Feels like home

Hallo ihr Lieben,

bitte entschuldigt, dass ich so lange nichts mehr von mir habe hören lassen. Ich habe mich wohl so langsam schon richtig in die Jamaican Vibes eingegroovt… 😀 Mir geht es sehr gut im Moment und in den letzten Wochen ist wieder sehr viel passiert. Ich muss wirklich wieder anfangen Tagebuch zu schreiben. Ganz am Anfang hatte ich mir fest vorgenommen jeden Tag etwas reinzuschreiben, weil man hier eigentlich jeden Tag etwas Neues erlebt. Aber wenn ich dann abends vom Unterrichten im Culture Yard nach Hause komme will ich mich meistens nur noch in die Hängematte legen und chillaxen.

Das ist das Tolle im Moment, denn zum Einen bin ich jetzt wirklich „angekommen“, habe einen geregelten Ablauf und fühle mich hier richtig zu Hause, doch zum anderen gibt es immer wieder so viele neue Sachen zu entdecken, neue Leute zum Kennenlernen und andere Facetten der Kultur zu erkunden.

Ich fange mal mit dem ersten Ereignis an, was nach meinem letzten Blogeintrag passiert ist. Übers Wochenende hatten wir beschlossen nach Ocho Rios zu fahren, das ist eine kleine Stadt im Norden im Parish Saint Ann. Die Fahrt dorthin war eine meiner schlimmsten Coaster Bus Fahrten seit ich hier bin 😀 Nachdem wir eine Stunde gewartet haben bis der Bus endlich voll war und der Busfahrer sich endlich erbarmt hat loszufahren, war ich schon von oben bis unten durchgeschwitzt. Ich war ziemlich müde, doch an Schlaf war gar nicht zu denken, denn unser Weg führte durch die Blue Mountains, wo die Straßen sehr kurvig sind und man regelrecht durchgeschüttelt wird. Für sensible Mägen ist der jamaikanische Fahrstil eindeutig nicht geeignet 😀 Als wir dann endlich in Ocho Rios angekommen sind, wollten wir uns das Taxi sparen und zum Hostel laufen. Eine ganz schlecht Idee wie sich herausgestellt hat, da wir nach den Anweisungen eines vertrauenserweckenden Sicherheitsmannes etwa eine Dreiviertelstunde in die falsche Richtung gelaufen sind… Daraufhin haben wir dann doch ein Taxi genommen und uns zum Reggae Hostel fahren lassen. Hier hat man gleich gemerkt, dass Ocho Rios ziemlich touristisch ist, da der Taxifahrer von uns 10 Dollar verlangte. Wir waren erstmal total perplex und dachten: Boah wie billig! (10 jamaikanische Dollar sind etwa 7 Cent) bis wir dann rausgefunden haben, dass der Taxifahrer US Dollar meinte… Tja schade eigentlich 🙂

Bevor es aber ins Bett ging, sind wir nochmal ins Städtchen gelaufen und sind was essen gegangen. Dort hat man dann gemerkt wie klein Jamaika ist, denn nach einem kurzen Gespräch mit dem Koch hat sich herausgestellt, dass er auch aus Trenchtown kommt und ein guter Freund von Kush, einem Cousin der Brown Family ist. Das Restaurant hat ital Food serviert, so nennt sich das Essen, was die Rastafari essen. Kein Fleisch, keine Milchprodukte, kein Fisch, kein Salz. Alles natural. Richtig lecker!

 

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Bei den berühmten Dunn`s River Falls in Ochi

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Sowieso ist die Lebenseinstellung der Rastas echt beeindruckend. Die meisten reden sehr gerne und sehr viel aber wenn man sich auf ein Gespräch einlässt kann man viele interessante Sachen erfahren. Es geht dabei oft um „One Love“ und „One people“ und darum dass alle Menschen gleich sind und es nicht um die Herkunft oder die Hautfarbe geht. Viele der Rastas im Culture Yard sind auch richtig begeistert von unserer Arbeit hier und begrüßen uns mit „Respect“ wenn wir nachmittags zum Unterricht kommen.

Am nächsten Wochenende sind wir zum zweiten Mal nach Port Antonio gefahren um uns die berühmten Reach Falls anzuschauen. Da wir dafür aber einen reißenden Fluss hochklettern mussten, habe ich leider keine Bilder der Wasserfälle, sie waren aber wirklich wunderschön!

Was nicht so wunderschön war, war dass ich mir wie Vera und Andrin schon vor mir in Port Antonio leider den Zika Virus eingefangen habe. Drei Tage nach unser Rückkehr nach Kingston hat sich die Krankheit mit Kopf- und Gliederschmerzen und Fieber angekündigt. Da Zika zum Glück jedoch ein vergleichsweise milder Tropeninfekt ist, lag ich nicht im Sterben und meine Mama musste auch nicht nach Jamaika zu kommen um mich zu pflegen. Wenn es um Krankheiten geht, bin ich nämlich wirklich eine Memme und denke immer, dass ich gleich sterben muss 😀 Das einzig gruselige war der Ausschlag, den ich nach zwei Tagen bekommen habe. Überall am Körper hatte ich plötzlich rote Punkte, sogar zwischen den Zehen!!!!!! 😀 Nach einer Woche waren die Symptome aber wieder weg  und nach meinem Arztbesuch war ich auch wieder etwas beruhigter. Richtig schade jedoch war, dass ich an Andrins Abschiedsparty krank war und gar nicht richtig mitfeiern konnte… Es ist echt traurig, dass Dre (Andrins jamaikanischer Spitzname) jetzt weg ist. Er, Vera und ich haben uns wirklich super verstanden und wir waren ein Hammermegageilesspitzen Team. Lieber Andrin: Wir vermissen dich!!!!! <3 <3 <3

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Unser Abschieds Survival Kit für Dre

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In der Jones Town Primary School sind wir gerade dabei unser Programm für die Graduation am nächsten Donnerstag vorzubereiten. Graduation ist so etwas wie ein Abiball bei uns, nur eben in der Grundschule. Hier gibt es sogar in der Basic school, also im Kindergarten eine Graduation. In der JPS sind die meisten der Schulabgänger zwischen 12 und 13 Jahre alt. Der Schulleiter Mr. Robinson hat uns gebeten für die Abschlusszeremonie etwas mit unseren Schülern zu performen. Wir werden also mit dem Chor und der Recorder Class zusammen „We are the World“ aufführen und mit dem Chor alleine „Price Tag“ singen. In der Schule hat man gerade das Gefühl, dass die meisten Schüler schon mit den Gedanken in den Ferien sind (nächste Woche beginnen die Sommerferien) weil oft nur die Hälfte der Gruppe anwesend ist. Das ist ein bisschen nervig, weil man dann nicht richtig proben kann…

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Bubble Head in der Recorder Class 😀

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Getanzt wird immer

Auch in der Basic School und der Model Private School wird nächste Woche die letzte Stunde stattfinden. Ich bin schon gespannt wie es dann in den Ferien wird. Ich hoffe natürlich, dass die Schüler weiterhin regelmäßig zum Unterricht kommen werden. Ich gehe aber mal davon aus, denn genug Geld um in den Urlaub zu fahren, hat hier niemand. Manche werden vielleicht zu ihren Verwandten ins Countryside fahren… In den letzten Tagen durfte ich zu ein paar meiner Schüler nach Hause gehen und ich muss zugeben, dass ich im ersten Moment wirklich geschockt war, wie die Menschen hier leben. Wie schon gesagt ist unser Haus hier eines der größten und luxuriösesten. In den Wellblechhütten meiner Schüler leben manchmal drei oder vier Leute in nur einem Raum zusammen. In dem gleichen Raum befindet sich die Küche, ein Sofa, ein Fernseher und ein oder zwei Betten. Da ist mir die Armut, die hier herrscht nochmal richtig bewusst geworden. Aber auch von der Gewalt habe ich in den letzten Tagen leider einiges mitbekommen. Wir haben vor dem Haus die Abschiedsparty von Kevin gefeiert, weil er letzten Mittwoch für drei Monate nach Deutschland aufgebrochen ist. Als es schon ziemlich spät war, sind plötzlich sehr viele Schüsse in der Nähe vom Haus gefallen und wir mussten alle reinrennen. Am nächsten Tag haben wir dann erfahren, dass ein Mann erschossen wurde. Das war schon echt eine krasse Erfahrung und ich habe es im Moment als es passiert ist, nicht wirklich realisiert, weil alles so surreal war. Ich habe mich eher wie ein Statist in einem Actionfilm gefühlt. Als ich am nächsten Tag vom Unterrichten im Culture Yard zurückkam habe ich erfahren, dass nachmittags um 16 Uhr schon wieder jemand in unserem Viertel erschossen wurde. Uns wurde dann erklärt, dass die Morde zusammenhingen. Das Problem ist, dass hier gerade ein Machtvakuum herrscht, da der für den Bezirk Trenchtown zuständige Politiker Omar Davis in Ruhestand gegangen ist, und noch nicht klar ist, wer sein Nachfolger sein wird. Dieses Machtvakuum wurde nun also für private Rachezüge der Gangs ausgenutzt. Aber keine Sorge ich bin hier sicher, gerade weil es sich ja um private Angelegenheiten handelt und es keine offenen Schießereien waren. Trotzdem habe ich mal wieder realisiert, in was für einer behüteten Welt ich in Deutschland aufgewachsen bin und was für einen Luxus wir dort jeden Tag genießen. Wir wurden nicht schon als Kinder nachts von Schüssen geweckt oder mit einer allgegenwärtigen Bandenkriminalität konfrontiert. Was meine Schüler hier schon alles erleben mussten und wie viele ihrer Familienangehörigen schon gestorben sind, ist wirklich schrecklich.

Im Gegensatz zu früher ist die Situation im Moment aber sehr ruhig und friedlich. Von 2004-2008 herrschte in Trenchtown Krieg zwischen den verschiedene Areas. Hierzu haben wir letztens eine sehr interessante Dokumentation gesehen, die ich allen Interessierten nur weiterempfehlen kann! (https://www.youtube.com/watch?v=iakVCvPzcvI) Hier könnt ihr mal die Straßen sehen, die ich jeden Tag entlang laufe und ein paar der Leute im Film sehe ich sogar öfters mal auf der Straße.

Mit Noel, einem 12-jähriger Gitarrenschüler habe ich mal ein sehr ergreifendes Gespräch geführt. Er meinte „Weißt du Toni, wenn man als Tourist nach Jamaika kommt und nur in den Hotels am Strand ist oder wenn ihr als Musiklehrer nach Trenchtown kommt und wisst, dass ihr in ein paar Monaten wieder nach Deutschland gehen werdet, dann ist es total schön, aber wenn man hier aufwächst und weiß, dass man sein gesamtes Leben hier verbringen wird und dass man keine Perspektive hat, dann ist es überhaupt nicht mehr toll.“ Nachdem er das gesagt hat, war ich sprachlos. Denn es stimmt: Hier eine Arbeit zu bekommen ist sehr schwer und man kommt nur über Connections an einen Job. Bei den meisten Arbeitgebern ist schon allein die Adresse Kingston 12 (also die Adresse für Trenchtown) ein Ablehnungsgrund. Deshalb haben hier auch nur sehr wenige Leute einen festen Job, viele nehmen Gelegenheitsjobs an und hängen den Rest der Zeit auf der Straße rum. Diese Perspektivlosigkeit zu sehen ist wirklich schlimm.

Aber jetzt wieder zu den schönen Dingen: Letzten Samstag gab es im Culture Yard ein Festival „Living Culture“ und die Veranstalterin Enola vom Redbones, einem Blues Café in Uptown hatte uns eingeladen, etwas mit unseren Schülern aufzuführen. Das war natürlich eine tolle Möglichkeit um unsere Schüler mal vor Publikum performen zu lassen. Auch wenn es in der Sonne auf der Bühne  wirklich brennend heiß war und ich geschwitzt habe wie noch nie in meinem Leben, war unser Auftritt ein voller Erfolg.

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Love <3

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Mit Speck, einem Gitarrenschüler im Culture Yard

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Sowieso läuft im Moment alles ziemlich gut und wir sind gerade dabei für zwei Konzerte, die nächste Woche stattfinden, zu proben. Ziggy ein Artist aus dem Culture Yard bringt nächste Woche nämlich ein Album seiner Band Living Kultcha raus und hat uns gefragt ob wir an deren Konzerten teilnehmen wollen, die am 30. Juni im Redbones und am 1. Juli im Culture Yard stattfinden. Da er uns aber erst letzte Woche gefragt hat und wir deshalb nur zehn Tage Zeit haben zu proben, musste alles ziemlich schnell gehen und Vera und ich saßen die letzten Tage meist bis zwei Uhr nachts am Keyboard und haben Noten rausgeschrieben und transponiert. Jetzt steht das Programm jedoch und wir haben es sogar geschafft eine Band zusammenzustellen (Trompete, Schlagzeug, Klavier, Gitarre, Klarinette, drei Saxophone) mit der wir zum Beispiel „Fly me to the moon“ und „Watermelon Man“ spielen werden. Gestresst zu sein kann man sich hier wirklich sparen, denn von den Jamaikanern lässt sich niemand stressen. Wenn man die Probe um 15 Uhr ansetzt, kann man also immer davon ausgehen, dass man frühestens um 16.30 Uhr anfangen kann 😀 Trotzdem klappt immer alles irgendwie und unsere Band klingt schon erstaunlich gut! Ich freue mich schon total auf die Konzerte und darauf euch zu berichten wie es war.

 

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Ziane am Drum Set

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Ein überglücklicher Jowayne an der E-Gitarre

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Bei Ibo einem Rasta in Downtown der super leckeres Ital Food und köstliche Säfte serviert

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   Ghetto Youths in the street

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Nach unserem Auftritt in einer Primary School

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Na erkennt ihr uns? Genau links ist Vera und in der Mitte bin ich! Wir haben rausgefunden, dass wir uns vor Jahren schonmal auf einer Hochzeit getroffen haben 😀

 

Ich hoffe euch allen geht es gut in Deutschland und ihr genießt den heißen deutschen Sommer (höhöhö) in vollen Zügen.

Liebe Grüße von eurer Antonia <3

 

 

 

 

 

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