{"id":263,"date":"2019-11-10T02:17:13","date_gmt":"2019-11-10T01:17:13","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.musikerohnegrenzen.de\/sophialoos\/?p=263"},"modified":"2019-11-18T21:42:01","modified_gmt":"2019-11-18T20:42:01","slug":"paro-in-ecuador","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.musikerohnegrenzen.de\/sophialoos\/2019\/11\/10\/paro-in-ecuador\/","title":{"rendered":"Paro in Ecuador"},"content":{"rendered":"\n<p>Sicherlich haben einige unter euch von den Aufst\u00e4nden und Streiks (<em>paro<\/em>) in Ecuador Anfang Oktober geh\u00f6rt. Mir ist bewusst, dass dieser Eintrag reichlich sp\u00e4t kommt, aber ich habe gemerkt, dass mich das Thema nach wie vor besch\u00e4ftigt und ich lieber sp\u00e4ter, als nie diesen Eintrag hochlade. <br>Bevor ich richtig beginne, m\u00f6chte ich euch daraufhinweisen, dass ich mich zwar bem\u00fcht habe, alles, was ich \u00fcber den Verlauf des <em>paros<\/em> schreibe, zu recherchieren, aber ich garantiere nicht f\u00fcr eine absolute Richtigkeit- es ging n\u00e4mlich drunter und dr\u00fcber und war oftmals schwer f\u00fcr mich nachzuvollziehen. <br>Wenn euch das Thema also interessiert, lest euch unbedingt Zeitungsartikel im Internet durch oder informiert euch auf anderen Kan\u00e4len. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein kurzer Ausflug in die politische Vergangenheit Ecuadors:<\/p>\n\n\n\n<p>2008 wurde Correa, der Partei &#8222;Alianza Pa\u00eds&#8220; zum Pr\u00e4sidenten Ecuadors gew\u00e4hlt. Sein Regierungsstil, auch &#8222;Correismus&#8220; genannt, ist vor allem durch die massiven Investitionen in \u00f6ffentliche Infrastruktur, Stra\u00dfen, Wasserkraftwerke, Schulen, Gesundheitszentren und andere Projekte popul\u00e4r. Die Regierung k\u00e4mpfte ausserdem gegen Steuerhinterziehung und Steuerumgehung an, was zu einem erheblichen Anstieg der Steuereinnahmen f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem Correa nach zwei Amtszeiten (10 Jahre) nicht mehr zur Wahl antreten durfte, kandidierte Len\u00edn Moreno, der die Wahl schlie\u00dflich gewann. Moreno geh\u00f6rt der gleichen Partei an und versprach vor der Wahl den Regierungskurs Correas fortzuf\u00fchren. Sobald er jedoch im Amt war, verfolgte er eine rechtsgerichtete Agenda, tauschte die Parteif\u00fchrung aus und schafft zunehmend die Errungenschaften Correas ab. Damit verlor die Partei an Unterst\u00fctzung und auch die Bev\u00f6lkerung wurde immer unzufriedener, da er sein Wahlversprechen nicht hielt. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie es nun zum <em>paro<\/em> kam und wie dieser verlief:<\/p>\n\n\n\n<p>Am 1.10.2019 beschloss die Regierung, die Subventionen auf Treibstoff zu streichen. Daraufhin stieg der Preis f\u00fcr eine Gallone Diesel um mehr als die H\u00e4lfte (von 1,03 auf 2,30 Dollar) und f\u00fcr Benzin um knapp 25% (von 1,85 auf 2,39 Dollar).<br>Wegen des Kredits des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) in H\u00f6he von 4,2 Milliarden Dollar verpflichtete sich Ecuador zu sog. Strukturreformen, zu denen eben auch diese Ma\u00dfnahme geh\u00f6rte.<br>Daraufhin brachen Demonstrationen aus, die ziemlich schnell aus dem Ruder liefen: Demonstranten warfen mit Steinen, errichteten brennende Barrikaden\u2026 Zudem blockierten Taxi-, Bus- und Lkw-Fahrer wichtige Verbindungsstra\u00dfen und stoppten den Verkehrsfluss in mehrern St\u00e4dten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter, am 3.10.2019, erkl\u00e4rte Moreno dann den Ausnahmezustand, der urspr\u00fcnglich 60 Tage andauern sollte, sp\u00e4ter dann aber auf 30 Tage gek\u00fcrzt wurde. Dieser berechtigte die Regierung, Streitkr\u00e4fte einzusetzen und die Pressefreiheit erheblich einzuschr\u00e4nken. <\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund der andauernden, heftigen Proteste traf sich Moreno am 12.10.2019 schlie\u00dflich zu Gespr\u00e4chen mit Vertretern des B\u00fcndnisses indigener Nationalit\u00e4ten (&#8222;Conaie&#8220;). Nach stundenlangen Verhandlungen verk\u00fcndete er die vorher festgelegten Ma\u00dfnahmen zur\u00fcckzunehmen und den Ausnahmezustand aufzuheben. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie ich den <em>paro<\/em> empfunden habe:<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe erstmal nur \u00fcber die Medien von den Aufst\u00e4nden hier in Ecuador erfahren. Zun\u00e4chst waren n\u00e4mlich vor allem die Gro\u00dfst\u00e4dte betroffen. Meine Gastmutter und -oma, die sich eh schon immer \u00fcber alles Sorgen und Gedanken machen, waren nun doppelt aufgeregt und besorgt. <br>Als der Ausnahmezustand ausgerufen wurde, erlaubten sie mir zun\u00e4chst auch nicht, das Haus zu verlassen. Da es in Playas aber ruhig blieb, waren sie dann doch etwas entspannter. Der laufende Fernseher, der st\u00e4ndig Videos von h\u00e4sslichen Stra\u00dfenk\u00e4mpfen, \u00dcberf\u00e4llen und Schie\u00dfereien zeigte, machte mich dann aber doch sehr besorgt. Ich hatte das Gef\u00fchl, es wurde ganz gezielt \u00fcber die Medien Angst gesch\u00fcrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Streichung der Sanktionen bedeutete nicht nur, dass Taxi- und Busfahrten \u00fcber Nacht teurer wurden, sondern auch, dass die Lebensmittel, die aus der <em>sierra<\/em> in die <em>costa<\/em> geliefert werden, preislich anstiegen. Durch den Streik der Transportunternehmen wurde dann ziemlich viel lahmgelegt. Die Leute konnten nicht mehr arbeiten und die Wut der Bev\u00f6lkerung stieg zunehmend an. Bald schon ging es nicht allein um den gestiegenen Treibstoffpreis, sondern generell um die Politik Morenos. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Ausnahmezustand befeuerte meiner Meinung nach die Aufst\u00e4nde noch zus\u00e4tzlich: Die Auseinandersetzungen mit der Polizei nahmen zu, es wurde eine grosse Zahl an Demonstranten festgenommen und leider sind auch einige w\u00e4hrend der Auseinanderstezungen gestorben. <\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>ind\u00edgenas<\/em> (Ureinwohner der <em>sierra<\/em>), die f\u00fcr den Gro\u00dfteil des landwirtschaftlichen Ertrags Ecuadors sorgen, konnten durch die hohen Kosten kaum noch ins Land ausliefern. Um eine Einigung mit dem Pr\u00e4sidenten zu erzwingen, stellten sie die Auslieferung kurzerhand ein. Als aber auch das nichts bewegte, machten sich Hunderte von <em>ind\u00edgenas<\/em> \u00fcber eine Woche lang zu Fu\u00df (!) auf den Weg nach Quito, um sich vor Ort an den Protesten zu beteiligen und sich mit dem Pr\u00e4sidenten zu Gespr\u00e4chen zu treffen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend in der <em>sierra<\/em> wirklich Proteste stattfanden, die zwar zunehmend gewaltsamer wurden, nutzten besonders in Guayaquil die Menschen die vorliegende Situation aus: Stellenweise gab es eine geringere Polizeipr\u00e4senz, da Polizisten vor allem staatliche Institutionen bewachten und auf blockierten Bundesstra\u00dfen eingesetzt wurden, was die arme Bev\u00f6lkerung ausnutzte, um Elektronik- und Lebensmittelgesch\u00e4fte sowie Banken zu \u00fcberfallen und auszupl\u00fcndern. <br>Das eigentliche Ziel der Proteste hatten somit viele aus den Augen verloren. <br>Besonders in den Gro\u00dfst\u00e4dten war es deshalb sehr gef\u00e4hrlich zu dieser Zeit. <\/p>\n\n\n\n<p>In Playas fand nur an einem Tag ein Protest statt, an dem dann auch das Cacique geschlossen war. Dieser verlief aber zum Gl\u00fcck friedlich.<br>An mehreren Tagen schloss die Musikschule bereits um 17 Uhr und einige Sch\u00fcler kamen nicht, weil die Eltern die Lage als zu gef\u00e4hrlich empfanden. <br>Am Abend sollte ich vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein. Die Innenstadt war bereits gegen 18 Uhr wie leer gefegt und fast alle L\u00e4den schlossen fr\u00fcher. Die Lebensmittelengp\u00e4sse sorgten daf\u00fcr, dass die Regale in den Tiendas und Superm\u00e4rkten immer leerer wurden. Besonders Fleisch, Gem\u00fcse, Eier und Obst wurde rarer. Das, was noch da war, wurde einfach immer teurer. <\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Tagen des <em>paros<\/em> durfte man sich zudem zwischen 20 und 5 Uhr nicht mehr vor staatlichen Institutionen, wie dem Rathaus, aufhalten. Ab 12 Uhr nachts war es dann ganz verboten, sich auf den Stra\u00dfen aufzuhalten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten konnte ich mich aber nach wie vor tags\u00fcber sicher frei bewegen und es \u00e4nderte sich nicht viel f\u00fcr uns. Die freie Zeit nutzten wir vor allem zum Kartenspielen und f\u00fcr Filmeabende. Eigentlich wollten wir bereits Anfang Oktober \u00fcbers Wochenende nach Ol\u00f3n reisen, was dann nat\u00fcrlich nicht mehr m\u00f6glich war. <\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt war es eine turbulente Zeit. Auch in Playas habe ich deutlich die angespannte Stimmung sp\u00fcren k\u00f6nnen und schliesslich auch die Erleichterung, als der <em>paro<\/em> zu Ende war. <br>Einerseits habe ich die Ratschl\u00e4ge und Sorgen meiner Gastfamilie nat\u00fcrlich zur Kenntnis genommen, denn sie konnten die Situation definitiv besser einsch\u00e4tzen als ich. Andererseits habe ich aber auch gemerkt, dass ich Abstand zu all dem wahren muss. Besonders am Anfang war ich doch sehr \u00fcberrumpelt von den Geschehnissen- so etwas habe ich einfach noch nie erlebt. Ja, ich hatte wirklich etwas Angst, oder ein beklemmendes Gef\u00fchl, in das ich mich nicht hineinsteigern wollte. <\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist der <em>paro<\/em> ja quasi wieder vorbei. Ich kann also wieder sorglos mit meinem Fahrrad zum Cacique radeln und wir k\u00f6nnen \u00fcbers Wochenende verreisen. Aber noch immer gibt es keine neue Einigung. Die Streichungen der Subventionen wurden zwar aufgehoben, es ist also alles wieder wie vorher, aber Fakt ist, dass Ecuador noch immer keine L\u00f6sung f\u00fcr seine finanzielle Probleme gefunden hat. <br>Inzwischen werden immer mehr parteikritische oder correanahe Politiker politisch verfolgt und erhalten Drohungen. Moreno s\u00e4ubert im Schein des wiedererlangten Friedens also die Reihen der Opposition. <br>Auch Fernseh- oder Radiosender wurden zeitweise ohne ernsthafte Begr\u00fcndung vom Netz genommen. <br>Die Lage ist also nach wie vor angespannt und man wei\u00df nicht genau, was in naher Zukunft geschehen wird. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sicherlich haben einige unter euch von den Aufst\u00e4nden und Streiks (paro) in Ecuador Anfang Oktober geh\u00f6rt. Mir ist bewusst, dass dieser Eintrag reichlich sp\u00e4t kommt, aber ich habe gemerkt, dass mich das Thema nach wie vor besch\u00e4ftigt und ich lieber sp\u00e4ter, als nie diesen Eintrag hochlade. 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