Unterwegs mit der Legende und der Integrations-Cup

Samstagmorgen wollte ich mich mit dem neuen Freiwilligen Robin (cooler Dude aus Biberach, unterrichtet Schlagzeug und Gitarre und hat schon bei SouthSide mit seiner Band gespielt) von den Fesseln des Guasmo-Alltags befreien. Ein weiterer Surftag sagte mir sehr zu, also schlug ich einen Nachmittag in Playas vor, wo es übrigens auch ein Projekt von Musiker ohne Grenzen gibt und daher auch bekannte Gesichter warten würden. Ich holte Robin (folgend Badman aufgrund seiner Ähnlichkeit zur gleichnamigen Figur in der Serie Batman) ab und sein Gastvater wies uns darauf hin, dass man mit dem Bus schon gute drei Stunden brauche. Daraufhin beschlossen wir, statt der langsamen Metrovia (so nennt sich das Bussystem) ein teures aber schnelles Taxi zu nehmen. Schließlich die Entscheidung auf der Straße: Lass doch lieber den Bus nehmen und den Nachmittag gemütlich im Stadtzentrum angehen.

Nach einer nicht enden wollenden Busfahrt (wir müssen ziemlich mit der Kirche ums Dorf gefahren sein) sahen wir uns die Leguane im Parque de las Iguanas an, aßen etwas und steuerten auf die Uferpromenade der Stadt, dem Malecón, einer langgezogenen Mischung aus Fressmeile und Vergnügingspark, zu.

Am Malecón wurde der Blick auf die gegenüberliegende autofreie Insel Isal Santay frei. Das viele Grün lockte uns und verhieß Abwechslung zum immergleichen Grau der City. Man hatte mir erzählt, dass vor nicht all zu langer Zeit ein Boot aufgrund eines schlafenden Kapitäns gegen die einzige Brücke zur Insel gecrashed sei, sodass man seitdem nur noch mit dem Boot auf die Insel kommt. Just nachdem wir uns entschlossen hatten, einen Bootsverleih ausfindig zu machen, hörten wir den werbenden Sermon einer Turistenagentin, der sich danach anhörte, als sei er schon tausende und abertausende Male wiederholt worden. Aber wir schlugen zu und saßen wenig später im Boot auf dem brackig-bratzigen Wasser des Río Guayas.

Badman bemerkte ganz richtig: „Solche Bilder wird meine Mutter lieben!“

Das Panorama auf die quer im Wasser liegende Brücke, die so keine gute Figur machte, sorgte für allgemeines Gelächter auf dem Boot. Auf der Insel angekommen, ließen wir uns das Ecovillage, das die Regierung für die Inselbewohner eingerichtet hatte, zeigen. Es erinnerte entfernt an ein Neubaugebiet, alles irgendwie sehr gemacht und unnatürlich, obwohl es ja gerade einen Anspruch an Natürlichkeit bzw. Nachhaltigkeit hatte. Verkehrte Welt. Immerhin sah ich hier meine ersten Krokodile und meine erste Petflaschensammelstelle Ecuadors.

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Das zur Stadt kontrastierende Grün und die natürliche Geräuschkulisse wirkten sehr beruhigend. Irgendwann stellte sich bei mir das dringende Bedürfnis nach einer Hängematte ein.

Funfact: Robin hat neben einem kroatischen Vater eine englische Mutter und weiß daher, dass Badman für die angelsächsischen Insulaner so viel wie Cooler Typ bedeutet. Im Jamaikanischen Slang steht Badman wiederum für einen asozialen Jugendlichen, der nicht gesetztestreu, von anderen gefürchtet und Teil einer gang ist. Was irgendwie gegensätzlich ist. Wikipedia macht’s möglich.

Auf der Heimreise suchten wir lange nach dem im Reiseführer angepriesenen Aroma Café in der Nähe eines Piratenschiffs, das sich, wie sich harusstellte, aufgrund von Repertauren gerade mit Abwesenheit glänzte. Tolle Stadt: Kaputte Brücke, Piratenschiff weg – wir waren enttäuscht!


Am nächsten Tag stand das große Integrationstournier an, das vor allem den Anspruch haben sollte, die vielen Kleingruppen in Clave de Sur zusammenzubringen: Angeblich sei seit kurzem eine Spaltung zwischen Deutschen, Ecuadorianern der alten Generation und den ecuadorianischen Youngsters in der Musikschule zu beobachten. Meiner Meinung nach zeigt die große Sorge um die verlorengegangene Integration auch schon, dass der Wille zur Vereinigung da ist und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Oder wie mein alter Freund Paul sagen würde:

Ut desint vires tamen est laudanda voluntas.

(deutsch: „Auch wenn die Kräfte fehlen, ist doch der [gute] Wille zu loben.“)

Ovid, ex Ponto III, IV, 79.

Viele Grüße an dieser Stelle!

Pünktlich um neun war ich am Fußballplatz, um dann festzustellen, dass man noch deutlich länger hätte schlafen können: La actividad inició alrededor de las 10:30 am. (Das Event begann ungefähr um zehn Uhr dreißig), wenn ich an dieser Stelle Johns Blogeintrag zitieren darf. Tjaja, ecuadorianische Pünktlichkeit – ein Kapitel für sich…

Schließlich traten sechs verschiede Mannschaften in (größtenteils) einheitlicher Trikotfarbe an, die (mehr oder weniger) kreative Namen hatten. Mein Highlight: GuaJazz. Das Hybrid aus der hiesigen Provinz Guayas und der Musikrichtung Jazz. Daneben auch die musikschuleigene Rap Gruppe Rapflection, die in den Pausen zwischen den Spielen für Unterhaltung sorgte. Eine kleine Kostprobe ihres Könnens von gestern gibt es hier. Empfohlen sei auch das erstaunlich professionelle Musikvideo der Gruppe.

Meine Mannschaft (Pechuga, in Anlehnung an den Spitznamen meines Kapitäns) ganz in gelb konnte sich bis ins Viertelfinale vorkämpfen. Das Oldschool-Trikot, das mir Moncho ausgeliehen hatte, ist so alt wie ich (18) und alle meinten, ich sähe darin aus, wie ein inzwischen aufgrund von erhöhtem Alter talkshowmoderierender Ex-Fußballspieler von Barcelona Sporting Club, dem hiesigen Fußballclub, der von spanischen Auswanderern gegründet wurde.Das Finale gewannen schließlich Los Lalos. Alles war perfekt durchgeplant. Qué detalle!

  • Den Siegern wurden Medaillen und eine Trophäe verliehen :

So sehen Sieger aus.

  • Ein Schiedsrichter war am Start, namentlich Marcos, der übrigens für das Amt des Koordinators kandidiert:
  • Zwei Kommentatoren beschallten den gesamten Bezirk mit mal mehr und mal weniger geistreichen bzw. witzigen Bemerkungen:

Außerdem lernte ich, dass die Mitgleider von Clave de Sur einen eigenen Suchpfiff haben, der angewendet wird, wenn man andere Mitglieder in einer großen Menge oder über eine große Entfernung hinweg auf sich aufmerksam machen will. Hier noch einige Eindrücke vom Spielfeldrand:

 

Gegen Ende wurde auch dieses Turnier, wie ich bei Sportevents schon oft die Erfahrung gemacht hatte, etwas zäh. Die Sonne brannte ganz schön heiß vom Himmel, sodass mir das sehr geistreiche Sprichwort, das mir John kürzlich beibrachte, in den Sinn kam:

Con este sol place tomarse unas cervezas.

Bei dieser Sonne ist es ein Vergnügen, einige Biere zu trinken.

Leider war kein Bier vorhanden, dafür aber ein Plastikschwimmbecken, ganz in der Nähe, das schamlos mitten auf der Straße aufgebaut war. Schnell war der harte Kern ins Wasser gehüpft – mit allen Klamotten, wie es hier zum Schutz gegen die Sonne üblich ist; mein Gesicht blieb trotzdem nicht verschont.

 

Dort blieben wir zwei geschlagene Stunden, quatschten, spielten Kotzendes Känguru – hier Kackenwald genannt, vermutlich durch deutsche Einflüsse anderer Freiwilliger. Erfrischt und voll häppi ging es anschließend nach Hause.


Das Event auf Spanisch geblogt von meinem Freund John für die Website der Musikschule mit einigen Bildern mehr gibt es hier.

Autor: Cons

Cons ist ein neunzehnjähriger Weltenbummler mit musikalischen Neigungen. Diese beiden Aspekte sieht er bei dem Verein Musiker ohne Grenzen (MoG) vereint und deshalb macht er jetzt für ein halbes Jahr einen musikalischen Freiwilligendienst in Ecuador, genauer Guayaquil. Er gibt dort in einem ärmlichen Viertel, Guasmo Sur, in der Musikschule Clave de Sur Unterricht für Klavier, Horn bzw. Trompete (da muss er sich an die Nachfrage anpassen) und Gesang.

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