Das Erdbeben

Alle springen auf. Die Erde bebt. Erst langsam, dann etwas schneller und ruckartiger. Mein Gehirn ist verwirrt, es ist schon dunkel, was passiert gerade?

Die Erde bebt. Eine augenblickliche Nervosität breitet sich unter den Menschen aus. Wir sitzen und stehen in einer der Straßen im Guasmo-Sur in Guayaquil. Gerade hat die erste Pause des Musiktheater-Projekts „Las calles del Guasmo“ angefangen. Die Beteiligten des Konzertes befinden sich teilweise schon im Gebäude der Musikschule. Die Zuschauer sollen nach dem ersten Teil auf der Straße warten, bis alle Vorbereitungen für die nächsten Teile getroffen sind. Das war der Plan. Wie schon fast in jedem meiner Beiträge erwähnt, kann man in Ecuador keinen zuverlässigen Plan haben. Oder man muss davon ausgehen, dass sich dieser von Sekunde zu Sekunde ändern kann. Das bestätigt sich auch wieder an diesem Abend. Zugegebenermaßen, ein Erdbeben ist kein alltägliches Ereignis. Aber dennoch ist es erschreckend wahr, dass man hier einfach nie weiß, was passieren wird.

Ein Blitz zischt vom Strommast gen Himmel, das Licht erlischt. Die Erde bebt. Wir sitzen in der Finsternis. Die Leute fangen an zu beten, eine ältere Frau, die direkt neben uns steht, ist verzweifelt, betet, weint, wir nehmen sie in den Arm. „Es ist fast vorbei, es ist fast vorbei“. Ist es das? Ich weiß es nicht. Ich hoffe es. Etwa eine Minute dauert das Beben, dann beruhigt sich die Erde wieder. Es scheint so, als wäre nichts eingestürzt. Die Häuser stehen. Ein paar Straßenlaternen gehen wieder an. Die Leute laufen durcheinander, was war das gerade, ein Erdbeben?

„Es war noch nie so stark“, hört man von allen Seiten. Handys werden gezückt, Informationen gehen in Windeseile durch die Menge. Das Epizentrum liegt anscheinend in Esmeraldas, der nördwestlichsten Provinz Ecuadors. Recht weit weg von hier. Stärke des Erdbebens? Verschiedene Zahlen sind im Umlauf. Definitiv stärker als normalerweise. Das war nicht mehr normal, das wird uns langsam klar. Die Leute sind aufgeregt. Panisch würde ich nicht sagen, aber unruhig und besorgt.
Das Konzert wird unterbrochen, die Menschenmenge löst sich auf, um nach ihren Häusern und Familien zu schauen.

Wir bleiben auf der Straße stehen, etwas schockiert, etwas verwirrt. Das Beben war nicht schwach, aber auch nicht so stark, dass es mir panische Angst gemacht hat. Ich habe es in der Situation ehrlich gesagt gar nicht so richtig gecheckt. Alles ging so schnell. Die Unruhe ist deutlich zu spüren, auch ich bin unruhig und aufgeregt, aber da nichts eingestürzt ist und ich in der Dunkelheit keine Häuser schwanken gesehen habe, sind meine natürlichen Sinne wegen der unnatürlichen Bodenbewegung eher verwirrt als verängstigt. Der Körper denkt, dass irgendetwas mit seiner Wahrnehmung nicht stimmt.

Was mich verunsichert ist die Tatsache, dass die Leute so unsicher wirken. In Ecuador sind kleinere Erdbeben keine Seltenheit, die Menschen sind daran gewöhnt, aber in diesem Fall ist es anders. Keiner wusste genau, wie lange und was da gerade genau passiert.
Mein Gehirn kann dieses seltsame Gefühl, das es noch nie gefühlt hat, nicht ganz zuordnen und verarbeiten. Man kann es nur schwer rekonstruieren oder beschreiben, aber es ist so ein „Ich-bin-gerade-noch-in-Sicherheit-aber-keiner-weiß-was-in-den-nächsten-Sekunden-oder-Minuten-passiert“-Gefühl. So ein „Was-mache-ich-eigentlich-wenn-es-schlimmer-wird-und-Panik-ausbricht“-Gefühl. Es ist seltsam und ungewohnt, in einer Situation zu sein, die man noch nie ansatzweise erlebt hat und nicht einschätzen kann, was passiert. Wenn jetzt die Häuser über uns einstürzen, was mache ich dann?

Nach etwa einer halben Stunde kommt der Strom wieder und nach kurzem Abwägen wird das Konzert mit einer jedoch etwas kleineren Zuschaueranzahl weitergeführt. Meiner Meinung nach sehr erfolgreich, aber dennoch mit einem kleinen Schock in den Knochen. Anscheinend sind in Guayaquil eine Autobrücke und bis zu diesem Zeitpunkt ein paar Gebäude eingestürzt (mittlerweile sind mehr als 200 einsturzgefährdet), der Flughafen und das riesige Bus-Terminal werden kurzerhand geschlossen. Es gibt eine Tsunami-Warnung an der Küste Ecuadors, die aber recht schnell wieder aufgehoben wird. Über das gesamte Ausmaß des Erdbebens sind wir uns zu dem Zeitpunkt noch nicht im Klaren.
Im Laufe des Abends wird immer wieder mal darüber geredet, aber wir unterhalten uns ganz normal, tanzen Salsa auf der Straße, der Becher mit Bier wird stetig aufgefüllt und herumgereicht. Die ein oder andere Nachricht wird verschickt, um Bescheid zu geben, dass man in Sicherheit ist.
Irgendwann gehen wir schlafen. Anscheinend gibt es um 2 Uhr nachts ein Nachbeben, aber davon bekommen wir nichts mit.

Am nächsten Morgen laufen beim Frühstück die Nachrichten, aber da die Familie, in der wir übernachtet haben, aus gefühlt 30 Leuten besteht, die gleichzeitig frühstücken, reden, spielen, herumlaufen, kochen etc., geht der Fernseher im ganzen Chaos etwas unter. Nachmittags komme ich mit Elise endlich nach Playas zurück, habe endlich WLAN, verständige mich mit Leuten, kann einige Sachen nachgucken. Ein Erdbeben der Stärke 7,8, vor allem sind folgende Städte sehr betroffen und wie sich später herausstellt fast komplett zerstört: Pedernales, Manta, Portoviejo, generell die nördlicheren Küsten-Provinzen Esmeraldas und Manabi. Das ist ungefähr 200-300 km von uns entfernt. Für ecuadorianische Verhältnisse ist das weit weg – das Land ist klein – aber 200km sind eigentlich nicht sehr viel.
Es gibt um die 4600 (mittlerweile mehr als 7000) Verletzte, viele Vermisste.
Die Anzahl der Toten steigt stetig. Mittlerweile, 4 Tage nach dem Erdbeben und zahlreiche Nachbeben später, liegt die offizielle Zahl bei über 570 Toten. Und wahrscheinlich sind in abgelegeneren Dörfern noch hunderte oder tausende mehr unter den Trümmern vergraben. So viele Menschen, einfach so tot? Wie kann das sein? Eine Minute Naturgewalt raubt so vielen ihr Leben? Wie furchtbar machtlos der Mensch in solch einer Situation doch ist.

Meine Facebook-Startseite besteht fast nur noch aus geteilten Posts: aus Solidaritäts- und Trauerbeiträgen, Bildern, Videos, Beiträgen, wie man helfen kann, Such- und Vermisstenmeldungen, neuen Informationen usw.. Im Fernsehen läuft auch nichts anderes mehr. (Ich habe mich entschieden, keine Bilder in diesen Beitrag einzufügen. Es gibt aber vor allem auf der Facebook-Seite der Zeitung „El Universo“ und des Fernsehsenders „Ecuavisa“ viele Neuigkeiten – falls jemand interessiert ist). Die Bilder sind furchtbar, erschreckend, traurig und es wird tendenziell schlimmer. Bilder wirken im Fernsehen und in den Nachrichten nicht halb so dramatisch wie vor Ort. Wie schlimm muss es im Norden wirklich sein?

Obwohl wir hier im Süden des Landes so wenig betroffen sind, kann ich nicht aufhören, darüber nachzudenken. Vor einem Monat war ich dort oben, in Esmeraldas und Atacames. Wer hätte wissen können, wie es einen Monat später dort aussehen würde? Wie viele Menschen ihr Leben verlieren würden, ihr Zuhause, mit nichts auf der Straße sitzend, traumatisiert und ohne Zugang zu Wasser, Strom oder Nahrung. In den Trümmern sterbend.
Von überall her eilen tausende Helfer in die Krisengebiete. Im ganzen Land werden in den Dörfern und Städten Sachspenden, Lebensmittel und Wasser gesammelt, sortiert, verpackt, verschickt. Ecuador hält zusammen. Trotzdem, man kann nicht einfach so vergessen, dass ein Teil des Landes komplett zerstört ist. Im Unterbewusstsein begleitet es mich den ganzen Tag.

Keiner sucht Schuld, denn keiner hat Schuld. Ein Erdbeben ist die Kraft der Natur, die mal wieder zeigt, dass wir Menschen nicht die Natur beherrschen, sondern die Natur uns beherrscht. Dass die Natur nicht uns gehört, sondern dass wir der Natur gehören.
Und die Frage nach dem „Warum“ kommt in mir auf. Eine gefährliche Frage ohne Antworten.
Warum an diesem Tag, warum hier in Ecuador. Warum so stark. Warum so viele Tote.
Sinnlose Fragen im Bezug auf das Erdbeben.
Es lässt mich nicht los.
Es ändert nichts.
Denn was passiert ist, ist passiert.

Und deshalb: Fuerza, Ecuador. Viel, viel Kraft in den nächsten Tagen. Kraft für alle Betroffenen, für alle Familienangehörigen der Opfer, für alle Helfer, die dort ohne Pause unermüdlich arbeiten, Menschen aus den Trümmern ziehen, Überlebende versorgen und die Dörfer räumen. Und dabei sind viele kleine Dörfer noch nicht erreicht und warten auf Hilfe.

Es ist eine der schwersten Arbeiten und Erfahrungen, die man erleben kann. Ich bin in Gedanken bei allen Betroffenen und Beteiligten und bewundere ihre Kraft und ihr Durchhaltevermögen.

Und es tut mir weh zu sehen, dass in dem Land, das mir in so vielen Hinsichten ein neues Zuhause und eine neue Familie gegeben hat, gerade so viele Menschen ihr Zuhause und ihre Familie verlieren. Und ich nicht viel mehr machen kann, als zu zusehen.

Mein tiefstes Mitgefühl, Ecuador.

Que viva Ecuador, que viva la vida.

X siempre.❤️

Lea

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