Übers Abschied nehmen & Wiederkommen

 

1. Teil

Meine Lieben,

genau vor 2 Monaten, am 22.7., bin ich in Guayaquil ins Flugzeug gestiegen und in Deutschland angekommen. Heute ist der 22.9. Ich sitze tausende Kilometer entfernt in Nepal auf einem Berg, vor mir ergibt sich das mit Wäldern bewachsene Tal. Die Sonne geht langsam unter.

Hier am anderen Ende der Welt wundere ich mich, wie schnell die Zeit vergeht. Zwei Monate bin ich schon nicht mehr in Ecuador? Kaum zu glauben. Vor allem aber frage ich mich, wo die Zeit des letzten Jahres hin ist. Vor mehr als einem Jahr kamen wir in Playas an, ehe wir uns versahen, standen wir plötzlich in 2016, aus 9 geplanten Monaten wurden 11 und aus einem fremden Land ein neues Zuhause.

Es ist nicht leicht, alle Gedanken und Gefühle der letzten Monate in Worte zu fassen. Aber hier in Nepal gibt es einige so präsente Ähnlichkeiten zu Südamerika, die meine Gedanken immer wieder zurückwandern lassen. Und deshalb versuche ich jetzt, einen kleinen Beitrag übers Abschied nehmen und Zurückkommen zu schreiben. Ich bin selbst gespannt, was dabei rauskommt. Deshaaaalb, Ortswechsel nach Deutschland und Zeitsprung zurück zu den ersten Tagen nach meiner Rückkehr aus Ecuador:

Wieder zurück in Deutschland finde ich mich erstaunlicherweise ganz gut zurecht, besser als ich gedacht hätte. Natürlich ist der Abschied in Ecuador extrem schwergefallen, aber ich freue mich auch sehr, meine Familie und Freunde wiederzusehen, in meinem eigenen Bett zu schlafen und wieder das zu essen, worauf ich gerade Lust habe – überflüssig zu erwähnen, dass das nicht gerade Fisch oder Reis ist.

Trotzdem ist es komisch, zurück zu sein. Ich glaube, ich habe ein bisschen vergessen, wie man in einer deutschen Großstadt lebt. Auf den Straßen fahren so viele Autos, und zwar nicht nur Schrottkarren oder riesige Pick-Ups wie in Ecuador, es gibt eine U-Bahn, die pünktlich ist und mit der man erstaunlicherweise auch pünktlich ans Ziel kommt, es gibt festgelegte Busstationen, Fußgängerampeln und so viele grüne Bäume. Die deutschen Preise sind für meine noch ecuadorianischen Preisvorstellungen unverschämt hoch. Eine Tageskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel kostet 6-7€? Hallo? Damit komme ich in Ecuador von Guayaquil fast bis nach Quito (7-8 Stunden Fahrt in einem guten Reisebus)! Außerdem sind die Menschen auf der Straße irgendwie unhöflich und laut, vor allem ist mir das bei Busfahrern und anderen öffentlichen Diensten aufgefallen. Die Leute, die in der Hamburger Innenstadt herumlaufen, wirken mit ihren Markenklamotten, den viel zu teuren Autos und ihrem hochgestylten Aussehen irgendwie so, als würden sie sich ihr Glücklichsein damit erkaufen, sich so zu präsentieren, als würde sie nur das Geld glücklich machen. Anonymität steht auf deutschen Straßen großgeschrieben. Niemanden interessiert, was du tust oder wer du bist. Einerseits ist das angenehm, weil man nicht mehr von jedem angestarrt wird, andererseits auch irgendwie traurig. Die Leute hier haben eine gewisse Gleichgültigkeit entwickelt, mit der sie sich aus dem Leben anderer hervorragend erfolgreich heraushalten.

All diese Sachen fallen mir in den ersten Tagen nach meiner Ankunft extrem auf. Es kommt mir so vor, als würde ich zwischen zwei Welten schweben. Ich weiß nicht, was ich gut oder schlecht finden soll, vor allem, weil im Leben nichts einfach nur gut oder schlecht ist, nichts einfach nur schwarz oder weiß. Alles ist Ansichtssache, subjektive Wahrnehmung, die Frage der Perspektive. Ich habe mich so an das Leben in Ecuador gewöhnt, dass ich mich erstmal wieder an mein deutsches Leben gewöhnen muss. Und vielleicht auch einige Dinge hier in Frage stelle.

Nach ein paar Tagen Deutschland bin ich für einige Zeit im Urlaub in Frankreich. Es tut gut, wieder Abstand von allem zu nehmen und ich verschiebe meine Einlebungszeit fröhlich in die Zukunft. Im Rückblick betrachtet hilft mir das sehr. Ich muss mich in den ersten Wochen nach meiner Rückkehr nicht wirklich mit Deutschland beschäftigen und habe trotzdem Zeit, über Ecuador nachzudenken und soweit das möglich ist, ein bisschen seelisch abzuschließen. Als ich wieder zurück aus Frankreich bin, nehmen diese krassen Wahrnehmungen der ersten Tage etwas ab. Mit der Zeit achte ich nicht mehr ganz so stark darauf, meine Gedanken sind auf andere Dinge fokussiert. Ein leichter Beigeschmack bleibt trotzdem bestehen. Mir wird oft in kleinen Situationen bewusst, wie anders unsere Kultur zu der ecuadorianischen ist, und gleichzeitig frage ich mich, was eigentlich die deutsche Kultur ausmacht. „Wir Deutschen“ – wer sind wir eigentlich? Kann man ein Volk so einfach definieren? Nein, kann man nicht. Jeder Mensch ist anders und 80 Millionen „deutsche“ Menschen kann man sowieso nicht einfach in einen Topf werfen und behaupten, alle seien gleich. Eine Sache, die aber wirklich fast alle „Deutschen“ ausmacht, ist ihr Bestreben, immer einen Plan zu machen, einen Plan zu haben und diesen Plan peinlich genau auszuführen. Sei es nur ein einfacher Zeitplan im Alltag oder sogar ein Lebensplan, seinen eigenen oder den von anderen. Alles muss vorher genau geplant sein und alles, was von diesem Plan abweicht, ist „schlecht“. Diese Denkweise kann teilweise echt anstrengend sein. Die Menschen hier haben ein bisschen verlernt, auch mal lockerer zu sein und das Leben in manchen Situationen nicht ganz so ernst zu nehmen. Sich auf das Leben einzulassen. Das fällt mir übrigens nicht nur im Vergleich Deutschland/Ecuador auf, sondern auch zu anderen Ländern. Das Vorurteil, dass Deutsche überpünktlich und hyperproduktiv sein wollen und sind, stimmt einfach. Und dadurch weht immer eine Prise Stress in den Straßen.

 

2. Teil

Ein weiterer Monat ist vergangen. Mittlerweile bin ich wieder aus Nepal zurück. Diese Reise hat meine Gedanken und mein Gefühlschaos zwar nicht zur Ruhe kommen lassen, aber trotzdem war sie sehr hilfreich, um wiederum meine Zeit in Ecuador zu reflektieren und Anregungen zu bekommen, wie man mit all dem Erlebten umgehen kann. Mir wird bewusst, wie schnell man sich an seine Lebensumstände gewöhnt und anpasst. In Nepal fährt man beispielsweise auf der linken Straßenseite und geht dementsprechend auf Fußwegen links. Was passiert jetzt hier? Ich gehe automatisch links und wundere mich über die anderen, die mir auf meiner Spur entgegenkommen, bevor ich merke, dass ich eigentlich die andere bin. Und selbst nach 3 Monaten mit deutschen Toiletten, die nicht verstopfen und in die man benutztes Klopapier hineinwerfen kann, suche ich jedes Mal automatisch nach dem Mülleimer, um das Klopapier nicht ins Klo zu werfen (so wie es in Ecuador der Fall war, denn dort verstopfen die Toiletten sofort – benutztes Klopapier wandert immer in den Mülleimer). Es gibt so viele Dinge im ecuadorianischen Alltag, die einem am Anfang komisch oder fremd vorkamen:

Alles mit einem Löffel zu essen (sogar Fleisch, Hühnchen und Fisch), Reis als ständige Beilage (auch zu Nudeln und Kartoffeln – einfach zu allem), laute Musik auf den Straßen (auch nachts um 3), der laute Verkehrslärm und das nie endende Hupen (auch morgens um 5), die billigen Preise (ein Brötchen für 10ct und eine kurze Taxifahrt für 1$), diese verlässliche Unzuverlässigkeit (vor allem auf Pünktlichkeit bezogen: „5 Minuten“ heißt manchmal „5 Minuten“, manchmal „2 Stunden“), der regelmäßige Ausfall von Wasser und Strom (und zwar manchmal einen ganzen Tag lang) und der anstrengende Fernseher, der 24/7 im Haus läuft (und zwar 3 Fernseher in 3 nebeneinander liegenden Zimmern, manchmal das gleiche, manchmal unterschiedliches Programm). Das alles war irgendwann so normal. Und hier würde man dazu sagen: „Wie hast du das nur ausgehalten…“. Weiß ich nicht. Aber es war gar nicht so schwer, das auszuhalten, wenn man es nicht als „aushalten“, sondern als „leben“ betrachtet. Man muss sich nur darauf einlassen. Und deshalb werde ich jetzt versuchen, mich trotz nostalgischer Gefühle und Fernweh so gut es geht auf mein Leben hier einzulassen und das Beste daraus zu machen.

In dem Sinne, ich hoffe, ihr lasst euch mit mir aufs Leben ein (und habt nicht immer einen Plan).

Que viva la vida,

Eure Lea

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