¡Familia Flores!

Neuigkeiten von äußerster Wichtigkeit haben sich angestaut. Das erste Mal richtig unwohl in meiner Familie habe ich mich schon Ende August gefühlt. Als ich nach Hause gekommen bin waren alle meine Sachen verstreut auf dem Bett und offensichtlich im Koffer gewühlt. Ich dachte so: „ok, was ist jetzt passiert?“ Aber gut ich habe eine 2 Jahre alte Nichte, die fasst eben alles an, was sie in die Finger bekommt.
Mir hat dann im Laufe des Septembers drei Mal Geld gefehlt. Aus meinem Koffer, aus meiner Tasche, aus meinem Geldbeutel, immer wieder stellte ich fest, dass ich ziemlich sicher, mehr vorher hatte. Ich habe gleich beim ersten Mal mit meiner Gastmama geredet, die weniger geschockt als ich dachte, immerhin angeboten hat, mein Geld zu verwahren. Das hat dann auch erstmal geklappt, bis mir dann selbst mein Kleingeld genommen wurde. Es war einfach ein ganz schöner Schlag auf den Kopf für mich. Ich weiß, dass meine Familie wenig Geld hat und bestimmt das ein oder andere Kind gerne öfter Schokolade hätte als möglich ist. Aber wie gern würde ich Schokolade für alle kaufen? Wenn ich mein Geld verwalten kann. Mein Vertrauen war quasi wieder am Anfang nach diesem Monat. Ich hab das irgendwie nicht geschafft, zu vergessen. Immer wieder dachte ich: „ok wie viel Geld hast du gerade in deinem Geldbeutel? 3$? Dann schläfst du damit besser unter dem Kopfkissen.“ Das war einfach sehr anstrengend. Ich bin nicht hier, um jeden Tag Angst um mein Eigentum zu haben. Dass Klamotten und Schuhe von mir von den Kindern ohne Fragen angezogen wurde und ich einzelne Teile Tage später unter der Waschmaschine fand, daran hatte ich mich fast gewöhnt. Aber wenn man länger darüber nachdenkt, ist es unglaublich anstrengend, nie zu wissen, wer gerade an deinen Sachen ist und das Gefühl zu haben, eigentlich alles weg sperren zu müssen.
Und das mit dem Geld verwahren hat auch nicht geklappt. Als ich nach Olon gefahren bin, und 20$ aus meinem Umschlag wollte, hieß es: „ja das haben wir gerade nicht, erst Montag, wenn Waldemar sein Gehalt bekommt.“ Das Gehalt kam 2 Wochen später und ich war leicht verwirrt, wie ich diese Situation aufnehmen soll. Ich habe eigentlich immer wieder Vertrauen aufgebaut, es ist immerhin meine Familie hier, aber wurde ständig zurückgestoßen.
Es sammelte sich irgendwann, vielleicht durch meine subjektive Wahrnehmung, immer mehr an, bis ich – von den anderen Freiwilligen bewegt – nach einer anderen Familie Ausschau hielt.
Wir besuchten eine Familie etwas am Stadtrand von Playas, aber am Strandstadtrand (!), die mir total gut gefiel. Die zwei Söhne hatten letztes Jahr Schlagzeugunterricht in der Musikschule, und wollten wieder eine Freiwillige aufnehmen. Das Haus, ist das komplette Gegenteil von meinem bisher. Steinfließen im Wohnzimmer und in der Küche. Ein Tisch zum gemeinsamen Essen, nur drei Kinder und eine Mama, die ständig auf Achse ist. Aufklärungsreunións für Frauen, eigene Firma, kleiner Bazar im Stadtzentrum. Ich hätte den Luxus eigentlich gar nicht gebraucht, das alles ging in der alten Familie auch, aber das Interesse an mir, das bei dem Besuch schon da war, die Kinder, die mich sofort mit Schwester begrüßt haben und die verlockende Aussicht auf ein Zimmer, in dem mein Koffer unberührt bleibt, haben mich zu meiner Entscheidung bewogen, umzuziehen.

mein Umzug im Tricimoto!

mein Umzug im Tricimoto!

Und jetzt bin ich hier! In vielen Teilen, einem Leben, das meinem in Deutschland sehr ähnlich ist. Wenn morgens alle schon los sind, steht ein Teller mit Frühstück in der Küche. es gibt Müsli und Milch und überhaupt einen vollen Kühlschrank. Ich habe Internet hier und eine Kommode für meine Klamotten. Aber darum geht es im Grunde nicht. Es geht um Dinge, wie dass ich mich bei einem Tee mit meiner Gastmama über die Frauensituation in Ecuador unterhalte. Über Aufklärung, den kirchlichen Einfluss und die vielen vaterlosen Kinder in Ecuador. Es macht mich unbeschreiblich glücklich morgens mit ihnen an einem Tisch zu sitzen und zu frühstücken. An einem gemeinsamen Tisch. Ohne dass der Fernseher läuft. Ich muss sagen, wenn ich nur diesen Teil Ecuadors kennengelernt hätte, würde mir vielleicht etwas fehlen. Ich bereue die Erfahrungen nicht, die ich bisher gemacht habe und gebe ehrlich zu, dass ich in der Dusche heute Morgen den Eimer gesucht habe, bevor ich den Duschkopf an der Decke entdeckt habe. Aber jetzt ist es hier gerade wundervoll für mich! Und wenn ich mir überlege, wie lange ich hier noch bin, freue ich mich darauf für die 4 mal deutsch aufzukochen. Das ist doch mit insgesamt fünf Mündern leichter, als für 14! Und meine andere Familie hier hat mir den Wechsel in keiner Weise übel genommen. Ich hatte eher das Gefühl, sie waren erleichtert. Dass wieder alles seinen gewohnten Gang geht, ohne die Probleme, die sie vor mir vertreten mussten. Dass ein Bett frei wird. Dass sie sich eben wieder um sich kümmern können. Ich glaube ich war letzlich doch die Zeit über nur Gast. Und der bin ich hier nicht!
Ich habe schon die Kinder von der Schule abgeholt und beim Waschen geholfen. Ich war schon mit meiner Gastmama einkaufen und habe ein Gericht gelernt. Und sportlich bin ich jetzt auch, weil es jeden Tag 15-20 Minuten Fahrradfahren heißt, um ins Zentrum zu kommen. Aber was soll’s. Ich bin ja nicht zum Urlaub machen hier!

 

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Ola Sinfoníca!

Ja, ich weiß schon. „Hat die Musikschule eigentlich schon geöffnet?“ „Und das mit dem Unterricht, hat das bereits angefangen?“ „Aber musikalische Arbeit ist das ja nicht so, von was du berichtest.“

Also ich schulde euch einen Bericht, in dem ich als Ola Sinfoníca Mitglied spreche. Ja der Unterricht ist das ganze Jahr über. Es sind ja immer Freiwillige vor Ort, um Schüler zum weitermachen zu motivieren. Und wenn gerade kein Klavierlehrer da ist, gibt es eben übergangsweise Schlagzeug Klasse. Das kann man positiv und negativ sehen finde ich. Die Kinder hier haben tendenziell auf alles Bock. Und wenn sie dann einmal kommen und der festen Überzeugung sind bald Stargitarrist in Guayaquil zu sein, aber plötzlich eine Geige sehen: „Qué está?“ („was ist das?“) Ja das will ich auch lernen. Und das laute da drüben? Schlagzeug! Ja das auch.

Der ecuadorianische Lifestyle ist etwas inkonsequent und eventuell auch oft unbewusst etwas unrealistisch. Aber so lange die Motivation sie in eine Musikschule treibt, soll man ja nicht meckern. Es ist toll zu beobachten, wie Kinder von ihren Eltern begleitet werden und beim Abholen lautstark gestikulieren, wie man den Ton „sol“ auf der Blockflöte spielen kann.

Genauso faszinierend finde ich aber auch, wie Jugendliche in unserem Alter einer Eingebung folgen und Geige spielen wollen neben dem Studium. Gibt es das in Deutschland überhaupt? Ich kenne Musikschulen nur, vollgestopft mit Grundschulzwergen, die den Unterricht im Wissen verlassen zuhause bestimmt wieder mit ihren – während dem Unterricht wahlweise Kaffetrinkenden oder perfektionistisch mitschreibenden – Müttern ihr Instrument üben zu müssen. Na gut ich gebe zu, ich war einer von den Zwergen, die Zuhause zum Üben mit belohnenden Pfannkuchen getrieben wurde.

Das mag ich hier. Dass es keine Norm gibt. „Mit 6 fängt man sein Instrument an, später lernt man es nicht mehr.“ Und wenn nicht, man lernt immer so viel, wie man lernen will. Und wenn der Schüler nach 3 Stunden merkt, Nö Fußballspielen finde ich doch cooler, hey, dann muss kein Musikschulvertrag auslaufen, sondern er geht einfach Fußballspielen.

Was aber der Nachteil ist, ist, dass mein Stundenplan, den ich im August ganz optimistisch entworfen habe, vorne und hinten nicht funktioniert. Mittlerweile weiß ich, welche Schüler zuverlässig zu ihren Stunden erscheinen (zwei) und welche vorbei kommen, wenn das Fernsehprogramm nichts hergibt und kein Surfwetter ist (achtzehn). Mein Nachmittagsalltag ist demnach beschränkt spannend. Ich sitze mit den Anderen in der Musikschule, wir unterhalten uns, spielen Karten, löffeln überteuerten (aber-mir-egal-ich-brauche-joghurt) Joghurt, singen, planen die Woche und hin und wieder verschwindet einer von uns zum Unterrichten.

Im Moment ist das noch alles schön und gut, aber die Projektphase, die wir für Dezember geplant haben, scheint wie eine Erlösung, in der wir endlich genug Erfahrung und Zeit haben, etwas Strukturiertes durchzuziehen. Die Projektphase hat ein Konzert um Weihnachten herum am Ende, sodass wir hoffentlich präsentieren können, warum es uns alle hierhin verschlagen hat. Man könnte meinen, es wäre der Strand und das Wetter – pffff.

Vielleicht hört sich Dezember jetzt ein bisschen spät für das erste Konzert an, aber das Problem ist, dass wir so gut, wie keinen musikalischen Übergang mit den vorherigen Freiwilligen hatten. Nur Insa und ich, aber trotzdem haben wir uns hier ins kalte Wasser geworfen gefühlt. Jetzt ist ein Monat vergangen und langsam kommen wir an, was die musikalische Arbeit betrifft. Wir haben Flötenklassen vormittags in den Schulen, wir unterstützen den Chor in dem Seniorenheim hier, wir fahren auf Konzerte, um Ola Sinfoníca zu präsentieren und wir haben die Bandproben mit einer ecuadorianischen Jungsgruppe wiederaufgenommen, die letztes Jahr mit den anderen Freiwilligen aufgetreten ist.

Ich bin zuversichtlich, dass die Musikschule noch Luft nach oben bietet, wenn wir alle noch mehr da sind und mehr Ahnung haben, wie wir was organisieren können. Und bald kann auch die Musik mit all den coolen Erfahrungen in Playas mithalten, mit all den Leuten, die wir jetzt schon grüßen und treffen, mit all den Aktionen, die wir hier genießen und uns denken: „Alter, das ist einfach so ein perfektes Jahr hier! Fehlt nur noch, dass die Musikschule läuft… „

Kurztrip ins Paradis: Canoa

O’zapft is‘

was für eine vielfältige Überschrift!

Bald fängt mein dritter Monat in Playas an, der Oktober. Und damit auch die Maßkrugfotos auf facebook. Aber was soll’s – auch in Playas kann man den Anstich erleben!

Für Samstagabend haben wir beschlossen unsere eigene „Fiesta de munich“ zu machen.

Nach der Musikschule sind wir direkt ins Zentrum. Zuerst haben wir für einen guten Zweck, nein für zwei gute Zwecke, Bingo mitgespielt. Der Erlös ging an ein krankes Kind in Playas, gleichzeitig habe ich meine Zahlenkenntnisse vertiefen können. Aber wer weiß, vielleicht habe ich ja doch die ein oder andere Zahl missverstanden und eigentlich hätte ich den Sack Reis als Hauptgewinn bekommen. Ich bin mir fast sicher, dass ich mich verhört habe!

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Bingo wird hier fast jeden Tag irgendwo gespielt, um Spenden für Kirche, Krankenhaus oder andere Projekte zu sammeln. Na und irgendwann gewinnen auch wir bei diesen rammelvollen Events den ein oder anderen Schnickschnack.

Nach der dritten Runde und einem wachsenden Loch in unseren Bäuchen, haben wir unser Wiesen-Projekt gestartet.

Es gab eine große Kochaktion, Eier trennen, Mehl, Zucker, Milch und Eigelb verrühren, Eischnee unterheben und ja. Es wurde ein Kaiserschmarren besser als im Ritschard-Zelt ich bin mir ziemlich sicher!

Maxi und Sophia haben in der Ausbackzeit noch an einem Straßenstand Hendl mit Pommes für jeden geholt und so saßen wir am Skatepark mit Blick auf BMX und Co. Nein, wir saßen nicht, wir schunkelten zur Rosi, zum Zillertaler Hochzeitsmarsch, zum Münchener Hofbräuhaus und stießen mit Bier (ja es war Pils – ich weiß) zum Prosit an.

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Um noch mehr deutsche Traditionen aufleben zu lassen, ging es danach mit ein paar Eccis an den Strand Flunkyball spielen. Es wurde ein sehr netter Abend, und eine noch lustigerere Nacht als um halb drei vorgeschlagen wurde die Location zu wechseln. Die Übriggebliebenen der Fiesta alleman, also Maxi, Julio, Pablo, Kevin und ich waren plötzlich von der Idee begeistert, jetzt etwas „sehr gruseliges“ zu erleben.

Die Mannschaft bewegte sich – Teile in Schlangenlinien, Teile geradeaus – Richtung Stadtrand, auf einen Hügel mit Blick auf ganz Playas.

Die Lichter waren wie ein eigenes Meer, auf das man herunterblicken konnte.

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Nach 20 langen, lustigen Minuten kamen wir an der „Academia“ an. Eine alte Schule oder Internat, in dem aus bautechnisch sehr brüchigen Gründen nicht mehr unterrichtet wird.

Die Ruine erinnerte an einen fast zu guten Tatort für jeden Krimi. Eingebrochene oder fehlende Fensterscheiben, kein Dach, nur der Himmel über dem Ganzen.

In der zweistündigen Entdeckungstour durch Treppenhaus, Turnhalle, Aula, Schlafsäle, Küche, Baderäume und die kleine Kirche, von der nur noch Fensterrahmen auf eine Kirche schließen ließen, versuchte jeder, Anflüge von Angst durch das Erschrecken der anderen zu überspielen. Hinter jeder Ecke lauerte ein kleiner Geist, in jedem Innenfenster ein Pfiff, auf der Treppe ein schlafender Kevin. Jedes Knacken wurde von einem „SSHHH“ kommentiert, jede zitternde Hand an eine andere gehängt und so erkundeten wir das Gebäude, das vor einigen Jahren wunderschön gewesen sein musste. Wir hatten so richtig Spaß, es war das gleiche Gefühl, wie damals das erste Mal alleine auf dem Dachboden. Nur dass man eben in so manchem Raum von einem anderen Kind überrascht wurde.

Am Schönsten war aber der Ausblick aus dem Balkon im ersten Stock. Einfach nur entspannen, fünf Uhr morgens Gespräche führen, die wandelnden Polizeilicher in der Stadt beobachten und den ersten Hähnen zuhören.

Die Nacht wurde promt beendet, als einer der Jungs mit einem „Chiau“ das Haus durch die quietschende Eingangstür verließ und sich einfach mal auf den Weg nach Hause machte.

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Alleine soll man ja nicht unterwegs sein, deswegen folgten wir ihm möglichst schnell, was gar nicht so einfach war Dank der Uhrzeit und dem vorangegangenen Münchener Lieblingsspiel.

Im Zentrum haben Maxi und ich aber das erste Tricimoto erwischt und tuckerten mit vollaufgedrehtem Radio und blinkenden Lichtern für 50 Cent durch die Barrios nach Hause.

Um die Nacht würdig zu beenden, haben sih Maxi und ich am nächsten Tag zum schlafen am Strand verabredet. Und wie müde wir waren, fiel uns dann auf, als wir noch im Regen schlafend auf unseren Handtüchern das Meeresrauschen verfolgten und erst viel zu spät registrierten, dass es gar nicht unbedingt ein gemütlicher Ort war, um unseren Schlafmangel aufzuholen.

Aber da es dann auch schon egal war, sind wir erstmal eine Runde baden gegangen. Abgetrocknet und unter einem kleinen Basthüttchen vom Regen ausgesperrt von der Welt, fühlten wir uns wie nach einem Spa Aufenthalt auf den Malediven. Seelengereinigt.

Und mit diesem Wochenende war in Playas mein Leben o’zapft. Ich bin angekommen. Ich fühle mich wohl, die Tage ziehen vorbei, mein Alltag mit all seinen kleinen Highlights nimmt mich durch die Wochen und den zweiten Monat in Ecuador.

Und wir haben so viel vor! Wochenendausflüge, Campingaktionen mit den Eccis, Stockbrot und Marshmellow am Strandlagerfeuer, die ersten Freiwilligengeburtstage krönen den Oktober – und da macht mir nochmal einer Deutschland schmackhaft!

Na gut. Ich gebe zu, das mit dem Kaiserschmarren machen wir jetzt öfter. Ein bisschen Heimat muss eben doch sein!

Eine Umarmung ins Wiesnzelt, in den Herbst und auf die Schulbank, eure Paula