{"id":54,"date":"2014-11-10T18:54:20","date_gmt":"2014-11-10T16:54:20","guid":{"rendered":"http:\/\/naomiinecuador.musikerohnegrenzen.de\/?p=54"},"modified":"2014-11-10T18:54:20","modified_gmt":"2014-11-10T16:54:20","slug":"abschiedsabend-krankenversicherung-und-eine-lebensgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.musikerohnegrenzen.de\/naomimebus\/2014\/11\/10\/abschiedsabend-krankenversicherung-und-eine-lebensgeschichte\/","title":{"rendered":"Abschiedsabend,Krankenversicherung und eine Lebensgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>Am Mittwoch Abend trafen wir uns alle, da es der letzte Abend von Franziska war. Sie wollte am Donnerstag Nachmittag fahren. Es wurde ein ausgedehnter Abend, der sich bis zwei Uhr morgens in die L\u00e4nge zog. Mit von der Partie waren etliche Flaschen Cerveza, die das Objekt der Zusammenkunft, also Franziska, gro\u00dfz\u00fcgig spendierte. Es wurde viel geredet und gelacht und irgendwann, wurde die Idee aufgebracht, die Deutschen sollten doch Salsa und Batchata tanzen. Ich bekam also eine n\u00e4chtliche Tanzstunde auf der Stra\u00dfe, in der ich hoffnungslos versuchte meine H\u00fcften zu schwingen. Dann, um zwei vor meiner Haust\u00fcre&#8230;- solange klopfend, bis meine Gastmutter sich endlich aus dem Bett gequ\u00e4lt hatte. Zum Gl\u00fcck machte sie mir aber keinerlei Vorw\u00fcrfe und ich fiel von Tanz und Cerveza ziemlich erm\u00fcdet sofort ins Bett.<\/p>\n<p>Der Donnerstag verging mit vielen Geigensch\u00fclern, doch der Freitag l\u00e4utete bereits das Wochenende ein. F\u00fcr diesen Tag hatte meine Gastmutter mitgeholfen, ein Bingo zu organisieren, da einer in der Nachbarschaft scheinbar krank geworden war und ins Krankenhaus musste. Die ecuadorianische Krankenversicherung hei\u00dft in diesem Fall: Bingo spielen!<br \/>\nPro Bingobogen (ein Bogen beinhaltet ca. 4 Spiele) bezahlt man 2 Dollar und der gesamte Erl\u00f6s kommt dem Kranken zu Gute. Mittags zieht dann die ganze Nachbarschaft mit Gartenst\u00fchlen los, l\u00e4sst sich irgendwo mitten auf der Stra\u00dfe<br \/>\nnieder und harrt der von einem Mikrofon aus, ausgerufenen Nummern. Ich am\u00fcsierte mich einerseits sehr \u00fcber diese Art des Spendensammelns, wenn ich zusah, wie sogar unter den Jugendlichen flei\u00dfig Ziffern markiert wurden, andererseits bewundere ich auch, wie viel Vertrauen die Ecuadorianer in ihre Gemeinschaft setzen. Ist es nicht eine wundersch\u00f6ne Geste, dass die ganze Stra\u00dfe zusammenkommt und gemeinsam etwas organisiert, wenn ein Mensch krank wird?<br \/>\nDa wurde mir schlagartig wieder bewusst, wie anders die Mentalit\u00e4t in dem Land ist, in dem ich gerade lebe. Das fiel mir an dem selben Morgen schon einmal ins Auge, als ich ein l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch mit dem Schwiegervater meiner Gastmutter f\u00fchrte. Alles begann damit, dass am Morgen jemand wie verr\u00fcckt an die T\u00fcre klopfte. Ich war alleine zu Haus, \u00f6ffnete also erst nach kurzem Z\u00f6gern. Drau\u00dfen stand ein Mann, der mir in sehr schnellem Spanisch zu verstehen gab, dass er den Anschluss f\u00fcr das Licht abmontieren w\u00fcrde, weil meine Gastmutter nicht daf\u00fcr bezahlt habe. Ich war nat\u00fcrlich ziemlich \u00fcberfordert mit dieser Situation, aber da tauchte zum Gl\u00fcck eben jener Schwiegervater auf, dem einige Zeit sp\u00e4ter auch meine Gastmutter folgte.<br \/>\nWir kamen so also ins Gespr\u00e4ch und mir wurde in einer wortw\u00f6rtlich stundenlangen Unterhaltung, die Situation und Lebensgeschichte dieses Mannes dargelegt. Er hatte lange Zeit auf einer Bananenplantage gearbeitet und zur selben Zeit als Zweitjob Eisenbahnschienen verlegt. Als es auf der Plantage nicht mehr so gut lief, kam er nach Guayaquil. Seither lebt er (um die 25 Jahre schon) im Guasmo. Dort hat sich nun vieles ver\u00e4ndert, meinte er. Der ehemalige Pr\u00e4sident Ecuadors war anscheinend ziemlich korrupt und k\u00fcmmerte sich kaum um die Lage im Guasmo. Es war \u00fcberaus schmutzig, die H\u00e4user nur aus Zuckerrohr und an jeder Ecke wurde man \u00fcberfallen. Mit dem neuen Pr\u00e4sidenten kam auch die neue W\u00e4hrung und so manche Ver\u00e4nderung.<br \/>\nTrotzdem klingt Zufriedenheit anders. Von seinen Kindern sind ihm drei im S\u00e4uglingsater gestorben, das Motorrad kann er nicht bezahlen, weil er momentan keine Arbeit findet und ihm, wie er sagt keiner hilft. Er sucht nun nach einem Job ziemlich weit au\u00dferhalb, ist daher aber von seinen Enkelkindern und seiner Familie getrennt.<br \/>\nEr erz\u00e4hlte mir, von den vielen Frauen, deren Herzen er erobert hat, von der Zeit auf der Finka, der Dorfgemeinschaft, dem Essen, den goldenen Jahren seiner Jugend und davon, dass ihn nun seine Kr\u00e4fte verlassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Mittwoch Abend trafen wir uns alle, da es der letzte Abend von Franziska war. Sie wollte am Donnerstag Nachmittag fahren. Es wurde ein ausgedehnter Abend, der sich bis zwei Uhr morgens in die L\u00e4nge zog. Mit von der Partie waren etliche Flaschen Cerveza, die das Objekt der Zusammenkunft, also Franziska, gro\u00dfz\u00fcgig spendierte. 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