Warnhinweis: Alle Leser, die keine Lust auf unnötige Informationen haben, fangen bitte erst bei Absatz drei an zu lesen!
Etwa eine Stunde Zugfahrt liegt zwischen Berlin Hauptbahnhof und Biesenthal. Wenn man von dort mit dem Auto ungefähr zwanzig Minuten in nordöstliche Richtung fährt, kommt man in ein Örtchen namens Ruhlsdorf. Genau genommen ist Ruhlsdorf nicht mal ein Ort, sondern vielmehr ein Ortsteil von Marienwerder im Landkreis Barnim, Brandenburg, wo (angeblich) 1695 Menschen wohnen. Zu Ruhlsdorf findet man auf Wikipedia nicht mehr als zwei Sätze: „Ruhlsdorf wurde erstmals 1315 urkundlich erwähnt. Typische Gehöfte mit traufständigen Wohnhäusern und giebelständigen Stallungen sind noch heute erhalten.“
Das klingt nicht gerade nach der sehenswerten Stadt Nummer eins. Und dennoch war es keine Zeitverschwendung, wenn man sich vom Donnerstag, den 11. bis zum Sonntag, den 14. Oktober 2018 genau dort aufhielt: Denn in Ruhlsdorf stieg das Herbst-Vorbereitungsseminar von Musiker ohne Grenzen.
Gemeinsam mit zwanzig anderen Freiwilligen sowie zehn Teamleitern startete ich um ungefähr zwei Uhr nachmittags ins Seminar. In insgesamt vier Tagen wurden wir Freiwillige auf unsere Projekte vorbereitet. Neben spielerischen Einheiten und interessanten Vorträgen gab es viel Raum für Diskussionen, musikalisches Improvisieren und alles, was einem sonst noch so einfiel. Von neun Uhr in der Früh bis spät in die Nacht war jedenfalls nahezu jede Minute gut gefüllt.
Zwei andere Seminarteilnehmer, Jakob und Paul, hatte ich bereits bei der Anfahrt kennengelernt. „Treffpunkt Ostkreuz“ wäre der Titel, würde jemals jemand ein Buch über unser Zusammentreffen schreiben. Gleiche Zeit, gleicher Zug – und dann auch noch ein Instrument dabei? Auf die Gefahr hin, verständnislos angeschaut zu werden, sprach ich den jungen Mann mit der Gitarre an – und traf ins Schwarze. Nur einen Augenblick später stieß ein Saxofonist zu uns – und zu dritt legten wir die letzte Etappe von Berlin Ostkreuz bis Biesenthal zurück.
Kurz vor der Abfahrt am Sonntag bekamen wir alle einen Feedback-Bogen, den wir ausfüllen sollten. Dass ich schon dabei Schwierigkeiten hatte, mich an die einzelnen Einheiten genau zu erinnern, zeigt, wie viel wir während des Seminars gemacht haben. Die 24 Stunden pro Tag schienen auch nicht ganz auszureichen, was man an meinen Logbucheinträgen zum Ins-Bett-gehen nachvollziehen kann: War es am Donnerstag/Freitag immerhin noch zwei Uhr nachts gewesen, gingen wir einen Tag später um halb drei und am Samstag/Sonntag erst um halb vier schlafen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass wir zwischen und hinter die Seminarmodule noch Aktivitäten wie Salsa-Workshop, Musikmachen, Lagerfeuer und vor allem viele Diskussionen schoben. Ein Highlight gab es auf jeden Fall am Freitagabend, als Teamleiter Johannes und ich unter sternklarem Himmel in den eiskalten See sprangen, der ein paar hundert Meter vom Seminarhaus entfernt liegt. Wir erwarten nun, als „Helden von Ruhlsdorf“ in die Dorfgeschichte einzugehen und einen angemessenen Platz im Museum (da gibt es tatsächlich eins!) zu bekommen. Nach dem, was wir in Ruhlsdorf so gesehen haben (einen Fahrradfahrer, einen Teddybär auf einer Sitzbank und zwei gruselige Menschenpuppen), können wir beim Anspruch auf das Heldentum nicht allzu viel Konkurrenz haben.
Eine unserer glorreichen Ideen war es außerdem, eine Karte von Deutschland zu zeichnen (ich muss gestehen, meine zeichnerischen Fähigkeiten reichten gerade dazu aus, danebenzusitzen und schlau daherzureden) und dort jeweils unseren Herkunftsort einzuzeichnen. Denn unsere Gemeinschaft war zusammengestreut aus ganz Deutschland – Steinmauern in Schwaben war genauso vertreten wie Kiel, Bremen, Hamburg und Köln. Heiß diskutiert wurde in dieser vielfältigen Gruppe auch immer wieder die anstehende Bayernwahl – und ich lernte zum ersten Mal einen glühenden Verfechter des Raumfahrtprogramms „Bavaria One“ meines Lieblingsministerpräsidenten Markus Söder kennen. Konrad aus Kiel findet Raumfahrt super, solange sein Bundesland nicht dafür zahlen muss… 😉
Alles in allem fuhr ich mit einem sehr guten Gefühl wieder zurück nach München, das durch den vollen Zug nicht getrübt und durch die Wahlergebnisse sogar noch gestärkt wurde. Nur ein einziges Mal war die Harmonie des Seminars unterbrochen worden – als am Samstagmittag die Kirchenglocken von Ruhlsdorf etwa zwanzig Minuten lang jede Unterhaltung unmöglich machten. Umso mehr genossen wir danach die Ruhe des Tausend-Seelen-Dorfes…
Für mich sind es nun nicht einmal mehr zwei Tage bis zum Abflug – der fehlende Schlaf vom Vorbereitungsseminar ist nachgeholt, der Koffer fast gepackt. Die Ostkreuz-Gang sowie alle anderen erwarte ich nächstes Jahr beim Nachbereitungsseminar, wo noch ein paar Partien „Open Schnick“ ausstehen. Doch jetzt geht es erst einmal nach Ecuador.
Es grüßt euch
einer der Helden von Ruhlsdorf