Best of Sierra Die Essential-Tour – Heißes Paradies und kalte Hölle

Nach dem Konzert-Marathon begannen in Clave de Sur die Ferien, was für uns Freiwillige natürlich Reisezeit bedeutete. Für Lasse und Vincent ging’s zu Fernando in den Urwald, Hannes machte sich auf zu den Galápagosinseln und Badman und meine Person begaben sich nochmals in die Sierra, die uns einvernehmlich am besten von Ecuador gefiel.

Zunächst machten wir uns aber wieder einmal nach Punta Carnero auf, wo uns Werner und Carmita empfingen. Wir freuten uns wieder am Ozean und dem leckeren Essen (es gab dunkles Brot!!!) und lernten Robby, einen älteren Bruder von Werner, also ein weit entfernter Onkel von mir kennen.

Robby lebt in Salinas mit seiner Frau und ist professioneller Taucher und überhaupt Sportler. Hat den Copa Galápagos mit einem Segelteam gewonnen und einen Katamaran sowie ein Rennrad zu Hause. Im hohen Alter immer noch ein harter Knochen. Sein neuestes Hobby sind Modellboote. Er hat drei Jahre in Heidelberg studiert und erinnert sich noch an meinen Kölner Onkel Martin als Drei- oder Vierjährigen und lässt meinen Opa Karl recht herzlich grüßen.

Im Strandhaus verbrachten wir die Nacht zum Montag und Werner und Carmita überließen uns das Anwesen für den Montagmorgen, da sie sich schon morgens um sechs auf den Nachhauseweg machten um um neun Uhr am Schreibtisch zu sitzen. Wir schliefen genüsslich in den guten Betten aus und joggten anschließend am Strand, um es Tobias aus Playas gleichzutun.

Von dort aus reisten wir mit einem kurzen Zwischenstopp im Guasmo weiter nach Cuenca, zum Cajas Nationalpark, in den ich zurückzukommen versprochen hatte – und versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen, um eine Zweitagestour zu unternehmen. Dicho hecho (Gesagt getan).

Der Cajas-Krimi

Da es schon dunkel war, als wir im Cajas ankamen, beschlossen wir, erst noch eine Nacht in Cuenca im Hostal zu verbringen. Am nächsten Morgen deckten wir uns dann wie üblich mit Früchten, Brötchen und Aufstrich ein – diesmal neu: auch Müsli – und nahmen den Bus in den Cajas. Im Informationszentrum suchten wir uns eine passende Route und mussten dafür die Straße noch ein Stück weiter hoch. Dorthin nahm uns ein riesiger Trucker mit, der Joghurt nach Guayaquil brachte.

Die Kälte, Höhe (wir erinnern uns: Immerhin knappe 4.000 m) und das Gewicht im Rucksack ließen uns ganz schön langsam vorankommen und versetzten mir Kopfschmerzen, dennoch waren wir guter Dinge, da wir große Lust auf diese Outdoor-Aktion hatten und froh waren, mal wieder aus dem Projekt im Guasmo rauszukommen. Das Wetter war bewölkt, was den Gipfeln aber auch etwas mystisches gab. Ab und zu kam auch die Sonne raus und dann war die Landschaft mit ihren unzähligen Lagunen wunderschön.

 

Wir liefen die Strecke, die ich damals auch mit Simon gelaufen war, diesmal allerdings eine größere Runde, die nicht mehr ausgeschildert war und uns zu dem Dorf Patul brachte. In der Nähe dieses Dorfs, das nur durch Wandern oder per Pferd zu erreichen ist und damit völlig von der Zivilisation abgeschnitten liegt, schlugen wir unser Zelt auf. Badman fragte sich, ob es einen Biberacher oder Karlsruher je in diese abgelegene Gegend getrieben hatte. Ich war mir nicht sicher.

Ziemlich am Ende von der anstrengenden Wanderung legten wir nach unserem Abendessen, bestehend aus Guacamole mit Brötchen, schon gegen sieben Uhr schlafen. Die Kälte, die in der Nacht bis zum Gefrierpunkt sank, ließ uns ziemlich oft aufwachen. So sah ich beim Pinkeln zumindest den herrlichen Sternenhimmel.

Am nächsten Morgen fühlte sich der Rucksack schon gar nicht mehr soo schwer an und auch mein Kopfweh war verschwunden. Wir drehten die Runde, die uns wieder zurück zur Straße nach Cuenca führen sollte, als zwei Reiter auftauchten, die uns begleiteten. Badman fragte, ob wir auch mal ein Stück reiten dürften. Kein Problem, schon saß er erhaben im Sattel. Als ich daraufhin an der Reihe war, wollte das Pferd nicht lostraben und ich musste es ein wenig antreiben. Plötzlich bäumte sich das Pferd auf und warf mich zu Boden, wo ich mit dem Kopf zuerst landete und auch noch einen Tritt in die Wade abbekam.

Wenig später boten uns die beiden an, unsere Rucksäcke zu nehmen, was für uns eine riesen Hilfe war. „Das ist doch mal wieder ein Positivbeispiel der Gastfreundlichkeit der Ecuadorianer“, dachte ich im Hinblick auf das gescheiterte Zelten in Mendez, wo wir vertrieben wurden. Dankbar halfen wir ihnen, die Rucksäcke aufzuschnallen und wanderten federleicht weiter. Die beiden Reiter blieben zuerst bei uns, ritten ab und zu voraus und waren plötzlich weg. Da uns die beiden dadurch, dass sie uns hatten reiten lassen, so vertrauenerweckend vorkamen, dachten wir naiv, die beiden würden unten an der Straße warten. Nichtsdestotrotz keimte Unbehagen auf.

Womit wir richtig lagen, da nachdem wir unter großen Anstrengungen einen zugigen Grad überquert hatten und im Tal an der Straße angekommen waren, keine Spur von den beiden war. Der Bauer, den wir nach den beiden fragten, rügte uns noch, dass wir nicht nach Namen oder Handynummer der beiden gefragt hatten. Im Nachhinein betrachtet war es auch wirklich leichtsinnig, da ich in meinem Rucksack meine Bankkarte, meinen Laptop, mein Handy und eine geliehene Kamera, Robin seinen Pass und teure Kopfhörer hatte. Uns war in der Situation allerdings überhaupt nicht in den Sinn gekommen, den beiden zu misstrauen, da sie anfangs ja auch direkt bei uns geblieben sind.

Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, es bestand ja immer noch die Möglichkeit, dass wir uns verloren hatten, unterschiedliche Wege genommen hatten und die beiden woanders auf uns warteten. Also begannen unsere Ermittlungen und wir fuhren wir die Straße noch ein Stück hoch, um die beiden zu finden, allerdings vergeblich. Dadurch waren wir uns sicher, dass wir uns nicht verpasst hatten, sondern dass uns die beiden schlicht beklauen wollten. Es wurde dunkel und wir kehrten nach Cuenca zurück, um uns auszuruhen und am nächsten Tag nochmals zu dem Dorf zu wandern, da wir uns sicher waren, den einen Reiter dort gesehen zu haben.

Gegen acht Uhr lagen wir völlig übermüdet im Hostalbett und schlugen uns noch mit unangenehmen Gedanken herum: Was, wenn der Reiter gar nicht der Typ aus dem Dorf war oder er bestreitet, dieser zu sein? Reisen wir dann weiter? Was passiert mit dem Blog? (Ich sah mich schon in einem Internetcafé den Blog für beendet erklären, mich bändigend, die Umstände nicht allzu reißerisch darzustellen) Soll ich meine Bankkarte schon sperren lassen? Wie gehen wir morgen mit dem Reiter um, wenn wir ihn treffen?

Am Donnerstagmorgen nahmen wir den ersten Bus in den Cajas, das hieß 5:30. Wir gaben ordentlich Gas und ohne das Gepäck liefen wir die Strecke zum Dorf, für die wir einen Nachmittag gebraucht hatten, in anderthalb Stunden. Na gut, wir haben auch eine Abkürzung genommen. Auf dem Weg zum Dorf kam uns noch ein Reiter entgegen, den wir fragten, ob er etwas wisse. Das war zwar nicht der Fall, allerdings meinte er, wir sollen von Don Gutierre, das war wohl er, ausrichten, dass er die beiden Diebe anzeigen werde. Er war wohl eine lokale Autorität.

Beim Showdown am Hof des verdächtigen Reiters trafen wir nur seine Mutter an, die uns versicherte, ihre Söhne hätten nichts mit der Sache zu tun und würden gleich kommen, sie hätte auch schon einen Verdacht, wer es gewesen sein könnte. Das ecuadorianische ya mismo (Schon gleich) erstreckte sich mal wieder ausgiebig, so hatten wir allerdings Zeit, das Leben dieser Familie kennenzulernen.

Die Mutter saß mit ihren beiden Enkeln auf der Wiese, um ihnen ihre Kleidung zu nähen. Später bat sie uns sogar in den Essraum, in dem ein offenes Feuer brannte, das schlecht abzog, sodass der ganze Raum verrußt war. Nah am Feuer hingen einige Schinken zum räuchern und auf dem Lehmboden liefen unzählige Meerschweinchen umher, die in der Sierra als Delikatesse verspeist werden. Wir konnten uns schlecht vorstellen, wie eine Kindheit dort aussähe. Das Leben erinnerte uns ans Mittelalter in Europa.

An der Feuerstelle saß ein Neffe der Mutter, der Diego hieß. Auch er habe nichts mit der Sache zu tun, meinte er, obwohl er dem Jüngeren der beiden Reiter sehr ähnlich sah. Aber er könne uns sagen, wo der Mann, den die Mutter verdächtigt hatte, wohnt. Plötzlich war er dann aber verschwunden. Verdächtig, verdächtig…

Schließlich kam der ältere Reiter vom Vortag nach Hause, der also doch der Sohn war und Hector hieß. Er erklärte uns, dass sein Cousin Diego, ein vierzehnjähriger Dieb, irgendwann beide Rucksäcke genommen hatte und er zum Kühe zusammentreiben woanders hingeritten war. Am Morgen des Folgetags war er bei ihm aufgetaucht und habe ihm verraten, dass er alles sortiert und versteckt habe und gab ihm einen Sack mit den Elektroniksachen.

Zwischendrin hatten wir die tollsten Theorien, die Sherlock Holmes nicht zielsicherer gesponnen hätte. Gerade die Rolle der Mutter war unklar: Steckten sie alle unter einer Decke und sie versuchte uns mit dem Verdacht auf eine falsche Fährte zu schicken oder hatte man ihr nichts erzählt, wofür sprach, dass sie uns auf den Sohn hatte warten lassen. Es war wieder einmal so eine Situation, in der man nicht weiß, wem man eigentlich trauen kann.

Immerhin half uns Hector, der ja auch keine ganz weiße Weste zu tragen schien und auch ein ordentlich schlechtes Gewissen hatte, die Sachen zu suchen. Er brachte uns zu einem kleinen Waldstück, in dem wir nach und nach unsere Sachen wiederfanden. Dreckig und feucht zogen wir unsere Rucksäcke aus irgendwelchen Erdlöchern – es war absurd.

Unsere Klamotten und Bücher hatte Diego in einer weiter entfernteren Höhle versteckt. Hector bot uns an, uns die Sachen mit dem Pferd, mit dem er bedeutend schneller war, zu holen. Wir wollten mit den Worten „Ahora no tenemos confianza en nadie.“ (Jetzt haben wir in niemanden Vertrauen) sein Handy als Pfand, welches er auch widerwillig hergab. Wir hinterließen noch einige hübsche Rachebilder auf diesem recht teuren Smartphone. Auch wieder verrückt: Lebt in solch ärmlichen Verhältnissen, aber für das Handy reicht das Geld dann schon…

Als er zurückkam, nahm ihn Badman noch auf den Arm, in dem er ihm vorspielte, er hätte das Handy verloren. Was er gar nicht witzig fand. Kam sogar von wegen „Jetzt hab ich euch schon geholfen, die Sachen zu holen und jetzt kommt ihr mir mit sowas!“, was natürlich wieder für seine Unschuld sprach. Aber wieso ist er dann nicht argwöhnisch geworden, als sein als Dieb bekannter Cousin mit beiden Rucksäcken davonritt? Kombiniere, er hat seinen Cousin in dem Wissen, dass er uns beklauen wird, einfach machen lassen. Fadenscheiniger Charakter, dieser Hector. Wie er so in der Abendsonne zurückritt, kam er uns glatt sauber vor. Immerhin hatten wir unser Zeug und so fand der Cajas-Krimi doch noch sein Happy-End.

Dann stand allerdings noch die Überquerung des Grads an, die ja am Vortag schon ein hartes Stück Arbeit gewesen war. Jetzt kam jedoch hinzu, dass wir schweres Gepäck hatten und starker Wind, Nebel und Regen einsetzten. Zwischendrin fühlte ich mich fast wie bei der gescheiterten Cotopaxi-Besteigung, nur mit dem Unterschied, dass Umdrehen keine Option war. Meine Kopfschmerzen setzten wieder ein, ich musste viele Pausen machen und setzte stöhnend und fluchend einen Fuß vor den anderen, sodass Badman mir für den härtesten Teil am Grad sogar den Rucksack abnahm und somit das volle Gepäck hatte. Vielen Dank dafür an dieser Stelle!

Auch der Abstieg erschien uns viel länger als am Vortag und schließlich kamen wir völlig durchnässt und entkräftet an der Straße an. Badman meinte, so eine Story habe weder ein Biberacher noch ein Karlsruher erlebt. Da stimmte ich ihm zu.

Wieder hielten wir den Daumen raus und wurden von einer netten Musiklehrerin, die auf dem Weg zu einer Reunion ihres Frauenfußballclubs im Zentrum Cuencas war, mitgenommen. Wir unterhielten uns gut über (Frauen-)Fußball und Musik und sie gab uns einen guten Hostaltipp.

Um unseren gelösten Fall zu feiern, gingen wir noch dick Burger essen. Recht früh legten wir uns schlafen und nutzten auch den folgenden heutigen Tag zum Ausruhen. Heute fröhnten wir des W-LANs, guckten wegen technischen Schwierigkeiten nur den halben Film Taxidriver und konnten es dann doch nicht lassen, aktiv zu werden und zu dem Aussichtspunkt zu spazieren, an dem ich auch damals mit Simon bei Nacht gewesen bin und nun steht noch eine Party im Hostal an. Mal gucken, wie’s wird…

Autor: Cons

Cons ist ein neunzehnjähriger Weltenbummler mit musikalischen Neigungen. Diese beiden Aspekte sieht er bei dem Verein Musiker ohne Grenzen (MoG) vereint und deshalb macht er jetzt für ein halbes Jahr einen musikalischen Freiwilligendienst in Ecuador, genauer Guayaquil. Er gibt dort in einem ärmlichen Viertel, Guasmo Sur, in der Musikschule Clave de Sur Unterricht für Klavier, Horn bzw. Trompete (da muss er sich an die Nachfrage anpassen) und Gesang.

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