Loslassen

// Über mein Pflegepraktikum März 2018. //

Ihr Gesicht ist starr, ihr Körper erschöpft. Sie stirbt.
Ich kenne weder sie noch ihre Geschichte. Ich weiß nur, sie stirbt.

Sterben gehört dazu. Ich frage mich, wie sie sich fühlt, wie schwer es wohl sein muss, zu sterben. Niemand wird jemals davon berichten können. Es macht mir Angst. Sterben gehört dazu, sage ich. Wenn du leben kannst, wirst du auch sterben können, sage ich mir. Aber es macht mir Angst und es sucht mich in den dunkelsten Nächten heim, dieses Gefühl, das ich bekomme, wenn ich über den Tod nachdenke.
Ihr Sterben dauert einige Tage. Sie wird begleitet von fleißigen Pflegerinnen und Pflegern, die ihren Mund anfeuchten, ihren Körper waschen und im Stress der Stationsarbeit ab und zu für ein paar Minuten ihre kalte, bleiche Hand halten.
Was fühlt ein Mensch, wenn er die letzten Stunden seines Lebens verbringt?

Im Laufe des Monats, den ich auf der onkologischen Station als Praktikantin verbringe, gehen einige Menschen von uns. Ich bin dabei, während sie nach ihrem Tod gewaschen und hergerichtet werden, damit ihre Liebsten Abschied nehmen können. Der Tod ist eine Erlösung für die Verstorbenen. Die, die zurückbleiben, leiden. Ich bewundere, wie offen und kontrolliert die Pflegerinnen und Pfleger mit den Toten umgehen. Ein älterer Patient, der an einem Abend auf die Station gebracht wird und mit tapsigen Schritten mit meiner Hilfe von der Transportliege zu seinem Krankenhausbett läuft, ist zwei Tage später tot. Wie kann das sein? Wohin ist der Mensch, den ich doch kurz vorher noch erlebt habe?
Ich finde keine Antworten auf meine Fragen. Sie bringen mich aus der Fassung und verunsichern mich. Was ist der Tod und warum redet man so selten darüber?

Der Krebs frisst sich durch den Körper und nimmt, was er kriegen kann. Eine todkranke, ältere Patientin erzählt mir nachmittags, dass sie einfach nicht mehr will. Sie braucht überall Hilfe, ist körperlich und psychisch am Ende. „Schau mich doch an, wer will denn noch so leben“, fragt sie mich. Mir stockt der Atem. Was soll ich darauf antworten? Es wird Abend, auf der Station kehrt Ruhe ein. Das Pflegeteam nutzt die Zeit, setzt sich für ein paar Minuten in den Schwesternraum und isst Abendessen. Es klingelt in kurzen Abständen mehrmals aus dem gleichen Zimmer. Die Patientin vom Nachmittag verwechselt mehrmals den Licht- und Notklingelknopf. Sie schämt sich, als ich nach 20 Sekunden zum dritten Mal ins Zimmer trete und sie fragend angucke, was denn innerhalb der letzten Sekunden zum dritten Mal dringend aufgetreten ist. „Das tut mir so leid, sie müssen ja denken, ich wäre total dumm“, entschuldigt sie sich. Ich sage, das mache gar nichts. Ich könne das verstehen, sie solle sich keine Gedanken machen. Nachdem ich aus dem Zimmer trete und den langen, grell grünlich erleuchteten Stationsflur zurücklaufe, denke ich darüber nach, über was ein Mensch, der mit dem Überleben und Sterben konfrontiert ist, nachts in der Dunkelheit eines Krankenhauszimmers nachdenkt.

Als ich nach Dienstende bei Sonnenuntergang das Krankenhaus verlasse, fällt eine Last von mir ab. Ein kurzer Schauer zieht durch meinen Körper. Die untergehende Sonne legt einen orange-gelblichen Schimmer über die Straße und überzieht die Bäume in einem schimmernden Glanz. Ich empfinde eine ehrliche, tiefe Dankbarkeit. Ich darf das Krankenhaus verlassen. Ich bin gesund. Ich muss mir keine Gedanken machen, wie ich den nächsten Tag überstehe. Und ich empfinde großen Respekt, fast schon Ehrfurcht – vor allen Patientinnen und Patienten, die so stark und mutig sind, die jeden Tag kämpfen und überstehen, was niemand zu durchleiden mag. Sie sind die wahren Helden des Krankenhauses.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.