Vom Reisen und Derbys

Dieses Wochenende fand die lang ersehnte Reise der Musikschule nach San Pablo statt. Am Start war die Koordination, alle ecuadorianischen Lehrer, also alle diejenigen, die schon einige Jahre dabei sind und Clave de Sur inzwischen als zweites Zuhause ansehen, einige Schüler und wir Deutschen. Ich hatte mich im Vorfeld riesig auf diesen Spaß gefreut, wie es mir wirklich gefallen hat, müsst ihr schon weiterlesen. Das nimmt euch keiner ab. Die Spannung steigt.

Als wir uns am Freitagmorgen um 7 Uhr bei Clave de Sur zur Abfahrt trafen, fragte mich Badman noch, ob ich denn auch brav mein Barcelona-Trikot dabei habe, da am Sonntag der classico anstand, ein Derby zwischen den beiden Clubs der Stadt, Barcelona und EMELEC. Ich hatte es vergessen und sputete mich, um es im Laufschritt zu holen, da ich von meinem Cousin Benjamin eingeladen worden war, mit ihm das Spiel von einer Suite im Stadion, in die ihn Freunde eingeladen hatten, zu beobachten.

Die Reise nach San Pablo gestaltete sich recht ruhig, geradezu unspektakulär. Nur Hannes und Vincent wären beinahe verloren gegangen, da die beiden im Gewühl nicht den Eingang in den Bus zum Terminal fanden.

In San Pablo angekommen zog die ganze Karavane zu dem gemieteten Haus, das gelinde gesagt eine herbe Enttäuschung darstellte. Sehr klein mit vier Betten (für ca. 30 Personen) und auch nicht wirklich schön. Also mussten viele in Zelten am Strand schlafen. Auch okay.

Das Programm am Nachmittag beschränkte sich auf das Einrichten und kochen im Haus und Badegänge im Sonnenuntergang samt anschließendem Lagerfeuer mit Jukebox Vincent und Anthony an der Gitarre. Ein Punkt auf meiner to-do-Liste mit den Dingen, die ich vor der Abreise noch erleben will, war also schon mal abgearbeitet. Des weiteren fehlen von dieser Liste: Den Friedhof von Guayaquil besichtigen (angeblicher Geheimtipp) und einen Motorroller leihen.

Später wurden die jüngeren ins Haus geschickt und auch einige von uns älteren legten sich ins Zelt, so auch ich. Leider dachte eine Gruppe lautstarker, überwiegend männlicher Beteiligter gar nicht daran, zu schlafen und machten noch ordentlich Krach (Salsa aus dem Lautsprecher) und flößten sich alkoholische Getränke ein. Was das Einschlafen erheblich erschwerte, wie man sich vorstellen kann.

Am Samstag begann nach dem gemütlichen Frühstück (für einige zu gemütlich, die Hunger bekamen und sich Brötchen holten), das berühmt berüchtigte Spiel Fear Factor, angelehnt an die amerikanische Stunt-Show. Seit Clave de Sur auf diese so genannten Viajes de Integración (Interations-Reise, die Reise war nämlich nicht die erste ihrer Art) geht, sind immer verschiedene Spiele am Start. Marcos hatte sich einige komplizierte Herausforderungen ausgedacht, die alle hintereinander von zwei gegeneinander ankämpfenden Teams bewältigt werden mussten.

Zuerst mussten Kugeln, die Marcos im Sand vergraben hatte, gefunden werden. Sobald alle gefunden waren, musste eine ziemlich weite Strecke den Strand entlanggejoggt werden, um anschließend eine Streichholzschachtel, die an einem Luftballon angebunden im Meer versenkt worden war, erschwommen werden, um damit wiederum ein Feuer zu entfachen. Mein Team gewann.

Den restlichen Nachmittag verbrachten wir gemütlich. Wir lasen, übersetzten das Kartenspiel ‚Lügen‘ auf Spanisch – mentira – und tauften ein fettes Schwein, das auf dem Weg zum Strand angebunden war auf den Namen ‚Otto‘.

Gegen Abend gab es noch einige Gruppenspiele sportlicher Art, die am Strand vollführt wurden. Hierfür benötigten wir einen Ball und Marcos schickte mich zu einigen fremden Jungs, die einen Ball dabei hatten und meinte noch, ich solle am besten auf Englisch anfangen, dann würden sie den Ball eher herausgeben. Gesagt, getan. Die Spiele waren im Endeffekt aber doch nicht so der Hit und hielten uns zusätzlich vom Sonnenuntergang ab. Immerhin entstand ein tolles Gruppenbild:

Mit zwei Jungs ging ich als die Dunkelheit einbrach mit einem Bodyboard in die Wellen und die beiden hatten ihre ersten Rides. Völlig high meinte Allan, einer von beiden: „Encontré algo mejor que la musica!“ (Ich habe etwas besseres als die Musik gefunden!)

Anschließend wurde wieder Lagerfeuer gemacht und getrunken, die Stimmung missfiel mir allerdings aufgrund des rauen Tons. Man amüsierte sich hauptsächlich über Beleidigungen und schimpfte auf den armen Bastian, der ja eigentlich nur das Feuer richten wollte, womit er aber jedes Mal durch den Wind einen Funkenregen auf die Sitzenden verursachte.

Am Sonntag wurde noch schnell aufgeräumt, wobei man auch nicht wirklich von schnell sprechen konnte, was bei einer solch großen Gruppe und der Anzahl an Aufgaben auch verständlich war. Kurz gab es noch große Aufregung, da Badmans Handy verloren geglaubt war, letztendlich stellte sich heraus, dass es sich in der Gitarrentasche von Vincent versteckt hatte.

Schließlich fanden sich alle an der Haltestelle zusammen und wir fuhren gen Guayaquil ab, wobei ich nicht ganz durchfuhr, sondern auf dem Weg in der ciudadela (gated community) meines Cousins Benji ausstieg, der mich mit zum Stadion nahm.

Schon auf dem Weg zum Stadion wurde mir klar, was für eine riesen Veranstaltung das war: Tausende gelb gekleidete Fans strömten zu Fuß oder in der schlecht geplanten Verkehrssituation zum Estadio monumental. Als wir schließlich ankamen, gab es eine große Aufregung, da der im Rollstuhl sitzende konservative Präsident Lenín Moreno angekarrt wurde. Viele Journalisten umringten ihn und er ließ sich auf den einen kleinen Händedruck oder das andere Interview ein. Hatte was königliches.

Anschließend machten wir uns in die Suite von Benjis Freunden auf. Neben den Stehplätzen, auf denen es oft übel zugeht, weil die Ultras wie bescheuert die Treppen runterrennen, gibt es noch abgetrennte Suites mit eigenem Bad, Küche, Fernseher und Klimaanlage. Für die upper class. Dort gönnten wir uns genüsslich das Spektakel.

Die Stimmung war bombenmäßig, was vermutlich nicht unwesentlich durch den 3:1-Sieg für Barcelona bedingt wurde. Ein weiterer Faktor, der die Stimmung begünstigte, war, dass überhaupt keine EMELEC-Fans anwesend waren. Wegen zu vielen Ausschreitungen im Vorfeld wurde zu dieser Maßnahme gegriffen. So war das gesamte Stadion amarillo (gelb).

Neben dem Geschehen auf dem Platz faszinierten mich auch das Phänomen Masse, das durch die Fans sehr kreativ genutzt wurde. Laola-Wellen umrundeten das Stadion, riesige Banner wurden über einen gesamten Block ausgerollt, Barcelonas Flagge wurde mithilfe von aufblasbaren Plastikstäben formiert und immer wieder lustig zu sehen war, wie sich die Meute gelber Trikotträger mit den schwarzen Schöpfen bei spannenden Situationen erhob und sich dann wieder, entweder jubelnd oder schimpfend, setzte.

 

Benji brachte mich nach dem Spiel zu einer Shopping-Mall, von der aus ich ein Taxi spendiert bekam, das mich nach Hause bringen sollte. Der Chauffeur verlangte 12 $, einen Heidenpreis, dem ich daraufhin vom Feilsch-Sport aktiviert erzählte, dass ich vom Terminal, der noch weiter weg liegt, schon für 5 $ gefahren wurde. Dass das in einem privaten Taxi war, habe ich ihm natürlich nicht erzählt… Benji unterstützte mich und meinte: „Si ves, este es local!“ (Ja, siehste, der ist ein local) Im Sinne von: Der kennt sich aus, was mich ordentlich stolz machte.

Das Spiel war also ein voller Erfolg, im Barcelona-Stadion muss man schon auch mal gewesen sein. Die viaje war im großen und ganzen auch ein tolles Erlebnis, in der darauffolgenden (jetzigen) Woche erinnerte man sich mit den Mitreisenden gerne zurück, der Integrationseffekt war also gegeben, die Gesamtstimmung war jedoch durch das männlich-pöblige nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte mich nämlich seit Wochen riesig auf diese Reise gefreut, auch darauf, dass man sich nicht verantwortlich fühlen muss wie bei unseren eigenen Reisen, sondern sich einfach zurücklehnen kann, hatte gedacht, ich würde mit Dauer-gute-Laune durch die Gegend rennen. Womit ich vielleicht auch etwas zu viel durch die rosa Brille gesehen hatte.

Autor: Cons

Cons ist ein neunzehnjähriger Weltenbummler mit musikalischen Neigungen. Diese beiden Aspekte sieht er bei dem Verein Musiker ohne Grenzen (MoG) vereint und deshalb macht er jetzt für ein halbes Jahr einen musikalischen Freiwilligendienst in Ecuador, genauer Guayaquil. Er gibt dort in einem ärmlichen Viertel, Guasmo Sur, in der Musikschule Clave de Sur Unterricht für Klavier, Horn bzw. Trompete (da muss er sich an die Nachfrage anpassen) und Gesang.

5 Kommentare

  1. Hallo Cons,

    schön wieder was von Dir zu hören. Und deine Überlegungen – Mann-o-Mann – du wirst noch richtig weise. Merke: entweder sich leben lassen oder selbst leben. Ist zwar anstrengender, man muss auch die Suppe selbst auslöffeln, die man sich eingebrockt hat, aber dafür hat man halt auch deutlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten.

    Nun wirst du ja bald wieder zu Hause sein…sicherlich um viele Erfahrungen (und manche Ernüchterungen) reicher

    Deine Patentante Mechthild

  2. Pingback: Der Konzert-Marathon | Ecuador – mi amor!

  3. Hallo Cons,
    habe mal wieder seit langer Zeit Deine Erlebnisse gelesen und bin erstaunt, daß die Zeit schon bald wieder vorbei sein wird. Dann kehrst Du voller Eindrücke und Erfahrungen in das geregelte aber vielleicht auch für Dich spannende Studentenleben zurück.Viel Freude noch und komm gut behütet heim.
    Tante Marlene

    • Liebe Tante Marlene,

      Ja, jetzt neigt sich meine Zeit hier echt dem Ende. Schade auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite freue ich mich auch auf vieles in Deutschland.

      Liebe Grüße,
      Cons

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