Die Dengue-Story

Es ist Dienstag, der 12.8.2014. Ich wache morgens auf und fühle mich anders als sonst. Irgendwie fühle ich mich unwohl. Es ist der erste Tag an dem ich Deutschland und alle Menschen dort richtig vermisse. Ich habe geträumt, dass ich mit meinen Freunden unterwegs bin und höre die Lieder vom PAD. Auch habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich mich Zuhause fast gar nicht gemeldet habe, aber ich hatte kein Internet (Im Nachhinein habe ich mir sagen lassen, dass es Internet gab, aber sie scheinen meine Frage nach Internet nicht verstanden zu haben).

Dennoch gehe ich in die Musikschule, wo kein einziger Schüler, dafür aber alle Freiwilligen sind. Diese sitzen zusammen und besprechen mit John auf Spanisch, was sie am nächsten Wochenende machen. Ich sitze im Sessel und höre nur mit einem Ohr zu, weil ich da ja schon auf den Galapagos Inseln sein werde und dementsprechend nicht mitmachen werde. Langsam bekomme ich erstmalig das Gefühl, dass ich krank werde. Ich fühle mich etwas schwach und müde. Mittags bringt mich John nach Hause. Ich habe nur 10 Minuten Zeit zu essen, weil ich mitkommen soll um Nicole von der Schule abzuholen. Wir setzen uns ins Taxi, aber ich habe überhaupt keine Lust jetzt unterwegs zu sein, ich will Zuhause sein. An der Schule suchen wir Nicole und gehen hinein, weil sie an dem Tag ihre Noten bekommt. Wir laufen von einem Lehrer zum nächsten, bis mich plötzlich eine Frau fragt wer ich bin. Nicole erklärt es, doch es bringt nichts… Ich werde raus geworfen, weil ich weder Schüler, noch Elternteil bin. Also warte ich vor dem Eingang der Schule. Die Mittagssonne knallt in voller Stärke auf mich nieder und es gibt kaum Schatten und auch trotz Schatten ist es viel zu warm. Am liebsten würde ich mich hinlegen und schlafen. Als Nicol zurück kommt, fahren wir nach Hause. Dort lege ich mich aufs Sofa und schlafe. John holt mich heute nicht ab, weil er in der Stadt ist um unser Visum abzuholen und bis dahin ist man gut zwei Stunden unterwegs.

Als ich aufwache, habe ich Fieber. Mir tut alles weh und ich habe Kopfschmerzen. Kein Schnupfen und keine Halsschmerzen. Also ist es keine normale Grippe, da habe ich am Anfang immer Halsschmerzen. Ich sage Mama Chavez Bescheid und nachdem sie mir attestiert, dass ich sterben werde, vermutet sie, dass es Dengue Fieber sein könnte. Sofort kramt sie irgendwelche Tabletten hervor und gibt mir 2 davon. Ich weiß bis heute nicht was es war. Danach lege ich mich ins Bett, kann aber nicht schlafen. Nach einiger Zeit werde ich runtergerufen und mir wird gesagt, ich solle mehr Wasser trinken. Ich trinke soviel ich kann, aber das abgekochte Leitungswasser schmeckt fürchterlich. Ich sage, dass ich gerne zu einem Arzt möchte, weil es mir wirklich schlecht geht.

Also gehen Mama Chavez und ich los. Ich bin ein wenig überrascht, dass der ¨Arzt¨ drei Häuser weiter ist und eher eine Apotheke zu sein scheint. Eine Frau in Krankenschwestertracht beäugt mich durch das Gitter, welches vor jedem Geschäft im Guasmo ist, redet etwas auf Spanisch und gibt mir schließlich insgesamt vier Tabletten und irgendwelche Elektrolytlösung zur Senkung des Fiebers. Bei den Tabletten handelte es sich um zwei mal Paracetamol und zwei mal Amoxicilin. Ich nehme von beiden jeweils eine Tablette und gehe schlafen. Das erweist sich als relativ schwierig, weil ich so starken Schüttelfrost habe, dass die dünne Decke, die ich nur habe irgendwie nichts bringt. Ausserdem trainiert Jose Steven, mein Gastbruder, im Nachbarzimmer und hört dabei in voller Lautstärke Raggaeton, obwohl er weiß, dass ich im Nachbarzimmer liege, krank bin und schlafen will. Alle in der Familie haben sich so gut um mich gekümmert, aber er war in der Situation einfach nur rücksichtslos.

Am nächsten Morgen fühle ich mich genauso schlecht, jedoch sagt das Thermometer, dass das Fieber gesunken sei. Am späten Vormittag kommt John vorbei und schaut nach mir. Er war wohl schon am Abend vorher da, aber ich habe es nicht mitbekommen, da ich schon mitten in meinen Fieberträumen lag. Ich sage ihm, dass ich gerne in ein richtiges Krankenhaus gehen möchte und mich von einem echten Arzt untersuchen lassen möchte. Also mache ich mich mit ihm auf den Weg, marschiere mit Fieber durch das gesamte Viertel bis zum Krankenhaus. Das Krankenhaus hebt sich von der Architektur nur insofern ab, als dass es deutlich größer ist als die anderen Gebäude ist. Ansonsten ist es derselbe kahle Beton. Am Empfang schildert John meine Krankheit und ich werde in ein Behandlungszimmer geschickt. John muss draussen warten. Drinnen kommt eine Ärztin zu mir, gibt mir zu verstehen, dass ich mich auf den Gartenplastik-Stuhl setzen soll und ihr meinen Arm geben soll. Sie nimmt einen Gummihandschuh, legt ihn um meinen Arm um das Blut abzuschnüren. Als nächstes rammt sie mir eine Nadel in den Unterarm, und füllt eine Kartusche mit Blut. Ich bekomme einen Tupfer und werde wieder des Raumes verwiesen. John erklärt mir, dass wir drei Stunden auf das Ergebnis warten müssen, was, wie ich inzwischen weiß unglaublich wenig ist. Ich laufe wieder nach Hause. Vier Stunden später bekommen wir in einem verschlossenen Umschlag das Resultat des Testes:

NEGATIVO

Mein Herz macht einen Sprung und ich bin froh, dass ich kein Dengue habe. Ich hatte am Abend vorher den gesamten Wikipedia-Artikel gelesen und der hat nicht gerade dafür gesorgt, dass ich mir diese Krankheit gewünscht habe. Da es mir aber immer noch wirklich schlecht geht, müssen wir noch zu einem Allgemein Arzt. Wir warten mindestens eine Stunde in einem durch die Klimaanlage extrem unterkühltem Wartezimmer. Das Mobiliar bestand ausschließlich aus weißen Plastikstühlen, wie man sie aus dem Garten kennt.

Als wir endlich an der Reihe sind beginnt der Arzt mit seine Diagnose. Seine erste Idee ist, dass es Typhus sein könnte. Doch ich melde mich sofort, dass ich (zum Glück) geimpft bin.  Doch scheint ihn diese Tatsache komplett aus dem Konzept zu bringen, er fängt an auf einem Zettel alle potenziellen Krankheiten, die ich haben könnte anzukreuzen. Am Ende hat er ungefähr 20 Kreuze gesetzt, von denen einige nochmal umkreist sind, weil er diese Krankheiten für wahrscheinlicher als andere hält. Als ich ihm zeige, was ich für Tabletten genommen habe, schreibt er mir ein Rezept. Seine Krankheitsthese lautet: Lebensmittelvergiftung. Aber ehrlich gesagt schien mir das irgendwie unwahrscheinlich, weil ich weder Durchfall, noch irgendwelche anderen Magenbeschwerden hatte und auch nicht gekotzt habe. Die Tabletten, die ich bekomme sind erneut Amoxicilin. Wieder nehme ich sie. Ich bete, dass es mir am nächsten Tag besser geht, weil dort mein Flug auf die Galapagos Inseln abgeht. Der Arzt hatte keinerlei Bedenken bezüglich des Fluges geäussert. Ich gehe also schon früh schlafen, wobei ich vorher alle meine Sachen packe. Mama Chavez scheint nicht so begeistert von der Idee zu sein, dass ich am nächsten Tag in den Flieger steigen möchte, doch ich möchte es unbedingt, weil ich weiß, dass ich dort einfach viel mehr Ruhe bekomme und José sich mit Sicherheit gut um mich kümmern wird.

Am nächsten Morgen ist das Fieber immer noch da, doch trotzdem fahre ich mit John an den Flughafen, nachdem ich meine letzte Tablette genommen habe. Der Flug lief super und auf den Galapagos Inseln werde ich von José abgeholt. Das Fieber hat aber dafür gesorgt, dass ich mich kaum an Details erinnern kann. Im Haus lege ich mich sofort schlafen. Am nächsten Morgen wird mir bewusst, dass ich kein Fieberthermometer dabei habe. Aber da wir sowieso zum Arzt wollen, beschließen wir eins zu besorgen. Also fahren wir mit dem Fahrrad zum einzigen Krankenhaus der Insel. Es hat nur die Notaufnahme geöffnet und wir warten eine halbe Ewigkeit, bis wir dran kommen. Wir schildern dem Arzt meine Symptome, doch er weigert sich mich zu behandeln. Ich habe ja ¨nur¨ Fieber und Kopfschmerzen. Ich soll viel trinken und am Montag wiederkommen, falls es immer noch da ist. Das einzige Thermometer, was wir bekommen ist ein uraltes Quecksilber Thermometer. Doch irgendwie funktioniert es nicht, es scheint keine Flüssigkeit zu enthalten. Doch ich weiß, dass ich noch Fieber habe, ich fühle es und auch José sagt, dass ich immer noch glühe. Dennoch machen wir uns erneut auf den Weg und finden eine Apotheke, die ein ¨digitales¨ Thermometer führt. Naja, es war nicht das, was wir erwarteten. Es handelt sich um einem Plastikstreifen, den man sich auf die Stirn hält und der dann mittels Farben anzeigt wie hoch das Fieber ist. Jedoch ist es erstens unglaublich ungenau, da es nur ganze Zahlen anzeigt und wenn es 38 Grad anzeigt, kann es sowohl 37,5 Grad als auch 38,5 Grad, sein, was ja kaum ein Unterschied ist… Ausserdem kann ich mir nicht vorstellen, dass die Stirn ein geeigneter Ort zum Fieber messen ist. Also weiß ich weiter nur, dass ich Fieber habe aber nicht wie viel.

Am nächsten Morgen kommt Martin vom Festland und als würde der Himmel ihn schicken, hat er ein echtes, deutsches Fieberthermometer dabei. Das sagt, das ich leider immer noch Fieber habe, doch es ist niedriger als vorher. Am Sonntag wache ich auf und fühle mich das erste Mal so, als hätte ich kein Fieber. Ich messe und tatsächlich habe ich nur noch leicht erhöhte Temperatur. Also beschließe ich, dass ich endlich Mal wieder raus muss und begleite Martin mit José zum Hafen, wo seine Kreuzfahrt losgehen soll. Leider funktioniert nicht alles wie geplant und wir haben noch mehr Zeit, also trinken wir Jugo (Saft) und spazieren durch den Nationalpark. Aber die Euphorie über das fast verschwundene Fieber währt nicht lange. Anstatt von Fieber habe ich plötzlich roten Ausschlag an Hände und Füßen, der so unglaublich sehr juckt, dass ich fast den Verstand verliere. Wir müssen nach Hause gehen, bevor Martin abfährt, weil ich es einfach nicht aushalte. Die folgende Nacht ist eine der schlimmsten in meinem Leben. Ich liege bis vier Uhr wach und kann nicht schlafen, weil alles juckt und ich bin wirklich kurz davor den Verstand zu verlieren. Mehrmals verlasse ich unser Haus und spaziere durch die Straßen mich abzulenken. Im Endeffekt schlafe ich nur wenige Stunden und ich hätte lieber noch Fieber, als diesen Ausschlag gehabt. Am nächsten Morgen ist es ein wenig besser, dennoch beschließen wir ins Krankenhaus zu gehen, da ja auch Montag ist und ich nicht gesund war. Nach der obligatorischen Stunde Wartezeit dürfen wir eintreten und vor uns sitzt eine Ärztin und das erste mal fühle ich mich so, als würde sich jemand für mich interessieren. Sie ordnet zwei Bluttests an, einen für sofort, den anderen für den nächsten Tag. Sie erklärt mir, dass man für den sicheren Nachweis von Dengue acht Tage warten muss, daher muss ich am nächsten Tag wiederkommen. Ich gehe also in das ¨Labor¨ und setze mich auf einen großen Holzstuhl, der auch zu Folterzwecken benutzt werden könnte. Eine Schwester kommt rein, nimmt mir Blut ab, steckt die Kartusche in ihre Brusttasche und wirft die benutzte Nadel in ein Pappkarton mir eingeschnittenem Loch. Wir bekommen gesagt, dass wir in vier Stunden wiederkommen sollen, also verschwinden wir und gehen erstmal Mittagessen.

Als wir zurückkommen, gehen wir ins Labor und holen unser Ergebnis ab. Es ist ein normaler Bluttest, es stehen Werte und Abkürzungen darauf, von denen ich nichts verstehe, also müssen wir erneut zur Ärztin, damit diese uns sagen kann, was es bedeutet. Wieder warten wir unglaublich lange. Die Ärztin sagt uns schließlich, dass die Blutwerte alle in Ordnung sind und sie daher tatsächlich vermutet, dass es sich um Dengue handelt. Wir sollen also am nächsten Tag wiederkommen für den endgültigen Test.

Gesagt, getan, am nächsten Tag sitze ich wieder im Folterstuhl und bekomme dieses Mal zwei Kartuschen Blut abgenommen. Dazu sollte man sagen, dass die Dengue-Viren in Europa, sowie den USA und einigen anderen Ländern nur in Labors der Stufe 3 untersucht werden, da es ja bis heute keine Medikamente dagegen gibt und sie schweren Schaden verursachen können. Es gibt nur eine höhere Stufe, zu der extrem gefährliche Krankheiten wie Ebola gehören, die im Gegensatz zu Dengue hoch ansteckend sind. Ein Labor der Stufe 3 darf nur von ausgebildeten Fachkräften in angemessener Schutzkleidung benutzt werden, muss fest verschlossene Fenster und eine Tür mit Sicherheitsschleuse haben.. Zudem muss es stets ausreichend gelüftet sein, die Proben immer fest verschlossen und die Tische und der Boden aus Wasserundurchlässigem Material sein. Für Notfälle muss die Möglichkeit bestehen das Labor zur Dekontamination mit Gas zu fluten. Aber wie ihr vielleicht schon gemerkt habt, läuft das hier in Ecuador etwas anders. Das Labor hat eine nicht abgeschlossene Holztür mit einem Schild, auf dem steht, dass das Betreten verboten sei. Etwas daneben ist eine Art Fenster, wie bei einem Drive-In Schalter bei McDonalds, von dem man direkt in das Labor schauen kann. Drinnen sitzen gemütlich Leute, hören Laut Radio und lesen Zeitung. Das Mobiliar besteht aus Holztischen und Schutzkleidung trägt niemand. Aber mir soll es egal sein, solange ich mein Testergebnis bekomme…

Später komme ich wieder und bekomme dasselbe Blatt wie am Vortag in die Hand gedrückt. Wir fragen wo der Dengue Test sei, doch die Frau im Labor sagt, dass das der Test ist und ein Arzt die Werte auswerten muss und uns dann das Ergebnis sagen könne. Also stellen wir uns wieder an der Schlange an, doch uns wird kein Einlass gewährt. Einer der Arzthelfer nimmt irgendwann meine Ergebnisse mit und verschwindet im Inneren. Kurz darauf kommt er wieder und sagt uns, dass niemand die Ergebnisse lesen kann und die einzige Person, die sie lesen kann auf dem Festland ist und erst in einer Woche zurück kommt.
Geknickt gehen wir also zurück nach Hause, aber immerhin ist der Ausschlag weg und ich fühle mich zum ersten Mal wieder vollständig gesund. Weil mir die Ergebnisse jedoch nicht ganz geheuer sind und ich zuvor im Guasmo ja einfach nur einen Zettel bekommen hatte, auf dem das Ergebnis stand, schicke ich die Blutwerte nach Deutschland an einen Arzt, dem ich mehr vertraue (Viele Grüße und Danke, Martin). Er antwortet mir, dass es ja schöne Blutwerte seien, jedoch definitiv kein Dengue-Test dabei ist..

Alles klar, kein Problem, wir gehen einfach nochmal zum Krankenhaus und fragen nach. Wir gehen wieder ins Labor und dieses Mal sagen sie, dass der Bluttest zum Festland geschickt wurde und dort ausgewertet wird. Das Ergebnis komme in einer Woche.

Inzwischen sind wir echt genervt und haben keine Lust jeden Tag ins Krankenhaus zu latschen. Eine Woche vergeht und wir sitzen wieder vor dem Krankenhaus und waren auf den Einlass. Wir werden wieder zu keinem Arzt vorgelassen, doch die freundlichen ¨Türsteher¨/Arzthelfer gehen hinein und sagen uns, dass wir am nächsten Tag wiederkommen sollen und zur Anmeldung kommen sollen. Das Ergebnis sei dann dort. Voller Vorfreude kommen wir am nächsten Vormittag wieder und gehen zur Anmeldung. Doch plötzlich heißt es, ich benötige meinen Pass sowie eine Kopie desselbigen. Danke, dass ich das jetzt plötzlich benötige und mir das vorher gesagt wurde! Leider sind wir zum Essen eingeladen und ich muss erst noch meinen Pass holen. Ausserdem habe ich ja schon Unterricht. Also komme ich Nachmittags mit der Ausweiskopie wieder und gehe zum Empfang. Doch da heißt es, wir seien zu spät, sie würden um 16:30 Uhr schließen und es sei schon 16:40 Uhr. Wir sagen, dass wir nur endlich das Testergebnis haben wollen.Wir sollen warten, sagt einer und verschwindet hinten in einem Raum. Er kommt zurück und sagt, dass der Test negativ sei und wir die schriftliche Version am nächsten Morgen um 7:30 Uhr abholen sollen.
Ich bin nicht komplett von der Nachricht überzeugt und zweifel so sehr, dass Johnny schon sagt: ¨Joshua, du willst doch Dengue haben!¨. Will ich definitiv nicht, das würde nämlich bedeuten, dass ich keine Ecuador Rundreise machen könnte und vermutlich auch nicht mehr nach Thailand fliegen könnte… Dennoch ist die Hoffnung da, dass der Arzt recht hatte. Doch es wäre zu einfach.

Am nächsten Morgen pünktlich um halt Acht stehen wir vor der Anmeldung und einer endlos langen Schlange. Nach einer Stunde sind wir endlich dran. Nachdem sie alle Daten aufgenommen haben und mir meine gefühlt hundertste Akte angelegt haben, bekomme ich eine Nummer und soll im Wartezimmer Platz nehmen. Es sitzen mindestens 20 andere Leute mit mir hier, doch nach nur zehn Minuten bin ich schon an der Reihe. Ich komme in ein Zimmer zu einer Ärztin, die mich fragt was für Symptome ich hatte. Zum tausendsten Mal erkläre ich: Nur Fieber, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, Augenschmerzen und Ausschlag. Und NEIN, kein Durchfall, keine Übelkeit oder Magenschmerzen! Sie sagt, es klingt nach Dengue, dass der Test aber sieben Tage nach Ausbruch durchgeführt werden muss. Sie fragt, warum wir denn nicht beim Arzt waren und einen Dengue Test machen lassen haben…

Ich frage mich, wie ich in der Situation ruhig bleiben konnte, aber irgendwie lernt man hier sich über nichts mehr aufzuregen, weil man sonst viel zu schnell kollabieren würde. José schildert ihr also langsam, dass wir schon zwei Mal zum Bluttest da waren, aber anscheinend kein Dengue Test vorhanden sei, obwohl er angeordnet wurde. Das Problem ist nur eben, wie soll es anders sein: Der einzige Arzt, der einen Dengue Test durchführen kann ist auf dem Festland und kommt erst in einer Woche wieder… Wir fahren wieder nach Hause und ich beschließe, dass ich noch genau ein Mal ins Krankenhaus für den Test und ein einziges Mal für das Ergebnis gehe.

Inzwischen ist Dienstag, am nächsten Tag soll ich zum Test ins Krankenhaus kommen. Ich habe die Symptome nochmal genau geprüft und sie passen einfach 100% exakt genau auf Dengue. Darum werde ich, sollte das mit dem Test am nächsten Tag nicht klappen, einfach davon ausgehen, dass es Dengue war. Zudem kommt, dass ich heute bei FUNDAR im Büro war und endlich Enio kennen gelernt habe. Wer Enio ist, erzähle ich euch wann anders, interessant ist nur, was er gesagt hat:
Laut seinen Angaben war irgendeine Gesundheitsbehörde im Büro, hat sich nach unserem Haus erkundigt und war angeblich sogar dort um es zu überprüfen. Zudem soll das Haus, in dem ich im Guasmo gelebt hab, bzw. die Region darum auf weitere Fälle überprüft worden sein. Ich weiß nicht inwiefern das Schwachsinn ist, was er erzählt hat, aber wenn es wahr sein sollte, dann könnte ich echt einfach mal ein paar Köpfe abreißen! Die beschatten mich komplett, anstatt einfach nur einen Test durchzuführen, der sogar im heruntergekommendsten Krankenhaus im Guasmo gerade mal 3 Stunden gedauert hat.

Anscheinend haben sie inzwischen aber Angst, dass ich tatsächlich Dengue gehabt haben könnte. Und bevor mir irgendjemand Vorwürfe macht, als ich geflogen bin, war ich der festen Überzeugung kein Dengue zu haben. Ich hatte das Testergebnis aus dem Krankenhaus in Guayaquil und wusste nichts davon, dass man Dengue am dritten Tag noch nicht zwangsläufig nachweisen kann. Ausserdem hat John mir gesagt: Ich kenne viele die Dengue hatten, wenn deine Augen nicht schmerzen, ist es kein Dengue! Und zu dem Zeitpunkt haben sie nicht geschmerzt, das kam erst am zweiten Tag auf den Galapagos Inseln.

Wenn ich jetzt hier etwas eingeschleppt habe, dann habe ich wirklich das schlechteste Gewissen, dass man haben kann, aber glaubt mir ich habe es einfach nicht besser gewusst. Und ich will jetzt keine Schuld von mir weisen, aber ich erinnere mich sehr gut, dass man sich am ersten Tag hier im Krankenhaus geweigert hat mich zu behandeln, obwohl ich auf den anfangs vorhandenen Dengue-Verdacht hingewiesen habe. Und auch an den folgenden Tagen hätte ein einfacher Test ja auch genügt um die Gefahr zu erkennen und was dagegen zu tun. Zum Glück habe ich hier von Anfang an mit Moskitonetz geschlafen und gestochen wurde ich (soweit ich hoffe) erst, als es mir wieder gut ging.

Also gehe ich am besagten Mittwoch, den 3. September, morgens früh ins Krankenhaus in der Hoffnung endlich einen Test zu bekommen. Die Schlange an der Anmeldung ist wieder 42km lang und wir müssen uns wieder ganz hinten anstellen. Irgendwann kommen wir endlich dran, doch bekommen gesagt, dass es so voll sei, dass wir erst am späten Vormittag dran kommen würden. Also bekommen wir einen Termin bei der Ärztin, bei der wir beim letzten Mal auch waren. Überpünktlich (typisch Deutsch) sind wir wieder im Krankenhaus und setzen uns vor dem Behandlungsraum hin und warten… Und warten… Irgendwann kommt ein Arzt mit buschigem, weißem Haar auf uns zu und fragt mich, ob ich Joshua sei.
Ich bejahe und er setzt sich zu uns. In der Hand hat er den Zettel, den die Ärztin beim letzten Mal ausgefüllt hatte. Darunter schreibt er klein und unleserlich:

DENGUE IGM POSITIVO

Alles klar, endlich habe ich ein Ergebnis, auf das ich mich verlassen kann. Woher der Test plötzlich kommt, weiß ich nicht, uns hatte man gesagt es gäbe keinen. Anscheinend hat es doch einen gegeben und er musste tatsächlich auf dem Festland untersucht werden.
Dann fängt der Arzt an zu erzählen, Johnny hat im Gegensatz zu mir noch nicht die Wikipedia Artikel auswendig gelernt und lässt sich alles genau erklären. Doch der Arzt ist wirklich freundlich und schildert alles anschaulich und verständlich. Irgendwann kommt die Ärztin, zu der ich eigentlich sollte raus und stellt sich dazu.

Jetzt wird es interessant, weil sich beide die Frage stellen, warum der Test erst so spät kam, warum man mich nicht schon am Anfang genauer untersucht hat und wieso zwei mal ein falscher Test gemacht wurde. Schon der erste Arzt im Krankenhaus hätte das erkennen, melden und behandeln müssen. Der Arzt mit den weißen Haaren scheint extrem verärgert über die Ärztin sowie alle anderen, bei denen ich war. Er rechnet uns vor: Man wird täglich durchschnittlich fünf mal gestochen. Fünf Tage war ich auf den Galapagos Inseln in der Phase, in der ich den Virus verbreiten konnte. Die Moskitos stechen weitere Personen und vermehren sich in der Zeit auch noch. Ihr könnt euch selbst ausrechnen, wie groß die Gefahr ist, dass so etwas eine Epidemie auslöst. Ich hoffe wirklich, dass ich gut genug aufgepasst habe und nicht gestochen wurde, weil ich nicht derjenige sein möchte, der eine Dengue-Epidemie auf den Galapagos Inseln auslöst. Zum Glück ist der Überträger des Virus, die weibliche Gelbfiebermücke, hier nicht so verbreitet und da bis jetzt noch niemand in meinem Umfeld ebenfalls erkrankt ist, hoffe ich, dass wir alle Glück gehabt haben.

Mir geht es inzwischen aber wieder perfekt, ich bin topfit, bin die ganze Zeit unterwegs, arbeite, esse, genieße und bin glücklich hier sein zu dürfen. Doch die Krankheit wird für mich jede Menge Folgen haben. Da die Zweiterkrankung mit einem Dengue Virus eines anderen Typs weit gefährlicher ist, als die Erste, werde ich in Zukunft Gebiete, in denen die Krankheit verbreitet ist meiden müssen. Das schränkt meine Freiheit auf der Welt irgendwie total ein, weil die meisten tropischen und subtropischen Urwaldregionen für mich zum Tabu werden. Aber wer weiß, vielleicht gibt es in einigen Jahren ja schon eine Möglichkeit Dengue zu bekämpfen…

Ich bin inzwischen als dritter offizieller Dengue-Fall auf den Galapagos Inseln eingetragen und damit offiziell zum Denguepapst ernannt worden!

Das war die erste spannende Geschichte, für euch und ich hoffe, dass sie wirklich zu Ende ist und ich nicht noch ein Kapitel dazuschreiben muss.

Einen ganz besonderen Dank schulde ich noch Josefin und Johnny, die mich in der ganzen Zeit gepflegt haben oder mit mir im Krankenhaus waren und sich mit den Knallköpfen dort rumgeschlagen haben

Also, bleibt gesund, genießt das Leben und haltet euch fern von Moskitos!

Wunderschöne Grüße,

Joshua (Denguepapst)