Der Countdown läuft

Der Countdown läuft. Noch 22 Tage, dann wird die Maschine des Flugs Nummer KL1790 vom Münchner Flughafen abheben – mit mir an Bord. Etwa 17 Stunden später, nach Zwischenlandungen in Amsterdam und Quito, werde ich dann zum ersten Mal südamerikanischen Boden betreten – und in mein Abenteuer in der „Neuen Welt“ starten.

Auch wenn Antonín Dvořák im nördlicheren der amerikanischen Kontinente zu seiner 9. Sinfonie inspiriert wurde, werde ich ebenfalls eine für mich neue Welt entdecken. Die Vorfreude ist groß, die Erwartungen und Vorstellungen dagegen ähneln noch einem unbeschriebenen Blatt. Bisher weiß ich nur grob, wie die Monate von Oktober bis Juni aussehen werden: Ich werde bei einer Gastfamilie in Guayaquil leben und an der Musikschule „Clave de Sur“ im Stadtteil Guasmo Geige und Klavier unterrichten. Und ganz tief in eine mir noch unbekannte Kultur eintauchen.

Den Plan, nach der Schule ins Ausland zu gehen, hatte ich schon lange. Wohin, war erstmal zweitrangig – Hauptsache, weit weg. Ich wollte Neues entdecken, Erfahrungen machen und fremde Kulturen kennenlernen. Das Jahr mit meiner Familie im südlichen Afrika, als ich 16 war, hatte mir Lust auf mehr gemacht. Ich hatte viele Ideen, wohin ich mal reisen will, und viele Vorschläge von Freunden und Bekannten. Zuerst hatte ich ein Projekt in Indien im Fokus, wo ich einen Freiwilligendienst als Unterrichtsassistenz gemacht hätte. Das schien mir aber doch nicht so ganz das Wahre zu sein, und so schwenkte ich um in die Richtung Work&Travel, am liebsten in Kanada. Ich meldete mich sogar auf der kanadischen Internetpräsenz an und ließ mich in den Bewerber-Pool für ein Aufenthaltsvisum aufnehmen. Doch dann legte mir meine Mutter, es muss so im April gewesen sein, einen Ausschnitt aus der Süddeutschen Zeitung hin: Ein Interview mit einem jungen Mann, der einen Freiwilligendienst mit Musik gemacht hatte und mit einer Organisation namens „Musiker ohne Grenzen“ in Ecuador gewesen war.

Der junge Mann heißt Simon Kreuzer und ist heute mein Mentor für die Projektarbeit. Nach viel Recherchearbeit und einem Infotreffen entschied ich mich, mich als Freiwilliger für „Musiker ohne Grenzen“ zu bewerben. Die Organisation wurde 2008 von einer Gruppe Studenten gegründet, von der einige zuvor ehrenamtlich ein Musikprojekt in Guayaquil geleitet hatten. Das Ziel war, die Musikschule im Guasmo Sur mit personellen und finanziellen Ressourcen sowie Sachspenden – in erster Linie Instrumente – zu unterstützen. Seit 2010 schickt „MoG“ auch Freiwillige in die Musikprojekte, die im Laufe der Jahre in Ecuador, Ghana und Jamaika aufgebaut wurden.

Bei meinen Überlegungen zur Frage „Abitur – was dann?“ erschien es mir letztlich doch reizvoller, eine sinnvolle Tätigkeit in einem Projekt auszuüben, als irgendwo – in einem unbestreitbar tollen Land – Teller zu waschen und Gäste zu bedienen. Es war mir gleichzeitig auch wichtig, nicht bei einer Beschäftigungstherapie für gelangweilte Jugendliche zu landen, die gerne einen Auslandsaufenthalt im Lebenslauf stehen hätten. Bei „Musiker ohne Grenzen“ hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass mit der Freiwilligenarbeit tatsächlich etwas bewirkt wird. Zwar ließen mich offene Fragen beispielsweise zum Kindergeld und der nicht geringe selbst zu leistende finanzielle Beitrag durchaus zweifeln, doch die Vision der Projektgründer bewegte mich letztlich dazu, die Pläne für Kanada und Work&Travel beiseite zu legen:

Musik stillt zwar keinen Hunger, aber sie ist Grundnahrungsmittel für die Seele.

Musik schützt nicht vor Schlägen, doch sie heilt Wunden.

Musik ist keine Sprache, aber jeder kann sich durch sie ausdrücken.

Musik schafft keinen Weltfrieden, doch sie baut Brücken zwischen Kulturen.

Das steht auf der Website von „Musiker ohne Grenzen“. Und so oder so ähnlich antworte ich immer, wenn ich gefragt werde, was ich denn nächstes Jahr jetzt genau mache. Es geht darum, Menschen die Chance zu geben, Musik ganz anders und viel tiefer wahrzunehmen, als sie es vielleicht sonst könnten. Gerade Kindern und Jugendlichen eine Art Stütze zu geben, die sie auch in schwereren Zeiten mal tragen kann, und eine Community jenseits der Straße. Und natürlich um – welch großes Wort – Völkerverständigung, um ein gemeinsames Erleben. Musik verbindet, das habe ich in den vielen Ensembles gelernt, in denen ich bisher gespielt habe.

Guayaquil also. Wie gesagt bin ich noch nie in Südamerika gewesen, auch deswegen gab ich bei der Bewerbung explizit den Wunsch „Ecuador“ an. Und tatsächlich erhielt ich Mitte Juni die Zusage für einen Einsatz in „Clave de Sur“. Mit dieser Zusage begann die eigentliche Arbeit erst, fast gleichzeitig musste ich mich um Visum, Kindergeld, Auslandsversicherung, Flugbuchung, Spanischlernen und so weiter kümmern. Es war dabei nicht immer einfach, den Überblick zu erhalten, auch weil der Mailverkehr mit der Organisation nicht optimal klappte. Aber jetzt ist vorerst alles geschafft, vor ein paar Tagen habe ich mein Visum per Post zugeschickt bekommen. Nun gibt es kein Zurück mehr!

Vom 11. bis zum 14. Oktober werde ich in Berlin sein, wo das Vorbereitungsseminar stattfindet. Dann geht es mit dem Zug wieder zurück nach München (während der Fahrt werde ich die Wahlhochrechungen verfolgen können…), wo mir noch ein paar Tage für die letzten Vorbereitungen bleiben – und der 8. Geburtstag meiner Schwester Anouk gefeiert wird. Am Freitag, den 18. Oktober, ist es dann soweit – 7:00 Uhr früh Abflug vom Flughafen München.

Bis dahin habe ich noch Zeit, mich mit den unzähligen Features von WordPress vertraut zu machen, Noten einzusammeln und eine Packliste aufzustellen. Und ich warte noch auf die Nachricht meiner, bisher noch nicht feststehenden, Gastfamilie, für die ich schon – auf Spanisch! – einen Brief verfasst habe. Ach ja, und ein bisschen Spanisch lernen wollte ich noch… Mir wird also nicht langweilig.

¡Hasta luego!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.