Paro in Ecuador

Sicherlich haben einige unter euch von den Aufständen und Streiks (paro) in Ecuador Anfang Oktober gehört. Mir ist bewusst, dass dieser Eintrag reichlich spät kommt, aber ich habe gemerkt, dass mich das Thema nach wie vor beschäftigt und ich lieber später, als nie diesen Eintrag hochlade.
Bevor ich richtig beginne, möchte ich euch daraufhinweisen, dass ich mich zwar bemüht habe, alles, was ich über den Verlauf des paros schreibe, zu recherchieren, aber ich garantiere nicht für eine absolute Richtigkeit- es ging nämlich drunter und drüber und war oftmals schwer für mich nachzuvollziehen.
Wenn euch das Thema also interessiert, lest euch unbedingt Zeitungsartikel im Internet durch oder informiert euch auf anderen Kanälen.

Ein kurzer Ausflug in die politische Vergangenheit Ecuadors:

2008 wurde Correa, der Partei „Alianza País“ zum Präsidenten Ecuadors gewählt. Sein Regierungsstil, auch „Correismus“ genannt, ist vor allem durch die massiven Investitionen in öffentliche Infrastruktur, Straßen, Wasserkraftwerke, Schulen, Gesundheitszentren und andere Projekte populär. Die Regierung kämpfte ausserdem gegen Steuerhinterziehung und Steuerumgehung an, was zu einem erheblichen Anstieg der Steuereinnahmen führte.

Nachdem Correa nach zwei Amtszeiten (10 Jahre) nicht mehr zur Wahl antreten durfte, kandidierte Lenín Moreno, der die Wahl schließlich gewann. Moreno gehört der gleichen Partei an und versprach vor der Wahl den Regierungskurs Correas fortzuführen. Sobald er jedoch im Amt war, verfolgte er eine rechtsgerichtete Agenda, tauschte die Parteiführung aus und schafft zunehmend die Errungenschaften Correas ab. Damit verlor die Partei an Unterstützung und auch die Bevölkerung wurde immer unzufriedener, da er sein Wahlversprechen nicht hielt.

Wie es nun zum paro kam und wie dieser verlief:

Am 1.10.2019 beschloss die Regierung, die Subventionen auf Treibstoff zu streichen. Daraufhin stieg der Preis für eine Gallone Diesel um mehr als die Hälfte (von 1,03 auf 2,30 Dollar) und für Benzin um knapp 25% (von 1,85 auf 2,39 Dollar).
Wegen des Kredits des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Höhe von 4,2 Milliarden Dollar verpflichtete sich Ecuador zu sog. Strukturreformen, zu denen eben auch diese Maßnahme gehörte.
Daraufhin brachen Demonstrationen aus, die ziemlich schnell aus dem Ruder liefen: Demonstranten warfen mit Steinen, errichteten brennende Barrikaden… Zudem blockierten Taxi-, Bus- und Lkw-Fahrer wichtige Verbindungsstraßen und stoppten den Verkehrsfluss in mehrern Städten.

Zwei Tage später, am 3.10.2019, erklärte Moreno dann den Ausnahmezustand, der ursprünglich 60 Tage andauern sollte, später dann aber auf 30 Tage gekürzt wurde. Dieser berechtigte die Regierung, Streitkräfte einzusetzen und die Pressefreiheit erheblich einzuschränken.

Aufgrund der andauernden, heftigen Proteste traf sich Moreno am 12.10.2019 schließlich zu Gesprächen mit Vertretern des Bündnisses indigener Nationalitäten („Conaie“). Nach stundenlangen Verhandlungen verkündete er die vorher festgelegten Maßnahmen zurückzunehmen und den Ausnahmezustand aufzuheben.

Wie ich den paro empfunden habe:

Ich habe erstmal nur über die Medien von den Aufständen hier in Ecuador erfahren. Zunächst waren nämlich vor allem die Großstädte betroffen. Meine Gastmutter und -oma, die sich eh schon immer über alles Sorgen und Gedanken machen, waren nun doppelt aufgeregt und besorgt.
Als der Ausnahmezustand ausgerufen wurde, erlaubten sie mir zunächst auch nicht, das Haus zu verlassen. Da es in Playas aber ruhig blieb, waren sie dann doch etwas entspannter. Der laufende Fernseher, der ständig Videos von hässlichen Straßenkämpfen, Überfällen und Schießereien zeigte, machte mich dann aber doch sehr besorgt. Ich hatte das Gefühl, es wurde ganz gezielt über die Medien Angst geschürt.

Die Streichung der Sanktionen bedeutete nicht nur, dass Taxi- und Busfahrten über Nacht teurer wurden, sondern auch, dass die Lebensmittel, die aus der sierra in die costa geliefert werden, preislich anstiegen. Durch den Streik der Transportunternehmen wurde dann ziemlich viel lahmgelegt. Die Leute konnten nicht mehr arbeiten und die Wut der Bevölkerung stieg zunehmend an. Bald schon ging es nicht allein um den gestiegenen Treibstoffpreis, sondern generell um die Politik Morenos.

Der Ausnahmezustand befeuerte meiner Meinung nach die Aufstände noch zusätzlich: Die Auseinandersetzungen mit der Polizei nahmen zu, es wurde eine grosse Zahl an Demonstranten festgenommen und leider sind auch einige während der Auseinanderstezungen gestorben.

Die indígenas (Ureinwohner der sierra), die für den Großteil des landwirtschaftlichen Ertrags Ecuadors sorgen, konnten durch die hohen Kosten kaum noch ins Land ausliefern. Um eine Einigung mit dem Präsidenten zu erzwingen, stellten sie die Auslieferung kurzerhand ein. Als aber auch das nichts bewegte, machten sich Hunderte von indígenas über eine Woche lang zu Fuß (!) auf den Weg nach Quito, um sich vor Ort an den Protesten zu beteiligen und sich mit dem Präsidenten zu Gesprächen zu treffen.

Während in der sierra wirklich Proteste stattfanden, die zwar zunehmend gewaltsamer wurden, nutzten besonders in Guayaquil die Menschen die vorliegende Situation aus: Stellenweise gab es eine geringere Polizeipräsenz, da Polizisten vor allem staatliche Institutionen bewachten und auf blockierten Bundesstraßen eingesetzt wurden, was die arme Bevölkerung ausnutzte, um Elektronik- und Lebensmittelgeschäfte sowie Banken zu überfallen und auszuplündern.
Das eigentliche Ziel der Proteste hatten somit viele aus den Augen verloren.
Besonders in den Großstädten war es deshalb sehr gefährlich zu dieser Zeit.

In Playas fand nur an einem Tag ein Protest statt, an dem dann auch das Cacique geschlossen war. Dieser verlief aber zum Glück friedlich.
An mehreren Tagen schloss die Musikschule bereits um 17 Uhr und einige Schüler kamen nicht, weil die Eltern die Lage als zu gefährlich empfanden.
Am Abend sollte ich vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein. Die Innenstadt war bereits gegen 18 Uhr wie leer gefegt und fast alle Läden schlossen früher. Die Lebensmittelengpässe sorgten dafür, dass die Regale in den Tiendas und Supermärkten immer leerer wurden. Besonders Fleisch, Gemüse, Eier und Obst wurde rarer. Das, was noch da war, wurde einfach immer teurer.

In den letzten Tagen des paros durfte man sich zudem zwischen 20 und 5 Uhr nicht mehr vor staatlichen Institutionen, wie dem Rathaus, aufhalten. Ab 12 Uhr nachts war es dann ganz verboten, sich auf den Straßen aufzuhalten.

Ansonsten konnte ich mich aber nach wie vor tagsüber sicher frei bewegen und es änderte sich nicht viel für uns. Die freie Zeit nutzten wir vor allem zum Kartenspielen und für Filmeabende. Eigentlich wollten wir bereits Anfang Oktober übers Wochenende nach Olón reisen, was dann natürlich nicht mehr möglich war.

Insgesamt war es eine turbulente Zeit. Auch in Playas habe ich deutlich die angespannte Stimmung spüren können und schliesslich auch die Erleichterung, als der paro zu Ende war.
Einerseits habe ich die Ratschläge und Sorgen meiner Gastfamilie natürlich zur Kenntnis genommen, denn sie konnten die Situation definitiv besser einschätzen als ich. Andererseits habe ich aber auch gemerkt, dass ich Abstand zu all dem wahren muss. Besonders am Anfang war ich doch sehr überrumpelt von den Geschehnissen- so etwas habe ich einfach noch nie erlebt. Ja, ich hatte wirklich etwas Angst, oder ein beklemmendes Gefühl, in das ich mich nicht hineinsteigern wollte.

Nun ist der paro ja quasi wieder vorbei. Ich kann also wieder sorglos mit meinem Fahrrad zum Cacique radeln und wir können übers Wochenende verreisen. Aber noch immer gibt es keine neue Einigung. Die Streichungen der Subventionen wurden zwar aufgehoben, es ist also alles wieder wie vorher, aber Fakt ist, dass Ecuador noch immer keine Lösung für seine finanzielle Probleme gefunden hat.
Inzwischen werden immer mehr parteikritische oder correanahe Politiker politisch verfolgt und erhalten Drohungen. Moreno säubert im Schein des wiedererlangten Friedens also die Reihen der Opposition.
Auch Fernseh- oder Radiosender wurden zeitweise ohne ernsthafte Begründung vom Netz genommen.
Die Lage ist also nach wie vor angespannt und man weiß nicht genau, was in naher Zukunft geschehen wird.

Ein Gedanke zu “Paro in Ecuador

  1. Liebe Sophia ?, schön zu hören, dass es Dir gut geht!!!?☀️??? Der Blog-Artikel ist ja sagenhaft gut geschrieben!!! Du hast definitiv großes Talent . Auch die Hinweise bezüglich notwendiger weiterer Recherche waren sehr hilfreich und kompetent. Meine liebe, lass es Dir gut gehen und ich bin zu riefst beeindruckt, wie Du alles meisterst! Ganz liebe Grüsse Kathrin

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