Update aus Jamaland

Heute fühle ich mich wirklich fit, nachdem ich um 6 Uhr aufgestanden bin, und mit Leonie und Sacha ein zweistündiges Sportworkout (Joggen im Stadion und Basketball spielen; neugierig beobachtet von einigen Jamaikanern  die bestimmt gedacht haben: „ Was machen die weißen Mädchen denn da?!“ ) absolviert habe. Aber schon um 8 ist die Sonne so heiß, dass man schnell die Lust an sportlichen Aktivitäten verliert.

Grund für unseren Sport war hauptsächlich das jamaikanische Essen: Im Grunde ist die Rastafari-Küche wirklich optimal für mich, da die „richtigen“ Rastas weder Fisch noch Fleisch essen (da werde ich als Vegetarierin oft auch zum Spaß Rasta-Lady genannt). So gibt es hier super leckeres und gesundes „I-tal food“ (vegan und ohne Salz/Zucker) mit Veggie-Chunks (ähnlich wie Seitan).

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Wäre da nicht das ständige Fritieren in der normalen jamaikanischen Küche – sei es Bredfruit, Sweet Potato oder Dumplings (Teigbällchen), alles fettig fettig. Inzwischen haben wir aber unsere Familie so weit, dass wir immer mehr „boiled food“ essen. Auch Pasta und Kartoffeln werden akzeptiert. 🙂

Nun mal wieder ein paar Infos zu den musikalischen Entwicklungen in unserem Projekt: Seid einem knappen Monat  unterrichten wir wieder morgens in der High School. Da die Unterrichtsstunden im letzten Jahr doch etwas unstrukturiert waren, haben wir uns vorgenommen, den Unterricht im neuen Jahr klar zu strukturieren, damit alles Hand und Fuß hat. Anfangs fühlten wir uns da ein bisschen verloren (man beachte: Wir sind ja Instrumentalisten und keine ausgebildeten (Schul-) Musiklehrer). Dann kam uns aber Rosina Moder rührend zur Hilfe (von ihr hatte ich schon im letzten Beitrag berichtet). Da sie musikalische Früherziehung und Blockflöte in Österreich studiert, lange hier in Jamaika in verschiedenen Schulen unterrichtet hat und auch zur Zeit an dem Edna Manley College (Musikhochschule) lehrt, haben wir in ihr nicht nur eine höchst kompetente Beraterin, sondern auch eine liebe „Tante“ gefunden, die uns regelmäßig mit selbst gemachten Mangosaft und Blueberry-Muffins verwöhnt

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Verwöhnung pur auf Rosina´s Veranda

Sie hat uns dann nicht nur haufenweise Schul-/ und Notenbücher ausgeliehen (von der Schule hatten wir überhaupt keine Materialien) sondern auch ein Treffen mit drei ihrer Studentinnen arrangiert, die „general music education“ studieren. So viel „input“ hatten wir schon lange nicht mehr. Fast beflügelt konnten wir danach unsere Stunden planen und einen richtigen kleinen Lernzielplan erstellen.

Soweit in der Theorie – allerdings sieht die Praxis leider etwas anders aus: Die Charlie Smith High School hat schon in Trenchtown einen wirklich schlechten Ruf: Es heißt, dort sind die wildesten und undiszipliniertesten Kinder. Das bekommen wir jetzt leider auch manchmal zu spüren. Prinzipiell sollte man immer 30 Minuten einplanen, bis man die Klasse beisammen hat (Pünktlichkeit ist an dieser Schule auch ein absolutes Fremdwort), und dann geht jeden Tag auf´s Neue die Suche nach einem leeren Raum los. Sprich: Das war´s dann mit unserem schönen Unterrichtsplan. Aber wir sind ja spontan, versuchen uns an die Gegebenheiten anzupassen und es gibt durchaus auch gute und interessierte Klassen. Problem ist auch oft, dass uns die Schüler nicht immer als Lehrer respektieren. Passiert das anderen Lehrern greifen sie zu, in unseren Augen, unbegreiflichen Maßnahmen. So mussten wir leider schon einmal miterleben, wie ein sonst total gutmütiger und ruhiger Lehrer, einen Schüler in der Ecke schlug. Wir waren richtig geschockt, dieses Bild von einem prügelnden Lehrer und einem weinenden Schüler zu sehen. Doch leider muss man sagen, dass Schläge in der jamaikanischen Kultur und Erziehung als vollkommen normal angesehen werden. Dennoch haben wir dem Lehrer in einem persönlichen Gespräch klar gemacht, dass das für uns ein absolutes No-Go ist – er meinte daraufhin nur, er macht es nicht mehr, so lange wir im Zimmer sind. Ich glaube, die kleinen „Rotzbengel“ merken auch sehr schnell, dass wir so etwas nie machen würden, und dann wird es für uns noch schwerer, unsere Autorität durchzusetzen. Auch fragt man sich manchmal, wie die Schüler denn überhaupt etwas lernen können, bei Räumen ohne Tür und Licht, einem Geräuschpegel wie in einem Fußballstadion und haufenweise herum rennenden/prügelnden Kindern in den Klassenzimmern. Naja ich denke, genau deswegen ist es noch besser, dass wir in der Schule helfen und den Kindern vielleicht doch eine Perspektive mit Musik verschaffen.

Auch mein Klavierschülerstamm erweitert sich immer mehr (inzwischen sind wir schon beim Notenlesen und einigen Bob Marley Songs angekommen). Allerdings hat sich immer noch kein Sax-Schüler länger „gehalten“. Im neuen Jahr werben wir nun auch mit Postern speziell für Saxophon Unterricht – hoffentlich werden dadurch noch einige interessierte Kids zu uns finden.

Vor 2 Wochen haben wir mit unseren älteren Schülern einen kleinen Ausflug gemacht. Wir sind alle zusammen Abends in das Red Bones Blues Cafe hier in Kingston gefahren. Jeden Mittwoch Abend spielt da nämlich der Gitarrist Samuele Vivian, den wir in der Edna Manley School kennen gelernt haben. Der Eintritt ist frei, und so konnten wir unseren Schülern für wenig Geld mal andere Musik als immer nur Dancehall oder Reggae, nämlich Jazz näher bringen. So haben wir alle 16 Leute in 2 (!!) Taxis gestopft und sind zu dem Auftritt gedüst. Die Überraschung war groß, als ausgerechnet an diesem Mittwoch Abend sogar ein Special auf dem Programm stand. Samuele spielte nicht nur allein, sondern wir konnten einem ganzem Jazztrio lauschen. Dabei waren noch ein befreundeter Bassist aus Italien und ein Schlagzeuger aus Jamaika. Was wir dann hören konnten war Jazz erster Sahne, gemischt mit Eigenkompositionen von Samuele und einigen spanischen Klängen, dazu noch ein leckerer Drink – perfekt! Die Stimmung war klasse, unsere Schüler genossen den Abend und konnten gleichzeitig ihren Musikhorizont erweitern 🙂

Im Januar verbrachten wir auch ein Wochenende in der Nähe von Ocho Rios auf einer Farm. Durch Zufall hatten wir Christopher kennengelernt, der mit seiner Mutter eine Kuh-/und Pferdefarm betreibt und uns zu sich eingeladen hatte. Da genau an diesem Wochenende auch das Rebel Salute Reggae Festival in Ocho Rios war (welches wir besuchen wollten) konnten wir die beiden Ausflüge super miteinander verbinden.

Die Unterkunft verschlug uns bei unserer Ankunft erstmal die Sprache: Als wir das Tor passierten, meinte Christopher nur „welcome to my yard“ – allerdings war das alles andere als ein Yard (Hof). Das Land der Farm war riesig, man musste schon alleine 2 Meilen durch den Busch fahren, bis man das Haus erreichte. Das Haus war dann ein riesiges altes Herrenhaus. Man fühlte sich ein bisschen wir in das 18. Jahrhundert zurück versetzt – so mussten Plantagenbesitzer wohl gelebt haben?! Es war, als ob man in eine komplett andere Welt eintaucht. Vom Trenchtown Ghetto in eine Welt mit riesigen Zimmern, antiken Möbeln, Teppichen und einem Haufen Gemälde an den Wänden. Leonie und ich durften in einem Himmelbett schlafen, ein Kornleuchter hing an der Decke und wir hatten ein eigenes Bad mit BD(!) und warmen Wasser. Wir standen erstmal 10 Minuten wie gebannt in dem Zimmer, am liebsten hätten wir laut los geschrien oder von allem Fotos gemacht, aber das Haus hatte so eine herrschaftliche Atmosphäre, dass wir uns das einfach nicht so recht getraut haben.

Am Freitag Abend ging es dann mit Christopher auf das Rebel Salute Festival. Das Festival war gar nicht so groß, wie wir gedacht hatten (klar, Jamaika ist auch einfach klein 🙂 ) und ganz nach der Rastafari-Kultur waren Fleisch, Alkohol und Drogen verboten. Dafür gab es super leckeres ital food und roots drinks. Das konnte man dann auf der Wiese genießen und gleichzeitig den Reggae-Künstlern lauschen. Gegen 5 Uhr morgens kam dann endlich der Hauptact: Damian Marley, Sohn von Bob Marley. Das war schon ein cooles Gefühl, ihn live zu sehen! Er hatte bodenlange Dreads (hätte die Bühne damit putzen können) und neben der „normalen“ Band sprangen noch ein paar alte Rastas auf der Bühne herum, die die ganze Zeit die äthiopische Flagge schwenkten. Allerdings konnte man auch in fast jedem seiner Songs den einen Rhythmus finden, den hier nahezu alle Reggae- und Dancehallkünstler verwenden – ein bisschen enttäuschend. Schließlich kamen wir um 7 Uhr Morgens auf die Farm zurück und konnten noch einen schönen Sonnenaufgang genießen, bevor es ins Bett ging.

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Den Samstag haben wir dann halb verschlafen, halb verträumt. Man spazierte ein bisschen über das Land, streichelte in paar Pferdchen und besichtige das kleine Dorf Epworth, welches hauptsächlich aus einem „Kreisel“ bestand.

Am Sonntag machten wir uns auf zu den Dunn´s River Falls. Ein großer Wasserfall, der als Hauptattraktion Jamaikas gilt. Dementsprechend touristisch war der ganze Ort aufgebaut. Schon alleine der Parkplatz bot Platz für ein Haufen von Bussen, doch da das Wetter nicht so gut war, blieben wir zum Glück von den Touristenmassen verschont. Der Wasserfall an sich ist wunderschön. Einfach beeindruckend, was Mutter Natur im Laufe der Zeit alles schaffen kann – wären da nicht die von Menschenhand erbauten Häuser, Bars und Treppen (zwecks Tourismus), die dieses Naturwunder irgendwie „abschwächen“. Dennoch hatten wir einen Haufen Spaß- wir sind unten am Strand ins Wasser gehüpft, dann den Wasserfall hochgeklettert und am Ende haben wir noch Jellys von den Kokospalmen gepflückt. Sehr amüsant waren auch die geführten Touren durch den Wasserfall, bei denen sich die Touris die ganze Zeit über an den Händen halten mussten. Ein Animator war natürlich auch zur Stelle, der alle 3 Minuten brüllte „Do you have fun?“ und die Touris antworteten natürlich im Chor „Yeaaaaaah“. Nach dieser Begegnung haben wir dann auch schnell wieder das Weite gesucht.

Zurück auf der Farm, wurde dann abends im Speisesaal an einer riesigen Tafel diniert. Es gab Kronleuchter, eine richtige Sitzordnung und Roast Beef. Man fühlte sich ein bisschen wie im Mittelalter auf einer Burg mit Rittern, Prinzessinnen und einem Haufen Pferde.IMG_6309

Am Montagmorgen konnten wir dann auch endlich Reiten. Doch da das Land so groß ist, mussten wir die Pferde erstmal suchen. Als wir sie dann endlich eingefangen, geputzt und gesattelt hatten, ging es im rasanten Galopp über die Felder – super schön! Danach sofort Abfahrt und mit dem Bus zurück nach Kingston, wo unsere Schüler schon warteten.

Alles in allem war das wieder einmal ein traumhaftes Wochenende und eine super Entspannung gegenüber dem doch oft anstrengenden Unterrichtsalltag.

Jetzt bin ich aber wieder busy busy, Unterricht vorbereiten und so….

Macht´s gut – keep on grooving!

 

 

 

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