanische Wort für irgendetwas nicht weiß – ich musse eben genauso wie meine Schüler noch lernen. Am Nachmittag unterrichte ich wieder Tiffany, mit der ich zum ersten Mal mit Noten spiele. Am Abschluss des Prozesses, der bis kurz vor Weihnachten läuft, soll es wieder ein Konzert geben – bei dem nur Weihnachtslieder gespielt werden sollen. Ich übe also mit Tiffany „Jingle Bells“ und lasse mir von ihr den spanischen Text vorsingen. Ashley an der Geige ist noch nicht ganz so weit, mit ihr spiele ich leere Saiten und klatsche Rhythmen. Und in den Freistunden arbeite ich im Kopf schon an Ideen für kleine Ensembles…

Zuhause lebe ich mich derweil immer besser ein. Das Spanisch funktioniert wie gesagt schon besser, Jairo muss immer seltener die Übersetzungsfunktion seines Handys bemühen. Außerdem darf ich mittlerweile tagsüber alleine den etwa dreiminütigen Fußweg zwischen Haus und Musikschule gehen, was mich ein bisschen unabhängiger macht. Rechtzeitig zum Mittagessen bin ich immer daheim – denn meine Gastmutter ist eine tolle Köchin. Außerdem helfe ich, wo ich kann, zum Beispiel beim Abwasch. Am Mittwoch bin ich leider etwas erkältet, was wohl an der starken Klimatisierung in der Musikschule liegt. Deswegen kommt es mir gerade recht, dass am Donnerstag wegen eines Feiertags kein Unterricht stattfindet – und ich mich richtig ausschlafen kann.

Zuvor gibt es am Mittwochabend noch einen besonderen Leckerbissen: Mit Paúl, Isis, Miriam, Hannah und Vincent fahre ich ins Zentrum von Guayaquil, um in ein Konzert des städtischen Symphonieorchesters zu gehen. Gespielt wird Mahler, 3. Symphonie, der Eintritt ist frei. Der Konzertsaal schaut toll aus, noch toller sind die Musiker – der Abend wird ein Genuss. Danach steigt in Clave de Sur, kurz cds, noch eine Halloweenparty, aber ich bin dafür dann doch zu kränklich und gehe lieber ins Bett.

Weil am Freitag frei ist, geht es für mich erst nächste Woche mit dem Unterrichten weiter. Ich freue mich schon auf meine Schüler! Und die freien Tage werde ich jetzt nutzen, um wieder ganz gesund zu werden…

Weiterhin gilt: Wer neu in den Verteiler aufgenommen werden möchte, bitte einfach eine kurze Mail an robin.waldenburg@gmx.de. Dann wird man bei jedem neuen Beitrag benachrichtigt.

2 Kommentare

  1. Lieber Robin,
    dein Blog liest sich so schön! Vielen Dank für den lebendigen Einblick in den Guasmo!
    Ich war 2014 in Playas und bin jetzt für Öffentlichkeitsarbeit bei MoG zuständig, ich werde deinen Blog gerne mal spreaden unter den MoG-Fans!

    Lieben Gruß, Paula

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