Ein Tag in Guayaquil

Am Mittwoch haben wir einen Ausflug nach Guayaquil gemacht, zum einen, um die Visa-Beantragungen bestätigen zu lassen, zum anderen, um kurz das „Clave de Sur“-Projekt im Guasmo zu besuchen.

Guayaquil, die Hauptstadt der Provinz Guayas, in der auch Playas liegt, ist die größte Stadt Ecuadors und ist ungefähr zwei Bus-Stunden von uns entfernt.
Üblicherweise kommen die Flüge der Freiwilligen in Guayaquil an, deshalb waren wir alle jeweils schon mal dort am Flughafen, aber als ich hier vor zwei Wochen nachmittags/abends antanzte, war ich so fertig, dass ich nur wenig von der Stadt wahrgenommen habe. Außerdem ging es sofort zum Busterminal und von dort direkt nach Playas, ohne die Stadt bei Tageslicht kennenzulernen oder dort rumzulaufen. Ein Glück. Das hätte ich in meinem übermüdeten Zustand wahrscheinlich nicht lange überlebt.

Dieses Mal war es anders, wir waren tagsüber in der Stadt. Und ich hatte das Gefühl, dass alle meine Eindrücke aus und von Playas mal 10 multipliziert worden waren und Guayaquil eine viel größere, unübersichtlichere und anstrengendere Version von Playas ist.

Der Teil von Guayaquil, in dem wir vormittags waren, lässt sich hervorragend mit dem Wort „zu“ beschreiben. Zu laut, zu stickig, zu viele Produkte, die angeboten und gekauft werden wollen, zu viele Häuser, zu viele Autos, zu viele Menschen. Die Stadt hat fast 3 Millionen Einwohner. Als Vergleich dazu: in Ecuador leben insgesamt nur um die 15 Millionen Menschen. Wenn also schon 1/5 aller Landeseinwohner in einer einzigen Stadt leben (die im Übrigen noch nicht mal die Hauptstadt des Landes ist), na dann herzlichen Glückwunsch. Dann kann man davon ausgehen, dass sehr viele Menschen auf einem Fleck leben. Und wo viele Menschen leben, sind auch viele Autos und wo viele Autos sind, ist viel Lärm. Und Dreck, Abgase und Chaos. Meiner Meinung nach eben „zu“ viel von allem, zu viel Großstadt, zu viel Guayaquil auf einmal, zumindest für den ersten richtigen Besuch. Dazu sollte ich vielleicht sagen, dass ich kein Dorfkind bin, was bei ein paar Autos oder einer größeren Menschenmasse gleich einen Nervenzusammenbruch bekommt – ich lebe in Deutschland in einer Großstadt! Aber eine ecuadorianische Großstadt lässt sich eben definitiv nicht mit einer deutschen vergleichen.

Die zweistündige Busfahrt nach Guayaquil kann man sich so vorstellen:
Nonstop wird laute Musik gespielt, meistens Salsa, Reggaeton oder ein anderer südamerikanischer Stil (alternativ läuft manchmal auch ein Horrorfilm), Fenster sind etwas geöffnet, um nicht zu ersticken und alle Nase lang kommen Verkäufer in den Bus gestiegen, die einem Wasser, Früchte, Fleisch oder andere Snacks andrehen wollen. Höflich sagt man das erste Mal „no gracias“, beim vierten Mal sagt man dann gar nichts mehr. Wen juckt’s, die sind ja eh gleich wieder weg. Während der Busfahrt wird man außerdem kräftig durchgerüttelt und -geschüttelt und den Geräuschen nach zu beurteilen nicht nur man selbst, sondern auch einzelne Teile des Busses. Aber solange die Räder und die Bremsen dran bleiben, passt das schon. Der Rest ist ja theoretisch eh überflüssig. Ach ja, die Hupe darf natürlich auch nicht kaputt gehen, ohne die ist ein Auto in Ecuador definitiv fahruntüchtig! 😉 Wir haben miterlebt, wie der Stadtbus, in dem wir saßen, einem anderen Bus dessen rechten großen Seitenspiegel abgefahren hat. Weil es dann doch irgendwie enger war als gedacht. Ja gut, kann ja mal passieren, wenn immer ein Fahrzeug mehr auf den Fahrspuren nebeneinander fährt als eigentlich vorgesehen. Und ganz ehrlich, wer guckt schon in den Seitenspiegel?! Als Busfahrer? Einmal hupen und dann rüber auf die andere Spur! Wir sind doch schließlich in Ecuador!

Die Stadtbusse sind sowieso grandios. Wenn man einen Sitzplatz bekommt, hat man Glück, findet man keinen und muss stehen, wird man beim Fahren quasi durch den ganzen Bus geschleudert. Die Busfahrer in Guayaquil sind auf jeden Fall cool drauf, ruckartig bremsen, kurz danach wieder richtig aufs Gas drücken, dann wieder bremsen, dann wieder voll aufs Gas, das ist ihr Spezialgebiet. Naja gut, und eben das Hupen.

Zurück zu unserem Ausflug – unser erster Stopp war der Schwarzmarkt. Nachdem Robert und Aenne aus dem Guasmo zu uns gestoßen sind, haben wir uns auf die Jagd nach billigen Handys für Niklas, Elise und Aenne gemacht. Der Schwarzmarkt ist riesig und man wird regelrecht von den tausenden, verschiedenen oder auch gleichen Produkten erschlagen, die auf möglichst engem Platz nebeneinander hängen oder sich stapeln. Wir haben uns aber nur auf billige Handys konzentriert und eine halbe Stunde später und um 3 Handys reicher, sind wir dann zu dem Gebäude bzw. der staatlichen Institution gefahren, in der wir die Visa bestätigen lassen müssen. Das ging erstaunlicherweise recht schnell! Wir müssen zwar nochmal wiederkommen, um unsere Pässe abzuholen, aber Kompliment Ecuador, es geht also auch anders! Pünktlich!

Um 13h haben wir uns schon wieder auf den Weg gemacht, diesmal in Richtung Guasmo. Der Guasmo Sur kam mir wesentlich angenehmer vor als der Teil von Guayaquil, den wir davor gesehen hatten, viel ruhiger, weniger Autos, weniger Menschen auf den Straßen (was nicht heißt, dass sich wenige Menschen in den Hütten/Häusern aufhalten) und wiedervereint mit einigen anderen deutschen MoGs ließen wir uns die Musikschule zeigen und konnten uns eine Weile ausruhen. Die Musikschule läuft hier auf jeden Fall schon sehr gut, der erste Eindruck war super! Wir werden bestimmt noch einige Male dort sein und vielleicht auch mal zusammen etwas starten können. Wir hatten überlegt, heute wieder hinzufahren, da abends ein Schülerkonzert stattfindet und danach eine große Party steigt, aber das passt jetzt spontan doch nicht so gut. Aber bald wieder!
„Ola Sinfónica“ in Playas kann sich bestimmt noch einiges von „Clave de Sur“ im Guasmo abgucken (aber natürlich nur von der organisatorischen und musikalischen Arbeit, nicht vom Partymachen ;). Ich bin gespannt!

Abends um 20h ging es dann mit der gleichen Truppe, nur etwas müder und erschöpfter plus Aenne, ihren zwei Gepäckstücken, zwei Trompeten, die sie mitgebracht hat, einer Klarinette aus dem Guasmo und 3 neuen Handys wieder ins schöne Städtchen Playas. Und während der Bus in der Dunkelheit vor sich hin ratterte und leise Musik im Hintergrund mitklang, dachte ich daran, wie schön es ist, wieder nach Playas zu fahren. Nach Playas, unserem Zuhause. Denn nach zwei Wochen kann ich definitiv sagen, dass ich mich in Playas wirklich Zuhause fühle.

So viel zu unserem Tag in Guayaquil!

Bis bald!

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Lea

 

P.S. Eine Sache, die wir heute „gelernt“ haben: in Ecuador fragt man nicht nach, wieso irgendetwas irgendwie ist. 😀 Was jegliche Fragen betrifft, die sich mit „Wieso nur?“ vergleichen lassen (und diese Frage könnte man hier oft stellen!!) – die Antwort schon im Vorhinein ist: Frag nicht erst, es ist einfach so. Weil es Ecuador ist.

2 Gedanken zu “Ein Tag in Guayaquil

  1. Liebe Lea,
    Ich genieße es ganz unglaublich deinen Blog zu lesen, es kommt mir vor als wäre ich wieder 3 jahre zurück und selbst das erste mal in playas 🙂 du beschreibst so gut die ersten eindrücke und das leben in playas – genau so ists! Mach bitte weiter, ich bin gespannt wie es euch so geht 🙂
    Un abrazo muuuuy grande an euch alle, y muchos besos!!
    Lena

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